Kapitel 10

Der zentrale Konflikt des seelischen Wesens

Der Schatten des nirvanischen alles verneinenden Absoluten auf dem seelischen Wesen

„Wer bist du, der du deine Krone forderst für gesonderte Geburt,

Die Illusion deiner Seele Wirklichkeit

Und persönlichem Gott auf einem unwissenden Erdball

Im tierischen Körper eines unvollkommenen Menschen?

Hoffe nicht in einer Welt voller Schmerz glücklich zu sein

Und träume nicht, lauschend auf das ungesprochene Wort

Und geblendet von dem unbeschreiblichen Strahl,

Der das Reich des stummen Überbewussten übersteigt,

Dem Unkennbaren einen Körper zu verschaffen,

Oder für eine Gutheißung zu deines Herzens Wonne

Dem schweigend stillen Erhabenen Seligkeit aufzubürden,

Entehrend seine blanke und gestaltlose Heiligkeit,

Oder das Göttliche in dein Gemach zu rufen

Und bei Gott zu sitzen und eine menschliche Freude zu kosten.

Ich habe alles erschaffen, alles verschlinge ich;

Ich bin der Tod und die dunkle schreckliche Mutter des Lebens,

Ich bin Kali, schwarz und nackt in der Welt,

Ich bin Maya und das Universum ist mein Trug.

Mit meinem Atem verwüste ich menschliches Glück

Und erschlage den Lebenswillen, die Daseinsfreude,

Auf dass alles zurückkehre in das Nichts

Und nur das Ewige und Absolute verbleibt.

Denn wahr sein kann nur das blanke Ewige.

Alles andere ist Schatten und Blitz in Mentals hellem Glas,

Mental, wertloser Spiegel, worin das Unwissen sieht

Ein herrlich Bild vom eigenen falschen Selbst

Und träumt, es sehe eine glorreiche feste Welt.

O Seele, Erfinderin des Menschen Gedanken und Hoffnungen,

Du selbst eine Erfindung des Stroms der Augenblicke,

Der Illusion Kern oder subtiler Scheitelpunkt,

Erkenne dich endlich, lass ab vom eitlen Dasein.“

VII.6.102-32

Übrig blieb nur eine formlose Form des Selbstes,

Ein unbedeutendes Gespenst von etwas, das einmal war,

Die letzte Erfahrung einer verebbenden Welle

Bevor sie versinkt in einem grenzenlosen Meer, –

Als wahrte sie selbst noch am Rande des Nichtseins

Ihr schieres Gefühl von jenem Ozean, aus dem sie kam.

Eine Weite brütete, frei vom Empfinden eines Raumes,

Ein Ewigdauerndes, losgelöst von Zeit;

Ein seltsam feiner unveränderlicher Friede

Wies still Welt und Seele ab.

Ein nacktes Wirkliches ohne Gefährten

Gab seiner Seele inbrünstigen Suchen Antwort zuletzt:

Leidenschaftslos, wortlos, versunken in sein unergründlich Schweigen,

Wahrend das Mysterium, das niemand je durchdringen würde,

Brütete es undurchschaubar und ungreifbar,

Ihm gegenüberstehend mit stumm gewaltiger Ruhe.

Es hatte keine Verwandtschaft mit dem Universum:

In seiner Weite gab es keine Tat, keine Bewegung:

Vor diesem Schweigen erstarb des Lebens Frage auf dessen Lippen,

Der Welt Bemühen hörte auf, des Unwissens überführt,

Vom himmlischen Lichte keine Zustimmung findend:

Da war kein Mental mit seinem Bedürfnis zu wissen,

Da war kein Herz mit seinem Bedürfnis zu lieben.

In seiner Namenlosigkeit verschwand jede Person.

Da war kein Zweites, es hatte weder Partner noch Ebenbürtiges;

Wirklich für sich selbst war es selber nur.

Ein reines Dasein, vor Denken und Stimmung sicher,

Ein Bewusstsein ungeteilter unsterblicher Seligkeit,

So weilte es zurückgezogen in seiner nackten Unendlichkeit,

Eins und einzig, unsagbar allein.

Ein Wesen, formlos, eigenschaftslos und stumm,

Sich selbst kennend durch sein eigenes zeitloses Selbst,

Sich stets seiner gewahr in seinen reglosen Tiefen,

Nicht erschaffend, unerschaffen und ungeboren,

Das Eine, durch das alles lebt, das durch keinen lebt,

Eine unermesslich leuchtende Heimlichkeit,

Behütet von den Schleiern des Ungeoffenbarten,

Über dem wandelnd kosmischen Zwischenspiel,

Wohnte zuhöchst, unwandelbar dasselbe,

Ein schweigender Urgrund, okkult, undurchdringlich, –

Unendlich, ewig, undenkbar, allein.

III.1.118-54

Eine absolute, nicht mitteilbare Stille

Begegnet der schieren Selbstentdeckung der Seele;

Ein Wall der Stille verschließt sie vor der Welt,

Ein Schlund der Stille verschlingt das Empfinden

Und macht alles unwirklich, was das Mental gekannt hat,

Alles, was die sich mühenden Sinne noch weben würden,

Verlängernd eine vorgestellte Unwirklichkeit.

Das weite spirituelle Schweigen des Selbstes nimmt ein den Raum;

Einzig das Unbegreifbare bleibt noch,

Nur das Namenlose ohne Raum und Zeit:

Aufgelöst ist das belastende Bedürfnis des Lebens:

Denken fällt von uns ab, wir lassen ab von Freude und Kummer;

Das Ego ist tot; wir sind befreit von Sein und Sorge,

Wir sind fertig mit Geburt und Tod und Arbeit und Schicksal.

III.2.1-14

Die Antwort auf die Frage nach dem alles verneinenden Absoluten

Dann kam von den Höhen eine mächtigere Stimme herab,

Das Wort, das das Herz berührt und die Seele findet,

Die Stimme des Lichts nach der Stimme der Nacht:

Der Schrei des Abgrunds zog des Himmels Antwort herbei,

Eine Macht des Sturms, verjagt von der Macht der Sonne.

„O Seele, entblöße dein Königreich nicht vor dem Feinde;

Dein Königtum der Glückseligkeit zu verbergen willige ein

Dass Zeit und Schicksal nicht Zugang finden dort

Und pochen an deine Tore mit Donnerschlag.

Verbirg, solange du kannst, den Schatz deines gesonderten Selbstes

Hinter dem leuchtenden Schutzwall deiner Tiefen

Bis Teil eines gewaltigeren Imperiums es wird.

Doch nicht für sich selbst nur wird das Selbst gewonnen:

Gib dich nicht zufrieden mit einem eroberten Reich;

Wage alles, um die ganze Welt dein zu machen,

Um in größere Königreiche einzubrechen, darauf richte deine Kraft.

Befürchte nicht ein Nichts zu sein, auf dass du alles seist;

Willige ein in die Leerheit des Höchsten,

Dass alles in dir sein Absolutes erreicht.

Akzeptiere es, klein und menschlich auf der Erde zu sein,

Unterbrechend deine neugeborene Göttlichkeit,

Damit der Mensch sich gänzlich finde in Gott.

Wenn du nur um deinetwillen gekommen wärst

Ein unsterblicher Geist in die Welt des Sterblichen hinein,

Um dein strahlendes Königreich in Gottes Dunkel zu begründen,

Im Reiche des Nichtbewussten ein leuchtender Stern,

Ein Tor in der Unwissenheit, zum Licht hin geöffnet,

Warum hättest du dann überhaupt kommen sollen?

Du kamst hernieder in eine kämpfende Welt,

Beizustehen einer blinden und leidend sterblichen Art,

Dem Licht zu öffnen die Auge, die noch nicht sehen,

Zu bringen Glückseligkeit in das Herz des Kummers,

Zu überbrücken mit deinem Leben Erde und Himmel;

Wenn du das ringende Universum erretten willst,

So empfinde das allumfassende Leiden als deines:

Du musst den Schmerz ertragen, den zu heilen du trachtest;

Der Tagbringer muss wandeln in der dunkelsten Nacht.

Wer die Welt retten will, muss ihren Schmerz teilen.

Kennt er Leid nicht, wie soll er des Leidens Heilung finden?

Wandelt er weit über dem Haupt der Sterblichkeit einher,

Wie soll der Sterbliche den allzu hohen Pfad erreichen?

Wenn sie sehen, wie einer der ihren des Himmels Gipfel erklimmt,

Können Menschen hoffen, diesen titanischen Aufstieg zu erlernen.

Gott muss auf Erden geboren werden und sein wie der Mensch,

Damit der Mensch als Mensch auch werde wie Gott.

Wer die Welt retten will, muss eins sein mit der Welt,

Muss alles, was leidet, im Raume seines Herzens bergen

Und den Kummer und die Freude von allem Lebendigen tragen.

Seine Seele muss weiter sein als das Universum

Und Ewigkeit fühlen als ihren eigenen Stoff,

Von sich weisend des Augenblicks Persönlichkeit,

Sich älter wissen als die Geburt der Zeit,

Die Schöpfung ein Ereignis in ihrem Bewusstsein,

Arkturus und Belphegor als Feuerkörner,

Die da kreisen in einer Ecke von ihrem grenzenlosen Selbst,

Der Welt Vernichtung als kleinen flüchtigen Sturm

In der stillen Unendlichkeit, die sie geworden ist.

Wenn du ein wenig die weitläufige Kette lösen würdest,

Zurücktrittst von der Welt, die von der Idee geschaffen ward,

Deines Mentals Auswahl aus dem Unendlichen,

Deiner Sinne Glosse zu des Urkleinstenen Tanz,

Dann wirst du wissen, woher die große Knechtschaft kam.

Verbanne aus dir alles Denken und sei Gottes Leere.

Dann wirst du das Unkennbare enthüllen

Und das Überbewusste bewusst werden auf deinen Höhen;

Des Unendlichen Schau wird dringen durch deinen Blick;

Du wirst in die Augen blicken dem Unbekannten,

Die verborgene Wahrheit finden im falsch und nichtig Gesehenen,

Hinter Bekanntem des Mysteriums Hintergrund entdecken.

Du wirst eins sein mit Gottes nackter Wirklichkeit

Und der wunderreichen Welt, zu der er wurde,

Und dem noch göttlicheren Wunder, das noch kommen wird

Wenn Natur, die jetzt noch unbewusst Gott ist,

Durchscheinend wird für das Licht des Ewigen,

Ihr Sehen seine Sicht, ihr Schreiten seine Schritte der Macht,

Und Leben durchdrungen ist von einer spirituellen Freude

Und Materie die willige Braut des Geistes ist.

Akzeptiere, nichts und niemand zu sein, das Werk der Zeit löse auf,

Wirf weg deinen mentalen Geist, stehe ab von Name und Form.

Annulliere dich selbst, dass einzig Gott nur sei.“

VII.6.141-200

O Seele, schon zu frohlocken wäre verfrüht!

Du hast das grenzenlose Schweigen des Selbstes erlangt,

Du bist in einen frohen göttlichen Abgrund gesprungen;

Wohin aber warfst du des Selbstes Mission und des Selbstes Macht?

Auf welch tote Böschung an des Ewigen Pfad?

Einer war in dir, der Selbst und Welt war,

Was hast du für sein Ziel in den Sternen getan?

Flucht bringt nicht den Sieg und die Krone!

Um etwas zu tun kamst du aus dem Unbekannten,

Doch nichts ist beendet und weiter geht die Welt,

Denn nur die Hälfte ist vollbracht von Gottes kosmischem Werk.

Genaht hat sich nur das immerwährende Nein

Und hat dir in die Augen gestarrt und dein Herz getötet:

Doch wo ist des Liebsten immerwährend Ja,

Die Unsterblichkeit in dem geheimen Herz,

Die Stimme, die da singt zum Schöpferfeuer empor,

Der Sinnlaut OM, das große gutheißende Wort,

Die Brücke zwischen der Verzückung und der Ruhe,

Die Leidenschaft und die Schönheit der Braut,

Die Kammer, in der sich die glorreichen Feinde küssen,

Das errettende Lächeln, der goldne Gipfel der Dinge?

Auch dies ist Wahrheit an der mystischen Quelle des Lebens.

Ein schwarzer Schleier hat sich gelüftet; wir sahen

Den mächtigen Schatten des allwissenden Herrn;

Doch wer hat den Schleier des Lichtes gelüftet

Und wer hat den Körper des Königs gesehen?

Das Mysterium von Gottes Geburt und Taten bleibt,

Lässt ungebrochen das Siegel des letzten Kapitels,

Ungelöst das Rätsel des unbeendeten Spieles;

Der kosmische Spieler lacht in seiner Maske

Und noch verbirgt sich das letzte unberührte Geheimnis

Hinter der menschlichen Herrlichkeit von einer Gestalt,

Hinter dem goldnen Eidolon von einem Namen.

Eine lange weiße Linie hat als Ziel gedient,

Doch weit dahinter lodern die unsagbaren Sonnenbahnen:

Was Ursprung und Ende schien war ein weites Tor,

Ein letzter bloßer Schritt in die Ewigkeit.

Auf Zeitlosigkeit hat sich ein Auge aufgetan,

Unendlichkeit nimmt die Formen zurück, die sie verlieh,

Und durch Gottes Finsternis oder sein nacktes Licht

Kehren seine Millionen Strahlen zur Sonne heim.

Es gibt ein Null-Zeichen des Höchsten;

Natur, sich nackt und still überlassen, entschleiert Gott.

Doch in ihrem grandiosen Nichtssein ist alles da:

Sind ihre festen Kleider von uns weggerissen,

Ist der Seele Unwissen getilgt, nicht aber die Seele:

Die Null verdeckt ein unsterblich Angesicht.

Eine hohe und leere Verneinung ist nicht alles,

Eine gewaltige Auslöschung ist nicht Gottes letztes Wort,

Des Lebens letzter Sinn, das Ende von des Seins Werdegang,

Die Bedeutung dieser großen mysteriösen Welt.

Im absoluten Schweigen schläft eine absolute Macht.

Erwachend, kann wecken sie die trancegebundene Seele

Und in dem Strahl enthüllen die elterliche Sonne:

Sie kann die Welt zum Gefäße machen für des Geistes Kraft,

Sie kann im Lehm modellieren Gottes vollkommene Form.

Das Selbst zu befreien ist nur ein lichtvoller Schritt;

Hier sich selbst zu erfüllen, war Gottes Wunsch.

Noch während er stand am nackten Rande des Seins

Und all die Leidenschaft und Suche seiner Seele

Sich ihrer Auslöschung in eigenschaftsloser Weite gegenübersahen,

Nahte plötzlich die Gegenwart, die er ersehnte.

Her durch das Schweigen der allerletzten Ruhe,

Aus dem Kern einer wundervollen Transzendenz,

In einem Körper von Wunder und Transluzenz,

Als wäre ein lieblich mystischer Inbegriff ihrer selbst,

Entschwunden in die ursprüngliche Seligkeit,

Erweitert zurückgelangt aus der Ewigkeit,

Kam nun jemand, unendlich und absolut.

III.2.15-83