Kapitel 16

Mental und Sinne entwickeln

Tue viele verschiedene Dinge

Liebe Mutter, in der Schule ist es nicht möglich, viele Fächer zu belegen. Wir müssen uns spezialisieren.

Ja, ja! Ich habe das gehört, besonders von euren Lehrern. Ich stimme dem nicht zu. Und ich weiß das sehr gut, dies wird mir wiederholt vorgetragen: wenn irgend etwas gründlich getan werden soll, muss man sich spezialisieren. So verhält es sich auch mit dem Sport. So ist es mit allem im Leben. Es wird gesagt und wiederholt, und es gibt Leute, die das beweisen werden: um etwas gut zu tun, muss man sich spezialisieren. Das muss man tun und sich konzentrieren. Wenn man ein guter Philosoph werden will, darf man nur Philosophie studieren, will man ein guter Chemiker werden, nur Chemie. Und möchte man ein guter Tennisspieler werden, darf man nur Tennis spielen. Das denke ich nicht, das ist alles, was ich sagen kann. Meine Erfahrung ist anders. Ich glaube, es gibt allgemeine Fähigkeiten, und die zu erwerben ist viel wichtiger, als sich zu spezialisieren – es sei denn, natürlich, es ist wie bei M. und Mme. Curie, die eine bestimmte Wissenschaft entwickeln, etwas Neues finden wollten, dann waren sie selbstverständlich dazu gezwungen, sich auf diese Wissenschaft zu konzentrieren. Aber das galt nur so lange, bis sie es erforscht hatten. Sobald sie das getan hatten, hielt sie nichts davon ab, ihr Mental zu weiten.

Das ist etwas, das ich von meiner frühen Kindheit an gehört habe, und ich glaube, unsere Urgroßeltern hörten dasselbe, und zu allen Zeiten wurde es gepredigt, wenn du bei irgend etwas Erfolg haben möchtest, müsstest du nur das betreiben. Was mich betrifft, so wurde ich ständig gescholten, weil ich mich mit vielen verschiedenen Dingen beschäftigte! Und man sagte mir immer, ich würde es in keiner Sache zu irgend etwas bringen. Ich studierte, ich malte, musizierte und war nebenbei noch von vielen anderen Dingen in Anspruch genommen. Man behauptete, aus meiner Musik würde nicht viel werden, meine Malerei würde wertlos und meine Studien ziemlich unvollständig sein. Das ist wahrscheinlich ganz richtig, aber ich habe dennoch immer empfunden, dass dies seine Vorteile hat – jene Vorteile, von denen ich gesprochen habe, denen des Weitwerdens, des Geschmeidigmachens des Mentals und des Verstehens.

Erziehung und Freiheit

Seht ihr, die große Sache hier ist, dass das Erziehungsprinzip eines der Freiheit ist, und, um es kurz zu fassen, das ganze Leben begründet sich auf größtmöglicher Bewegungsfreiheit; das heißt Regeln, Bestimmungen, Beschränkungen sind auf ein absolutes Minimum reduziert. Wenn ihr das mit der Art und Weise vergleicht, in der Eltern gewöhnlich ihre Kinder erziehen, mit einem ständigen: „Tue das nicht!“. „Das kannst du nicht machen“, „Tue dies“, „Gehe und tue das!“ und mit Befehlen und Regeln, das ist ein beträchtlicher Unterschied, wisst ihr.

Überall in Schulen und Bildungsanstalten gibt es unendlich viel mehr strenge Regeln, als wir hier haben. Deshalb, da niemand euch die uneingeschränkte Bedingung auferlegt, Fortschritte zu machen, macht ihr welche, wann es euch beliebt, und nicht, wenn es anders ist, und dann nehmt ihr die Dinge so leicht, wie ihr könnt. Es gibt hier einige – ich sage das nicht absolut – die sich bemühen, aber sie tun das spontan. Dies ist natürlich von einem spirituellen Standpunkt aus unendlich viel wertvoller. Der Fortschritt, den du machst, weil du in dir das Bedürfnis danach verspürst, weil er ein Antrieb ist, der dich spontan voranbringt und nicht, weil er dir wie eine Regel aufgezwungen wird – dieser Fortschritt ist vom spirituellen Standpunkt aus unendlich viel größer. Alles in dir, das versucht, Dinge gut zu machen, bemüht sich, das freiwillig und aufrichtig zu tun; es ist etwas, das innerlich aus dir entspringt und nicht, weil dir Belohnungen versprochen wurden, wenn du deine Sache gut machst, und Bestrafung angedroht wurde, wenn nicht. Darauf begründet sich unser System nicht.

Es ist möglich, dass zu einem gewissen Zeitpunkt etwas auftaucht, das dir den Eindruck vermittelt, deine Bemühung sei anerkannt worden, aber sie wurde nicht im Hinblick darauf erbracht. Das heißt solche Versprechungen werden nicht im voraus gegeben, noch stehen ihnen entsprechende Strafen gegenüber. Das ist hier nicht die Praxis. Gewöhnlich sind die Dinge auf eine solche Weise geregelt, dass die Zufriedenheit, etwas gut gemacht zu haben, der beste Lohn zu sein scheint, und man bestraft sich selbst, wenn man etwas schlecht macht, indem man sich elend und unglücklich und unbehaglich fühlt, und das ist in der Tat eine Strafe, die ein Mensch am deutlichsten erlebt. Und deshalb haben alle diese Regungen aus der Sicht des inneren spirituellen Wachstums einen unendlich viel größeren Wert, als wenn sie das Ergebnis einer äußeren Regelsetzung wären.

Mentale Bildung

Du besitzt ein mentales Instrument mit vielen Möglichkeiten, Fähigkeiten, aber sie sind unentwickelt und benötigen eine besondere Schulung, so dass sie das Licht zum Ausdruck bringen können. Gewiss verhält es sich so, dass im gewöhnlichen Leben das Gehirn der Sitz der äußeren Ausdrucksweise des mentalen Bewusstseins ist. Nun, wenn das Gehirn nicht entwickelt ist, wenn es unreif ist, dann gibt es unzählige Dinge, die nicht ausgedrückt werden können, weil sie nicht über das Instrument verfügen, das zu diesem Zweck erforderlich wäre. Es wäre gleich einem Musikinstrument, dem die meisten seiner Töne fehlten, und das erzeugt eine grobe Annäherung, aber nicht etwas Genaues.

Mentale Bildung, mentale Erziehung verändern die Verfassung deines Gehirns, erweitern es beträchtlich, und folgerichtig wird der Ausdruck vollständiger und präziser.

Das ist nicht notwendig, wenn du dem Leben entfliehen und in unsägliche Höhen aufsteigen möchtest, aber es ist unerlässlich, wenn du deine Erfahrungen im äußeren Leben zum Ausdruck bringen willst.

Mutter, du hast gesagt, wenn man diese Fähigkeiten zur Analyse, Deduktion und all das, zu weit entwickelt, dass diese auf dem Wege zur spirituellen Erfahrung Hindernisse werden, nicht wahr?

Wenn sie nicht beherrscht, nicht gemeistert werden, ja. Aber nicht notwendigerweise, nicht notwendigerweise. Es kann die Kontrolle etwas schwieriger gestalten, denn es ist natürlich schwieriger, ein individualisiertes Wesen zu meistern als ein unbehauenes – mit einer vollständigeren Individualisation bekommt das Ego eine festere Form und wird selbstzufriedener, nicht wahr?… Aber gesetzt den Fall, diese Schwierigkeit ist überwunden, nun, bei einer hochentwickelten Individualität ist das Ergebnis demjenigen unendlich überlegen, das man in der rohen, ungebildeten Natur erzielt. Ich sage nicht, der Vorgang der Umwandlung oder besser der Weihung sei nicht schwieriger, aber sobald das erreicht ist, ist das Resultat bei weitem überlegen!

Dies kann sehr zutreffend mit Musikinstrumenten verglichen werden, von denen eines über eine gewisse Anzahl Töne verfügt, das andere aber über zehnmal so viel. Nun, es ist vielleicht leichter, ein Instrument mit vier oder fünf Tönen zu spielen, aber die Musik, die auf einer vollständigen Klaviatur gespielt werden könnte, ist der anderen offensichtlich weit überlegen!

Man kann das noch eher mit einem Orchester als mit einem einfachen Instrument vergleichen. Ein menschliches Wesen, eine vollkommen entwickelte menschliche Individualität ist diesen gewaltigen Orchestern, in denen sich Aberhunderte von Spielern befinden, sehr ähnlich. Es ist augenscheinlich sehr schwierig, sie zu kontrollieren und zu dirigieren, aber das Ergebnis kann wunderbar sein.

Organisiere dein Leben

Einige können einen Schrank oder eine Schublade nicht in Ordnung halten. Sie können in einem Raum leben, der äußerlich sehr aufgeräumt und gepflegt erscheint, und dann öffnest du eine Schublade oder einen Schrank, und das sieht wie ein Schlachtfeld aus! Alles drunter und drüber. Du findest alles in einem Durcheinander; nichts ist geordnet. Das sind Leute mit einem armseligen kleinen Gehirn, in welchem die Ideen in derselben Verfassung herumliegen wie ihre materiellen Objekte. Sie haben ihre Ideen nicht in eine Ordnung gebracht. Sie leben in zerebraler Konfusion. Und das ist ein sicheres Zeichen, ich habe nie eine Ausnahme zu dieser Regel erlebt: Leute, die ihre Sachen nicht in Ordnung halten können – ihre Ideen in ihrem Kopf befinden sich in einem Wirrwarr, immer. Sie existieren zusammen, die widersprüchlichsten Vorstellungen sind miteinander vermischt, und glaube nicht, aufgrund einer höheren Synthese: einfach durch Liederlichkeit und die Unfähigkeit, ihre Gedanken in ein System zu bringen. Du brauchst nicht einmal zehn Minuten lang mit den Leuten zu sprechen, wenn du es einrichten kannst, ihren Raum zu betreten und die Schubladen ihrer Tische zu öffnen und in ihren Schrank zu schauen. Du weißt, in welcher Verfassung sie sind, nicht wahr?

…Man muss seine Dinge – und gleichzeitig seine Ideen – auf dieselbe Weise organisieren und muss genau wissen, wo sie sich befinden und imstande sein, sich auf direktem Weg zu ihnen zu begeben, weil die eigene Organisation folgerichtig ist. Es handelt sich um deine eigene Logik – es mag nicht die deines Nachbarn sein, nicht notwendigerweise, sondern deine eigene – aber da deine Organisation logisch ist, weißt du genau, wo sich eine Sache befindet, und, wie ich euch bereits sagte, sollte sie verlegt sein, weißt du es sofort. Und diejenigen, die dazu fähig sind, sind im Allgemeinen jene, die ihre Ideen in eine Ordnung bringen und auch ihren Charakter organisieren und schließlich ihre Regungen kontrollieren können. Und dann, wenn du Fortschritte machst, gelingt es dir, dein physisches Leben zu beherrschen: du beginnst, über eine Kontrolle deiner physischen Bewegungen zu verfügen. Wenn du das Leben auf diese Weise nimmst, wird es wahrhaft interessant. Lebt man in Verwirrung, Unordnung, einem inneren und äußeren Chaos, in welchem alles durcheinander und einem nichts bewusst und man immer weniger Herr der Dinge ist, dann ist das kein Leben.

Die eigene Weise zu denken

Man braucht Jahre sehr aufmerksamer, sehr sorgfältiger, von Vernunft geleiteter, sehr systematischer Arbeit, Organisation, Auswahl, des Aufbaus, um, oh, einfach nur dieses kleine Ding, seine eigene Weise zu denken, erfolgreich zu gestalten.

Man glaubt, darüber verfüge man schon. Das stimmt überhaupt nicht. Es hängt vollständig von den Leuten ab, mit denen man spricht, oder von den Büchern, die man gelesen hat, oder der Stimmung, in der man sich befindet. Es hängt auch davon ab, ob deine Verdauung gut oder schlecht ist, ob du in einen Raum ohne ausreichende Belüftung eingepfercht oder draußen in der frischen Luft bist: ob sich eine wundervolle Landschaft vor deinen Augen ausbreitet; ob die Sonne scheint oder es regnet! Es ist dir nicht bewusst, aber du denkst alle möglichen Dinge, ganz verschiedene, die auf einer Menge Dinge beruhen, die nichts mit dir zu tun haben!

Und damit ein koordiniertes, zusammenhängendes, logisches Denken entsteht, ist eine lange, gründliche Arbeit erforderlich.

Kristallisiere dein Denken

Der Nutzen der Arbeit ist kein anderer als dieser: dieser mentalen Macht Form zu verschaffen. Denn das, was du lernst, (es sei denn, du verwendest es in einer Arbeit oder in tieferen Studien), mindestens die Hälfte davon, wird sich verlieren, mit der Zeit verschwinden. Eine Sache wird es jedoch zurücklassen: die Fähigkeit, deinem Denken Form zu geben, etwas Klares daraus hervorzubringen, etwas Präzises, Exaktes, Organisiertes. Und das ist der wahre Nutzen der Arbeit: die Leistungsfähigkeit deiner Gehirntätigkeit zu begründen…

Ich werde euch das erklären: wenn ihr etwas verstanden habt, formt das einen kleinen Kristall in euch, wie ein kleiner, leuchtender Punkt. Und wenn ihr viele, viele, viele in euch hineingenommen habt, dann beginnt ihr, intelligent zu werden. Das ist der Nutzwert der Arbeit, nicht einfach nur den Kopf mit einem Haufen Sachen vollzustopfen, die euch nirgendwo hinführen.

Im wesentlichen, von einem allgemeinen Standpunkt aus, im besonderen von einem intellektuellen, ist das Wichtigste die Fähigkeit zur Aufmerksamkeit und Konzentration, das ist es, woran man arbeiten und was man entwickeln muss. Vom Standpunkt des Handelns (des physischen Handelns) ist es der Wille: du musst einen unerschütterlichen Willen erarbeiten und errichten. Auf intellektueller Seite musst du eine Konzentrationskraft entfalten und aufbauen, die durch nichts erschüttert werden kann. Und wenn du über beides verfügst, Konzentration und Willen, dann wirst du ein Genie sein und nichts wird dir standhalten.

Sich an Gelerntes erinnern

Die wahre Methode, damit das, was du lernst, Bestand hat, ist zu verstehen, das heißt es nicht auswendig zu lernen. Du lernst etwas auswendig, und es ist mechanisch, verstehst du; aber nach einiger Zeit wird es ausgelöscht sein, es sei denn, du machst ständig Gebrauch davon. Man lässt dich zum Beispiel das Einmaleins auswendig lernen. Benutzt du es unablässig, wird es dir erinnerlich sein, aber bleibst du zufällig über Jahre ohne dessen Verwendung, wirst du es vollständig vergessen. Aber wenn du das Prinzip der Multiplikation begriffen hast, wirst du imstande sein, dich daran zu erinnern. Siehst du, hast du das Prinzip der Multiplikation auf mathematische Weise verstanden, wirst du es nicht länger auswendig lernen müssen, die Operation wird sich ganz natürlich in deinem Gehirn vollziehen; und so verhält es sich mit jeder Sache.

Wenn du die Sache verstehst, das Gefühl für das dahinterstehende Prinzip entwickelt hast, kannst du es für immer aus dem Gedächtnis abrufen, für Hunderte von Jahren, falls du so lange lebst. Während, lernst du etwas auswendig… nach einiger Zeit vermehren sich die Zellen, werden ersetzt und einige Dinge werden getilgt… In unserem Leben gibt es Dinge, die bleiben wie Wahrzeichen bestehen, es gibt andere, die werden in einem solchen Ausmaß und so total gelöscht, dass sie uns überhaupt nicht mehr einfallen, sie sind fort. Aber andere Dinge, die sind so, wahrhaft wie Meilensteine, wie Marksteine im Leben. Nun, das waren bewusste Erfahrungen, das heißt sie wurden verstanden. Deshalb überdauern sie auf unbegrenzte Zeit, und nur mit einer winzigen Regung des Bewusstseins vermagst du, sie hervorzubringen. Aber etwas mechanisch Erlerntes – wenn ihr nicht täglich davon Gebrauch macht, wird es ausgelöscht.

Wissen ist in dir

Es gibt eine Tatsache über das Mental und sein Wirken, die gewiss ist: das ist, dass du nur zu verstehen vermagst, was du bereits in deinem inneren Selbst weißt. Was dich in einem Buch beeindruckt ist das, was du tief in dir schon erfahren hast. Menschen finden ein Buch oder eine Lehre besonders wunderbar, und man kann sie oft sagen hören: „Das ist genau das, was ich selbst fühle und weiß, aber ich konnte es nicht herausbringen oder so gut ausdrücken, wie das hier geschehen ist.“ Wenn der Mensch auf ein Buch wahren Wissens trifft, findet er sich dort, und bei jedem neuen Lesen entdeckt er Dinge, die er zuerst nicht darin sah. Jedes Mal öffnet sich ihm ein neues Feld des Wissens, das ihm bis dahin verborgen geblieben war. Das liegt daran, dass es Schichten des Wissens erreicht, die in seinem Unterbewussten auf Ausdruck warteten. Dieser Ausdruck wurde nun von einem anderen erbracht und viel besser, als er selbst das getan haben könnte. Sobald dies aber geschehen ist, erkennt er es unmittelbar und fühlt, dass es die Wahrheit ist. Das Wissen, das von außen zu dir zu kommen scheint, bietet nur eine Gelegenheit, das Wissen in dir aufzudecken.

Lesen, das aufweckt

Für diejenigen, die herumtasten, die sich nicht vollkommen sicher sind, die hierhin und dorthin gezogen werden, im Leben viele Interessen haben, unstet sind, in ihrem Willen nach Verwirklichung nicht gefestigt, ist es sehr gut zu lesen, denn es bringt sie mit dem Gegenstand in Berührung, es vermittelt ihnen ein gewisses Maß an Interesse an der Sache.

…Es gibt eine Art Lektüre, die in dir ein Interesse an der Sache erweckt und dir bei deinem ersten Suchen helfen kann. Gewöhnlich braucht man, selbst wenn man Erfahrungen gemacht hat, einen Kontakt zum Gedanken oder der Idee der Sache, so dass die Bemühung bewusstere Formen annehmen kann. Aber je mehr man weiß, desto mehr muss man absolut aufrichtig in seiner Erfahrung sein, das heißt man darf nicht die Gestaltungskraft des Mentals dazu benutzen, sich etwas vorzustellen und so die Erfahrung in sich selbst zu erschaffen. Vom Standpunkt der Orientierung aus kann das nützlich sein; von dem der Erfahrung nimmt es den dynamischen Wert, besitzt es nicht die Intensität einer Erfahrung, die erfolgt, weil die notwendigen moralischen und spirituellen Bedingungen für ihr Erscheinen erfüllt sind. Hinzu kommt die gesamte mentale Verfassung, die die Spontaneität mindert. All das ist eine Frage der Ausgewogenheit. Jeder muss für sich herausfinden, wie viel er genau braucht, wie viel Lektüre, wie viel Meditation, wie viel Konzentration, wie viel… Das ist für jeden unterschiedlich.

Sri Aurobindos Schriften lesen

Ganz allgemein und beinahe absolut: wenn du wirklich durch dieses Lesen etwas profitieren willst, wie von allen Schriften Sri Aurobindos, ist die beste Methode die: Nachdem du dein Bewusstsein gesammelt und deine Aufmerksamkeit auf das gerichtet hast, was du liest, musst du ein Mindestmaß an mentaler Ruhe herstellen – das Beste wäre, vollkommenes Schweigen zustandezubringen – und einen Zustand der Unbeweglichkeit des Mentals, der Unbeweglichkeit des Gehirns zu erreichen; ich würde sagen, so dass die Aufmerksamkeit so still und so reglos wie ein Spiegel, wie die Oberfläche eines vollkommen stillen Wassers wird. Dann gelangt das Gelesene durch die Oberfläche hindurch und dringt tief in das Wesen ein, wo es mit der geringfügigsten Verzerrung aufgenommen wird. Anschließend – manchmal lange danach – wallt es von den Tiefen wieder empor und manifestiert sich im Gehirn mit seiner vollen Kraft des Verstehens, nicht als ein äußerlich angeeignetes Wissen, sondern als ein Licht, das man in sich trug.

Auf diese Weise ist die Fähigkeit des Verstehens zur höchsten Entfaltung gebracht. Bleibt das Mental hingegen während des Lesens unruhig und bemüht, sofort zu verstehen, verlierst du mehr als drei Viertel der Kraft, des Wissens und der Wahrheit, die sich in den Worten verbergen. Und wenn du fähig bist, dich des Fragens zu enthalten, bis der Vorgang des Aufnehmens und des inneren Erwachens vollendet ist, nun, dann wirst du entdecken, dass du weit weniger Fragen zu stellen hast, denn du wirst über ein besseres Verständnis über das verfügen, was du gelesen hast.

Musik hören

Mutter, wenn man Musik hört, wie sollte man das richtig tun?

Wenn man völlig still sein kann, verstehst du, still und aufmerksam, einfach, als wäre man ein Instrument, das sie aufzeichnen muss – man regt sich nicht und ist nur etwas, das lauscht – wenn man völlig still sein kann, völlig ruhig, so, dann dringt die Sache ein. Und erst später wirst du dir der Wirkung bewusst, entweder ihrer Bedeutung oder des Eindrucks, den sie auf dich gemacht hat.

Aber die beste Art zuzuhören ist folgende: unbewegt sein wie ein stiller Spiegel und sehr konzentriert, in äußerstem Schweigen. Tatsächlich, wir erleben Menschen, die Musik wahrhaftig lieben… Ich habe Musiker, die der Musik lauschten, gesehen, Musiker, Komponisten oder Spieler, die Musik wirklich lieben, ich habe ihnen beim Zuhören zugesehen… sie sitzen vollkommen still, verstehst du, sie sind so, sie rühren sich überhaupt nicht. Alles, alles, ist so. Und wenn man das Denken einstellen kann, dann ist das sehr gut, dann zieht man vollen Nutzen daraus… Es ist eine der Methoden des inneren Öffnens und eine der mächtigsten.

Der Sinn für Schönheit

Um diesen Yoga zu praktizieren, muss man wenigstens etwas Schönheitssinn besitzen. Ist das nicht so, verpasst man einen der wichtigsten Aspekte der physischen Welt.

Es gibt diese Schönheit, diese Würde der Seele – etwas, wofür ich sehr empfänglich bin. Es ist etwas, das mich sehr bewegt und immer einen großen Respekt in mir hervorruft.

Ja, diese Schönheit der Seele, die sichtbar ist in einem Gesicht, diese Art Würde, diese Harmonie integraler Verwirklichung. Wenn die Seele in der Physis sichtbar wird, dann verleiht das diese Würde, diese Schönheit, diese Majestät, die Majestät, die daraus erwächst, dass man der Tempel Gottes ist. Dann nehmen selbst die Dinge, die nicht von besonderer Schönheit sind, einen Ausdruck ewiger Schönheit, der ewigen Schönheit an.

Auf diese Weise habe ich Gesichter gesehen, die blitzartig von einem Extrem zum anderen wechselten. Jemand besitzt diese Art Schönheit und Harmonie, dieses Empfinden für göttliche Würde im Körper. Dann plötzlich entsteht die Wahrnehmung eines Hindernisses, einer Schwierigkeit und das Gefühl von Schuld, von Schmach – und dann, eine plötzliche Deformation in der Erscheinung, eine Art Verfall der Züge! Und dennoch, es ist dasselbe Gesicht. Es war wie ein Blitz, und es war erschreckend. Dieses Grässliche der Qual und Erniedrigung – was in Religionen als die „Sündenqual“ beschrieben wird – das gibt dir in der Tat ein Gesicht! Selbst Züge, die in sich selbst schön sind, werden entsetzlich. Und es waren dieselben Züge, dieselbe Person. Da sah ich, wie furchtbar das Empfinden der Sünde ist, wie sehr es der Welt der Falschheit angehört.

Ein Gefühl der Dankbarkeit

Diese Art Dankbarkeitsgefühl, dass das Göttliche existiert; dieses Empfinden einer staunenden Dankbarkeit, die dich wahrhaft mit erhabener Freude über die Tatsache erfüllt, dass das Göttliche existiert, dass es etwas im Universum gibt, das das Göttliche ist, nicht einfach die Ungeheuerlichkeiten, die wir sehen, sondern, dass das Göttliche da ist, dass das Göttliche existiert. Und jedes Mal, wenn dich die geringste Kleinigkeit entweder direkt oder indirekt mit dieser erhabenen Wirklichkeit göttlicher Existenz in Berührung bringt, wird das Herz voll einer so intensiven, so wunderbaren Freude, einer Dankbarkeit, die köstlicher ist als irgendetwas anderes.

Es gibt nichts, das dir eine Freude schenkt, die der Dankbarkeit gleichkommt. Man hört einen Vogel singen, sieht eine herrliche Blume, schaut ein kleines Kind an, wird Zeuge einer Tat des Großmuts, liest einen schönen Satz, betrachtet die untergehende Sonne, ganz gleich was, plötzlich kommt dies über dich, diese Gemütsbewegung – wirklich so tief, so stark – dass die Welt das Göttliche offenbart, dass etwas hinter der Welt existiert, das das Göttliche ist.

Wahre Kunst

Wahre Kunst beabsichtigt, das Schöne auszudrücken, aber in enger Vertrautheit mit der universalen Bewegung. Die größten Nationen und die kulturell aufs höchste entwickelten Rassen haben Kunst immer als einen Bestandteil des Lebens betrachtet und sie dem Leben dienstbar gemacht. So war die Kunst in Japan in ihren besten Zeiten. Sie war so in all den besten Augenblicken in der Geschichte der Kunst. Aber die meisten Künstler sind wie Parasiten, die am Rande des Lebens wachsen. Sie scheinen nicht zu wissen, dass Kunst der Ausdruck des Göttlichen im Leben und durch das Leben sein soll. In allem, überall, in allen Beziehungen muss die Wahrheit in ihrem umfassenden Rhythmus zum Ausdruck gebracht werden, und jede Regung des Lebens sollte ein Ausdruck von Schönheit und Harmonie sein. Geschicklichkeit ist nicht Kunst, Begabung ist nicht Kunst. Kunst ist lebendige Harmonie und Schönheit, die in allen Bewegungen des Daseins Ausdruck finden müssen. Diese Manifestation von Schönheit und Harmonie ist Teil der göttlichen Verwirklichung auf Erden, vielleicht sogar ihr größter Teil.

Kunst und Yoga

Kann sich die Arbeit eines Künstlers verbessern, wenn er Yoga übt?

Die Disziplin der Kunst hat in ihrem Zentrum dasselbe Prinzip wie der Yoga. Bei beiden ist es das Ziel, mehr und mehr bewusst zu werden. Bei beiden musst du lernen, etwas zu sehen und zu fühlen, das sich jenseits der gewöhnlichen Schau und des gewöhnlichen Empfindens befindet, nach innen zu gehen und von dort tiefere Dinge hervorzubringen. Maler müssen für das Wachstum der Bewusstheit ihrer Augen einer Disziplin folgen, welche an sich fast ein Yoga ist. Sind sie wahre Künstler und bemühen sie sich darüber hinaus zu blicken und ihre Kunst für den Ausdruck der inneren Welt zu gebrauchen, wächst durch diese Konzentration ihr Bewusstsein, welches kein anderes ist als jenes, das durch den Yoga vermittelt wird. Warum sollte dann yogisches Bewusstsein das künstlerisches Schaffen nicht fördern? Ich habe einige gekannt, die sehr wenig geschult waren und über geringe Fähigkeiten verfügten, und dennoch, durch Yoga erwarben sie eine ausgezeichnete Fertigkeit im Schreiben und Malen.

Lebendige Kunst

Wenn man ein Bild malt oder Musik komponiert oder Gedichte schreibt, dann hat jeder seine eigene Ausdrucksweise. Jeder Maler, jeder Musiker, jeder Dichter, jeder Bildhauer hat oder sollte eine einzigartige, persönliche Beziehung zum Göttlichen besitzen, und durch das Werk, das seine Eigenheit ist, die Kunst, die er meisterte, muss er diese Beziehung auf die ihm eigene Weise zum Ausdruck bringen, mit seinen eigenen Worten, seinen eigenen Farben. Für sich selbst, anstatt die äußere Gestalt der Natur zu kopieren, betrachtet er diese Formen als Verhüllung von etwas anderem, genau seines Verhältnisses mit den Wirklichkeiten, die sich dahinter verbergen, die tiefer liegen, und er bemüht sich, sie dies ausdrücken zu lassen. Statt bloß zu imitieren, was er sieht, versucht er, sie darüber zum Sprechen zu bringen, was hinter ihnen steht, und das ist es, was den ganzen Unterschied zwischen lebendiger Kunst und einer nur hohlen Nachahmung der Natur ausmacht.

Erzähle eine schöne Geschichte

Bringen uns fiktive Geschichten nicht mit dem Leben, der Wahrheit in Berührung?

Nicht immer! Und was bedeutet das: „Berührung mit der Wahrheit“? – Wahrheit gibt es in einem Sandkorn. Das heißt gar nichts.

Glaubt ihr nicht, dass es genug hässliche Dinge in der Welt gibt, auch ohne sie in Büchern darzustellen? Das ist etwas, das mich immer zu erstaunen pflegte, selbst als Kind – das Leben ist so hässlich, so voller schäbiger erbärmlicher, manchmal sogar widerwärtiger Dinge, welchen Nutzen hat es, sich noch Schlimmeres vorzustellen, als ohnehin schon da ist? Wenn du dir etwas Schöneres vorstelltest, ein schöneres Leben, das lohnte die Mühe. Leute, die Freude daran haben, hässliche Dinge zu schreiben, beweisen eine große Geistesarmut. Es ist unendlich viel schwerer, eine Geschichte zu erzählen, die von Anfang bis Ende schön ist, als eine solche, die mit einem sensationellen Ereignis oder einer Katastrophe abschließt. Viele Autoren, wenn sie eine Geschichte mit einem glücklichen, schönen Ausgang zu schreiben hätten, wären dazu nicht fähig – dazu besitzen sie zu wenig Vorstellungskraft. Sehr wenige Geschichten finden einen erhebenden Abschluss, fast alle enden mit einem Scheitern – aus einem sehr einfachen Grund, es ist sehr viel leichter zu fallen, als sich zu erheben. Es ist sehr viel schwieriger, seine Geschichte unter dem Zeichen von Stärke und Größe ausklingen und seinen Helden zu einem Genie werden zu lassen, das danach trachtet, über sich selbst hinauszuwachsen, denn dafür muss man selbst ein Genie sein, und das ist nicht jedem gegeben.

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