Kapitel 11
Musik
Auch Musik ist wesensmäßig eine spirituelle Kunst und war immer mit religiösem Fühlen und einem inneren Leben verbunden. Aber auch hier haben wir sie in etwas Unabhängiges und Selbstgenügsames verwandelt, in eine Pilzkunst, wie es die Opernmusik ist. Die meisten künstlerischen Produktionen, denen wir begegnen, sind von dieser Art und bestenfalls vom technischen Standpunkt aus interessant. Ich sage nicht, dass nicht auch Opernmusik als Mittel zu einem höheren Kunstausdruck verwendet werden kann, denn was auch immer die Form sei, so kann sie doch dazu gebracht werden, einer tieferen Absicht zu dienen. Alles hängt von der Sache selbst ab, davon, wie sie benutzt wird, was dahintersteht. Es gibt nichts, was nicht für die Göttliche Absicht verwendet werden könnte – geradeso wie alles vorgeben kann, das Göttliche zu sein und doch zur Pilzgattung gehören kann.
Unter den großen modernen Musikern gab es mehrere, deren Bewusstsein beim Komponieren mit einem höheren Bewusstsein in Berührung kam. César Franck spielte die Orgel als Inspirierter. Er hatte eine Öffnung zum seelischen Leben, und er war sich ihrer bewusst und drückte sie weitgehend aus. Beethoven hatte, als er die Neunte Sinfonie komponierte, die Vision einer Öffnung zu einer höheren Welt und einer Herabkunft einer höheren Welt auf diese irdische Ebene. Wagner hatte starke und machtvolle Anregungen aus der okkulten Welt. Er besaß einen Instinkt für Okkultismus und ein Empfinden für das Okkulte, und dadurch empfing er seine größten Inspirationen. Er arbeitete jedoch hauptsächlich auf der vitalen Ebene, und sein Mental trat dauernd dazwischen, um sich einzumischen, und mechanisierte seine Inspiration. Sein Werk ist größtenteils zu vermischt, zu oft dunkel und schwer, wenn auch machtvoll. Wenn er jedoch die vitalen und mentalen Ebenen durchqueren und eine höhere Welt erreichen konnte, waren einige der Blicke, die er erhaschte, von außergewöhnlicher Schönheit, wie in „Parzival“, in einigen Teilen von „Tristan und Isolde“, und am meisten in dessen letztem großartigen Akt.
Sieh dir wiederum an, was die modernen Menschen aus dem Tanz gemacht haben. Vergleiche es mit dem, was Tanz einst war. Tanz war einst eine der höchsten Ausdrucksformen des inneren Lebens. Er war mit Religion verbunden und ein wichtiger Bestandteil bei heiligen Zeremonien, beim Zelebrieren von Festen, bei der Anbetung des Göttlichen. In einigen Ländern erreichte er einen sehr hohen Grad von Schönheit und eine außergewöhnliche Vollkommenheit. In Japan hielt man die Tradition des Tanzes als Teil des religiösen Lebens aufrecht, und weil der strenge Sinn für Schönheit und Kunst natürliches Besitztum der Japaner ist, erlauben sie ihm nicht, zu etwas weniger Bedeutsamem und Geringfügigerem zu degenerieren. Genauso war es in Indien. Es ist wahr, dass man heutzutage Anstrengungen unternommen hat, die alten griechischen und andere Tänze wiederzubeleben. Jedoch fehlt bei allen solchen Wiederbelebungen das religiöse Empfinden, und sie sehen mehr wie rhythmische Gymnastik als wie Tanz aus.
Heute sind russische Tänze berühmt, aber sie sind Ausdrucksformen der vitalen Welt, und in ihnen steckt sogar etwas schrecklich Vitales. Wie alles, was aus jener Welt zu uns kommt, können sie sehr anziehend oder sehr abstoßend sein. Immer stehen sie jedoch für sich und nicht für den Ausdruck des höheren Lebens. Der eigentliche Mystizismus der Russen ist vitaler Art. Als Techniker des Tanzes sind sie wunderbar, aber Technik ist nur ein Instrument. Wenn dein Instrument gut ist, umso besser. Solange es jedoch nicht dem Göttlichen unterworfen ist, ist es des Höchsten entleert und kann keinem göttlichen Zweck dienen, sei es noch so schön und verfeinert. Die Schwierigkeit besteht darin, dass die meisten von denen, die Künstler werden, glauben, dass sie auf eigenen Beinen stehen und sich nicht dem Göttlichen zuzuwenden brauchen. Das ist sehr schade, denn in der göttlichen Manifestation ist handwerkliche Geschicklichkeit ein ebenso nützliches Element wie alles Übrige. Geschicklichkeit ist ein Teil des göttlichen Gefüges, nur muss sie wissen, wie man sich bedeutenderen Dingen unterordnet.
Es gibt weit oberhalb des Mentals einen Bereich, den wir die Welt der Harmonie nennen könnten, und wenn du dorthin gelangen kannst, wirst du den Ursprung aller Harmonie finden, die in jeglicher Form auf Erden manifestiert wurde. Es gibt beispielsweise eine gewisse musikalische Reihe, die aus einigen wenigen höchsten Noten besteht, die hinter den Schöpfungen zweier Künstler stand, die nacheinander kamen, eine ein Konzert von Bach, die andere ein Konzert von Beethoven. Die beiden sind auf dem Papier nicht gleich und unterscheiden sich für das äußerliche Ohr, aber in ihrer Essenz sind sie gleich. Eben dieselbe Schwingung von Bewusstsein, eine Welle bedeutungsvoller Harmonie berührte diese beiden Künstler. Beethoven nahm einen größeren Teil auf, der in ihm jedoch mehr mit den Erfindungen und Einschiebungen seines Mentals vermischt war. Bach empfing weniger, aber was er davon festhielt, war reiner. Die Schwingung war die des siegreichen Auffauchens des Bewusstseins – Bewusstsein, das sich dem Schoße der Unbewusstheit in triumphierendem Aufstieg und Geburt entreißt.
Wenn du durch Yoga fähig bist, diese Quelle der Kunst zu erreichen, bist du, wenn du willst, Meister aller Künste. Diejenigen, die wohl vorher dorthin gingen, fanden es vielleicht glücklicher, vergnüglicher oder voller entzückender Ruhe, dort zu bleiben und sich der Schönheit und Wonne zu erfreuen, die dort sind, als sie zu manifestieren und auf Erden zu verkörpern. Diese Enthaltung ist jedoch weder die ganze noch die wirkliche Wahrheit des Yoga. Sie ist eher eine Deformation, eine Verminderung der dynamischen Freiheit des Yoga durch den mehr negativen Geist von sannyasa. Der Wille des Göttlichen ist es, sich zu manifestieren, nicht gänzlich in Inaktivität und einem absoluten Schweigen zurückgezogen zu bleiben. Wenn das Göttliche Bewusstsein wirklich eine Untätigkeit sich nicht manifestierender Seligkeit wäre, hätte es niemals irgendeine Schöpfung gegeben.
Es gibt einen Bewusstseinszustand der Einheit mit dem Göttlichen, in dem man alles genießen kann, was man liest, auch was man beobachtet, sogar das banalste Buch oder die uninteressantesten Dinge. Man kann erbärmliche Musik hören, solche, vor der man gemeinhin davonlaufen möchte, und dennoch Gefallen daran finden, zwar nicht an der äußeren Form, aber an dem, was dahinter ist. Man verliert nicht die Unterscheidung zwischen guter und schlechter Musik, sondern steigt sowohl über die eine wie die andere hinaus, um das zu erreichen, was sie ausdrückt. Denn es gibt nichts auf dieser Welt, was nicht im Göttlichen seine letzte Stütze und Wahrheit hätte. (Questions and Answers 1929, 28. April)
Was befindet sich „hinter“ der äußeren Form der Musik?
Musik ist ein Mittel, um bestimmte Gedanken, Gefühle, Emotionen, Aspirationen auszudrücken. Es gibt sogar einen Bereich, wo all diese Regungen existieren, und von dort, sobald sie herabgebracht werden, nehmen sie eine musikalische Form an. Ein sehr guter Komponist, einer mit einer gewissen Inspiration, wird sehr schöne Musik komponieren, denn er ist ein guter Musiker. Ein schlechter Musiker mag auch eine sehr hohe Inspiration haben. Er mag etwas Gutes empfangen, aber da er keine musikalische Fähigkeit besitzt, ist das, was er komponiert, schrecklich alltäglich, gewöhnlich, uninteressant. Wenn du jedoch darüber hinausgehst, wenn du eben den Ort erreichst, wo sich der Ursprung der Musik befindet – der Idee, der Emotion und der Inspiration –, wenn du dorthin gelangst, kannst du diese Dinge erleben, ohne im Geringsten durch die Formen gestört zu werden. Die gewöhnliche musikalische Form kann damit wieder in Verbindung gebracht werden, weil jenes die Inspiration des Komponisten war. Natürlich gibt es Fälle, wo keine Inspiration vorhanden ist, wo der Ursprung nur in einer Art mechanischer Musik besteht. Es ist nicht immer und in jedem Fall interessant. Was ich jedoch meine, ist, dass es einen inneren Zustand gibt, in dem die äußere Form nicht das Wichtigste ist. Wichtig ist der Ursprung der Musik, die Inspiration von jenseits. Es sind nicht nur die Klänge, sondern das, was die Klänge ausdrücken.
Kann der Ausdruck also nicht besser als die Inspiration sein?
Es gibt Musikstücke, die keine Inspiration haben. Sie sind wie mechanische Werke. Es gibt Musiker, die große Virtuosität besitzen, das heißt die die Technik sehr gut beherrschen und die beispielsweise die schnellsten und schwierigsten Stücke spielen können, ohne einen Fehler zu machen. Sie können Musik spielen, aber es drückt nichts aus: Es ist wie eine Maschine. Es bedeutet nichts, außer dass sie große Fertigkeit besitzen. Denn das Wichtigste ist die Inspiration, in allem, was man tut. Natürlich muss sich die Ausführung auf dem gleichen Niveau befinden wie die Inspiration. Um die höchsten Dinge wirklich gut auszudrücken, muss man über eine sehr gute Technik verfügen. Ich sage nicht, dass Technik nicht notwendig sei, sie ist sogar unerlässlich, aber sie ist nicht das einzig Unerlässliche, sie ist weniger wichtig als die Inspiration.
Die wirkliche Qualität eines Musikstücks hängt davon ab, woher die Musik kommt, von ihrem Ursprung.
Was bedeutet „ihr Ursprung“?
Ihr Ausgangspunkt. Genauso wie die Quelle der Ursprung des Flusses ist.
Gibt es viele Quellen für alles?
Alles physische Leben hat das vitale und mentale Leben als seinen Ursprung. Die mentale und die vitale Wirklichkeit selbst haben einen anderen Ursprung, und so fort. Nichts kann physisch auf Erden manifestiert werden, das nicht an seinem Ursprung eine höhere Wahrheit hat, sonst würde die Welt nicht existieren. Wenn sie ein flaches Ding wäre, das seinen Ursprung in sich selbst hätte, würde sie sehr bald aufhören zu existieren. Das ist so, weil es eine Kraft gibt, die antreibt, eine Energie, die zur Manifestation drängt. Darum existiert das Leben weiter. Anderenfalls würde es sich sehr bald erschöpfen…
Von welcher Ebene kommt im Allgemeinen die Musik?
Es gibt verschiedene Stufen. Es gibt eine ganze Kategorie von Musik, die aus dem höheren Vital kommt und die sehr leicht zu erfassen ist, ein wenig (nicht exakt ausgedrückt) vulgär. Sie ist etwas, das deine Nerven verdreht. Diese Musik ist nicht unbedingt unangenehm, aber im Allgemeinen ergreift sie dich im Nervenzentrum. So gibt es einen Typus von Musik, der einen vitalen Ursprung besitzt. Es gibt Musik, die seelischen Ursprungs ist. Sie ist ganz anders. Und dann gibt es Musik, die einen spirituellen Ursprung hat. Sie ist sehr strahlend, und sie trägt dich fort, nimmt dich völlig gefangen. Wenn du diese Musik jedoch korrekt ausführen willst, musst du dazu fähig sein, sie durch den vitalen Durchgang kommen zu lassen. Deine von oben kommende Musik mag äußerlich ganz flach werden, wenn du nicht jene Intensität vitaler Schwingung besitzt, die ihr ihre Herrlichkeit und Stärke verleiht. Ich kannte Personen, die wirklich eine sehr hohe Inspiration besaßen, und sie wurde recht flach, weil das Vital sich nicht regte. Ich muss zugeben, dass sie durch ihre spirituellen Praktiken ihr Vital ganz und gar in Schlaf versetzt hatten. Es befand sich buchstäblich im Schlafzustand, es handelte überhaupt nicht. Die Musik kam geradewegs ins Physische, und wenn man in Verbindung mit dem Ursprung jener Musik war, konnte man sehen, dass sie etwas Wundervolles war. Äußerlich besaß sie jedoch keine Kraft. Es war kaum melodisch, sehr armselig, sehr dünn, nichts war von der Stärke der Harmonie da. Wenn du das Vital mit ins Spiel bringen kannst, dann ist die ganze Stärke der Schwingung vorhanden. Wenn du einen höheren Ursprung in es hineinziehst, wird es die Musik eines Genies.
Bei Musik ist es etwas ganz Besonderes. Es ist schwierig, es bedarf eines Vermittlers. Und so ist es mit allen anderen Dingen, auch mit Literatur, mit Dichtung, mit Malerei, mit allem, was man tut. Der wahre Wert der eigenen Schöpfung ist abhängig vom Ursprung der eigenen Inspiration, von der Ebene, der Höhe, auf der man sie findet. Der Wert der Ausführung jedoch hängt von der vitalen Stärke ab, die sie ausdrückt. Um das Genie zu vervollständigen, muss beides vorhanden sein. Das ist sehr selten. Im Allgemeinen ist es entweder das eine oder das andere, meistens das Vital. Und dann gibt es noch jene anderen Musikarten – die Kaffeehaus-Musik, die Kino-Musik –, die außerordentlich geschickt gemacht sind. Sie erfassen dich im Solarplexus (Sonnengeflecht), und an diese Musik erinnerst du dich auch. Sie packt dich sofort und hält dich fest, und es ist sehr schwer, sich von ihr zu befreien, denn es ist gut gemachte Musik, sehr gut gemachte Musik. Sie ist vital gemacht, mit vitalen Schwingungen, was sich aber dahinter befindet, ist furchterregend.
Stell dir jedoch diese vitale Ausdruckskraft vor zusammen mit der Inspiration, die von hoch oben kommt – mit der höchstmöglichen Inspiration, wenn sich alle Himmel vor uns auftun –, dann wird das wundervoll. Es gibt bestimmte Passagen bei César Franck, bestimmte Passagen bei Beethoven, bestimmte Passagen bei Bach, es gibt auch Stücke von anderen, die diese Inspiration und Macht besitzen. Aber es ist nur ein Augenblick, es hält nicht an. Du kannst nicht das gesamte Werk eines Künstlers als auf jener Stufe befindlich annehmen. Inspiration kommt wie ein Blitz. Manchmal hält sie lange genug an, wenn die Arbeit nicht unterbrochen wird. Wenn das so ist, wird die gleiche Wirkung hervorgerufen, das heißt, wenn du aufmerksam und konzentriert bist, hebt dich das plötzlich empor, hebt all deine Energien empor. Es ist, als ob jemand deinen Kopf öffnete und du in die Luft geschleudert wirst, in riesige Höhen und herrliche Lichter. Es ruft in wenigen Sekunden Ergebnisse hervor, die unter so vielen Schwierigkeiten durch so viele Jahre des Yoga erreicht werden. Nur kann man im Allgemeinen hinterher hinunterfallen, weil nicht das Bewusstsein als Grundlage vorhanden ist. Man macht die Erfahrung und weiß hinterher nicht einmal, was geschehen ist. Wenn du jedoch vorbereitet bist, wenn du tatsächlich dein Bewusstsein durch Yoga vorbereitet hast und die Sache dann geschieht, ist sie fast endgültig.
Worin liegt der Grund für den großen Unterschied zwischen europäischer und indischer Musik? Ist es der Ursprung oder der Ausdruck?
Es ist beides, jedoch in umgekehrtem Sinne.
Diese sehr hohe Inspiration kommt in europäischer Musik nur sehr selten vor. Selten ist auch ein seelischer Ursprung, sehr selten. Entweder kommt sie von hoch oben, oder sie ist vital. Der Ausdruck ist fast immer, außer in wenigen seltenen Fällen, ein vitaler Ausdruck – interessant, machtvoll. Meistens ist der Ursprung rein vital. Manchmal kommt er geradewegs von den Höhen, dann ist es wunderbar. Manchmal ist er seelisch, besonders in dem, was religiöse Musik war, aber das ist nicht sehr häufig.
Indische Musik hat, wenn es gute Musiker sind, fast immer einen seelischen Ursprung; die ragas beispielsweise sind seelischen Ursprungs. Sie kommen aus der Seele. Die Inspiration kommt nicht oft von oben. Indische Musik wird jedoch sehr selten durch ein starkes Vital verkörpert. Sie hat eher einen inneren und intimen Ursprung. Ich habe sehr viele indische Musikstücke gehört, sehr viele, ich habe aber selten indische Musik mit vitaler Stärke gehört, sehr selten, vielleicht nicht mehr als vier- oder fünfmal. Aber sehr oft habe ich indische Musik mit einem seelischen Ursprung gehört. Sie übersetzt sich nahezu direkt ins Physische. Und dann muss man sich wirklich konzentrieren, und da sie – wie soll man es ausdrücken – sehr fein, sehr subtil ist, da es keine jener intensiven vitalen Schwingungen gibt, kann man leicht in sie hineingleiten und zum seelischen Ursprung der Musik zurücksteigen. Sie übt folgende Wirkung auf dich aus: Es ist eine Art ekstatischer Trance, wie von einer Vergiftung. Sie lässt dich ein wenig in Trance eingehen. Wenn du dann gut zuhörst und loslässt, bewegst du dich weiter und gleitest, gleitest in ein seelisches Bewusstsein hinein. Wenn du jedoch nur im äußeren Bewusstsein verharrst, ist die Musik so zart und fein, dass das Vital nicht reagiert. Die Musik hinterlässt keinen Eindruck auf dich. Manchmal war eine vitale Kraft vorhanden, dann wurde es recht gut… Ich selbst mag diese Musik sehr gern, diese Art von Thema, das sich zu einem Musikstück entwickelt. Das Thema ist im Wesentlichen sehr musikalisch; und dann wird es mit Variationen entwickelt, mit unzähligen Variationen, und es ist immer das gleiche Thema, das auf die eine oder andere Art entwickelt wird. In Europa gab es Musiker, die wirklich Musiker waren und die das auch besaßen: Bach besaß es, er pflegte das Gleiche zu tun. Mozart besaß es, seine Musik war rein musikalisch. Er hatte nicht die Absicht, irgendetwas anderes auszudrücken. Es war Musik um der Musik willen. Aber diese Art, eine bestimmte Anzahl von Noten in einer gewissen Beziehung aufzunehmen (sie sind wie nahezu unendliche Variationen), finde ich persönlich wunderbar, um zur Ruhe zu kommen, und du dringst tief in dich selbst ein. Und wenn du dann bereit bist, gibt sie dir das seelische Bewusstsein: etwas, das dich vom äußeren Bewusstsein zurücktreten und anderswo eingehen, innerlich eintreten lässt.
In welcher Form kommt die Musik zu großen Komponisten? Das heißt, kommt nur die Melodie oder das, was wir hören?
Aber das hängt vom Musiker ab. Das ist genau, was ich gesagt habe. Hier in Indien zum Beispiel gibt es kaum Harmonielehre, und so wird die Sache durch Melodie übersetzt. Sobald das Vital eingreift, kommt eine Art harmonische Komplexität in die Musik hinein. Das verleiht ihr einen Reichtum, eine Fülle, die sie nicht besaß.
Kommt denn aber die Melodie?
Nein, sondern die Musik, und Musik ist nicht unbedingt Melodie. Sie ist eine Beziehung von Klängen, die nicht unbedingt melodisch ist. Melodie ist ein Teil dieser Klangbeziehungen…
Warum kann man nicht zur göttlichen Verwirklichung und zur Transformation gelangen, indem man dem Weg der Musik, der Kunst oder irgendeiner anderen Sache folgt?
Wer hat dir das erzählt? Kennst du alles, was in dir vorgeht? Glaubst du nicht, dass es viele Leute gibt, die das Göttliche verwirklicht haben, die niemals darüber gesprochen haben, nichts davon wissen?1 Es gibt Leute, die darüber gesprochen haben – Philosophen, deren eigentlicher Beruf es ist, das auszudrücken, was mit ihnen geschah. Aber es gibt Leute, die Erfahrungen hatten, jedoch niemals etwas sagten. Und ich weiß, dass es Künstler gibt, die rein durch ihre Kunst die göttliche Verwirklichung erlangten.
Was die Transformation betrifft, so wäre ich froh, wenn du mir ein Beispiel zeigen könntest. Ich wäre froh, wenn ich es sehen könnte. Ein Beispiel. Welchem Weg man auch immer folgt, sei es der religiöse Weg, der philosophische Weg, die yogischen Wege, der mystische Weg, keiner hat die Transformation verwirklicht.
Da Kunst nicht zur Transformation gelangt, besitzt sie keinen großen Wert!
Aber wer ist denn bis jetzt dort angelangt, kannst du mir das sagen? Weder Philosophie noch Religion noch Yoga. Wenn du den Wert in Verwirklichung und in die Transformation der Welt verlegst, beispielsweise eine einzige individuelle Transformation – wenn man zugibt, dass das möglich ist, und ich glaube es nicht –, dann hat nichts irgendwelchen Wert, weil bis heute nichts, aber auch nichts dort angelangt ist. Verstehst du nicht?
Doch, das verstehe ich.
Warum sagst du dann plötzlich, dass Kunst keinen Wert besitzt? Nichts hat irgendeinen Wert, weil nichts dazu geführt hat? Aber alles hilft doch. Das ganze Universum unterstützt die Transformation.
Aber es könnte geschehen, dass der Künstler, nachdem er eine gewisse Höhe erreicht hat, wo er Meister seiner Kunst ist, mit seiner Arbeit aufhören muss, um auf die Transformation seines Lebens hin voranzuschreiten.
Warum? Zur Transformation seines Lebens? Wer hat dir das erzählt? Wenn du handwerkliche Arbeit verrichten würdest – da gibt es jede Zahl von Handwerkern, die eine wundervolle Wandlung erlebten. Es gibt das Beispiel eines Schuhmachers, der einer der größten Yogis der Welt wurde. Es hängt nicht davon ab, was man tut – glücklicherweise! Musst du in Meditation sitzen – etwa so, mit einer orangefarbenen Robe bekleidet, unter einem Baum –, um in der Lage zu sein, das Göttliche zu verwirklichen?
Also ich verstehe nichts von dem, was du sagst.
Es mag eine Zeit kommen, in der man seine Tätigkeit ändern muss?
Aber durch jeden Weg, welcher es auch immer sei, kommst du an, wenn du ihm aufrichtig genug und ziemlich konstant folgst – durch jeden Weg, welcher es auch immer sei. Ich sage dir, du machst Schuhe und findest das Göttliche. Es gibt aufschlussreiche Beispiele, die unbestreitbar sind. Es macht wenig aus, was man tut. Es gibt zahlreiche Beispiele von Leuten, die Gartenarbeit oder Landbau betrieben und die das Göttliche sogar fanden, als sie physisch arbeiteten. Sie brauchten nicht mit ihrer Arbeit aufzuhören, um dies zu tun. Du verstehst nicht? Du glaubst, man müsse etwas besitzen – ein philosophisches Wissen?
Nein, das ist es nicht, aber ich weiß nicht, wie ich mich ausdrücken soll…
Nein, ich verstehe sehr gut, was du sagen willst, aber entschuldige, es ist etwas Dummes.
Wenn du einer Musik zuhören willst, musst du in deinem Kopf ein absolutes Schweigen herstellen. Du darfst keinem einzigen Gedanken folgen oder ihn akzeptieren und musst gänzlich konzentriert sein, wie eine Art Leinwand, die ohne Regung oder Geräusch die Schwingung der Musik empfängt. Das ist die einzige Art – es gibt keine andere –, die einzige Art, Musik zu hören und sie zu verstehen. Wenn du nur im Mindesten die Regungen und Launen deines Denkens zulässt, entgeht dir der ganze Wert der Musik.
1 Ein Schüler fragte die Mutter, wie man das Göttliche verwirklichen und nichts davon wissen könne. Die Mutter antwortete: „Es ist wieder das Gleiche. Man könnte hinzufügen: ‚… und wissen mental nichts davon.‘ Sie sagten nicht: ‚Ich habe das Göttliche verwirklicht‘, weil jenes nicht irgendeiner mentalen Vorstellung entsprach.“