Kapitel 18
Das Wohin der Schöpfung
Es ist dasselbe, wenn Sri Aurobindo sagt, dass wenn Gott nicht im Kern einer jeden Sache wäre, Er sich nie in der Welt offenbaren könnte; es ist dasselbe, wenn er sagt, dass die Schöpfung in ihrem Ursprung und in ihrer tiefsten Struktur essenziell göttlich ist; und deshalb wird sich diese Göttlichkeit eines Tages offenbaren können, greifbar werden können, sich an der Stelle des sie jetzt Verhüllenden und Entstellenden in ihrer Fülle ausdrücken können. Bis heute ist die Welt, wie wir sie kennen, alles, was sich von dieser Göttlichkeit offenbart hat; aber die Manifestation ist unbegrenzt, und nach dieser mentalen Welt, wie wir sie kennen und deren Prototyp und Krone der Mensch ist, wird es eine andere Wirklichkeit geben, die sich manifestiert und die er das Supramental nennt, denn dies ist in der Tat der nächste Schritt nach dem Mental, also von der Welt, wie sie ist, aus gesehen, wird das natürlich „supramental“, nämlich etwas, das über dem Mental liegt. Und er sagt auch, dass dies wirklich die Wandlung einer Welt in eine andere sei. Denn bis heute hat die gesamte Schöpfung zur – wie er es nennt – „unteren Hemisphäre“ gehört, die von der Unwissenheit regiert wird und auf dem Nichtbewussten beruht. Dahingegen wird die andere Schöpfung eine vollständige Umkehrung sein, ein Erscheinen von etwas, das zu einer ganz anderen Welt gehört und die nicht auf der Unwissenheit, sondern auf der Wahrheit beruht…
…in ihrer Essenz und in ihrem Prinzip ist die neue Schöpfung bereits in der alten eingeschlossen, involviert. Sie ist also bereits gegenwärtig, in ihr, ganz im Innersten, verborgen, unsichtbar, nicht zum Ausdruck gekommen, aber sie ist da, in ihrer Essenz. Dennoch, wenn das Supramental sein Bewusstsein, seine Kraft und sein Licht nicht von den höchsten Höhen aus direkt in der Welt manifestierte, wie es sich vor anderthalb Jahren zugetragen hat, hätte es, obwohl es sich im Prinzip ganz tief im Inneren der materiellen Welt so wie sie ist, befindet, nie die Möglichkeit, sich zu offenbaren. Sein Erwachen und sein Erscheinen unten werden die Antwort auf eine von oben kommende Berührung sein, die das gleiche Element, das sich ganz am Grund der Materie in ihrem jetzigen Zustand befindet, plötzlich zum Erscheinen bringt… Dies geschieht übrigens gegenwärtig. Doch wie ich schon vor zwei Wochen sagte, diese materielle Welt, wie sie sichtbar, tatsächlich ist, ist so mächtig, so absolut wirklich für das gewöhnliche Bewusstsein, dass sie diese supramentale Kraft und dieses supramentale Bewusstsein bei ihrer Manifestation sozusagen verschlungen hat und eine lange Vorbereitung nötig ist, damit deren Gegenwart auch nur bemerkt, gefühlt, irgendwie wahrgenommen werden kann. Und mit dieser Arbeit ist sie zur Zeit beschäftigt…
Unerlässlich ist in allen Fällen der glühende Wille zum Fortschritt, der freiwillige und freudige Verzicht auf alles, was beim Vorwärtsschreiten hinderlich ist: weit von sich weisen, was einen davon abhält, vorwärts zu kommen, und dem Unbekannten mit dem glühenden Glauben entgegengehen, dass es die unausweichliche Wahrheit von morgen ist, die notwendig entsteht, die von nichts und niemandem, von keinem bösen Willen, nicht einmal von dem der Natur, daran gehindert werden kann, die Wirklichkeit – vielleicht einer nicht fernen Zukunft – zu werden, eine Wirklichkeit, die in diesem Augenblick Gestalt annimmt, und wer sich wandeln kann, wer es versteht, sich nicht durch alte Gewohnheiten erdrücken zu lassen, wird bestimmt das Glück haben, sie nicht nur wahrzunehmen, sondern auch zu verwirklichen.
Die Menschen schlummern, sie vergessen, sie leben bequem dahin – sie vergessen, sie vergessen die ganze Zeit… Aber wenn wir uns daran erinnern könnten, dass wir zu einem außergewöhnlichen Zeitpunkt in einer einzigartigen Epoche leben, dass wir dieses unendliche Glück, dieses unschätzbare Privileg haben, die Geburt einer neuen Welt mitzuerleben, könnten wir uns leicht von allem entledigen, was unseren Fortschritt erschwert und behindert.
So scheint es das wichtigste zu sein, sich dieser Tatsache zu erinnern; auch wenn man nicht die greifbare Erfahrung davon hat, doch ihre Gewissheit und den Glauben daran zu haben; immer daran denken, sie sich ständig ins Gedächtnis rufen, mit diesem Gedanken einschlafen, mit dieser Wahrnehmung aufwachen; alles, was man tut, mit dieser großen Wahrheit als einem ständigen Rückhalt im Hintergrund tun, der Wahrheit, dass man die Geburt einer neuen Welt miterlebt.
Wir können daran teilhaben, wir können diese neue Welt werden. Und wirklich, wenn man eine so wunderbare Gelegenheit hat, sollte man bereit sein, alles dafür aufzugeben.
Heute morgen gegen acht hätte ich viel sagen können … Denn es hat einen Tag gegeben, wo sich viele Probleme stellten in der Folge von etwas, das vorgefallen war, und heute morgen (am Ende der Nacht) hatte ich die Erfahrung, die es erklärte. Und zwei Stunden lang lebte ich in der vollkommen klaren Wahrnehmung (kein Gedanke: eine klare Wahrnehmung) des Warum und Wie der Schöpfung. Es war derart lichtvoll, derart klar, unwiderlegbar. Und es dauerte mindestens vier oder fünf Stunden, dann hat es sich gesetzt; allmählich hat die Erfahrung an Intensität, an Klarheit abgenommen … Und ich habe soeben viele Leute gesehen, also … jetzt ist es schwer zu erklären. Aber alles war so durchsichtig geworden, alle gegensätzlichen Theorien, alles das lag unter mir (die Mutter schaut von oben), und alle Erklärungen, alles, was Sri Aurobindo gesagt hatte und auch gewisse Dinge, die Théon gesagt hatte, das war zu sehen, als Folge der Erfahrung: jedes Ding an seinem Platz und vollkommen klar. Zu der Zeit hätte ich es sagen können, jetzt wird es etwas schwierig sein…
Es war die Schau von der Schöpfung – die Schau, das Verstehen, das Warum, das Wie, das Wohin, alles war da, alles zusammen, und klar, klar, klar … Ich sage dir, ich war in einer goldenen Herrlichkeit – lichtvoll, blendend.
Man könnte so sagen … um mich leicht auszudrücken, sage ich: der „Höchste“ und die „Schöpfung“. Im Höchsten ist Einheit, die alle Möglichkeiten vollkommen verbunden, unterschiedslos enthält. Die Schöpfung ist sozusagen die Ausstrahlung all dessen, was diese Einheit ausmacht, durch Aufteilung in Gegensätze, also Trennung (das hatte erfasst, wer sagte, die Schöpfung sei Trennung), es gab Trennung: zum Beispiel Tag und Nacht, Weiß und Schwarz, Gut und Böse, usw., usw. (das alles ist unsere Erklärung). All das zusammen ist vollkommene Einheit, unwandelbar und … unauflöslich. Die Schöpfung ist die Trennung von all dem, was diese Einheit ausmacht – man könnte das die Aufteilung des Bewusstseins nennen –, also die Aufteilung des Bewusstseins, das von der Einheit ausgeht, die sich ihrer Einheit bewusst ist, um zu der Einheit zu gelangen, die sich in der Einheit ihrer Vielfalt bewusst ist. Und diese Wegstrecke ist es nun, die sich für uns, die Teilchen, als Zeit und Raum überträgt. Und für uns, so wie wir sind, hat jeder Punkt dieses Bewusstseins die Möglichkeit, sowohl seiner selbst bewusst zu sein als auch der ursprünglichen Einheit. Und das, das ist die Arbeit, die vor sich geht, dass also jedes winzige Element dieses Bewusstseins dabei ist, den Zustand des allumfassenden ursprünglichen Bewusstseins wiederzufinden, ohne seinen eignen Bewusstseinszustand aufzugeben – und das Ergebnis ist das ursprüngliche Bewusstsein, das sich seiner Einheit und des ganzen Spiels, all der unzähligen Elemente dieser Einheit, bewusst ist. Für uns nun übersetzt sich das durch das Zeitempfinden: vom Nichtbewussten bis hin zu jenem Zustand des Bewusstseins zu gehen. Und das Nichtbewusste ist die Ausstrahlung der Ureinheit (wenn man das sagen kann; all diese Worte sind völlig dumm), der wesenhaften Einheit, die sich nur ihrer Einheit bewusst ist – das ist es, das Nichtbewusstsein. Und dies Nichtbewusstsein wird immer bewusster in Wesen, die sich ihres winzigen Daseins bewusst sind und die gleichzeitig durch das, was wir Fortschritt, Entwicklung oder Umwandlung nennen, zum Bewusstsein der ursprünglichen Einheit gelangen. Und das, so wie es gesehen wurde, erklärte alles.
Die Worte sind nichts.
Alles, alles, vom Materiellsten bis zum Ätherischsten, alles fand dort seinen Platz, klar, klar, klar: eine Schau.
Und das Böse, das, was wir das „Böse“ nennen, hat seinen unerlässlichen Platz im Ganzen. Und es würde von dem Moment an, wo man sich Dessen bewusst wird, nicht mehr als böse empfunden – notwendigerweise. Das Böse, das ist dies winzige Element, das sein winziges Bewusstsein betrachtet; weil aber das Bewusstsein wesenhaft eins ist, gewinnt es das Bewusstsein der Einheit wieder zurück – beides zusammen. Und das ist es, das ist es, was zu verwirklichen ist. Es ist dies Wunderbare – ich hatte die Schau, zu der Zeit hatte ich die Schau davon. Und was die Anfänge betrifft (sind es Anfänge?), was man im Englischen „outskirts“ (Randgebiete) nennt, was von der zentralen Verwirklichung am weitesten entfernt ist, das wird zur Vielfalt der Dinge, auch zur Vielfalt der Sinnesempfindungen, der Gefühle, von allem – zur Vielfalt des Bewusstseins. Und dies Wirken der Trennung hat die Welt erschaffen und erschafft sie ständig, wobei es alles erschafft: Leid, Glück, alles, alles, durch seine… was man „Ausbreitung“ nennen könnte, aber das ist absurd, es ist keine Ausbreitung – wir, wir leben im Raumempfinden, darum sagen wir Ausbreitung und Sammlung, aber es ist nichts dergleichen.
Und ich habe verstanden, warum Théon sagte, wir seien im Zeitalter des „Gleichgewichts“; es bedeutet, dass sich das zentrale Bewusstsein durch das Gleichgewicht all dieser unzähligen Punkte des Bewusstseins und all dieser Gegenteile wiederfinden lässt. Und was immer man sagt, ist dumm – schon während ich es ausspreche, sehe ich, wie dumm es ist. Aber es lässt sich nicht anders machen. Es ist etwas… etwas derart Konkretes, derart Wahres, ist derart absolut … das.
Als ich es lebte, war es … Aber da hätte ich es vielleicht nicht sagen können. (die Mutter zeigt auf die Notiz), Ich war gezwungen, ein Blatt Papier zu nehmen und es aufzuschreiben … Das erste, was ich schrieb, war das hier:
Beständigkeit und Veränderung
Trägheit und Umwandlung
Ewigkeit und Fortschritt
Einheit = Macht und Ruhe miteinander.
Die Idee ist, dass jene beiden zusammen diesen Bewusstseinszustand wiederbringen, der sich ausdrücken wollte.
Es war vom Ausmaß des Weltalls – nicht des Individuums.
Ich mache dazwischen einen Strich, um zu sagen, dass es nicht zusammen gekommen ist.
Und da sind wirklich alle, alle, alle Begriffe, alle, sogar die intellektuellsten, gleichsam … Kindereien geworden. Und es war derart offenkundig, dass man den Eindruck hatte: es ist gar nicht nötig, es zu sagen!
Alle menschlichen Reaktionen, selbst die höchsten, selbst die reinsten, die edelsten, das schien so kindisch! … Ein Satz, den Sri Aurobindo irgendwo geschrieben hat, kam mir ständig in den Sinn. Einmal, ich weiß nicht mehr wo, schrieb er etwas, einen ziemlich langen Satz, und darin kam vor: „Und wenn ich eifersüchtig bin, weiß ich, dass der alte Mensch noch da ist.“ Ich habe das vor über dreißig Jahren gelesen – ja, ungefähr dreißig Jahre –, und ich erinnere mich, als ich „eifersüchtig“ las, sagte ich mir: wie kann Sri Aurobindo eifersüchtig sein! Und nun, dreißig Jahre später, habe ich verstanden, was er mit „eifersüchtig“ meinte – das ist keineswegs das, was die Menschen eifersüchtig nennen, das war ein ganz anderer Bewusstseinszustand. Ich habe das klar gesehen. Und heute morgen, da kam es wieder: „Und wenn ich eifersüchtig bin, weiß ich, dass der alte Mensch noch da ist.“ „Eifersüchtig sein“, für ihn, ist nicht das, was wir „eifersüchtig“ nennen… es ist dies winzige Teilchen, das wir Individuum nennen, dies Teilchen winzigen Bewusstseins, das sich in den Mittelpunkt stellt, das das Zentrum der Wahrnehmung ist und das also die Dinge so kommen (Geste: auf sich zu) oder so gehen sieht (Geste: von sich weg); und alles, was nicht auf es zukommt, gibt ihm eine Art Sicht, die Sri Aurobindo „eifersüchtig“ genannt hat: dass sich die Dinge ausbreiten, statt sich auf den Mittelpunkt zu sammeln. Das war es, was er „eifersüchtig“ nannte. Und so sagt er: „Wenn ich eifersüchtig bin,“ - das wollte er damit sagen - „weiß ich, dass der alte Mensch noch da ist“, dass eben dies winzige Teilchen immer noch im eigenen Mittelpunkt stehen kann: dass es der Mittelpunkt des Handelns ist, der Mittelpunkt der Wahrnehmung, der Mittelpunkt der Empfindung…
Die Schöpfung zu verstehen, das was wir Schöpfung nennen: wie und warum, beides. Und es ist keineswegs etwas Gedachtes, nicht etwas Gefühltes, sondern etwas Gelebtes, und das ist die einzige Weise zu wissen … Es ist ein Bewusstsein.
Wir wollen immer all unsere Erfahrungen in den alten Bewusstseinszustand übertragen, und das ist das Elend! Wir denken, es sei nötig, es sei unerlässlich – und es zieht herunter. Es hält furchtbar auf.