Kapitel 15

Die siebte Schöpfung

„…in der Schöpfung der Wahrheit besteht das Gesetz einer ständigen Entfaltung ohne irgendein Pralaya1.“ (Sri Aurobindo, Lights on Yoga)

Was ist diese ständige Entfaltung?

In Wirklichkeit hat es in der Geschichte unseres Universums sechs aufeinanderfolgende Zeiträume gegeben, die mit einer Schöpfung begannen, sich durch eine Kraft der Erhaltung ausdehnten und in einer Auflösung, einer Vernichtung, einer Rückkehr zum Ursprung ihr Ende fanden, was man Pralaya nennt; und deshalb ist diese Überlieferung da. Doch es wurde auch gesagt, dass die siebte Schöpfung eine fortschreitende Schöpfung sei, das heißt, auf den Ausgangspunkt der Schöpfung würde nicht einfach eine Erhaltung folgen, sondern eine fortschreitende Manifestation, die das Göttliche immer vollständiger ausdrücken würde, so dass jede Auflösung und Rückkehr zum Ursprung unnötig wäre. Und es wurde angekündigt, dass die Zeit, in der wir leben, eben die siebte sei, das heißt, sie würde nicht mit einem Pralaya, einer Rückkehr zum Ursprung, einer Vernichtung und einem Verschwinden enden, sondern sie würde durch einen ständigen Fortschritt ersetzt, weil es eine immer vollkommenere Entfaltung des göttlichen Ursprungs in dessen Schöpfung sei.

Und das sagt Sri Aurobindo. Er spricht von einer ständigen Entfaltung, das heißt, das Göttliche manifestiert sich immer vollständiger, immer vollkommener in einer progressiven Schöpfung. Diese Wesensart der Vorwärtsbewegung ist der Grund, weshalb die Rückkehr in den Ursprung, die Vernichtung nicht mehr nötig sind. Alles, was nicht fortschreitet, verschwindet, und deshalb sterben die physischen Körper, weil sie nicht progressiv sind; sie sind progressiv bis zu einem bestimmten Zeitpunkt, da halten sie dann inne, und meistens bleiben sie während einer gewissen Zeit stabil und beginnen dann zu verfallen, dann verschwinden sie. Es ist so, weil der physische Körper, die physische Materie in ihrem jetzigen Zustand nicht formbar genug ist, um ständig Fortschritte machen zu können. Doch ist es nicht unmöglich, die physische Materie genügend formbar zu machen, damit für die Vervollkommnung des physischen Körpers seine Auflösung, das heißt, der Tod, nicht mehr nötig ist.

Doch kann das nur durch die Herabkunft des Supramentals verwirklicht werden, das eine höhere Kraft ist als alle, die sich bis jetzt offenbarten, und das dem Körper eine Formbarkeit geben wird, mit der er ständig Fortschritte machen, das heißt, der göttlichen Bewegung in ihrer Entfaltung folgen kann.

Was den Gedanken betrifft, dass die Dinge nicht an ihrem Platz sind, so hatte ich das schon als kleines Kind begriffen. Später bekam ich dann die Erklärung dafür, und zwar von jenem, der mich im Okkultismus unterrichtete. In seinem kosmogonischen System gab es die aufeinanderfolgenden Pralajas, die Weltenden oder Weltauflösungen, und er sagte, jede Welt sei ein sich offenbarender Aspekt des Höchsten, jede Welt sei auf einem Aspekt des Höchsten errichtet, und eine um die andere kehrten sie in den Höchsten zurück. Er zählte all die Aspekte auf, die sich nacheinander offenbart hatten, und mit welcher Logik! Es war außerordentlich – ich habe das irgendwo aufbewahrt, ich weiß nicht mehr wo. Und er sagte, dieses Mal – ich erinnere mich auch nicht mehr genau, das wievielte in der Reihe – sei diese Welt jene, die nicht mehr zurückgezogen würde, die in ihrem Werden sozusagen unbegrenzt fortschreiten könne, und sie im Gleichgewicht sei – nicht ein statisches, sondern ein progressives Gleichgewicht –, d.h., jedes Ding genau an seinem Platz, jede Schwingung, jede Bewegung an ihrem Platz; und je weiter man hinabsteigt, desto genauer jede Form, jede Tätigkeit, jede Sache an ihrem Platz hinsichtlich auf das Ganze.

Das interessierte mich sehr, und später hat Sri Aurobindo dasselbe gesagt, dass es nichts Schlechtes gebe – lediglich Dinge, die nicht an ihrem Platz sind, sowohl räumlich wie zeitlich. Jedes Ding an seinem Platz in der Welt, angefangen mit den Welten, den Sternen und so weiter: Wenn alles genau an seinem Platz sein wird, vom Riesigsten bis zum Mikroskopischsten, dann wird das Ganze fortschreitend den Höchsten ausdrücken – ohne zurückgenommen werden zu müssen, um dann von neuem ausgeströmt zu werden. Und damit brachte Sri Aurobindo die Tatsache in Zusammenhang, dass es diese Schöpfung, diese Welt ist, in der die Vollkommenheit einer göttlichen Welt offenbart werden kann – was er das Supramental nennt. Gleichgewicht ist das Wesensgesetz dieser Schöpfung, und darum wird in ihr eine Vollkommenheit verwirklicht werden können.

Ich weiß nur, dass die Schöpfung dieses Mal auf dem Gleichgewicht beruht. Doch auf einem besonderen Gleichgewicht, weil es ein progressives Gleichgewicht ist. Das Attribut dieser gegenwärtigen Schöpfung ist kein statisches Gleichgewicht. Es ist das Gleichgewicht schlechthin; deshalb heißt es, wenn sich in dieser Schöpfung jede Sache genau an ihrem Platz befindet, in einem vollkommenen Gleichgewicht, dann gibt es nichts Böses mehr. Was ist das Böse? Es sind die Dinge, die nicht im Gleichgewicht sind. Es gibt nichts, das an sich böse ist, nur seine Position ist schlecht, es ist nicht an der richtigen Stelle.

1 Pralaya: das Ende oder die Zerstörung des Universums.

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