Kapitel 11
Ist Sri Aurobindos Lehre eine neue Religion?
Viele sagen, die Lehre Sri Aurobindos sei eine neue Religion. Würdest du auch sagen, sie sei eine Religion?
Die das sagen sind Dummköpfe, die nicht einmal wissen, wovon sie reden. Es genügt, alles zu lesen, was Sri Aurobindo geschrieben hat, um zu wissen, dass es unmöglich ist, eine Religion auf seinem Werk zu begründen, weil er alle Aspekte für jedes Problem, für jede Frage darstellt und die in jeder Sichtweise enthaltene Wahrheit aufzeigt. Und er erklärt, dass man eine Synthese leisten muss, die alle mentalen Begriffe übersteigt, und man in einer Transzendenz jenseits des Denkens auftauchen muss, um die Wahrheit zu erreichen.
Der zweite Teil deiner Frage hat also keinen Sinn. Hättest du im Übrigen gelesen, was im letzten Bulletin1 erschienen ist, hättest du die Frage nicht stellen können.
Ich wiederhole: Wenn wir von Sri Aurobindo sprechen, kann von Lehre nicht die Rede sein, ja nicht einmal von Offenbarung, sondern von einem Wirken des Höchsten, und darauf kann keine Religion begründet werden.
Doch die Menschen sind so verrückt, dass sie alles zu einer Religion machen können, so sehr benötigen sie einen Rahmen für ihr enges Denken und ihr begrenztes Handeln. Sie fühlen sich erst sicher, wenn sie behaupten können: Dies ist wahr und jenes nicht. Aber solch eine Aussage ist jedem unmöglich, der Sri Aurobindo gelesen und begriffen hat. Religion und Yoga gehören nicht zur gleichen Ebene des Seins, und das spirituelle Leben kann nur dann in seiner ganzen Reinheit bestehen, wenn es von allem mentalen Dogma frei ist.
Der Entwurf eines Studienprojekts „Über die spirituelle Geschichte Indiens“ wurde der Mutter vorgelesen. Sie kommentierte:
Ihr versucht, die Kontinuität der Geschichte zu zeigen, mit Sri Aurobindo als Konsequenz, dem Höhepunkt. Das ist völlig falsch. Sri Aurobindo gehört nicht zur Geschichte; er steht außerhalb und über der Geschichte.
Bis zur Geburt von Sri Aurobindo konzentrierten sich Religionen und spirituelle Disziplinen immer auf vergangene Figuren, und sie zeigten als „das Ziel“ die Negation des Lebens auf Erden. Sie hatten also die Wahl zwischen zwei Alternativen: entweder
– ein Leben in in dieser Welt mit ihren vielen kleinen Vergnügungen und Qualen, Freuden und Leiden, bedroht von der Hölle, wenn man sich nicht richtig benimmt, oder
– eine Flucht aus dieser Welt in eine andere Welt, in einen Himmel, ein Nirvana, moksha, in die Befreiung…
Zwischen diesen beiden gibt es nicht viel zu wählen, sie sind gleichermaßen schlecht.
Sri Aurobindo hat uns gesagt, dass dies ein grundlegender Fehler war, der die Schwäche und Entwürdigung Indiens erklärt. Buddhismus, Jainismus, Illusionismus reichten aus, um alle Lebenskraft aus dem Land zu verbannen.
Es ist wahr, dass Indien der einzige Ort auf der Welt ist, der sich noch immer bewusst ist, dass es etwas anderes als Materie gibt. Die anderen Länder haben das ganz vergessen: Europa, Amerika und anderswo… Deshalb hat Indien immer noch eine Botschaft zu verkünden und der Welt zu vermitteln. Aber im Moment planscht und badet Indien im Durcheinander.
Sri Aurobindo hat gezeigt, dass die Wahrheit nicht darin liegt, vor dem irdischen Leben wegzulaufen, sondern in ihm zu bleiben, es zu wandeln, zu vergöttlichen, damit sich das Göttliche hier manifestieren kann, in dieser stofflichen Welt.
1 „Was Sri Aurobindo in der Weltgeschichte repräsentiert, ist keine Lehre, nicht einmal eine Offenbarung; es ist ein entscheidendes Wirken unmittelbar vom Höchsten.“ (Bulletin, April 1961, S. 169)