Kapitel 11
Ärger ist eine Deformation der Kraft des Vitals
Worte der Mutter
51. Wenn ich von gerechtem Ärger höre, wundere ich mich über des Menschen Fähigkeit zur Selbsttäuschung. (Sri Aurobindo, Aphorism)
Wenn man sich selbst betrügt, tut man dies immer in gutem Glauben. Man handelt immer für das Wohl des anderen oder das Wohl der Menschheit und das eigene – das versteht sich von selbst! Wie betrügt man sich dann?
Ich möchte dir gerne selbst eine Frage stellen! Weil deine Frage auf zweierlei Weise verstanden werden kann. Man kann sie auf dieselbe ironische und humorvolle Weise nehmen, wie Sri Aurobindo es in seinem Aphorismus getan hat, in dem er sich über die menschliche Fähigkeit zum Selbstbetrug wundert. Das heißt, du setzt dich an die Stelle von jemandem, der sich selbst belügt und sagst: „Aber ich handele in gutem Glauben. Ich will für andere immer das Gute et cetera – das Wohlergehen der Menschheit, den Dienst für das Göttliche, das versteht sich von selbst! Und wie kann ich mich dann selbst betrügen?“
Aber tatsächlich gibt es zwei Arten sich selbst zu betrügen, die sehr unterschiedlich sind. Zum Beispiel magst du von bestimmten Dingen sehr schockiert sein, nicht aus persönlichen Gründen, sondern eben in deinem guten Willen und deinem Eifer, dem Göttlichen zu dienen, wenn du siehst, dass Leute sich schlecht benehmen, egoistisch sind, untreu und verräterisch. Dies ist ein Zustand, in dem du diese Dinge überwunden hast und ihnen nicht mehr gestattest sich in dir zu manifestieren. Aber in dem Maße, in dem du mit dem äußeren Bewusstsein, den gewöhnlichen Ansichten, dem gewohnten Leben und den gewohnten Denkweisen verbunden bist, sind sie immer noch möglich, sie existieren unterschwellig, weil sie das Gegenteil der Qualitäten darstellen, die du erlangen möchtest. Und diese Gegensätzlichkeit ist immer noch da, – bis du über sie hinausgehst und diese Eigenschaft oder Unvollkommenheit nicht mehr hast. So lange du die Tugend hast, schlummert ihr Gegenteil immer latent in dir; erst, wenn du über beidem – der Tugend und der Unvollkommenheit – stehst, verschwindet es.
Deshalb kommt diese Entrüstung, die du fühlst, von der Tatsache, dass du nicht gänzlich über ihr stehst; du befindest dich auf der Ebene, auf der du völlig ablehnst und selbst nicht so handeln könntest. Bis dahin ist nichts zu sagen, außer, du zeigst auf heftige Weise deine Empörung. Wenn Ärger dazwischenkommt, liegt es daran, dass ein völliger Widerspruch zwischen dem Gefühl, das du haben möchtest, und deiner Art auf andere zu reagieren, besteht. Denn Ärger ist eine Entstellung der vitalen Kraft, ein obskures und ganz unregeneriertes Vital, ein Vital, das all den gewöhnlichen Handlungen und Reaktionen unterworfen ist. Wenn diese vitale Kraft durch einen unwissenden und egoistischen individuellen Willen gebraucht wird, und dieser Wille auf Widerstand von anderen individuellen Willen um sich herum trifft, verwandelt sich diese Kraft unter dem Druck des Widerstands in Ärger und versucht mit Gewalt zu bekommen, was mit dem bloßem Druck der Kraft selber nicht zu erreichen ist.
Außerdem sind Ärger und jede andere Art von Gewalt immer ein Zeichen von Schwäche, Ohnmacht und Unfähigkeit.
Und hier kommt Selbstbetrug nur von der Zustimmung, die man ihm erteilt oder dem ihm anhaftenden schmeichelnden Beiklang, denn Ärger kann nur etwas Blindes, Unwissendes und Asurisches – dem Licht Feindliches – sein.
Worte der Mutter
Aber wenn man die Wurzel des Übels ganz herausreißen kann?
Ah! Man darf sich dessen nicht so sicher sein. Ich habe Leute gekannt, die die Welt retten wollten, indem sie sie so reduzierten, dass keine Welt mehr übrig geblieben ist! Dies ist der asketische Weg, – du willst das Problem aus dem Weg haben, indem du die Möglichkeit zu diesem Problem ausschaltest. Aber dies wird nie etwas ändern.
Nein, es gibt ein Mittel – eine sicheres, – aber deine Methode muss sehr klarsichtig sein, und du musst ein ganz waches Bewusstsein deiner selbst und dessen, was sich da ereignet und der Art und Weise, in der Dinge geschehen, haben. Lass uns das Beispiel einer zu Wutausbrüchen und Gewalt neigenden Person nehmen. Nach der einen Methode würde ihr gesagt werden: „Werde so ärgerlich, wie du willst, – du wirst die Konsequenzen deines Ärgers spüren, und dies wird dich heilen.“ Dies ist fragwürdig. Bei einer anderen Methode würde ihm gesagt: „Sitze auf deinem Ärger und er wird verschwinden.“ Auch dies ist fragwürdig. In jedem Fall wirst du immer auf ihm sitzen müssen, denn wenn du jemals für eine Minute aufstehen würdest, würdest du sehen, was geschieht. Nun, … was müsste man tun?
Du musst immer bewusster werden. Du musst beobachten, wie sich die Sache entwickelt, auf welchem Weg sich die Gefahr nähert, und sie konfrontieren, bevor sie dich vereinnahmen kann. Wenn du dich von einer Unvollkommenheit oder einer Schwierigkeit heilen willst, gibt es nur eine Methode: völlig wachsam zu sein, ein sehr aufgewecktes und aufmerksames Bewusstsein zu haben. Zuerst musst du sehr klar sehen, was du tun möchtest. Du darfst nicht zögern, voller Zweifel sein und sagen: „Ist es gut, dies zu tun oder nicht, soll man dies mit in Betracht ziehen oder eher nicht?“ Du siehst, wenn du auf dein Denken vertraust, wird es immer vor und zurück pendeln: es schwankt die ganze Zeit. Wenn du eine Entscheidung triffst, wird es dir alle Argumente dafür präsentieren, dass deine Entscheidung nicht gut ist, und du wirst zwischen „ja“ und „nein“, schwarz und weiß hin- und hergerissen sein und nichts erreichen. Deshalb musst du als Erstes genau wissen, was du willst – wissen – nicht mental, sondern durch Konzentration, durch Aspiration und einen sehr bewussten Willen. Das ist das Wichtige. Danach, musst du allmählich durch Beobachtung und nicht nachlassende Wachsamkeit eine Art Methode finden, die dir entspricht. – Es ist sinnlos, andere davon zu überzeugen, dass sie die gleiche Methode wie du verwenden sollen, denn das wird nicht gelingen. Jedermann muss seine eigene Methode finden, jeder muss seine eigene Methode haben; und in dem Maße, wie du deine Methode in die Praxis umsetzt, wird sie immer klarer und immer genauer werden. Du kannst einen bestimmten Punkt korrigieren, einen anderen klären et cetera. So fängst du an zu arbeiten… Eine Zeitlang wird alles gut gehen. Dann, eines Tages, siehst du dich mit einer unüberwindbaren Schwierigkeit konfrontiert und wirst dir sagen: „Ich habe all dies unternommen, und hier ist alles genau so schlimm wie vorher!“ In diesem Fall musst du dann durch eine noch intensivere Konzentration eine innere Tür in dir öffnen und eine Kraft in diese Bewegung bringen, die früher nicht da war, einen Zustand des Bewusstseins, den es vorher nicht gab. Und dann, wenn dein eigener persönlicher Wille erschöpft ist und nichts mehr erreicht, wird da eine Kraft sein. Wenn die individuelle Kraft versagt, sagen gewöhnliche Leute: „Das ist gut, ich kann nichts weiter tun, es ist vorbei.“ Aber ich sage dir, wenn du dich vor dieser Wand befindest, ist es der Anfang von etwas Neuem. Durch eine unnachgiebige Konzentration musst du auf die andere Seite der Wand gelangen, und dort wirst du ein neues Wissen, eine neue Kraft, eine neue Hilfe finden, und du wirst ein neues System ausarbeiten können, eine neue Methode, die dich sicherlich sehr weit bringen wird.
Ich sage dies nicht, um dich zu entmutigen; nur, die Dinge geschehen so. Und das Schlimmste von allem ist entmutigt zu werden, wenn das passiert. Du musst dir sagen: „Mit den Mitteln, die mir zur Verfügung stehen, bin ich bis zu einem gewissen Punkt gelangt, aber diese Methoden lassen mich nicht weiterkommen. Was sollte ich tun? … Hier sitzen und mich nicht mehr rühren? – Ganz und gar nicht. Ich muss andere Transportwege finden.“ Dies wird ziemlich oft passieren, aber nach einiger Zeit wirst du daran gewöhnt sein. Du musst dich einen Augenblick hinsetzen, meditieren, und dann andere Mittel finden. Du musst deine Konzentration erhöhen, dein Streben und dein Vertrauen, und mit der neuen Hilfe, die zu dir kommt, ein neues Programm erstellen, andere Methoden ausarbeiten, um die zu ersetzen, die du hinter dir gelassen hast. Auf diese Weise kommt man Schritt für Schritt voran.
Aber du musst sehr darauf achten, auf jeder Ebene so vollkommen wie möglich das anzuwenden, was du gewonnen oder gelernt hast. Wenn du in einem nach innen gerichteten Bewusstseinszustand bleibst und den inneren Fortschritt nicht im Außen umsetzt, wird gewiss eine Zeit kommen, wo du dich überhaupt nicht bewegen kannst. Denn dein gleich gebliebenes äußeres Wesen wird wie eine Fessel sein, die dich zurückzieht und am Vorankommen hindert. Deshalb ist es das Allerwichtigste (was jeder bejaht, aber nur wenige tun), das, was du weißt, zu praktizieren. Damit hast du eine gute Chance auf Erfolg, und mit Hartnäckigkeit wirst du sicherlich dorthin gelangen.
Du musst niemals entmutigt werden, wenn du dich vor einer neuen Mauer findest, niemals sagen: „Oh! Was soll ich tun? Sie ist immer noch da.“ Auf diese Weise wird die Schwierigkeit immer noch da sein und noch da sein und noch da sein, bis ganz zum Schluss. Erst wenn du das Ziel erreichst, wird dann alles zerbröckeln.