Kapitel 10
Der Unterschied zwischen Moralität und Spiritualität
Es gibt einen großen Unterschied zwischen Spiritualität und Moralität, zwei Dinge, die stets verwechselt werden. Das spirituelle Leben, das Leben des Yoga, strebt nach einem Wachstum, das zur Einswerdung mit dem göttlichen Bewusstsein führt, und es bewirkt, dass das, was in jedem von uns ist, geläutert, gestärkt, verklärt und vervollkommnet wird. Es gibt uns das Vermögen, das Göttliche zu offenbaren. Es hebt den Charakter jeder Persönlichkeit zu ihrem vollen Wert und bringt sie zu ihrem größtmöglichen Ausdruck. Denn dies gehört zum Göttlichen Plan. Die Moral hingegen verfährt nach einem Gedankengebäude und stellt mit einer Anzahl Prinzipien, was gut sei und was nicht, einen Idealtyp auf, dem jeder gleichen soll. Dies moralische Vorbild ist im Einzelnen und als Ganzes und je nach Zeit und Ort verschieden. Und dennoch behauptet es immer, einzigartig zu sein, ein kategorisches Absolutes. Es lässt außer sich nichts anderes gelten, ja nicht einmal eine Abweichung in sich selbst. Alle Menschen müssen in die Gussform eines einzigen Ideals gezwängt werden, alle einheitlich und ohne Ausnahme gleichgemacht werden. Weil die Moral ihrer Natur nach so starr und unwirklich ist, ist sie in ihrer Wirkung das grundsätzliche Gegenteil des spirituellen Lebens. Zwar enthüllt das spirituelle Leben in allen das eine Wesen, doch ebenso auch dessen unendliche Vielfalt. Es arbeitet an der Vielfalt in der Einheit und an der Vervollkommnung in dieser Vielfalt. Die Moral errichtet ein künstliches Modell, das der Mannigfaltigkeit des Lebens und der Freiheit des Geistes widerspricht. Sie schafft etwas unveränderlich und beschränkt Mentales und verlangt von allen, sich anzupassen. Alle sollen sich bemühen, dieselben Eigenschaften und dieselbe ideale Natur zu erwerben. Moral ist nicht göttlich und kommt nicht vom Göttlichen. Sie ist Menschenwerk und nichts als menschlich. Sie gründet sich auf eine starre Trennung zwischen Gut und Böse. Doch das ist eine willkürliche Vorstellung. Sie nimmt relative Dinge und will sie als etwas Absolutes aufzwingen. Doch dies Gute und Böse ist je nach Klima, Epoche und Land verschieden. Gewisse moralische Vorstellungen besagen sogar, es gäbe gute und böse Begierden, die einen müsse man annehmen und die anderen ablehnen. Das spirituelle Leben aber heißt uns alle Begierden abzuweisen. Es ist sein Gesetz, alle Regungen auszuschließen, die uns vom Göttlichen entfernen können. Du musst sie verwerfen, nicht weil sie an sich schlecht wären – denn sie mögen für einen anderen und in einer anderen Sphäre gut sein –, sondern weil sie zu den unwissenden und unerleuchteten Triebkräften gehören, die den Weg zum Göttlichen verstellen. Alle Begierden, gute und schlechte, gehören zu dieser Sorte, denn jegliche Begierde stammt aus einem dunklen und unwissenden Vital. Umgekehrt musst du alle Regungen annehmen, die dich dem Göttlichen näherbringen. Du nimmst sie an, nicht weil sie an sich gut wären, sondern weil sie dich zum Göttlichen führen. Nimm daher alles an, was dich zum Göttlichen bringt, weise alles zurück, was dich vom Göttlichen entfernt. Sage nicht, dies ist gut und jenes ist schlecht, und versuche nie, deinen Gesichtspunkt anderen aufzudrängen, denn der Weg der anderen mag vom deinigen sehr verschieden sein. Was du schlecht nennst, kann für deinen Nachbarn, der sich nicht um das Göttliche Leben bemüht, sogar ganz ausgezeichnet sein.
Im Allgemeinen spricht man von moralischer Vollkommenheit dann, wenn man alle Eigenschaften hat, die als moralische Eigenschaften angesehen werden: keine Fehler haben, sich nie irren, nie Fehler machen, immer das sein, was man sich als das Beste vorstellt, alle Tugenden besitzen. Das heißt die höchste mentale Konzeption zu verwirklichen: alle Qualitäten – und es gibt viele davon –, alle Tugenden, alles, was der Mensch sich vorgestellt hat, um das Schönste, Edelste, Wahrhaftigste zu sein, und das ganzheitlich zu leben, um alle seine Handlungen davon leiten zu lassen, alle Regungen, alle Reaktionen, alle Gefühle, alles. … Dies bedeutet, ein sittliches Ideal von Vollkommenheit zu leben. Dieses Ideal ist das Höchste in der mentalen Evolution der Menschheit.
Es gibt nicht viele Menschen, die das tun. … Immerhin, es hat welche gegeben, und es gibt noch welche! Meistens halten die Menschen dies für das spirituelle Leben. Wenn man einem solchen Menschen begegnet, sagt man: „Oh, er ist ein großer spiritueller Mensch.“ Er mag ein großer Heiliger sein, er mag ein großer Weiser sein, aber er ist kein spiritueller Mensch.
Und doch ist es etwas sehr Gutes, und es ist sehr schwer zu verwirklichen! Es kommt ein Augenblick in der inneren Entwicklung, wo es absolut notwendig ist zu versuchen, das zu verwirklichen. Es ist offensichtlich demjenigen unendlich überlegen, der noch von all seinen unwissenden äußeren Impulsen und Reaktionen geleitet wird. Das bedeutet bereits, in gewisser Weise Meister seiner Natur zu sein. Es ist sogar eine Phase, durch die man hindurch muss, weil es eine Zeit ist, in der man allmählich sein Ego meistern lernt, wo man bereit ist, es fallen zu lassen – es ist noch da, aber genügend geschwächt, dass sein Ende nahe ist. Es ist die letzte Etappe, bevor man auf die andere Seite hinübergeht, und wenn man sich einbildete, man könnte auf die andere Seite hinübergehen, ohne diese Etappe durchschritten zu haben, würde man sich mit Sicherheit der Gefahr einer großen Täuschung aussetzen und riskieren, vollkommene Freiheit für eine völlige Schwäche vor seiner niederen Natur zu halten.
Es ist fast unmöglich, vom mentalen Wesen – selbst vom vollkommensten und hervorragendsten – zum wahren spirituellen Leben überzugehen, ohne eine Zeitlang, und sei sie noch so kurz, dieses Ideal moralischer Vollkommenheit verwirklicht zu haben. Viele versuchen, den Weg abzukürzen, und wollen ihre innere Freiheit behaupten, bevor sie alle Schwächen ihrer äußeren Natur überwunden haben – sie begeben sich in große Gefahr: sich selbst zu betrügen. Das wahre spirituelle Leben, die totale Freiheit, ist etwas viel Höheres als die höchsten moralischen Verwirklichungen, aber man muss aufpassen, dass diese sogenannte Freiheit nicht ein Sich-gehen-lassen und eine Verachtung aller Regeln ist.
Man muss höher, immer höher, immer noch höher gehen, nicht weniger als das, was die Erhabensten der Menschheit vollbracht haben.
Man muss spontan alles sein können, was in der Vorstellung der Menschheit das Höchste, Schönste, Vollkommenste, Uneigennützigste, Umfassendste und Beste ist, bevor man die spirituellen Flügel öffnet und dies alles von oben betrachtet als Dinge, die noch zum individuellen Ego gehören, und um in die eigentliche Spiritualität einzutreten, die keine Grenzen mehr kennt, die in ganzheitlicher Weise das Unendliche und das Ewige lebt.