Kapitel 10
Warum ist moderne Kunst so hässlich?
Warum ist moderne Kunst so hässlich?
Ich glaube, dass der Hauptgrund darin besteht, dass die Leute immer fauler werden und nicht arbeiten wollen. Sie möchten etwas herstellen, ehe sie gearbeitet haben, sie möchten wissen, ehe sie gelernt haben, und sie möchten sich einen Namen machen, ehe sie irgendetwas Gutes geschaffen haben. Und somit ist dies, wie wir sehen, die offene Tür für alle möglichen Dinge… Natürlich gibt es Ausnahmen.
Ich kannte Künstler, die großartige Künstler waren, die hart gearbeitet hatten und bemerkenswerte Dinge produzierten, klassisch, das heißt nicht ultra-modern. Aber sie waren nicht modern, weil man eben nicht klassisch sein durfte. Wenn einem Individuum, das niemals einen Pinsel berührt hat, ein Pinsel in die Hand gegeben wurde, und wenn ein Pinsel auf eine Farbpalette getupft wurde und derjenige nie zuvor eine Palette angerührt hatte, dann schmierte dieses Individuum natürlich nur irgendetwas hin, wenn er vor sich ein Stück Leinwand auf einer Staffelei stehen und nie zuvor ein Bild gemalt hatte. Er nahm die Farben und trug sie in zufälliger Weise auf. Dann rief jedermann: „bewundernswert“, „wundervoll“, „es ist der Ausdruck deiner Seele“, „wie gut dies die Wahrheit der Dinge enthüllt“ usw. Das war die Mode, und Leute, die nichts konnten, waren sehr erfolgreich. Die armen Menschen, die gearbeitet hatten, die ihre Kunst gut beherrschten, wurden nicht mehr nach ihren Bildern gefragt. Die Leute sagten: „Oh, das ist altmodisch, du wirst niemals Kunden für solche Dinge finden.“ Aber schließlich waren sie doch hungrig, sie mussten ihre Miete, ihre Farben und alles Übrige bezahlen, und das ist kostspielig. Was konnten sie denn tun? Wenn sie von den Kunsthändlern abgewiesen worden waren, die ihnen alle das Gleiche sagten: „Versuche doch modern zu sein, mein Freund, schau her, du bist nicht zeitgemäß.“ Was konnten sie tun, da sie sehr hungrig waren? … Ich kannte einen Maler, einen Schüler von Gustave Moreau. Er war wirklich ein sehr guter Künstler, er beherrschte seine Arbeit sehr gut, und dann…, er war dem Verhungern nahe, er wusste nicht, wie er sich nach der Decke strecken sollte, und er lamentierte im Allgemeinen. Eines Tages schickte ein Freund, der ihm zu helfen beabsichtigte, einen Kunsthändler zu ihm. Als der Händler sein Atelier betrat, sagte sich dieser arme Mann: „Endlich! Hier ist meine Chance“, und er zeigte ihm all seine besten Werke, die er angefertigt hatte. Der Kunsthändler verzog das Gesicht, sah sich um, drehte die Gegenstände herum und begann, in allen Ecken herumzustöbern, und plötzlich fand er… Ah! Ich muss euch das erklären, ihr seid mit diesen Dingen nicht vertraut: Ein Maler hat nach seinem Tagewerk zuzeiten einige gemischte Farben auf seiner Palette übrig. Er kann sie nicht aufheben. Sie trocknen innerhalb eines Tages. Aus diesem Grunde hat er immer einige Leinwandlappen bei sich, die nicht gut präpariert sind und die er mit dem vollschmiert, was man „das Abschabsel (Palettenscheps) von Paletten“ nennt (mit feinen Messern schabt er alle Farben von der Palette und schmiert sie auf die Leinwand), und da es viele gemischte Farben sind, ergibt dies unerwartete Muster. In einer Ecke lag eine solche Leinwand, auf die er gewöhnlich seinen Palettenscheps schmierte. Plötzlich fällt der Händler darüber her und ruft: „Da hast du es! Mein Freund, du bist ein Genie, dies ist ein Wunderwerk, dies solltest du zeigen! Schau diesen Reichtum an Tönen, diese Vielfalt an Formen, und welche Vorstellungskraft!“ Und dieser arme Mann, der dem Verhungern nahe war, sagte scheu: „Aber das sind meine Paletten-Abschabsel, mein Herr!“ Und der Kunsthändler packte ihn: „Dummer Narr, das darf man nicht erzählen!“ Dann sagte er: „Gib mir dies. Ich verpflichte mich dazu, es zu verkaufen. Gib mir soviel davon, wie du magst, zehn, zwanzig, dreißig im Monat, ich werde sie alle für dich verkaufen, und ich werde dich berühmt machen.“ Damals protestierte sein Magen, wie ich euch schon erzählte. Er war nicht glücklich, aber er sagte: „In Ordnung, nimm es mit, ich werde es mir überlegen.“ Dann kommt der Hauswirt, um die Miete zu verlangen. Der Farbenhändler kommt und verlangt die Bezahlung der alten Rechnung. Die Geldbörse ist ganz leer, und was soll man tun? Und so verfertigte er, wenn er auch keine Bilder mit Paletten-Abschabseln machte, etwas, das der Vorstellung freies Spiel ließ, wo die Formen nicht zu genau, die Farben alle gemischt und strahlend waren und man nicht zu genau erkennen konnte, was man sah; und da die Leute nicht sehr gut erkannten, was sie sahen, riefen jene, die nichts davon verstanden: „Wie schön es ist!“ Und er lieferte dies an seinen Kunsthändler. Er machte sich niemals einen Namen mit seiner richtigen Malerei, die wirklich sehr schön war (sie war wirklich ganz vortrefflich, er war ein sehr guter Maler), aber er gewann weltweite Anerkennung mit diesen Gräueln! Und dies spielte sich eben zu Beginn der modernen Malerei ab, dies geht zurück auf die Weltausstellung von 1900. Wenn ich euch seinen Namen nennen würde, würdet ihr ihn alle erkennen… Nun sind sie natürlich weit darüber hinausgegangen, sie haben es viel besser gemacht. Gleichwohl besaß er ein Empfinden für Harmonie und Schönheit, und seine Farben waren schön. Aber sobald gegenwärtig die geringste Schönheit vorhanden ist, geht das überhaupt nicht. Alles muss abscheulich hässlich sein, dann ist es modern!
Die Geschichte begann mit … dem Mann, der Stillleben zu malen pflegte und dessen Teller niemals rund waren…, Cézanne! Er war es, der damit anfing. Er sagte, dass es nicht lebendig sei, wenn Teller rund gemalt würden; dass man niemals Teller rund sieht, wenn man Gegenstände spontan anschaut: Man sieht sie so (Geste). Ich weiß nicht warum, aber er sagte, dass es nur der Verstand sei, der uns Teller als rund erblicken lässt, weil man weiß, dass sie rund sind, anderenfalls sieht man sie nicht rund. Er war es, der anfing… Er malte ein Stillleben, das wahrlich etwas sehr Schönes war, beachtet das: etwas sehr Schönes, mit einem wahrhaft überraschenden Eindruck von Farbe und Form (ich könnte euch eines Tages Reproduktionen zeigen, ich muss sie haben, aber unglücklicherweise sind es keine farbigen Reproduktionen; die Schönheit liegt in Wirklichkeit in der Farbe). Aber natürlich waren seine Teller nicht rund. Er hatte Freunde, die ihm genau das sagten: „Aber warum machst du deinen Teller nicht rund?“ Er antwortete: „Mein lieber Freund, du hast eine rein mentale Einstellung; du bist kein Künstler, du machst deine Teller rund, weil du denkst: Wenn du nur siehst, wirst du es so machen“ (Geste). Der Teller sollte in Übereinstimmung mit dem Eindruck gemalt werden. Dieser wirkt auf euch ein; ihr übersetzt die Einwirkung, und das ist wahrhaft künstlerisch. Auf diese Weise begann die moderne Kunst. Und beachtet, dass er recht hatte. Seine Teller waren nicht rund, aber er hatte im Prinzip recht.
Soll ich euch vom Psychologischen her sagen, was die Kunst zu dem gemacht hat, was sie ist? … Es ist die Fotografie. Die Fotografen beherrschten ihr Handwerk nicht und produzierten scheußliche Dinge, erschreckend hässlich, es war mechanisch, es hatte weder Seele noch Kunst, es war schrecklich. Die ganzen ersten Versuche der Fotografie bis … vor nicht allzu langer Zeit waren so. Vor etwa 50 Jahren wurde sie erträglich, und nun ist sie mit allmählicher Verbesserung zu etwas Gutem geworden. Aber man muss sagen, dass der Prozess vollkommen unterschiedlich ist. Wenn zu jener Zeit ein Porträt aufgenommen wurde, saß man auf einem bequemen Stuhl, man musste beim Sitzen nett anlehnen und einen enormen Gegenstand mit einem schwarzen Tuch anschauen, der sich etwa so zu euch hin öffnete. Und der Mann befahl: „Nicht bewegen! Fertig!“ Das war natürlich das Ende der alten Malerei. Wenn der Maler etwas Lebensähnliches anfertigte, ein lebensnahes Porträt, dann sagten seine Freunde: „Warum denn das, das ist Fotografie!“
Man muss sagen, dass die Kunst zu Ende des letzten Jahrhunderts, die Kunst des zweiten Kaiserreichs schlecht war. Es war ein Zeitalter der Geschäftsleute, vor allem ein Zeitalter von Bankiers, Financiers, und, auf mein Wort, Geschmack war sehr tief gesunken. Ich glaube nicht, dass Geschäftsleute notwendig solche sind, die sehr viel von Kunst verstehen, aber wenn sie ihr Porträt sehen wollten, wünschten sie eine Ähnlichkeit! Man konnte nicht das geringste Detail auslassen, es war geradezu komisch: „Aber du weißt doch, ich habe hier eine kleine Runzel, vergiss nicht, sie hineinzusetzen!“, und die Dame, die sagte: „Weißt du, du musst meine Schultern ganz rund machen“ usw. Und so fertigten die Künstler Porträts an, die sich in der Tat in Fotografien verwandelten. Sie waren flach, kalt, ohne Seele und ohne Schau. Ich kann eine Anzahl von Künstlern jener Periode nennen, es war wirklich eine Schande für die Kunst. Dies währte bis gegen Ende des letzten Jahrhunderts, bis etwa 1875. Danach begann die Gegenreaktion. Dann gab es einen sehr schönen Zeitraum (ich sage das nicht, weil ich selbst malte), aber alle Künstler, die ich damals kannte, waren wirklich Künstler, sie waren ernsthaft und vollbrachten bewundernswerte Dinge, die bewundernswert geblieben sind. Es war die Zeit der Impressionisten; es war die Zeit Manets, es war eine schöne Zeit, sie vollbrachten schöne Dinge. Aber die Leute werden der schönen Dinge müde, genauso wie sie der schlechten müde werden. So gab es jene, die den Salon d’ Automne gründen wollten. Sie wollten den anderen übertreffen, mehr in Richtung auf das Neue hin gehen, hin zum wahrhaft Anti-Fotografischen. Und, mein Gott, sie gingen etwas zu weit (für meinen Geschmack). Sie begannen Rembrandt abzuwerten – Rembrandt war ein Farbenkleckser, Tizian war ein Farbenkleckser, die ganzen großen Maler der Renaissance waren Farbenkleckser. Ihr durftet nicht den Namen Raffaels aussprechen, es war eine Schande. Und der ganze großartige Zeitraum der italienischen Renaissance war „nicht sehr viel wert“, sogar die Werke von Leonardo da Vinci, „weißt du, du musst sie annehmen und wieder von ihnen ablassen.“ Dann ging man noch etwas weiter. Man wollte etwas gänzlich Neues. Man fing an zu übertreiben. Und von da aus war es dann nur noch ein Schritt bis zu den Paletten-Abschabseln, und dann war es vorbei.
Dies ist die Geschichte der Kunst, so wie ich sie kannte.
Um euch nun die Wahrheit zu sagen, befinden wir uns wieder in der aufsteigenden Kurve. Ich glaube wahrhaftig, dass wir zu den Abgründen der Zusammenhangslosigkeit, Absurdität und Hässlichkeit hinabgestiegen waren – eines Gefallens am Gemeinen und Hässlichen, Schmutzigen, am Abscheulichen. Wir waren, glaube ich, ganz bis zum Grunde hinabgestiegen.
Steigen wir wirklich wieder empor?
Ich glaube es. Neulich sah ich einige Bilder, die wirklich etwas anderes zeigten als Hässlichkeit und Unschicklichkeit. Es ist noch keine Kunst, es ist noch weit davon entfernt, schön zu sein, aber es gibt Anzeichen dafür, dass wir wieder im Aufstieg begriffen sind. Ich fühlte es vor einigen Tagen, dass wir wirklich das Ende der absteigenden Kurve erreicht hatten. Wir sind noch sehr tief unten, aber wir beginnen aufzusteigen. Es ist da eine Art von Schmerz und noch ein völliger Mangel an Verstehen dessen, was Schönheit sein kann und sein sollte, aber man findet eine Aspiration zu etwas hin, das nicht gemein materiell sein wird. Eine Zeitlang hatte die Kunst sich im Schlamm wälzen wollen, um das zu sein, was man „realistisch“ nennt. Sie hatten als „real“ auserkoren, was am abstoßendsten und hässlichsten auf der Welt war: Alle Deformierungen, allen Schmutz, alle Hässlichkeit, die ganzen Schrecken, die ganzen Zusammenhangslosigkeiten von Farbe und Form. Nun, ich glaube, das liegt jetzt hinter uns. Ich empfand das sehr stark während der letzten Tage (nicht indem ich Bilder anschaute, denn wir haben hier keine Gelegenheit, viel zu sehen, sondern indem ich „die Atmosphäre verspürte“). Und auch in den Reproduktionen, die wir gezeigt bekommen, gibt es eine gewisse Aspiration nach etwas, das ein wenig höher sein möge. Es wird noch etwa fünfzig Jahre dauern, dann… Es sei denn, es gibt noch einen Krieg, noch eine Katastrophe – denn sicherlich sind die Kriege und die Schrecken der Kriege in großem Maße verantwortlich für dieses Gefallen am Gemeinen. Die Leute waren dazu gezwungen, jegliche verfeinerte Sensibilität, die Liebe zur Harmonie, das Bedürfnis nach Schönheit zu verdrängen, um all das erdulden zu können, anderenfalls wären sie wirklich vor Entsetzen gestorben, glaube ich. Es war so unaussprechlich widerwärtig, dass man es nicht ertragen konnte, also pervertierte es überall den Geschmack der Menschen, und als der Krieg vorbei war (vorausgesetzt, dass er jemals ein Ende fand), wollten sie nur eines: vergessen, vergessen, vergessen. Nach Zerstreuung suchen, nicht an all das Entsetzliche denken, das sie erlitten hatten. Nun begibt man sich dabei sehr tief hinab. Die gesamte vitale Atmosphäre ist völlig verdorben, und die physische Atmosphäre ist schrecklich verdunkelt…