Kapitel 13

Wunderkinder

Manche Leute behaupten, die Zahl der Wunderkinder sei erheblich am Zunehmen, und die einen (unter ihnen sogar Amerikaner) erklären, es sei der Einfluss und die Arbeit von Sri Aurobindo, und andere meinen, es sei die Folge der Atombomben! Tatsache ist jedoch, dass es eine recht beachtliche Zahl von Wunderkindern gibt. Ich wollte darüber nicht im Einzelnen sprechen, weil ich keine Beweise an der Hand habe, genau gesagt, ich hatte keine guten Beispiele vorzuweisen. Der Zufall wollte es, dass mir mittlerweile ein französisches Buch gebracht worden ist, das ein achtjähriges Kind geschrieben hat. Natürlich gibt es Leute, die die Möglichkeit bestreiten, aber ich werde euch nachher erklären, wie so etwas möglich ist.

Das Buch ist für ein achtjähriges Kind hervorragend. Das bedeutet nicht, dass man das Buch wunderbar fände, wenn man das Alter des Kindes nicht wüsste, doch es stehen hin und wieder Sätze darin, die einfach erstaunlich sind. Diese Sätze habe ich aufgeschrieben, und ich lese sie euch vor. (Die Mutter blättert in dem Buch.)

Eine Bemerkung wie die folgende etwa: „Wenn wir einander wirklich lieben, können wir voreinander nichts verbergen“. Das ist natürlich gut.

Und dann etwas anderes, an einen Jungen mit Sommersprossen geschrieben…, ihr wisst, was Sommersprossen sind? Sie schreibt ihm: „Du bist doch schön, deine Sommersprossen sind so hübsch. Man könnte sagen, ein Engel habe dir über das ganze Gesicht Getreidekörner gestreut, um die Vögel des Himmels anzulocken.“ Das ist natürlich sehr poetisch.

Und dann schließlich das, was wirklich gut ist und der Schlüssel zu der Erklärung, die ich euch gleich gebe: „Ich bin nur ein Ohr, ein Mund. Das Ohr hört den Sturm der Worte, die ich dir nicht erklären kann, die eine gewaltige Stimme in mir ihm zuwirft, und mein Mund gibt sie wieder, und nichts, was ich sage, gleicht dem Fluten des Lichts, das in mir ist.“

Das ist natürlich sehr schön.

Anscheinend findet man in ihrer Dichtung (sie hat viele Gedichte geschrieben) immer wieder so etwas wie Reminiszenzen, zum Beispiel an Maeterlinck; man hat daraus geschlossen, dass nicht sie das Buch geschrieben hat, weil man mit acht Jahren nicht Maeterlinck liest, es müsse jemand anderes das Buch geschrieben haben. Doch es ist in Wirklichkeit überhaupt nicht nötig, sich einen Schwindel vorzustellen, und der Verleger erklärt, er sei seiner Sache sicher, er kenne die Kleine ganz genau – tatsächlich war er für sie wie ein Pflegevater, weil ihr Vater gestorben war –, und er könne garantieren, dass es kein Schwindel sei. Doch ist es überhaupt nicht notwendig, sich eine Täuschung vorzustellen, um dieses Phänomen zu erklären.

Die Autoren, die Schriftsteller, die in ihrem Schaffen inspiriert und seriös waren, das heißt die sich in einer Art Weihung ihres Wesens auf die Literatur konzentriert haben, bilden in sich eine Art mentale Wesenheit aus, die äußerst gut aufgebaut und koordiniert ist, die unabhängig vom Körper ihr Eigenleben führt, so dass diese mentale Formation im Tod, wenn der Körper zur Erde zurückkehrt, ganz autonom und unabhängig weiter existiert, und da sie für den Ausdruck geschaffen wurde, sucht sie stets irgendwo ein Ausdrucksmittel. Und wenn es sich fügt, dass da ein Kind ist, das unter besonders günstigen Umständen herangebildet wurde – so war zum Beispiel die Mutter dieses kleinen Mädchens selbst Dichterin und Schriftstellerin; vielleicht beseelte diese Mutter eine Sehnsucht, ein Wunsch, ihr Kind möge ein hervorragender, außergewöhnlicher Mensch werden –, kurz, wenn das Kind, das empfangen wird, in besonders günstigen Verhältnissen herangebildet wird, kann eine Wesenheit wie diese im Augenblick der Geburt in das Kind eingehen und versuchen, sich seiner zu bedienen, um sich auszudrücken, und in diesem Fall verleiht dies der kindlichen Denkweise eine Reife, die ganz außergewöhnlich, außerordentlich ist und es ihm gestattet, Dinge zu tun, wie wir sie eben gelesen haben.

Wir könnten sagen, ohne befürchten zu müssen, etwas völlig Absurdes zu behaupten: Wenn das, was sie schreibt, so erstaunlich bestimmten Dingen oder der besonderen Eigenart der Schriften Maeterlincks gleicht, sogar in bestimmten, fast identischen Redewendungen, könnte man sich sehr gut vorstellen, dass eine mentale Formation von Maeterlinck sich in diesem Kind inkarnierte und dieses junge Instrument gebrauchte, um sich auszudrücken.

Ähnliche Beispiele kommen zum Beispiel bei Musikern vor. Es gibt Pianisten, die ihre Hände individualisiert und so wunderbar bewusst gemacht haben, dass diese Hände nicht verwesen – nicht die physischen Hände: die Hände des feinstofflichen Physischen und des Vitalen –, diese verwesen nicht, sie lösen sich im Augenblick des Todes nicht auf. Sie bleiben wie Instrumente, um Klavier zu spielen, und sie versuchen sich immer in den Händen von jemandem, der Klavier spielt, zu inkarnieren. Ich habe Beispiele von Leuten erlebt, die im Augenblick des Spielens gleichsam eine andere Hand fühlten, die in ihre hineinging und ganz wunderbar zu spielen anfing, wie sie selbst es niemals vermocht hätten.

Diese Dinge sind nicht so außergewöhnlich, wie man denken könnte, sie geschehen ziemlich oft.

Ich habe dasselbe auch bei einem Geiger und bei einem Cellisten gesehen – zwei ganz verschiedene Fälle –, die selbst keine glänzenden Künstler waren. Einer von ihnen stand am Anfang seiner Ausbildung, und der andere konnte gut vortragen, aber sie hatten nichts Wunderbares an sich. Doch mit einem Schlag, in dem Augenblick, als sie die Musik bestimmter Musiker spielten, ging etwas von diesen Musikern in ihre Hände über, so dass sie ganz wunderbar spielen konnten.

Bei einer Cellistin war es sogar so, dass sich in dem Moment, als sie Beethoven spielte, der Gesichtsausdruck vollkommen in den Gesichtsausdruck Beethovens verwandelte, und ihr Spiel war so erhebend, wie es nie hätte sein können, wenn nicht etwas vom Geist Beethovens in sie eingegangen wäre.