Kapitel 14
Die Vorstellung von „Gott dem Schöpfer“
63. – Gott ist groß, sagt der Mohammedaner. Ja, Er ist so groß, dass Er es sich leisten kann, schwach zu sein, wann immer das auch notwendig ist.
64. – Gott scheitert oft bei Seinen Werken; dies ist das Zeichen Seiner grenzenlosen Göttlichkeit.
65. – Weil Gott unüberwindlich groß ist, kann Er es sich leisten, schwach zu sein; weil Er unwandelbar rein ist, kann Er ungestraft in Sünde schwelgen; Er kennt auf ewig alles Entzücken, darum kostet Er auch das Entzücken des Schmerzes; Er ist unabdingbar weise, darum hat Er sich nicht von der Torheit ausgeschlossen. (Sri Aurobindo, Thoughts and Aphorisms)
Warum hat Gott es nötig, schwach zu sein?
Sri Aurobindo sagt nicht, dass Gott Schwäche nötig habe. Er sagt, dass in einer gegebenen Gesamtheit ein Augenblick der Schwäche zur Vollkommenheit des Kräftespiels ebenso nützlich sein kann wie eine Kraftentfaltung. Und er fügt hinzu, auch etwas ironisch: Weil Gott allmächtige Kraft ist, kann Er es sich leisten, notfalls zugleich schwach zu sein.
Das wird gesagt, um den Blickwinkel gewisser Moralisten zu weiten, die Gott bestimmte Eigenschaften zuschreiben und Ihn nicht anders sein lassen.
Stärke, wie wir sie sehen, und Schwäche, wie wir sie sehen, sind beide gleichermaßen ein entstellter Ausdruck der Göttlichen Wahrheit, die hinter allen physischen Manifestationen verborgen gegenwärtig ist.
Kommt es wirklich vor, dass Gott scheitert oder dass Gott schwach ist? Oder ist das nur ein Spiel?
So ist das nicht! Das ist ja gerade diese Entstellung der westlichen Haltung, im Gegensatz zur Haltung der Gita. Es ist für den westlichen Geist äußerst schwer, lebendig und konkret zu begreifen, dass alles das Göttliche ist.
Die Menschen sind so tief von der christlichen Vorstellung eines „Schöpfergottes“ durchdrungen – die Schöpfung auf der einen Seite und Gott auf der anderen. Wenn man darüber nachdenkt, weist man diese Vorstellung zurück, doch hat sie das Gefühl, die Empfindung derart durchdrungen, dass man unwillkürlich, instinktiv, fast unterbewusst Gott alles zuschreibt, was man für das Beste und das Schönste hält – und vor allem, was man erreichen, verwirklichen will. Natürlich verändert jeder entsprechend seinem eignen Bewusstsein den Gehalt seines Gottes, doch ist er stets das, was man für das Beste ansieht. Und darum schreckt man auch instinktiv, spontan und unwillkürlich vor dem Gedanken zurück, dass Gott etwas sein könnte, was man nicht liebt oder nicht billigt oder was uns nicht das Beste scheint.
Ich sage das absichtlich auf etwas kindliche Weise, damit man es gut versteht. Aber so ist es – ich bin da sicher, denn ich habe es in mir selbst lange beobachtet, infolge der unterbewussten Prägung in der Kindheit, der Umwelt, der Erziehung und so weiter. Man muss in diesen Körper das Bewusstsein der Einheit bringen, der absolut ausschließlichen Einheit des Göttlichen – ausschließlich in dem Sinne, dass nichts existiert außer in dieser Einheit, nicht einmal die Dinge, die uns die als die abscheulichsten erscheinen…
Und das ist es auch, was einen diese Fragen stellen lässt: „Wie kann Gott schwach sein? Wie kann Gott ein Narr sein?“ – Aber es gibt nichts anderes als Gott! Nur Er existiert, es gibt nichts außer Ihm. Und wenn uns etwas schlecht erscheint, so daher, weil Er das nicht mehr bestehen lassen will, Er bereitet die Welt gerade vor, dass dies sich nicht mehr bekunde, dass die Manifestation aus diesem Zustand in einen anderen übergehe; und alles, was aus der aktiven Manifestation ausscheiden soll, das stoßen wir natürlich in uns heftig zurück, wir verwerfen es.
Aber das ist Er. Es gibt nichts anderes als Ihn! Das müsste man vom Morgen bis zum Abend und vom Abend bis zum Morgen wiederholen, denn man vergisst es andauernd.
Es gibt nur Ihn. Es gibt nichts anderes als Ihn – nichts existiert als Er, es gibt kein Dasein ohne Ihn, es gibt nur Ihn!
Eine solche Fragestellung ist also noch der Reflex von solchen, die eine Unterscheidung machen zwischen dem, was göttlich und nicht göttlich ist, vielmehr zwischen dem, was „Gott“ und nicht „Gott“ ist. „Wie kann Er schwach sein?“, das ist eine Frage, die ich nicht stellen kann.
Ich verstehe, aber man spricht von der Lila, dem Göttlichen Spiel, was doch wohl heißt, dass Er sich irgendwie im Hintergrund hält, nicht ganz und gar „involviert“ ist, nicht ganz und gar im Spiel.
Doch, doch, das ist Er! Er ist es voll und ganz. Das Spiel, das ist Er selbst.
Wir sprechen von Gott, doch muss man bedenken, dass es all die Bewusstseinsstufen gibt, und sprechen wir von Gott und Seinem Spiel, so meinen wir damit Gott in Seinem transzendenten Zustand, außerhalb aller stofflichen Ebenen; und sprechen wir vom Spiel, so meinen wir Gott in seinem stofflichen Zustand. So sagen wir: der transzendente Gott schaut zu und spielt – in Sich, durch Sich, mit Sich – Sein stoffliches Spiel.
Aber diese ganze Sprache ist eine Sprache der Unwissenheit. Die ganze Art sich auszudrücken, alles, was man sagt und wie man es sagt, gehört notgedrungen zur Unwissenheit. Und darum kann man so schwer etwas ausdrücken, was konkret wahr ist; das erfordert wieder Erklärungen, die ihrerseits voll Falschheit oder sehr ausführlich wären. Darum sind Sri Aurobindos Sätze manchmal sehr lang, weil er eben aus dieser unwissenden Sprache herauszukommen sucht.
Unsere Denkweise selbst ist falsch. All die Gläubigen – vor allem im Westen – denken, wenn sie von Gott sprechen, das sei „etwas anderes“, sie denken, Er könne nicht schwach, hässlich, unvollkommen sein – sie denken falsch: sie teilen, sie trennen. Und das ist ein unterbewusstes, nicht überlegtes Denken. Man ist es gewohnt, instinktiv so zu denken, man sieht sich dabei nicht zu. Spricht man zum Beispiel allgemein von „Vollkommenheit“, so sieht, empfindet oder postuliert man sogleich die Gesamtheit von allem, was man für tugendhaft, göttlich, bewundernswert hält – aber das ist es ganz und gar nicht! Vollkommenheit ist etwas, wo nichts fehlt. Die göttliche Vollkommenheit ist das Göttliche insgesamt, in dem nichts fehlt. Die göttliche Vollkommenheit ist das ganze Göttliche, von dem nichts ausgeklammert worden ist – also gerade das Umgekehrte! Für die Moralisten ist die göttliche Vollkommenheit alle Tugenden, die sie verkörpern.
Vom wahren Gesichtspunkt aus ist die Vollkommenheit alles (die Mutter macht eine globale Gebärde), und das ist eben die Tatsache, dass nichts außerhalb von diesem Ganzen sein kann. Es ist unmöglich, dass etwas fehlt, weil es unmöglich etwas gibt, das nicht Teil dieses Ganzen wäre. Nichts kann es geben, was nicht zu diesem Ganzen gehört. Ich verdeutliche: In einer gegebenen Welt mag es nicht alles geben, weil eine Welt eine bestimmte Art der Manifestation ist, doch gibt es alle möglichen Welten; ich komme also immer wieder auf das gleiche. Es kann nichts geben, was nicht Teil dieses Ganzen wäre.
Und folglich kann man sagen, dass alles an seinem Platz ist, genau das, was es sein muss, und dass die Beziehungen zwischen den Dingen genau so sind, wie sie sein müssen.
Aber die Vollkommenheit ist nur eine Weise, sich dem Göttlichen zu nähern, nur eine Seite, und es gibt unzählige Seiten oder Winkel, oder Aspekte, unzählige Zugänge zum Göttlichen, zum Beispiel Wille, Wahrheit, Reinheit, Vollkommenheit, Einheit, Unsterblichkeit, Ewigkeit, Unendlichkeit, Schweigen, Friede, Sein, Bewusstsein und so weiter, die Anzahl der Zugänge ist fast unbegrenzt; über jeden nähert man sich oder tritt in Verbindung mit dem Göttlichen auf einer bestimmten Seite, und tut man es wahrhaft, dann bemerkt man, dass nur die äußere Form sich unterscheidet, aber die Verbindung ist identisch. Das ist, als bewegte man sich um eine Mitte, eine Kugel, und sieht sie von allen möglichen Seiten, wie ein Kaleidoskop, aber sobald die Verbindung hergestellt ist, ist es dasselbe.
Die Vollkommenheit ist also eine globale Weise, sich dem Göttlichen zu nähern: Alles ist und alles ist so, wie es sein muss – „sein muss“ heißt: vollkommener Ausdruck des Göttlichen; man kann nicht einmal sagen „Seines Willens“, weil das wieder etwas aus Ihm Herausgehobenes wäre.
Man kann auch sagen – was allerdings weit darunter ist –, dass Gott ist, was Er ist und zwar genau so, wie Er will – mit dem „genau so, wie Er will“ ist man eine beträchtliche Anzahl Sprossen herabgestiegen! Um eben diesen Winkel der Vollkommenheit aufzuzeigen.
Im Übrigen bezieht Vollkommenheit die Unendlichkeit und Ewigkeit ein, das heißt, alles existiert außerhalb von Raum und Zeit zusammen.
Das ist wie mit dem Wort „Reinheit“; man könnte endlose Vorträge halten über den Unterschied zwischen der göttlichen Reinheit und dem, was die Leute „Reinheit“ nennen. Die göttliche Reinheit ist es – ganz zuunterst –, nur einen einzigen Einfluss zuzulassen, den göttlichen. Aber schon das ist schrecklich entstellt. Die göttliche Reinheit bedeutet, dass es nur das Göttliche gibt und nichts anderes – dies ist vollkommen rein: es gibt nur das Göttliche, es gibt nichts anderes als das Göttliche.