Kapitel 17

Kein Anfang und kein Ende

115. – Die Welt ist ein langer periodisch wiederkehrender Dezimalbruch mit Brahman als seiner ganzen Zahl. Die Periode scheint anzufangen und zu enden, aber der Bruch ist ewig; er wird nie ein Ende haben und hatte nie wirklich einen Anfang.

116. – Anfang und Ende der Dinge ist ein herkömmlicher Ausdruck unserer Erfahrung; für das eigentliche Sein der Dinge haben diese Begriffe keine Wirklichkeit, es gibt weder Ende noch Anfang.

117. – „Weder ist es so, dass ich jemals nicht gewesen bin, noch du, noch diese Könige, noch dass wir alle jemals nicht sein werden.“ Nicht allein Brahman, sondern auch die Wesen und Dinge in Brahman sind ewig; ihre Erschaffung und Vernichtung ist ein Versteckspiel mit unserem äußeren Bewusstsein. (Sri Aurobindo, Thoughts and Aphorisms)

Wir müssen notgedrungen Worte verwenden, aber die Sache selbst entgeht uns. Was sich für uns als „das ewige Prinzip“, „der Höchste“, „Gott“ übersetzt, hat weder Anfang noch Ende – wir müssen wohl oder übel sagen „es ist“, aber eigentlich stimmt das nicht, weil es jenseits des Ungeoffenbarten und der Offenbarung steht, etwas, das man in der Manifestation nicht zu erfassen oder wahrzunehmen vermag, und das ist es, was weder Anfang noch Ende hat. Aber beständig und ewig offenbart sich Das in etwas, das anfängt und endet. Hingegen gibt es zwei Arten zu „enden“, die eine, die als Zerstörung, Vernichtung erscheint, und die andere, die eine Umwandlung ist, und die Notwendigkeit einer Zerstörung dürfte in dem Maße abnehmen, wie die Manifestation sich vervollkommnet, bis sie überhaupt verschwindet und durch einen Vorgang fortschreitender Umwandlung abgelöst wird. Doch ist dies eine ganz und gar menschliche und äußerliche Ausdrucksweise.

Ich bin mir der Unzulänglichkeit der Worte völlig bewusst; aber durch die Worte hindurch gilt es die Sache selbst zu greifen. Die Schwierigkeiten für das menschliche Denken, und noch mehr für den Ausdruck, besteht darin, dass den Worten immer eine Bedeutung von Anfang innewohnt.

Ich habe die Wahrnehmung dieser Manifestation gehabt – einer „pulsierenden“ Manifestation sozusagen, die sich entfaltet, sich zusammenzieht, sich entfaltet, sich zusammenzieht… und es gibt einen Augenblick, wo die Entfaltung, wo die Geschmeidigkeit, die Formbarkeit, die Wandlungsfähigkeit derart ist, dass kein Zurücknehmen mehr nötig ist für ein Neugestalten, und dies wird eine fortschreitende Umwandlung sein. Ich kannte einen Okkultisten, der sagte, dies sei die siebte universale Schöpfung; es habe sechs Pralajas, Weltenden, gegeben, und dies sei die siebte Schöpfung, und sie werde sich umwandeln können, ohne zurückgenommen zu werden – was allerdings von gar keiner Bedeutung ist. Denn sobald man das ewige Bewusstsein hat, mag es so oder so sein, das ist ganz unwichtig. Nur für das beschränkte menschliche Bewusstsein gibt es diese Art Trachten oder Bedürfnis nach etwas, das nicht endet, weil im Inneren das wohnt, was man „die Erinnerung an die Ewigkeit“ nennen könnte, und diese erstrebt, dass die Manifestation an dieser Ewigkeit teilhabe. Ist aber dies Gefühl der Ewigkeit lebendig und gegenwärtig, so klagt man nicht – man klagt ja auch nicht, wenn man ein zerschlissenes Kleid aussondert – man mag daran hängen, aber man klagt doch nicht. Auch wenn ein Weltall verschwindet, heißt das, es hat seinen Zweck ganz und gar erfüllt, es ist an das Ziel seiner Möglichkeiten gekommen, und ein anderes muss es ersetzen.

Ich habe den ganzen Weg durchlaufen. Wenn man im Bewusstsein und in der Entwicklung noch klein ist, fühlt man ein großes Bedürfnis, dass die Erde nicht verschwinden solle, sondern ewig fortbestehen möge – wobei sie sich umwandeln mag, soviel sie will, aber es muss immer die Erde sein, die fortbesteht. Etwas später, wenn man etwas reifer ist, misst man dem weit weniger Bedeutung bei. Und ist man in ständiger Übereinstimmung mit dem Gefühl der Ewigkeit, so ist es lediglich eine Frage der Wahl; es ist kein Bedürfnis mehr, weil es das tätige Bewusstsein nicht bekümmert…

Die Manifestation ist ja für die Freude der Vergegenständlichung gemacht – für die tiefe Freude oder für das Interesse daran. Sobald das Gebilde formbar, empfänglich, geschmeidig und weit genug ist, um von den sich neu offenbarenden Kräften beständig geformt zu werden, bedarf es keiner Vernichtung mehr, um alles neu zu erschaffen.

Das Durchlaufen dieses Weges, der gewissermaßen zum Leitspruch hat: „Was anfängt, muss auch enden“, hat gezeigt, dass dies eines jener mentalen Konstruktionen des Menschen ist, die nicht unbedingt wahr sind. Aber subjektiv ist es interessant, dass das Problem seine Schärfe in dem Maße verliert, wie man es von weiter oben betrachtet oder von einem zentraleren Punkt aus, um es korrekter zu formulieren.

Anscheinend besteht dasselbe … Gesetz für das Individuum, die Welten und die Universen.

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