Kapitel 10
Das Erwachen des inneren Wesens im Schlaf
Worte Sri Aurobindos
Deine andere Erfahrung ist ein erstes Erwachen des inneren Wesens im Schlaf. Wenn man schläft, spielt sich gewöhnlich ein komplizierter Vorgang ab. Das Wachbewusstsein ist nicht länger vorhanden, da sich alles nach innen, in die inneren Bereiche, zurückgezogen hat, deren wir uns im Wachzustand nicht bewusst sind, obwohl sie existieren. Denn dann wird durch das Wach-Mental alles verhüllt, und nichts außer dem oberflächlichen Selbst und der äußeren Welt bleibt übrig – etwa so, wie der Schleier des Sonnenlichtes uns die weiten Welten der Sterne dahinter verbirgt. Schlaf ist eine Nach-innen-Wende, durch die das Oberflächen-Selbst und die äußere Welt unseren Sinnen und unserer Schau entschwinden. Im gewöhnlichen Schlaf jedoch werden wir uns der inneren Welten nicht bewusst, das Wesen scheint in ein tiefes Unterbewusstsein versunken zu sein. An der Oberfläche dieses Unterbewusstseins treibt eine dunkle Schicht, in der, wie es uns scheint, die Träume stattfinden – oder richtiger ausgedrückt, in der sie aufgezeichnet werden. Wenn wir in sehr tiefen Schlaf fallen, kommt es uns so vor, als ob wir traumlos schlummern. Tatsächlich aber setzen sich die Träume fort, sie sind aber entweder zu tief unten, um die aufzeichnende Oberfläche zu erreichen, oder sie werden vergessen, und jede Erinnerung daran, selbst dass sie existiert haben, wird in dem Übergang zum Wach-Bewusstsein ausgelöscht. Gewöhnliche Träume sind zum größten Teil zusammenhangslos oder scheinen es zu sein, denn sie werden entweder vom Unterbewusstsein aus tiefliegenden Eindrücken gewoben, die unser vergangenes inneres und äußeres Leben darin zurückgelassen hat – auf eine phantastische Weise gewoben, die der Erinnerung des Wach-Bewusstseins nicht ohne weiteres einen Hinweis auf ihre Bedeutung gibt –, oder sie sind unfertige, meist entstellte Aufzeichnungen von Erfahrungen, die hinter dem Schleier des Schlafes fortdauern – tatsächlich werden diese beiden Elemente größtenteils miteinander vermischt. Denn in Wirklichkeit versinkt ein großer Teil unseres Schlaf-Bewusstseins nicht in diesen unterbewussten Zustand. Es wandert jenseits des Schleiers zu anderen Seins-Ebenen, die mit unseren eigenen inneren Ebenen verbunden sind, zu Ebenen überphysischen Daseins, Welten eines größeren Lebens, Mentals oder einer größeren Seele, die sich im Hintergrund befinden und uns ohne unser Wissen beeinflussen. Gelegentlich gelangt ein Traum von diesen Ebenen zu uns, etwas mehr als ein Traum – eine Traum-Erfahrung, die ein direkter oder symbolischer Bericht dessen ist, was wir dort erleben oder was um uns herum geschieht. In dem Maß, wie das innere Bewusstsein durch die Sadhana wächst, nehmen diese Traum-Erfahrungen an Zahl, Deutlichkeit, Zusammenhang und Genauigkeit zu, und nach einer gewissen Entwicklung der Erfahrung und des Bewusstseins können wir, wenn wir genau beobachten, sie und ihre Bedeutung für unser inneres Leben verstehen lernen. Durch Übung können wir sogar so bewusst werden, dass wir unser Durchwandern vieler Bereiche – unserer Wahrnehmung und Erinnerung gewöhnlich verhüllt – sowie den Vorgang der Rückkehr zum Wach-Zustand verfolgen können. An einem bestimmten Punkt inneren Wachsens kann diese Art von Schlaf, ein Schlaf der Erfahrungen, den üblichen unterbewussten Schlummer ersetzen.
Es ist natürlich ein inneres Wesen oder Bewusstsein oder ein Teil des inneren Selbstes, das auf diese Weise wächst, nicht wie es üblicherweise der Fall ist hinter dem Schleier des Schlafes, sondern im Schlaf selbst. In dem Zustand, den du beschreibst, wird es sich gerade des Schlafes und Traumes bewusst und beobachtet sie – vorläufig aber noch nicht mehr –, es sei denn, dass dir etwas in der Natur deiner Träume entgangen ist. Aber das innere Wesen ist so weit erwacht, dass sich das Oberflächen-Bewusstsein dieses Zustandes erinnert, das heißt die Aufzeichnung empfängt und sie bewahrt, selbst im Übergang vom Schlaf zum Wachzustand, in welchem durch Vergessen meist alles außer Bruchstücken der Aufzeichnung der Schlaf-Ereignisse ausgelöscht wird. Deine Empfindung, dass das Wach-Bewusstsein und das, was im Schlaf wacht, nicht das Gleiche sind, ist richtig – es sind verschiedene Teile des Wesens.
Wenn dieses Wachsen des inneren Schlaf-Bewusstseins beginnt, besteht oft, selbst wenn man nicht müde ist oder das Bedürfnis zu schlafen hat, ein Sog, sich nach innen zu wenden und die Entwicklung wieder aufzunehmen. Eine weitere Ursache trägt zu diesem Sog bei. Es ist meist der vitale Teil des inneren Wesens, der zuerst im Schlaf erwacht, und die ersten Traum-Erfahrungen (im Gegensatz zu den gewöhnlichen Träumen) sind meist überwiegend Erfahrungen der vitalen Ebene – einer Welt überphysischen Lebens, voller Mannigfaltigkeit und Anziehungskraft, mit vielen Bereichen, leuchtend oder dunkel, schön oder gefährlich, häufig äußerst verlockend, in der wir auch viel Wissen erwerben können, sowohl über die verborgenen Teile unserer Natur als auch über Dinge, die uns hinter dem Schleier widerfahren, und über anderes, was für die Entwicklung unserer Wesensteile wichtig ist. Das vitale Wesen in uns kann sich dann von diesem Erfahrungs-Bereich sehr stark angezogen fühlen und lieber darin leben wollen als im äußeren Leben. Darauf wäre dann jener Wunsch zurückzuführen, zu etwas Interessantem und Fesselndem zurückkehren zu wollen, der vom Verlangen, in Schlaf zu fallen, begleitet wird. Dies darf aber in den Wachstunden nicht gefördert, sondern sollte für jene Stunden bewahrt werden, die für den Schlaf vorgesehen sind, in denen es seinen natürlichen Rahmen erhält. Im anderen Fall könnte Unausgeglichenheit eintreten, ein Hang, mehr und zu viel in den Visionen der überphysischen Bereiche zu leben und ein Nachlassen des festen Haltes in den äußeren Realitäten. Die Kenntnis dieser Bereiche der inneren Natur und die Erweiterung unseres Bewusstseins in ihnen sind sehr wünschenswert, müssen aber auf ihren Platz verwiesen und in ihren Grenzen gehalten werden.