Kapitel 14

Die höhere und niedere Vollkommenheit

Die höhere Vollkommenheit ist die spirituelle Vollkommenheit, die integrale Vereinigung mit dem Göttlichen, die Freiheit von allen Begrenzungen der niederen Welt. Das ist spirituelle Vollkommenheit, die Vollkommenheit, die vom Yoga kommt – ganz unabhängig vom Körper und von der physischen Welt –, was in alter Zeit bedeutete, zuerst den Körper und das physische Leben zurückzuweisen, um nur zur höheren Welt und schließlich zum Göttlichen eine Beziehung zu haben. Das ist die höhere Vollkommenheit.

Und die niedere Vollkommenheit besteht darin, das menschliche Wesen in seiner gegenwärtigen Form und in seinem Körper, in seiner Beziehung zu allen irdischen Dingen dazu zu befähigen, sein Äußerstes zu vollbringen. Dies ist bei allen großen Menschen mit Genie der Fall: Bei solchen mit künstlerischem Genie, literarischem Genie, Organisationsgenie, bei den großen Regenten, bei jenen, die physische Fähigkeiten zu ihrer größtmöglichen Vollkommenheit, die menschliche Entwicklung zur Grenze ihrer Möglichkeiten weitergeführt haben, und beispielsweise bei all jenen, die völlige Kontrolle über ihren Körper besitzen und denen es gelingt, wunderbare Dinge zu tun, wie wir es zum Beispiel während des letzten Krieges an den Fliegern sahen: Sie brachten ihren Körper dazu, Dinge zu tun, die auf den ersten Blick ganz unmöglich erschienen. Sie erreichten von ihm eine Ausdauer, Geschicklichkeit und Kraft, die fast undenkbar war. Und von jedem Gesichtspunkt aus: vom Gesichtspunkt physischer Stärke, intellektueller Verwirklichung, der physischen Eigenschaften der Energie und des Mutes, der Uneigennützigkeit, Güte, Mildtätigkeit, alle menschlichen Qualitäten bis zu ihren äußersten Grenzen entwickelt. Das ist die niedere Vollkommenheit.

Die höhere Vollkommenheit ist spirituell und übermenschlich. Die niedere Vollkommenheit ist eine bis zu ihren äußersten Grenzen entwickelte menschliche Vollkommenheit, und das kann ganz unabhängig von allem spirituellen Leben sein. Man kann ein Genie sein, ohne jegliche spirituelle Aspiration zu besitzen. Man kann über all die außerordentlichsten moralischen Qualitäten verfügen, ohne jegliches spirituelles Leben zu besitzen. Und gewöhnlich sind jene, die über ein sehr großes Vermögen zu menschlicher Verwirklichung verfügen, auch mit ihrer Lage zufrieden – mehr oder weniger zufrieden. Sie fühlen, dass sie sich selbst genügen, dass sie die Quelle ihrer Verwirklichung und Freude in sich tragen, und es ist im Allgemeinen sehr schwer, sie dazu zu bringen zu verstehen und zu fühlen, dass nicht sie die Schöpfer ihrer eigenen Schöpfungen sind, was diese auch sein mögen. Die meisten von ihnen würden, mit sehr wenigen Ausnahmen, es gar nicht mögen, wenn man ihnen sagte: „Du bist nicht der Urheber dieses Werkes, das du vollbringst. Es ist eine höhere Kraft als du, und du bist nur ihr Instrument“ –, und sie werden dich deines Weges gehen heißen! Daher gehen diese beiden Vollkommenheiten im alltäglichen Leben wirklich sehr weit auseinander. Im alten Yoga sagte man, dass es die erste Bedingung zur Ausübung des Yoga sei, vom Leben angewidert zu sein. Diejenigen, die diese menschliche Vollkommenheit verwirklicht haben, sind jedoch sehr selten vom Leben angewidert, es sei denn, sie sind persönlichen Schwierigkeiten begegnet wie der Undankbarkeit der Leute um sie herum oder dem Mangel an Verständnis für ihr Genie, das nicht genügend gewürdigt wurde – all das widert sie also an, aber sonst sind sie völlig zufrieden, solange sie sich in ihrer Erfolgs- und Schaffensperiode befinden. Und so brauchen sie nach nichts anderem zu suchen, da sie zufrieden sind – vor allem selbstzufrieden.

Im Grunde genommen stimmt das nicht, aber so geschehen die Dinge eben im Allgemeinen, und solange sich in diesem Genie nicht eine Seele befindet, die ihrer selbst vollkommen bewusst und gekommen ist, um auf Erden eine bestimmte Arbeit zu verrichten, kann es sehr wohl geboren werden, heranwachsen und sterben, ohne zu wissen, dass es irgendetwas anderes als dieses irdische Leben gibt. Und vor allem ist es dies, weißt du, dieses Gefühl, die äußerste Verwirklichung erreicht zu haben, das eine Befriedigung vermittelt, die einen davon abhält, etwas anderes zu brauchen… Wenn sie eine Seele haben, die sich ihrer selbst und ihrer Absicht in der physischen Welt vollkommen bewusst ist, könnte es ein vages Gefühl geben, dass all dies ziemlich hohl sei, dass all diese Leistungen ein wenig zu oberflächlich seien und dass etwas fehle, aber das kommt nur zu jenen, die vorbestimmt sind, und davon gibt es doch schließlich in der Masse der Menschheit nicht sehr viele.

Nur diejenigen, die vorbestimmt sind, können diese beiden Vollkommenheiten kombinieren und etwas Ganzheitliches verwirklichen… Das ist sehr selten. Die großen spirituellen Führer waren sehr selten große Verwirklicher in der physischen Welt. Es ist geschehen, aber es ist sehr selten. Nur diejenigen, die bewusste Inkarnationen des Göttlichen sind, tragen natürlich die Möglichkeit der beiden Vollkommenheiten in sich, aber das ist außergewöhnlich. Leute, die ein spirituelles Leben besaßen, eine bedeutende spirituelle Verwirklichung, waren in gewissen außergewöhnlichen Momenten dazu in der Lage, dass sie eine Fähigkeit zur äußeren Verwirklichung hatten. Auch das war außergewöhnlich, aber es war Schwankungen unterworfen und besaß niemals die Integralität, die Totalität, die Vollkommenheit jener, die sich auf die materielle Verwirklichung konzentrierten.

Ich habe viele Leute getroffen – „viele“, nun, eine ganze Anzahl –, die demonstrieren wollten, dass spirituelle Mächte eine bedeutende Fähigkeit zur äußeren Verwirklichung verleihen und die in gewissen außergewöhnlichen spirituellen Zuständen versuchten zu malen, Musik zu komponieren oder Dichtung zu schreiben. Nun, alles, was sie produzierten, war durchaus zweitrangig und ließ sich nicht mit den Werken der großen Genies vergleichen, die die materielle Natur gemeistert hatten – und dies gab den Materialisten natürlich eine gute Gelegenheit: „Seht ihr, eure sogenannte Macht ist überhaupt nichts.“ Das war aber deshalb so, weil sie in ihrem äußeren Leben gewöhnliche Menschen waren, denn die größte spirituelle Macht wird, wenn sie in Material eingeht, das nicht ausgebildet ist, zwar ein Ergebnis hervorbringen, das dem weit überlegen ist, was das Individuum in seinem normalen Zustand hätte erreichen können, das jedoch weit unter dem liegt, was ein Genie hervorbringen kann, das die Materie gemeistert hat. Es reicht nicht aus, dass „der Geist weht“, das Instrument muss auch dazu fähig sein, ihn zu manifestieren.

Ich glaube, das ist eines der Dinge, die Sri Aurobindo erklären wird (in The Supramental Manifestation): Warum es notwendig ist, dem physischen, äußeren Wesen seine volle Entwicklung zu geben, die Fähigkeit, die Materie direkt zu kontrollieren. Dann stellst du dem Geist ein Instrument zur Verfügung, das fähig ist, ihn zu manifestieren, sonst… Ja, ich kannte mehrere Leute, die in ihrem normalen Zustand keine drei Zeilen schreiben konnten, ohne einen Fehler zu machen, nicht nur Rechtschreibfehler, sondern auch Sprachfehler, das heißt die nicht einen Gedanken klar ausdrücken konnten – nun, in ihren Augenblicken spiritueller Inspiration pflegten sie sehr schöne Dinge zu schreiben, aber dennoch waren diese sehr schönen Dinge nicht so schön wie die Werke der bedeutendsten Schriftsteller. Diese Dinge erschienen bemerkenswert im Vergleich zu dem, was sie in ihrem normalen Zustand leisten konnten. Es stimmte schon, ihre gegenwärtigen Möglichkeiten wurden bis zum Äußersten genutzt. Es war etwas, das dem einen Wert verlieh, was anderenfalls überhaupt keinen gehabt hätte. Aber angenommen, du nimmst ein wirkliches Genie – einen genialen Musiker, Künstler oder Schriftsteller –, der sein Instrument vollkommen gemeistert hat, der es dazu verwenden kann, Werke zu produzieren, die die äußerste menschliche Möglichkeit ausdrücken, wenn du dazu noch ein spirituelles Bewusstsein, die supramentale Kraft hinzufügst, wirst du etwas wahrhaft Göttliches haben.