Kapitel 7
Verhaltensnormen und spirituelle Freiheit
Das Wissen, auf das ein Mensch, der im Yoga wirkt, all sein Handeln und seine Entwicklung gründen muss, hat zum Eckstein seines Gebäudes eine immer konkreter werdende Wahrnehmung der Einheit, das lebendige Empfinden eines alles durchdringenden Geeintseins. Er bewegt sich in dem wachsenden Bewusstsein der unteilbaren Ganzheit alles Seienden. So ist alles Tun ein Teil dieses unteilbaren göttlichen Ganzen. Sein persönliches Handeln und dessen Ergebnisse können nicht länger eine abgesonderte Bewegung sein oder als solche erscheinen, die hauptsächlich oder vollständig durch den egoistischen „freien“ Willen eines Individuums bestimmt sind, das für sich gesondert in der Masse lebt. Unsere Werke sind Teil einer unteilbaren kosmischen Aktion. Sie werden an ihren Platz im Ganzen gestellt, aus dem sie entstehen – oder genauer gesagt, sie stellen sich selbst dorthin. Ihr Ergebnis wird durch Kräfte bestimmt, die mächtiger sind als wir. Diese Weltaktion ist in ihrer ungeheuren Totalität und in jeder kleinsten Einzelheit die unteilbare Bewegung des Einen, das sich fortschreitend im Kosmos manifestiert. Auch der Mensch wird erst in dem Maße immer besser der Wahrheit über sich selbst und der Wahrheit in den Dingen bewusst, wie er erwacht zur Erkenntnis des Einen in seinem Inneren und außerhalb von sich, sowie zum Verständnis der verborgenen, wunderbaren und bedeutungsvollen Wirkensweise der Kräfte dieses Einen im Ablauf der Natur. Diese Aktion und Bewegung ist weder in uns selbst noch in den Menschen unserer Umgebung auf jenen kleinen fragmentarischen Teil der kosmischen Wirkensweisen begrenzt, dessen wir in unserem Oberflächenbewusstsein innewerden. Sie wird von einem ungeheuren uns umgebenden, allem zugrundeliegenden Dasein getragen und gefördert, das für unser Mental hinter seinem Wachbewusstsein verborgen subliminal oder unterbewusst ist. Es wird von einem mächtigen, unsere Existenz transzendierenden Sein angezogen, das für unsere Natur überbewusst ist. So erhebt sich unser Handeln ebenso aus einer Universalität, wie wir selbst aus dieser empor getaucht sind, deren wir aber nicht gewahr werden. Wir gestalten sie durch unser persönliches Temperament, unser persönliches Mental, unseren Denk-Willen oder durch die Kraft unseres Impulses oder Begehrens. Die tiefe Wahrheit der Dinge und das wahre Gesetz des Handelns sind aber viel umfassender als die persönlichen menschlichen Gestaltungen. Für das Auge der spirituellen Wahrheit ist jeder Standpunkt und jede von Menschen gemachte Regel des Handelns – auch wenn sie für die äußerliche Praxis noch so nützlich sein mögen –, sofern sie diese unteilbare Totalität der kosmischen Bewegung missachten, doch nur eine unvollkommene Betrachtungsweise und ein Gesetz der Unwissenheit.
Selbst wenn wir eine Ahnung von dieser Idee gewonnen haben und sie als ein Wissen des Mentals und als eine sich daraus ergebende Haltung der Seele fest in unser Bewusstsein einprägen konnten, ist es doch für unsere äußeren Seiten und unsere aktive Natur immer noch schwierig, diesen universalen Standpunkt mit den Ansprüchen unserer persönlichen Meinung, unseres persönlichen Willens, Fühlens und Begehrens in Einklang zu bringen. Wir müssen darum immer wieder mit dieser unzerteilbaren Bewegung so umgehen, als ob sie eine Masse unpersönlichen Materials wäre, aus der wir, d. h. unser Ego, unsere Person, uns entsprechend unserem eigenen Willen und unserer mentalen Fantasie durch persönliches Ringen und Mühen etwas herausschneiden müssten. Das ist die normale Haltung des Menschen seiner Umwelt gegenüber. Sie ist in Wirklichkeit falsch, well unser Ego und sein Wille Geschöpfe und Marionetten der kosmischen Kräfte sind. Nur wenn wir hinter unser Ego in das Bewusstsein des göttlichen Wissens-Willen des Ewigen, der in ihnen wirkt, zurücktreten, können wir durch eine Art Beauftragung von oben her ihr Meister werden. Dennoch ist diese personale Stellung für den Menschen solange die richtige Haltung, als er noch an seiner Individualität hängt und diese noch nicht voll entfaltet hat. Ohne eine solche Einstellung und Motivkraft kann er in seinem Ego nicht wachsen und sich nicht genügend aus dem unterbewussten oder halbbewussten universalen Massendasein herausentwickeln und von diesem unterscheiden.
Aber der Einfluss, den dieses Ego-Bewusstsein auf unsere gewohnte Haltung dem Dasein gegenüber ausübt, lässt sich später nur schwer abschütteln, wenn wir in unserer Entwicklung die Stufe der Absonderung, des Individualismus und der Aggression nicht länger nötig haben und aus der Kinderstufe der Seele mit ihrem Bedürfnis nach den kleinen Dingen vorwärts gehen wollen zum Geeintsein, zur Universalität, zum kosmischen Bewusstsein und darüber hinaus zu unserer transzendenten Geistgestalt. Es ist dazu unerlässlich, dass wir nicht nur in unserer Denkweise, sondern auch in der Art, wie wir fühlen, empfinden und handeln, klar erkennen, dass diese Bewegung, diese universale Aktion, keine apersonale Welle des Seins ist, die widerstandslos dem Willen irgendeines Egos je nach dessen Kraft und Drängen zur Verfügung steht. Vielmehr ist sie die Bewegung eines kosmischen Wesens, das Wissender seines Bereiches ist. Es sind die Schritte einer Gottheit, die Meister ihrer eigenen progressiven Kraft des Handelns ist. So wie diese Bewegung eine einzige und unteilbare ist, so ist auch er, der in der Bewegung gegenwärtig ist, einer, einzig und unteilbar. Von ihm wird nicht nur jedes Resultat bestimmt, sondern es hängen auch jede Initiative und jedes Wirken mit allen Abläufen von dem Antrieb durch seine kosmische Kraft ab. Erst sekundär und in ihrer äußeren Form gehören diese Dinge der Kreatur an.
Was muss also die spirituelle Position des als Person Wirkenden sein? Welches ist in der dynamischen Natur seine wahre Beziehung zu diesem einen kosmischen Wesen und zu dieser einen totalen Bewegung? Der Mensch ist für diese Vorgänge nur ein Zentrum. In diesem Mittelpunkt differenziert sich das geeinte personale Bewusstsein; in ihm determiniert sich diese eine totale Bewegung. Seine Personalität reflektiert in der Welle einer beharrenden Individualität die einzige universale Person, den Transzendenten, den Ewigen. Solange wir in der Unwissenheit leben, ist dieses Widerstrahlen immer gebrochen und entstellt, da der Kamm der Welle, unser bewusstes Ego in seinem Wachzustand, nur ein unvollkommenes, verfälschtes Ebenbild des göttlichen Geistes zurückwirft. Alle unsere Meinungen, Maßstäbe, Gestaltungen und Prinzipien sind nur Versuche, in diesem verzerrenden und entstellenden Spiegel etwas von der universalen, progressiven, totalen Aktion und ihre vielseitige Bewegung hin zu einer höchsten Selbst-Offenbarung des Göttlichen zur Darstellung zu bringen. Unser Mental repräsentiert es, so gut es kann, mit einem ziemlich engen Annäherungswert, der insoweit immer mehr dem Göttlichen angemessen ist, als sein Denken an Weite, Licht und Macht zunimmt. Jedoch bleibt es immer nur ein Näherungswert und nicht einmal eine wahre partielle Gestalt dieses Göttlichen. Der Göttliche Wille wirkt in Äonen, um in progressiver Weise etwas von seinem göttlichen Mysterium und der verborgenen Wahrheit des Unendlichen nicht nur in der Einheit des Kosmos, nicht nur in der Kollektivität der lebenden und denkenden Geschöpfe zu offenbaren, sondern auch in der Seele jedes Individuums. Darum findet sich im Kosmos, in den Kollektiven und im Individuum ein tief eingewurzeltes Grundgefühl oder ein Glaube an die eigene Fähigkeit, Vollkommenheit zu erlangen, ein ständiger Drang nach einer immer weiter wachsenden, angemesseneren und harmonischen Selbst- Entfaltung, immer näher hin zu der geheimen Wahrheit der Dinge. Dieses Bemühen findet seine Darstellung dem konstruierenden Mental des Menschen gegenüber in Maßstäben des Wissens und Fühlens, des Charakters, der Ästhetik und des Handelns, – in den Regeln, Idealen, Normen und Geboten, die er zu universalen Gesetzen, Dharma, zu machen sucht.
Wenn wir im Geiste frei und nur der höchsten Wahrheit Untertan sein wollen, müssen wir den Gedanken aufgeben, unsere eigenen mentalen oder moralischen Gesetze seien, selbst in den höchsten gegenwärtigen Normen unserer Lebensführung, für den Unendlichen bindend oder etwas Unantastbares, Heiliges, Absolutes oder Ewiges. Wir dienen wohl dem Göttlichen in seinem Weltengang, wenn wir immer höhere, wenn auch vorübergehende Maßstäbe aufstellen und sie halten, solange sie notwendig sind. Wollten wir aber starr eine absolute Norm aufstellen, dann käme das einem Versuch gleich, gegen den Strom der ewigen Wasser einen Damm zu errichten. Wenn die durch ihre Natur gebundene Seele einmal diese Wahrheit realisiert, ist sie von allem Gegensatz von Gut und Böse befreit. Gut ist dann alles, was dem Einzelnen und der Welt dazu hilft, ihr göttliches Wesen zu erfüllen. Böse ist alles, was diese wachsende Vervollkommnung verzögert oder zunichte macht. Da aber die Vervollkommnung ein fortschreitender Prozess ist und als Evolution in der Zeit abläuft, sind das Gute und das Böse ebenso veränderliche Größen; sie wandeln von Zeit zu Zeit ihre Bedeutung und ihren Wert. Was jetzt böse ist und in seiner gegenwärtigen Gestalt aufgegeben werden muss, war einst für den allgemeinen und individuellen Fortschritt nützlich und notwendig. Etwas anderes, was wir jetzt für böse halten, kann sehr wohl in einer anderen Form und in einer anderen Anordnung zu einem Element zukünftiger Vollkommenheit werden. Auf der spirituellen Ebene gehen wir über diese Unterscheidung noch hinaus. Dort entdecken wir den Zweck und die göttliche Notwendigkeit all der Dinge, die wir gut und böse nennen. Dann müssen wir alles, was in ihnen falsch, entstellt, unwissend und finster ist, im sogenannten Guten nicht weniger als im sogenannten Bösen, zurückweisen. Wir dürfen nur das Wahre und das Göttliche annehmen. In den ewigen Abläufen des Wirkens dürfen wir keine andere Unterscheidung mehr treffen.
Menschen, die nur aufgrund strenger Normen handeln, oder solchen, die nur menschliche und nicht göttliche Werte empfinden können, mag diese Wahrheit als ein gefährliches Zugeständnis erscheinen, da es wahrscheinlich die Grundlage der Sittlichkeit zerstören, die Grundsätze der Lebensführung verwirren und nur ein Chaos hervorbringen würde. Ein solches Resultat müsste für den Menschen in seiner Unwissenheit gewiss herauskommen, wenn es nur die Wahl gäbe zwischen „einer ewigen unveränderlichen“ und „überhaupt keiner Ethik“. Einen solchen „Verlust“ werden wir nicht erleiden, wenn wir, selbst auf unserer menschlichen Ebene, Klarheit und Beweglichkeit genug zu der Erkenntnis besitzen, dass eine Norm für die Lebensführung wohl vergänglich, aber dennoch für ihre Zeit notwendig ist, und wenn wir sie so lange gewissenhaft erfüllen, bis sie durch eine bessere ersetzt werden kann. Wir verlieren nur den Fanatismus unserer unvollkommenen und intoleranten Tugendhaftigkeit. Statt ihrer gewinnen wir Aufgeschlossenheit und die Macht, in unserem sittlichen Handeln stetig höher emporzukommen. Wir wachsen an mitfühlender Güte und an der Fähigkeit, ein verstehendes Mitempfinden für diese ganze Welt der ringenden und strauchelnden Geschöpfe zu haben. Durch solche liebevolle Aufgeschlossenheit gewinnen wir eher ein Recht und eine größere Kraft, den Menschen auf ihrem Wege weiterzuhelfen. An jenem Endpunkt, wo dann das Menschliche aufhört und das Göttliche anfängt, wo das mentale Bewusstsein in dem supramentalen aufgeht und das Endliche in das Unendliche versinkt, verschwindet alles Böse in ein transzendentes göttliches Gutes. Das wirkt sich auf jeder von ihm berührten Bewusstseinsebene universal aus.
So steht für uns fest, dass alle Maßstäbe, denen gemäß wir unser Leben zu führen suchen, nur vorübergehende, unvollkommene, durch unsere Evolution bedingte Versuche sind, durch die wir uns den unsicheren Fortschritt in der universalen Selbst-Realisation der Natur deutlich machen. Die göttliche Manifestation kann nicht durch unsere kleinen Regeln und zerbrechlichen „geheiligten Gebote“ gebunden werden. Dafür ist das dahinter wirkende Bewusstsein viel zu groß. Haben wir diese Tatsache einmal begriffen – so bestürzend sie auch für den Absolutismus unserer Vernunft sein mag –, dann werden wir die in der Entwicklung aufeinanderfolgenden Normen menschlichen Verhaltens, welche die verschiedenen Wachstumsstufen des individuellen und kollektiven Fortschritts der Menschheit regieren, besser an ihre richtige Stelle in ihrem richtigen Verhältnis zueinander einzuordnen verstehen. Auf ihre allgemeinsten Normen wollen wir im Vorübergehen noch einen Blick werfen. Wir wollen erkennen, in welcher Beziehung sie zu jener anderen ungenormten spirituellen und supramentalen Art des Wirkens stehen, die der Yoga zu realisieren strebt und die er durch die Überantwortung (surrender) des individuellen Willens unter den göttlichen Willen und, noch wirkungsvoller, durch seinen Aufstieg bewirkt, den er durch diese Überantwortung an das größere Bewusstsein vollbringt. In diesem wird dann für ihn eine gewisse Identität mit dem dynamischen Ewigen möglich.
Vier Haupt-Normierungen für die menschliche Lebensführung bilden eine aufsteigende Stufenfolge. Die unterste ist das persönliche Bedürfen, Bevorzugen und Begehren. Die nächste ist das Gesetz und das Wohl des Kollektivs. Die dritte ist eine ideale Ethik. Die letzte ist das höchste göttliche Gesetz der Natur.
Der Mensch beginnt die lange Laufbahn seiner Entwicklung mit den beiden ersten dieser vier Normierungen, die ihn am Anfang erleuchten und führen sollen. Sie bilden eigentlich das Gesetz seiner tierhaften und vitalen Existenz; der Mensch beginnt seine Entwicklung nach oben als der vitale und physisch tierhafte Mensch. Es ist aber die wahre Aufgabe des Menschen auf der Erde, im Typus des Menschenwesens ein immer deutlicher hervortretendes Ebenbild des Göttlichen zum Ausdruck zu bringen. Ob er es weiß oder nicht, so wirkt doch die Natur unter der dichten Verhüllung durch ihre inneren und äußeren Vorgänge auf dieses Ziel hin. Der materielle oder tierhafte Mensch weiß aber nichts vom inneren Sinn und Ziel des Lebens. Er kennt nur dessen Bedürfnisse und Begehren und hat darum notwendigerweise für das, was von ihm verlangt wird, keinen anderen Führer als sein eigenes Empfinden des für ihn Notwendigen und das Drängen seines eigenen Begehrens, das ihm den Weg weist. Das erste natürliche Gebot für seine Lebensführung muss also sein, vor allem die Ansprüche und Bedürfnisse seines Körpers und seines Vitals zu befriedigen. Danach muss er alle emotionalen und mentalen Sehnsüchte, die Vorstellungen seiner Fantasie oder die dynamischen Erkenntnisse, die in ihm aufsteigen, verwirklichen. Diesen drängenden natürlichen Anspruch kann allein – durch Abänderung oder Widerspruch – das übergeordnete ausgleichende Gesetz einschränken, jene Forderungen, welche die Ideen, Bedürfnisse und Wünsche seiner Familie, seiner Gemeinschaft oder seines Stammes, also die Herde und das Rudel, deren Glied er ist, an ihn richten.
Könnte der Mensch für sich allein leben (was er aber nur könnte, wenn es das einzige Ziel des Göttlichen in der Welt wäre, nur das Individuum zu entwickeln), dann brauchte dieses zweite Gesetz überhaupt nicht wirksam zu werden. Alles Dasein verläuft aber als eine progressive Entwicklung dadurch, dass das Ganze und die Teile gegenseitig rückwirken und aufeinander einwirken. Darum benötigen einander die Teile, die das Ganze konstituieren, ebenso, wie das konstituierte Ganze die Teile nötig hat. Die Gruppe und die Individuen der Gruppe sind voneinander abhängig. Nach den Begriffen der indischen Philosophie manifestiert sich das Göttliche immer in der doppelten Form des gesonderten und des kollektiven Wesens, vyasti, samasti. Der Mensch, der seine Individualität wachsen und sich frei entfalten lassen möchte, kann nicht einmal seine persönlichen Bedürfnisse und Wünsche erfüllen, wenn er nicht mit anderen Menschen eng verbunden ist. Er ist zwar in sich selbst ein Ganzes, jedoch ohne die anderen unvollständig. Die Verpflichtung ordnet das Gesetz seiner personalen Lebensführung in ein Gruppengesetz ein, das seinen Ursprung in der Form einer dauerhaften Gruppeneinheit mit eigenem kollektiven Mental und Leben hat, unter die das im Individuum verkörperte Mental und Leben als nur vorübergehende Einheiten untergeordnet sind. Trotzdem ist aber in ihm etwas Unsterbliches und Freies, das nicht an diesen Gruppenkörper gebunden ist, der zwar die verkörperte Existenz des Individuums überdauert, jedoch nicht den ewigen Geist des Individuums überdauern kann und darum auch keinen Anspruch erheben darf, ihn durch sein Gesetz zu fesseln.
Dieses scheinbar umfassendere, vordringlichere Gesetz der Gruppe ist an sich nur eine Ausweitung des vitalen tierhaften Prinzips, das den individuellen primitiven Menschen beherrscht. Es ist das Gesetz des Rudels oder der Herde. Der individuelle Mensch identifiziert sein Leben teilweise mit dem Leben einer gewissen Zahl anderer Individuen, mit denen er durch Geburt, eigene Entscheidung oder die Umstände zusammengeschlossen ist. Da nun aber die Existenz der Gruppe für sein eigenes Dasein und die Befriedigung seiner Lebensbedürfnisse zeitweilig und eigentlich von Anfang an notwendig ist, müssen die Aufrechterhaltung der Gruppe, die Erfüllung ihrer Bedürfnisse und die Befriedigung ihrer kollektiven Anschauungen, Begehren und Lebensgewohnheiten, ohne die sie nicht zusammenhalten könnte, einen vordringlichen Platz einnehmen. Durch das Gebot dieser Situation – nicht aus irgendeinem moralischen oder altruistischen Motiv – müssen also dauernd die Befriedigung der individuellen personalen Vorstellungen und Gefühle, das Bedürfnis und Begehren, die Neigung und Gewohnheit des Individuums untergeordnet und geopfert werden der Befriedigung der Vorstellungen und Gefühle, der Bedürfnisse und Begehren, der Neigungen und Gewohnheiten nicht nur dieses oder jenes anderen Individuums oder einer Zahl von Individuen, sondern der Gesellschaft als Ganzem. Das Bedürfnis der Gesellschaft ist der verborgene dunkle Mutterboden für die Moralität und den sittlichen Impuls des Menschen.
Tatsächlich ist uns nicht bekannt, ob der Mensch zu irgendwelchen primitiven Zeiten für sich allein oder nur mit seinem Partner anderen Geschlechtes zusammenlebte, wie das manche Tiere tun. Jede Kunde über ihn zeigt ihn uns als ein vergesellschaftetes Tierwesen und nicht als einen isolierten Körper und Geist. Das Gesetz des Rudels war immer mächtiger als das individuelle Gesetz seiner Selbstentfaltung. Es scheint, dass er immer nur als ein Einzelwesen in einer Masse geboren wurde, lebte und sich ausbildete. Vom psychologischen Gesichtspunkt her ist aber logischer- und natürlicherweise das Gesetz seines personalen Bedürfens und Begehrens das ursprüngliche, und das Gesetz der Gruppe tritt erst als eine sekundäre beherrschende Macht hinzu. So trägt der Mensch zwei ihn regierende unterschiedliche Antriebskräfte in sich: die individualistische und die von der Gemeinschaft bestimmte, die auf ein personales Leben und die auf ein gesellschaftliches Leben gerichtete, ein personales Motiv für seine Lebensführung und ein durch die Gruppe bestimmtes. An den tiefsten Wurzeln der menschlichen Zivilisation liegt schon die Möglichkeit, dass diese Kräfte einander entgegenwirken und versuchen müssen, Ausgleich zu finden. Diese Spannung dauert in anderen Formen fort, wenn der Mensch über das vitale Tierwesen hinaus zu einem hoch individualisierten mentalen und spirituellen Wesen fortgeschritten ist.
Das Bestehen eines dem Individuum gegenüberstehenden äußeren Gesetzes der Gesellschaft ist zu verschiedenen Zeiten ebenso ein beträchtlicher Vorteil wie ein großer Nachteil für die Entfaltung des göttlichen Wesens im Menschen gewesen. Das ist am Anfang ein Vorteil, solange der Mensch noch roh und unfähig ist, sich durch sein Selbst zu beherrschen und sein Selbst zu entdecken. Dann errichtet das Gesetz der Gesellschaft eine andere Macht als die seines personalen Egoismus, durch die jene Ichsucht veranlasst oder gezwungen werden soll, ihre wilden Forderungen zu mäßigen und ihre unvernünftigen und oft gewalttätigen Regungen zu disziplinieren; manchmal muss sie sogar in einem umfassenderen, weniger personalen Egoismus aufgehen. Das Gesetz der Gesellschaft wird aber zu einem Nachteil für den mündigen Geist, wenn er dazu bereit ist, über die menschliche Formel hinauszukommen, da sie eine äußere Norm ist, die sich ihm von außen her aufzudrängen sucht. Dagegen ist es die Grundbedingung für seine Vervollkommnung, dass er von innen her und durch eine immer größere Freiheit wachsen soll. Seine vervollkommnete Individualität darf nicht unterdrückt werden, sondern er soll über sie hinauswachsen. Man darf ihm nicht länger ein Gesetz auferlegen, das nur seine äußeren Seiten trainiert und diszipliniert. Vielmehr soll sich seine Persönlichkeit dadurch entfalten, dass seine Seele von innen her alle bisherigen Formen durchbricht, um alle Seiten seines Wesens mit ihrem Licht in Besitz zu nehmen und umzuwandeln.
In dem Konflikt zwischen den Ansprüchen der Gesellschaft und denen des Individuums treten zwei ideale und absolute Lösungen einander gegenüber. Auf der einen Seite steht die Forderung der Gruppe, dass der Einzelne sich ihr mehr oder weniger vollständig unterordnen oder sogar seine unabhängige Existenz in der Gemeinschaft verlieren soll. Die kleinere Einheit müsse der umfassenderen Einheit geopfert werden oder sich selbst ihr völlig opfern. Der individuelle Mensch soll das Bedürfnis der Gesellschaft als sein eigenes Bedürfnis und das Begehren der Gruppe als sein eigenes Begehren akzeptieren. Er dürfe nicht für sich selbst leben wollen, sondern gehöre dem Stamm, der Sippe, der Gemeinde oder der Nation, deren Glied er ist. Im Gegensatz dazu wäre es vom Standpunkt des einzelnen Menschen aus die ideale und absolute Lösung, dass die Gesellschaft nicht für sich selbst und für ihren allem übergeordneten kollektiven Zweck leben würde, sondern für das Wohl des Individuums und für dessen Erfüllung, also für das höhere und vollkommenere Leben aller ihrer Glieder. Die Gesellschaft sollte, soweit das möglich ist, das höchste und beste Selbst des Einzelnen repräsentieren und ihm helfen, es zu realisieren. Sie müsste die Freiheit jedes ihrer Glieder respektieren und sich selbst nicht durch Gesetz und Gewalt durchsetzen, sondern durch die freie spontane Zustimmung der sie konstituierenden Personen. Eine Gesellschaft nach diesen beiden Idealen existiert nirgendwo. Es wäre auch sehr schwer, sie zu erschaffen, und noch schwieriger, sie in ihrem immer ungesicherten Dasein zu erhalten, solange der individuelle Mensch an seinem Egoismus als dem primären Motiv seiner Existenz festhält. Der leichtere Weg ist, dass die Gesellschaft im allgemeinen, wenn auch nicht vollständig, über das Individuum herrscht. Das ist auch das System, das die Natur instinktiv von Anfang an verwendet; sie hält ein Gleichgewicht aufrecht durch ein rigoroses Gesetz, eine zwingende Sitte und eine sorgfältige Unterweisung der ihr noch untertänigen, ungenügend entwickelten Intelligenz der menschlichen Kreatur.
In den primitiven Gesellschaften wird das individuelle Leben der strengen unbeweglichen Sitte und Herrschaft der Gemeinschaft unterworfen. Das ist das alte Gesetz der menschlichen Horde, das gern ewig bestehen möchte und sich immer als das ewige Gebot des Unvergänglichen ausgibt, esa dharmah sanātanah. Dieses Ideal ist im menschlichen Mental nicht ausgestorben. Die neueste Entwicklung des Fortschritts der Menschheit tendiert dahin, eine vergrößerte, machtvollere Ausgabe dieser alten Neigung des kollektiven Lebens zur Versklavung des menschlichen Geistes zu errichten. Hier liegt eine ernsthafte Gefahr für die integrale Entwicklung einer größeren Wahrheit und eines höheren Lebens auf der Erde. So egoistisch, falsch und verkehrt auch die Begehren und ungebundenen Bestrebungen des Individuums in ihrer unmittelbaren Ausdrucksform sein mögen, sie enthalten doch in ihren verborgenen Zellen den Keim für eine Entwicklung, die für das Ganze notwendig ist. Hinter seinem unsicheren Suchen und seinen Irrwegen wirkt eine Kraft, die wir festhalten und in das Ebenbild des ihr zugrundeliegenden göttlichen Gedankens umwandeln müssen. Diese Kraft bedarf der Erleuchtung und des Trainings. Sie darf nicht unterdrückt oder ausschließlich an den schweren Karren der Gesellschaft geschirrt werden. Der Individualismus ist für die endgültige Vollkommenheit ebenso notwendig wie die Macht, die hinter dem Gruppengeist steht. Erstickt man das Individuum im Menschen, dann könnte das auch zugleich zum Ersticken des Gottes im Menschen führen. Im gegenwärtigen Kräfteverhältnis in der Menschheit besteht selten wirklich die Gefahr, dass ein übertriebener Individualismus das gesellschaftliche Ganze zerbricht. Dagegen droht ständig die Gefahr, dass die gesellschaftliche Masse durch ihr schweres, dunkles mechanisches Gewicht auf die freie Entwicklung des individuellen Geistes einen übertriebenen Druck ausübt, diesen unterdrückt oder unzulässig behindert. Im Individuum kann die Menschheit leichter erleuchtet, bewusst und offen werden für klare, bestimmte Einflüsse. Der Mensch in der Masse ist noch verfinstert, halbbewusst und wird von universalen Kräften regiert, die sich seiner Beherrschung und Erkenntnis entziehen.
Gegen diese Gefahr, unterdrückt und unbeweglich gemacht zu werden, setzt sich die Natur im Individuum zur Wehr. Sie kann in der Form eines isolierten Widerstandes reagieren, der von der instinktiven brutalen Revolte des Kriminellen bis zur völligen Weltverneinung des Einsiedlers und Asketen reicht. Das Individuum kann auch dadurch reagieren, dass es eine individualistische Richtung in der sozialen Idee herausstellt. Es kann diese dem Massenbewusstsein aufzwingen und einen Kompromiss zwischen dem individuellen und dem gesellschaftlichen Anspruch herstellen. Ein Kompromiss ist aber keine endgültige Lösung. Er schiebt die Schwierigkeit nur beiseite. Dadurch wird schließlich das Problem nur komplexer und vervielfältigt die Konflikte, die es verursacht. Wir müssen ein neues Prinzip hinzurufen, das anders und höher ist als die beiden miteinander kämpfenden Grundtendenzen und das zugleich machtvoll genug ist, sie zu überwinden und miteinander zu versöhnen. Hier muss der Begriff eines idealen moralischen Gesetzes auftauchen, das einerseits das natürliche individuelle Gesetz überragt, das die Befriedigung unserer individuellen Bedürfnisse, Liebhabereien und Begehren als die einzige Norm unserer Lebensführung aufstellt. Andererseits steht es höher als das natürliche Gesetz der Gemeinschaft, das als übergeordnete Norm die Befriedigung der Bedürfnisse, Lieblingsforderungen und Begehrlichkeiten der Gemeinschaft als eines Ganzen durchsetzen will. Ein solches ideales moralisches Gesetz dient nicht mehr der Befriedigung von Bedürfnis und Begehren. Vielmehr kontrolliert und zwingt es diese, oder es hebt sie sogar auf im Interesse einer idealen Ordnung, die nicht animalisch, vital und körperlich sondern mental ist. Sie ist eine Schöpfung des Mentals, das nach Licht und Wissen, nach dem gerechten Gesetz, nach dem rechten Ablauf des Lebens und einer wahren Ordnung strebt. Sobald dieser Begriff im Menschen machtvoll wird, entkommt er immer mehr dem vitalen und materiellen Leben, das ihn bisher beanspruchte, in ein mentales Dasein. Er tritt im dreifachen Aufstieg der Natur von der ersten zur zweiten Stufe hinauf. Seine Bedürfnisse und Begehren stehen nun in einem helleren Licht von Ziel und Zweck. Das mentale Bedürfen, das ästhetische, intellektuelle und emotionale Begehren bekommen immer mehr die Oberhand über das Verlangen der körperlichen und vitalen Natur.
Das natürliche Gesetz der Lebensführung geht vom Ausgangspunkt eines Konfliktes der Kräfte, Lebenstriebe und Begehren vorwärts zu einem Gleichgewicht zwischen ihnen. Das höhere sittliche Gesetz schreitet durch die Entfaltung der mentalen und moralischen Natur weiter zu einer festgelegten inneren Normierung oder auch zu einem vom Selbst geformten Ideal absoluter Eigenschaften: der Gerechtigkeit, Rechtschaffenheit und Liebe, der richtigen Verwendung der Vernunft und der Macht, der Schönheit und des Lichtes. Das ist aber im wesentlichen ein individueller Standard und nicht die Schöpfung des Mentals der Masse. Der Denker ist der individuelle Mensch. Er spricht das aus und prägt es in Formen, was sonst im ungestalteten menschlichen Ganzen unterbewusst bleiben würde. Auch der sittliche Kämpfer ist der Einzelne. Die Selbst-Disziplin, die er nicht unter dem Joch eines äußeren Gesetzes, sondern aus Gehorsam gegen ein Licht in seinem Inneren ausübt, ist ganz wesentlich ein individuelles Bemühen. Indem der Denker aber seine persönlichen Normen als Übertragung eines absoluten sittlichen Ideals darstellt, macht er sie nicht nur für sich allein, sondern für alle Individuen verbindlich, die sein Denken erreichen und in die es eindringen kann. Wenn nun die Masse der individuellen Menschen diese Grundsätze immer mehr annimmt, wenigstens in der Idee, nur unvollkommen oder gar nicht in der Praxis, wird auch die Gesellschaft gezwungen, der neuen Orientierung zu gehorchen. Sie nimmt den Einfluss dieser Ideen völlig in sich auf und versucht, wenn auch nicht mit einem hervorragenden Erfolg, ihre Institutionen in neue Formen umzugestalten, die von diesen höheren Idealen bestimmt sind. Ihr Instinkt geht aber immer auf deren Fixierung aus: in ein bindendes Gesetz, in Musterformen, in eine mechanische Sitte oder in einen äußerlichen gesellschaftlichen Zwang auf das Leben ihrer Glieder.
Die Gesellschaft bleibt noch lange in ihren Methoden veräußerlicht, nachdem das Individuum schon teilweise frei und zu einem sittlichen Organismus wurde, der zu bewusstem Wachstum befähigt, eines inneren Lebens gewahr geworden und lebhaft an seinem spirituellen Fortschritt interessiert ist. Sie ist eine materielle, ökonomische und mechanische Organisation, die viel mehr darauf aus ist, den bestehenden Zustand abzusichern und sich selbst darin zu erhalten, als zu wachsen und sich zu vervollkommnen. Der größte gegenwärtige Triumph, den das denkende fortschrittliche Individuum über die vom Instinkt getriebene statische Gesellschaft errungen hat, ist seine durch seinen Denk-Willen errungene Macht, auch sie zum Denken zu zwingen, dass sie sich für die Idee einer sozialen Gerechtigkeit und Rechtschaffenheit öffnet, in der Gemeinde das Mitgefühl und Mitleiden untereinander erweckt und, als den Prüfstein für ihre Institutionen, mehr nach einer Herrschaft durch die Vernunft als durch die blinde Sitte strebt. Ferner soll sie sich der mentalen und moralischen Zustimmung ihrer einzelnen Glieder versichern, womit ihre Gesetze ihre Gültigkeit erhalten oder mindestens ein wesentliches Element dafür. Nun ist es, wenigstens Ideell, für das Denken der Gemeinschaft möglich, dass sie das Recht statt der Gewalt als die eigentliche Bestätigung für ihre Gesetze anerkennt und als Zweck und Ziel der Strafverfolgung mehr die sittliche Entwicklung des Rechtsbrechers meint als Rache und Freiheitsentzug. Der größte Triumph wird in Zukunft für den Denker dann kommen, wenn er den individuellen Einzelnen und das kollektive Ganze dazu überreden kann, dass sie ihre Lebensbeziehung sowie ihre Gemeinschaft und Stabilität auf eine freie, harmonische Zustimmung und eine gegenseitige Selbst- Anpassung gründen. Sie sollen ihre äußeren Dinge viel mehr durch die innere Wahrheit gestalten und lenken, als dass sie den inneren Geist durch die Tyrannei der äußeren Form und Struktur zwingen wollen.
Selbst dies stellt eher eine Möglichkeit dar, die vielleicht verwirklicht wird, als eine tatsächliche Errungenschaft. Es gibt stets Disharmonie und Widerstreit zwischen dem Sittengesetz im Menschen und dem Gesetz seiner Bedürfnisse und Begehren. Dieselbe Spannung besteht zwischen dem Sittengesetz, das der Gesellschaft auferlegt werden soll, und den physischen und vitalen Erfordernissen, Begehren, Sitten, Vorurteilen, Interessen und Leidenschaften der Kaste, Sippe, religiösen Gemeinschaft, Nation und Gesellschaft. Vergebens errichtet der Moralist seine absoluten ethischen Grundsätze und fordert alle auf, diese ohne Rücksicht auf die Konsequenzen treu zu erfüllen. Für ihn haben die Bedürfnisse und Begehrlichkeiten des Einzelnen keine Geltung, wenn sie mit dem moralischen Gesetz in Widerspruch stehen. Ebenso darf das gesellschaftliche Gesetz an ihn keine Ansprüche stellen, die gegen sein Rechtsempfinden sind und von seinem Gewissen abgelehnt werden. Seine absolute Lösung für den Einzelnen heißt: er soll nichts begehren und beanspruchen, was nicht im Einklang steht mit Liebe, Wahrheit und Gerechtigkeit. Er verlangt von der Gemeinschaft oder Nation, sie solle alles, selbst ihre eigene Sicherheit und dringlichsten Interessen gering achten gegenüber der Wahrheit, Gerechtigkeit, Menschlichkeit und dem höchsten Wohl der Völker.
Zu diesen Höhen steigt aber der Einzelne nur in intensiven Augenblicken seines Daseins empor, und keine der bis jetzt erschaffenen Gesellschaften hat dieses Ideal erfüllt. Im gegenwärtigen Zustand der Sittlichkeit und menschlichen Entwicklung kann auch vielleicht niemand diesem Ideal gerecht werden, — und sollte es wohl auch nicht. Die Natur wird das nicht erlauben, denn die Natur weiß, dass das nicht sein sollte. Der wichtigste Grund dafür ist: unsere moralischen Ideale selbst sind zum größten Teil viel mehr die ungenügend entwickelten, unwissenden und willkürlichen Konstruktionen des Mentals als die Übertragungen der ewigen Wahrheiten des Geistes. Sie stellen in der Theorie autoritativ und dogmatisch gewisse absolute Normen auf. In der Praxis erweist sich jedoch jedes ethische System als undurchführbar, oder es bleibt ständig unterhalb der Norm des Ideals. Ist aber unser ethisches System selbst ein Kompromiss oder nur etwas Behelfsmäßiges, dann rechtfertigt es auch im Prinzip die weiteren, es unfruchtbar machenden Kompromisse, die Individuum und Gesellschaft stets so eilfertig mit ihm schließen. Wenn dieses Sittengesetz kompromisslos auf eine absolute Liebe, auf die Gerechtigkeit und auf das Rechte drängt, schießt es weit über das hinaus, was überhaupt menschenmöglich ist. Dann wird es zu einem Lippenbekenntnis, das in der Praxis missachtet wird. Wir erkennen, dass es andere Elemente in der Menschheit übersieht, die in gleicher Weise darauf drängen, am Leben erhalten zu bleiben, die sich aber einer Unterordnung unter die moralische Formel widersetzen. Ebenso wie das individuelle Gesetz des Begehrens in sich unschätzbare Elemente des unendlichen Ganzen enthält, die gegen die Tyrannei der sie unterdrückenden gesellschaftlichen Idee geschützt werden müssen, so enthalten auch die eingeborenen Impulse des individuellen wie des kollektiven Menschen in sich unschätzbar wertvolle Elemente, die sich nicht in die engen Grenzen irgendeiner der bis jetzt entdeckten ethischen Formeln einordnen lassen und dennoch für die Fülle und Harmonie einer letzten göttlichen Vollkommenheit notwendig sind.
Würden überdies die absolute Liebe, absolute Gerechtigkeit und die absolute wahre Vernunft von einer so verwirrten, unvollkommenen Menschheit wie der gegenwärtigen angewandt, dann entstünden daraus leicht einander widerstreitende Prinzipien. Oft verlangt die Gerechtigkeit das, was die Liebe verabscheut. Die reine Vernunft, die bei ihrem Suchen nach einer befriedigenden Norm oder Ordnung die Tatsachen der Natur und der menschlichen Beziehungen leidenschaftslos betrachtet, kann nicht ohne Abänderung irgendeine Herrschaft der absoluten Gerechtigkeit oder absoluten Liebe anerkennen. Tatsächlich erweist sich die absolute Gerechtigkeit des Menschen in der Praxis leicht als eine souveräne Ungerechtigkeit. Sein Mental, das in seinen Konstruktionen einseitig und starr ist, stellt ein einseitiges, parteiisches, rigoroses System heraus und beansprucht dafür Totalität und Absolutheit sowie eine Anwendung, welche die subtilere Wahrheit der Dinge und die Formbarkeit des Lebens verkennt. So verflüchtigen sich alle unsere moralischen Normierungen, wenn sie in Taten umgesetzt werden, entweder in einer Aufeinanderfolge von Kompromissen, oder sie irren infolge ihrer Parteilichkeit und unelastischen Struktur. Die Menschheit schwankt von der einen Orientierung zur anderen. Sie geht auf einem Zickzackpfad vorwärts und wird dabei von gegensätzlichen Ansprüchen geleitet. Schließlich erarbeitet sie im ganzen instinktiv das, was die Natur beabsichtigt, jedoch mit viel unnützem Verbrauch und Leiden, ganz anders, als es die Menschheit haben möchte, wie sie es für richtig hält oder wie es das höchste Licht von oben von dem verkörperten Geist verlangt.
Wenn wir zur Verehrung absoluter sittlicher Eigenschaften gekommen sind und den kategorischen Imperativ eines idealen Gesetzes errichtet haben, sind wir noch keineswegs an das Ziel unseres Suchens gekommen und haben noch nicht jene Wahrheit berührt, die befreit. Zweifellos hatten wir, um über die Beschränkung des körperlichen und vitalen Menschen in uns hinauszukommen, bisher als Beistand einen Drang, der uns über die individuellen und kollektiven Bedürfnisse und Begehren eines Menschseins hinausführt, das immer noch an den lebenden Lehm der Materie gebunden ist, in dem es einst seine Wurzeln entwickelte. Das ist jene Aspiration, die das mentale und sittliche Wesen in uns entfalten half. Darum ist dieses neue sublimierende Element in uns ein bedeutender Gewinn gewesen. Seine Einwirkungen bedeuteten in der schwierigen Evolution der irdischen Natur einen wichtigen Schritt vorwärts. Hinter der Unzulänglichkeit dieser sittlichen Begriffe ist etwas verborgen, das uns zu einer höchsten Wahrheit hinzieht und an sie bindet. Hier ist der Widerschein eines Lichtes und einer Macht, die Teil einer noch unerreichten göttlichen Natur sind. Die mentale Vorstellung von diesen Dingen ist jedoch nicht jenes Licht, und ihre moralische Formulierung ist noch nicht jene Macht. Denn diese sind nur repräsentative Konstruktionen des Mentals, die den göttlichen Geist nicht verkörpern können, den sie vergebens in ihre kategorischen Formeln einzusperren suchen. Jenseits des mentalen und moralischen Wesens in uns gibt es ein größeres göttliches Wesen, das spirituell und supramental ist. Wir müssen eine weite spirituelle Ebene durchmessen, wo sich die Formeln des Mentals in einer weißen Flamme direkter innerer Erfahrung auflösen. Dort kommen wir über die Grenzen des Mentals hinaus und gelangen von seinen Konstruktionen hinüber in die ungeheure Weite der supramentalen Wirklichkeiten. Nur dort können wir in greifbare Verbindung kommen mit der Harmonie der göttlichen Mächte, die unserem Mental gegenüber nur kümmerlich durch die einander widerstreitenden oder schwankenden Elemente des moralischen Gesetzes dargestellt oder in einem falschen Bild eingeengt werden. Allein auf jener Ebene, in jenem supramentalen Geist kann die Vereinigung des gewandelten vitalen und körperlichen Wesens im Menschen mit dem erleuchteten mentalen Zustandekommen. Dieser supramentale Geist ist zugleich der geheime Ursprung und das Ziel unseres Mentals, Lebens und Körpers. Nur in ihm gibt es überhaupt die Möglichkeit für absolute Gerechtigkeit und Liebe sowie für ein Recht, das weit entfernt ist von dem, das wir uns vorstellen. Dort sind sie im Lichte jenes höchsten göttlichen Wissens miteinander eins. Darum kann es auch nur in jenem Bereich eine Aussöhnung des Konflikts geben, der zwischen den einzelnen Seiten und Funktionen unserer Natur besteht.
So existiert also, anders ausgedrückt, oberhalb des äußeren Gesetzes der Gesellschaft und des Sittengesetzes des einzelnen Menschen, jenseits von diesen, die umfassendere Wahrheit eines ungeheuren, uneingeschränkten Bewusstseins, eine Wahrheit, die von ihnen, wenn auch schwächlich und unwissend, irgendwie angestrebt wird. Das ist ein göttliches Gesetz, zu dem diese beiden blinden vergröberten Formulierungen mit unsicheren Schritten vorwärtsgehen, in ihrem Versuch, aus dem natürlichen Lebensgesetz des Tierwesens in ein erhabeneres Licht oder in eine universale Ordnung zu entkommen. Da die Gottheit in unserem Inneren unser eigener Geist ist, der sich in der Richtung auf seine verborgene Vollkommenheit hin bewegt, muss diese göttliche Normierung ein höchstes spirituelles Gesetz und die Wahrheit unserer Natur sein. Da wir aber nun durch unsere Verkörperung in der Welt Wesen sind, die eine gemeinsame Existenz und Natur haben und trotzdem auch individuelle Seelen bleiben, die in eine direkte Verbindung mit dem Transzendenten kommen können, muss diese höchste Wahrheit unsrer selbst einen doppelten Charakter haben. Sie muss ein Gesetz und eine Wahrheit sein, durch die wir den vollkommenen Ablauf, die Harmonie und den Rhythmus eines großen spirituellen kollektiven Lebens entdecken und die in vollkommener Weise unsere Beziehungen zu jedem einzelnen Wesen und zu allen Wesen in der Einheit der Natur determiniert. Zugleich muss das ein Gesetz und eine Wahrheit sein, die uns jeden Augenblick den Rhythmus und die genauen Schritte enthüllen, nach denen sich das Göttliche in der Seele, in Mental, Leben und Körper des individuellen Geschöpfes unmittelbar ausdrückt. (Anmerkung: Deshalb definiert die Gita den Begriff Dharma, der mehr bedeutet als nur Religion oder Sittlichkeit, als ein Wirken, das durch unsere wesenhafte Art des Selbst-Seins gelenkt wird.) Wir finden in unserer Erfahrung, dass dieses erhabene Licht und die Kraft zum Wirken in ihrem stärksten Ausdruck zugleich ein zwingendes Gesetz und eine absolute Freiheit sind. Das ist ein verbindliches Gesetz, weil es durch eine unveränderliche Wahrheit jede unserer inneren und äußeren Bewegungen regiert. Dennoch bedient es sich in jedem Augenblick und bei jeder Bewegung der absoluten Freiheit des Höchsten durch eine vollkommen plastische Anpassung unserer bewussten, befreiten Natur.
Der ethische Idealist versucht, dieses höchste Gesetz in seinen eigenen moralischen Voraussetzungen, in den niederen Kräften und Faktoren zu entdecken, die der mentalen und ethischen Formel angehören. Um sie abzusichern und zu organisieren, wählt er ein fundamentales Prinzip der Lebensführung aus, das in seinem Wesen anfechtbar und vom Intellekt, von der Nützlichkeit, vom Lebensgenuss, von der Vernunft, vom intuitiven Gewissen oder von irgendeiner anderen verallgemeinerten Norm konstruiert ist. Alle solche Versuche sind von vornherein zum Fehlschlag verurteilt. Unsere innere Natur ist der progressive Ausdruck des ewigen Geistes. Sie ist eine zu komplexe Macht, als dass sie durch ein einziges dominierendes mentales oder moralisches Prinzip in Fesseln gelegt werden könnte. Nur das supramentale Bewusstsein kann ihren verschiedenartigen, einander widerstreitenden Kräften deren spirituelle Wahrheit offenbaren und sie harmonisieren.
Die späteren Religionen bemühen sich, den Typus einer erhabenen Wahrheit der Lebensführung festzulegen, ein System zu errichten und es als das durch den Mund eines Avatars oder Propheten geoffenbarte Gesetz Gottes zu erklären. Obwohl diese Systeme machtvoller und dynamischer sind als die trockene ethische Idee, sind sie doch größtenteils nichts anderes als idealistische Verherrlichungen des moralischen Prinzips, das durch religiöse Gefühle wie auch die Behauptung eines übermenschlichen Ursprungs geheiligt wird. Einige von ihnen, wie die extreme christliche Ethik, werden deshalb von der Natur zurückgewiesen, weil sie in einer nicht verwirklichbaren Weise eine unpraktische absolute Vorschrift durchsetzen wollen. Andere erweisen sich schließlich als durch die Evolution bedingte Kompromisse, die im Lauf der Zeit veralten. Das wahre göttliche Gesetz kann nicht, wie diese mentalen Nachbildungen, ein System starrer ethischer Bestimmungen sein, die all unsere Lebensregungen in ihre gusseisernen Formen hineinpressen wollen. Das göttliche Gesetz ist die Wahrheit des Lebens und die Wahrheit des Geistes. Darum muss es sich jedes Schrittes unseres Wirkens und der Kompliziertheit all unserer Lebensfragen in freier, lebendiger und elastischer Weise annehmen und sie durch die direkte Einwirkung seines ewigen Lichtes inspirieren. Es darf nicht als eine Verordnung und Formel wirken, sondern es ist eine alles in sich einhüllende und durchdringende bewusste Gegenwart, die all unsere Gedanken, Betätigungen, Gefühle und Impulse des Willens durch ihre unfehlbare Macht und durch ihr Wissen bestimmt.
Die älteren Religionen haben ihre Herrschaft der weisen Männer, ihre Aussprüche eines Manu oder Confucius oder ein umfassendes Shastra geschaffen, worin sie die gesellschaftliche Ordnung und das Sittengesetz durch Verkündigung gewisser ewiger Prinzipien unserer höchsten Natur in einer alles vereinigenden Verschmelzung zu kombinieren suchten. Alle drei Elemente wurden auf derselben Grundlage als der gleichmäßig gültige Ausdruck ewiger Wahrheiten behandelt, sanātana dharma. Zwei dieser Elemente sind aber evolutionären Charakters und nur für eine bestimmte Zeit gültig. Sie sind mentale Konstruktionen und menschliche Wiedergaben des Willens des Ewigen. Das dritte Element, das auch an gewisse gesellschaftliche und moralische Formeln gebunden und ihnen unterworfen war, musste das Schicksal seiner Formen teilen. Entweder veraltet das Shastra und muss im Lauf des Fortschritts verändert oder schließlich weggeworfen werden, oder es steht zuletzt als eine starre Schranke jeder Selbst-Entwicklung des Individuums und der Menschheit im Wege. Das Shastra stellt kollektive äußere Normen auf. Es ignoriert die innere Natur des Individuums, die unwägbaren Elemente einer geheimen spirituellen Kraft in seinem Inneren. Die Natur des Individuums will aber nicht missachtet werden; sie ist in ihrem Verlangen unerbittlich. Wenn der Einzelne seinen äußeren Impulsen zügellos frönt, führt das zu Anarchie und Auflösung. Wenn aber die Freiheit seiner Seele durch eine starr festgelegte mechanische Ordnung unterdrückt und unter Zwang gehalten wird, bedeutet das Stagnation oder inneren Tod. Das Höchste, das der Mensch zu entdecken hat, ist (im Gegensatz zu diesem Zwang oder zu dieser Determinierung von außen her) die freie Enthüllung seines höchsten Geistes und die Wahrheit einer ewigen Bewegung.
Dieses höhere sittliche Gesetz wird vom individuellen Menschen in seinem Mental, seinem Willen und seinem seelischen Empfinden entdeckt und von da aus auf die ganze Menschheit ausgedehnt. Auch dieses höchste Gesetz muss vom Einzelnen in seinem eigenen Geist entdeckt werden. Nur dann kann es, nicht durch die mentale Idee, sondern durch spirituellen Einfluss, auf weitere Kreise übertragen werden. Man kann ein moralisches Gesetz als Richtschnur oder als Ideal derjenigen Masse der Menschen auferlegen, die diese Ebene des Bewusstseins noch nicht erreicht, die noch nicht jene Feinheit des Mentals, des Willens und des seelischen Empfindens gewonnen hat, worin es für sie zu einer Wirklichkeit und lebendigen Kraft wird. Man kann das moralische Gesetz als ein Ideal verehren, ohne dass man es notwendigerweise auch praktizieren müsste. Man mag es als eine Rechtsordnung in seinen Äußerlichkeiten befolgen, selbst wenn sein innerer Sinn völlig verfehlt wird. Auf solche Weise kann man aber das supramentale und spirituelle Leben nicht mechanisieren. Man kann es nicht in ein mentales Ideal oder in äußere Vorschriften verkehren. Es hat seine eigenen großen Linien. Diese müssen als etwas Wirkliches und als die Wirkensweisen einer aktiven Macht im Bewusstsein des einzelnen empfunden werden. Sie sollen als die Übertragung einer ewigen Wahrheit erkannt werden, die so machtvoll ist, dass sie das Mental, das Leben und den Körper umwandelt. Da diese Wahrheit so real, effektiv und zwingend ist, liegt in der allgemeinen Ausbreitung des supramentalen Bewusstseins und des spirituellen Lebens die einzige Kraft, die bei den höchstentwickelten Geschöpfen der Erde zu einer individuellen und kollektiven Vervollkommnung führen kann. Nur wenn wir mit dem göttlichen Bewusstsein und seiner absoluten Wahrheit dauernd in Verbindung kommen, kann sich eine gewisse Form des bewussten Göttlichen, das dynamische Absolute, des Daseins unserer Erde annehmen und ihr Ringen, ihr Straucheln und Leiden sowie alles, was an ihr falsch ist, in ein Ebenbild des höchsten Lichtes, der Macht und des Ananda umwandeln.
Der Höhepunkt der ständigen Verbindung der Seele mit dem Höchsten liegt in jener Selbsthingabe, die wir die Überantwortung unter den göttlichen Willen (surrender) nennen. Da versinkt das abgesonderte Ego in den Einen, der zugleich alle ist. Grundlage und unbedingte Voraussetzung für das supramentale Bewusstsein und das spirituelle Leben ist eine grenzenlose Universalität der Seele und ein intensives Einssein mit allen. Allein in der Universalität und Einheit können wir das höchste Gesetz der göttlichen Manifestation im Leben des verkörperten Geistes finden. Allein in ihr können wir den höchsten Antrieb und das richtige Kräftespiel unserer individuellen Natur entdecken. In ihr allein können sich alle unsere Disharmonien der niederen Ebene in eine überwältigende Harmonie der wahren Beziehungen zwischen den manifestierten Wesen auflösen, da sie ja Teilwesen der einen Gottheit und Kinder der einen universalen Mutter sind.
Unsere ganze Lebensführung und alles Wirken sind ein Teil der Bewegung einer Macht, einer Kraft, die in ihrem Ursprung, geheimen Sinn und Willen unendlich und göttlich ist, wenn auch ihre für uns sichtbaren Gestaltungen unbewusst oder unwissend, materiell, vital, mental und endlich zu sein scheinen. Diese Kraft wirkt ständig daran, progressiv etwas von dem Göttlichen und Unendlichen aus seiner Verborgenheit in der individuellen und kollektiven Natur hervortreten zu lassen. Diese Macht führt hin zum Licht; ihr Weg geht jedoch immer noch durch die Unwissenheit hindurch. Sie lenkt den Menschen zuerst durch seine Bedürfnisse und Begehrlichkeiten. Dann leitet sie ihn durch ausgeweitete Bedürfnisse und Begehrlichkeiten, die durch ein mentales und sittliches Ideal umgeformt und erleuchtet werden. So bereitet sie ihn darauf vor, dass sie ihn bis zu einer spirituellen Realisation bringen kann, die über alle Bedürfnisse und Begehrlichkeiten hinausgeht und diese doch zur Erfüllung und zum harmonischen Ausgleich in allem bringt, was in ihrem Geist und in ihrer Zielsetzung in göttlicher Weise wahr ist. Diese supramentale Macht wandelt die Bedürfnisse und Begehrlichkeiten in einen göttlichen Willen und in Ananda um. Sie transformiert die mentale und sittliche Aspiration in die Mächte der Wahrheit und Vollkommenheit, die jenseits von jenen liegen. Sie ersetzt das in sich gespaltene Ringen der individuellen Natur sowie die Leidenschaft und das Kämpfen des abgesonderten Ego durch das stille, tiefe, harmonische und frohe Gesetz der universalisierten Person in unserem Inneren, durch die Normen unseres zentralen Wesens und Geistes, der ein Teil des höchsten Geistes ist. Diese wahre Person in uns sucht, weil sie universal ist, nicht ihre abgesonderte Befriedigung. Vielmehr möchte sie in ihrem äußeren Ausdruck in der Natur zu ihrer wirklichen Statur heranwachsen und der Ausdruck ihres inneren göttlichen Selbst sein. Sie möchte jene transzendente spirituelle Macht und Gegenwart in ihrem Inneren realisieren, die mit allen geeint ist und mit jedem Ding und jedem Geschöpf mitfühlt. Diese wahre Person ist eins mit der gesamten kollektiven Personalität und mit den Mächten der göttlichen Existenz; und dennoch transzendiert sie diese. Sie wird nicht durch den Egoismus irgendeiner Kreatur oder eines Kollektivs gebunden und ist auch nicht durch die unwissenden Ansprüche ihrer niederen Natur eingeschränkt. Das ist die hohe Realisation, die all unserem Suchen und Ringen vorschwebt. Sie gibt uns das gewisse Versprechen, dass es zu einer vollkommenen Aussöhnung und Umgestaltung aller Elemente in unserer Natur kommen muss. Eine reine, totale und fehlerlose Aktivität ist nur dann möglich, wenn das in uns bewirkt wird und wenn wir die Höhe dieser in uns verborgenen Gottheit erreicht haben.
Das vollkommene supramentale Wirken wird sich nicht an ein einziges Prinzip oder an eine begrenzte Vorschrift halten. Es wird gewiss weder die Normen des individuellen Egoisten noch die irgendeines organisierten Gruppenmentals befriedigen. Es wird weder mit der Forderung des positivistischen praktischen Weltmenschen, noch des formalistischen Moralisten, des Patrioten, des sentimentalen Philanthropen oder des idealisierenden Philosophen übereinstimmen. Das vollkommene supramentale Handeln wird spontan aus den höchsten Bereichen hervorströmen und sich in der Totalität eines erleuchteten, erhöhten Seins, Willens und Wissens vollziehen. Es wird nicht mehr aus dem ausgewählten, berechneten und standardisierten Wirken herrühren, wozu die intellektuelle Vernunft oder der ethische Wille allein fähig sind. Es ist sein einziges Ziel, das Göttliche in uns zum Ausdruck zu bringen, die Welt zusammenzuhalten und ihren Fortschritt zu jener Manifestation hinzulenken, die kommen muss. Aber gerade das wird nicht so sehr ein Ziel und eine Absicht sein als vielmehr ein spontanes Gesetz des Wesens, eine intuitive Bestimmung des Handelns durch das Licht der göttlichen Wahrheit und deren automatischen Einfluss. Wie das Wirken der Natur geht auch es aus totalem Willen und Wissen hervor, die hinter der Natur wirksam sind. Das ist aber ein erleuchteter Wille und ein erleuchtetes Wissen in einer bewussten höchsten Natur, nicht länger verdunkelt durch die unwissende Prakriti. Dieses Wirken wird dann nicht mehr durch die dualen Gegensätzlichkeiten gebunden. Vielmehr ist es erfüllt und weit in einer unparteiischen Daseinsfreude des Geistes. Die frohe, inspirierte Bewegung von göttlicher Macht und Weisheit, die uns lenkt und antreibt, ersetzt dann die Verwirrungen und unsicheren Schritte des leidenden, unwissenden Egos.
Könnte die ganze Menschheit durch das Wunder eines göttlichen Eingreifens auf einmal auf diese Höhe emporgehoben werden, dann hätten wir auf Erden etwas von dem Goldenen Zeitalter der Traditionen, das Satya Yuga: das Zeitalter der Wahrheit oder des wahren Daseins. Das Kennzeichen des Satya Yuga besteht darin, dass das Gesetz in jedem Geschöpf spontan und bewusst ist und dass es seine eigenen Werke in einer vollkommenen Harmonie und Freiheit durchführt. Dann würden Einheit und Universalität die Grundlage des Bewusstseins der Menschheit sein und nicht mehr die absondernde Gespaltenheit. Die Liebe wäre dann absolut. Eine harmonische Gleichheit aller wäre mit einer Hierarchie vereinbar und würde erst in der Verschiedenartigkeit vollkommen werden. Eine absolute Gerechtigkeit könnte durch das spontane Wirken des Wesens im Einklang mit der Wahrheit der Dinge, der Wahrheit seines Selbst und der Wahrheit der anderen auf sicheren Fundamenten stehen; sie würde zu dem rechten Erfolg führen. Der wahren Vernunft, die dann keine mentale, sondern eine supramentale ist, könnte dadurch Genüge getan werden, dass sie nicht mehr künstliche Normen zu beachten braucht, sondern frei und automatisch alle richtigen Beziehungen und deren unfehlbaren Vollzug im Handeln erkennt. Der Streit zwischen dem Individuum und der Gesellschaft und der verhängnisvolle Kampf zwischen der einen und anderen Gemeinschaft würden dann nicht mehr existieren. Das fest in den verkörperten Wesen gegründete kosmische Bewusstsein würde eine Harmonie zwischen der Unterschiedlichkeit und dem Einssein sichern.
Bei dem jetzigen Zustand der Menschheit muss der einzelne als Pionier und Vorläufer zu dieser Höhe emporklimmen. Seine Isoliertheit wird seine äußeren Betätigungen notwendig so bestimmen und formen, dass sie sich noch stark von denen einer bewusst göttlichen kollektiven Aktion unterscheiden. Sein innerer Zustand, der die Wurzel seiner Betätigungen ist, wird derselbe sein. Seine Handlungen können aber noch sehr von dem verschieden sein, was sie auf einer Erde wären, die von der Unwissenheit befreit ist. Aber sein Bewusstsein und der göttliche Mechanismus seiner Lebensführung – wenn ein solches Wort für etwas so Freies verwendet werden darf – wären so, wie sie beschrieben worden sind: frei von allem Unterworfensein unter die vitale Unreinheit, das Begehren und jenen falschen Impuls, den wir Sünde nennen, aber auch ungebunden durch jene Ordnung vorgeschriebener moralischer Formeln, die wir als Tugend bezeichnen. Sein Bewusstsein und seine Lebensführung wären statt dessen spontan sicher, rein und vollkommen, in einer höheren Bewusstheit als in der des Mentals. Das Handeln würde dann in allen seinen Schritten vom Licht und der Wahrheit des Geistes regiert. Wenn nun ein Kollektiv oder eine Gruppe aus solchen Menschen gebildet werden könnte, die die supramentale Vollkommenheit erlangt haben, würde gewiss eine göttliche Schöpfung Gestalt annehmen. Eine neue Erde käme hernieder, die ein neuer Himmel sein würde. Eine Welt supramentalen Lichts könnte hier mitten in der zurückweichenden Finsternis dieser irdischen Unwissenheit erschaffen werden.
Kapitel 8
Der Höchste Wille
Im Licht der fortschreitenden Offenbarung des Geistes, der zuerst in der Unwissenheit gebunden zu sein scheint, dann aber frei in der Macht und Weisheit des Unendlichen hervortritt, können wir das krönende Gebot der Gita an den Karma-Yogin besser verstehen: „Gib jedes Dharma, alle Prinzipien, Gesetze und Regeln für die Lebensführung auf und nimm deine Zuflucht allein zu mir!“ — Alle diese Normen und Regeln sind zeitgebundene, vergängliche Konstruktionen, die sich auf die Bedürfnisse des Egos bei seinem Übergang aus der Materie zum Geist gründen. Diese Notbehelfe haben so lange eine relativ zwingende Bedeutung, als wir noch zufrieden auf den Übergangsstufen stehen bleiben, uns mit dem physischen und vitalen Leben abfinden und an die Funktionen unseres Mentals gebunden sind. Das gilt auch dann noch, wenn wir schon in jenen Bereichen der mentalen Ebene stehen, die vom Schimmer des Geistes berührt werden. Jenseits davon liegt jedoch die unbegrenzbare Weite eines supramentalen unendlichen Bewusstseins; dort gehen alle zeitbedingten Strukturen zuende. Wir können nicht bis zum letzten in die spirituelle Wahrheit des Ewigen und Unendlichen eintreten, wenn wir nicht den Glauben und den Mut aufbringen, uns ganz in die Arme des Herrn aller Dinge, des Freundes aller Geschöpfe zu werfen und unsere mentalen Begrenzungen und Maßstäbe ganz und gar hinter uns zu lassen. Es kommt ein Augenblick, da wir uns ohne Zögern, vorbehaltlos und ohne Furcht oder Bedenken in den Ozean des freien, unendlichen Absoluten stürzen müssen. Nach dem Gesetz kommt die Freiheit. Auf die personalen, auf die allgemeinen und auf die universalen Normen folgt etwas Größeres: die apersonale plastische Vielförmigkeit, die göttliche Freiheit, die transzendente Kraft und der erhabene Impuls. Am Ende des geraden Pfades des Aufstiegs öffnen sich vor uns auf der höchsten Höhe die weiten Ebenen.
Es gibt drei Stufen des Aufstiegs. Ganz unten ist das körperliche Leben, das unter dem Druck des Bedürfens und Begehrens geknechtet ist. In der Mitte tritt das Mental hervor, die höhere emotionale und seelische Ordnung, die nach höheren Interessen, Aspirationen, Erfahrungen und Ideen tastet. Auf den höchsten Höhen erfahren wir zuerst einen tieferen seelischen und spirituellen Zustand, dann tritt ein supramentales ewiges Bewusstsein hervor, in dem alle unsere Aspirationen und Bestrebungen ihre innerste Bedeutung entdecken. Im körperlichen Leben haben zunächst das Begehren und die Bedürfnisse, dann das praktische Wohl des Individuums und der Gesellschaft vordringlich Rang und bestimmende Macht. Im mentalen Leben regieren Ideen und Ideale. Die Ideen sind nur halbe Lichter, die sich in das Gewand der Wahrheit kleiden. Die Ideale werden vom Mental als das Ergebnis einer wachsenden, aber noch unvollkommenen Intuition und Erfahrung gebildet. Wo immer das mentale Leben vorherrscht, das körperliche aber sein stürmisches Drängen vermindert, fühlt sich der Mensch, das mentale Wesen, durch den Drang der mentalen Natur dazu getrieben, das individuelle Leben im Sinne der Idee oder des Ideals zu formen. Schließlich wird sogar das unbestimmtere, komplexere Leben der Gesellschaft dazu gezwungen, diesen subtilen Prozess durchzumachen. Diese begrenzten Motivkräfte treten im spirituellen Leben oder wenn sich eine höhere Macht als das Mental geoffenbart und von der Natur Besitz ergriffen hat zurück. Sie werden immer bedeutungsloser und verschwinden allmählich ganz. Alleiniger Herr in uns muss das spirituelle oder supramentale Selbst, das Göttliche Wesen, sein; es ist die höchste immanente Wirklichkeit. Sie will unsere endgültige Entwicklung frei im Einklang mit dem gestalten, was der höchste, umfassendste und integrale Ausdruck des Gesetzes unserer Natur ist. Am Ende wirkt die Natur in der vollkommenen Wahrheit und in ihrer spontanen Freiheit. Sie gehorcht nur noch der lichtvollen Macht des Ewigen. Dann kann das Individuum nichts Höheres mehr gewinnen; es muss ihm kein Wunsch mehr erfüllt werden. Es ist zu einem Teil der Apersonalität oder der universalen Personalität des Ewigen geworden. Sein Wirken kann durch keinen anderen Zweck mehr motiviert werden, als den Göttlichen Geist zu manifestieren, an seinem Kräftespiel im Leben und an der dauernden Erhaltung der Welt teilzuhaben und ihren Gang hin zu ihrem göttlichen Ziel zu lenken. Mentale Ideen, Meinungen und Konstruktionen sind nicht mehr seine Sache. Seine mentalen Funktionen sind in Schweigen versunken und nur noch ein Kanal für das Licht und die Wahrheit des göttlichen Wissens. Ideale sind zu eng für die unermessliche Weite seines Geistes. Der Ozean des Unendlichen strömt durch ihn und bewegt ihn für immer.
Wer aufrichtig den Pfad des Wirkens (Karma-Yoga) betritt, muss jene Stufe hinter sich lasen, auf der die Bedürfnisse und das Begehren das erste Gesetz für unsere Handlungen sind. Wenn wir das hohe Ziel des Yoga akzeptieren, müssen wir alles Begehren, das uns noch beunruhigt, von uns weggeben und in die Hand des Herrn in unserem Inneren legen. Die höchste Macht wird es so behandeln, wie es dem Wohl des Sadhaka und dem Wohl aller dient. Sobald diese Überantwortung (surrender) einmal vollzogen ist – immer unter der Voraussetzung, dass die Zurückweisung unseres Begehrens aufrichtig geschieht –, erleben wir zwar, dass die egoistischen Neigungen des Verlangens noch für eine gewisse Zeit zurückkehren, da der Impuls der früheren Natur ständig nachwirkt. Durch dieses Wiederkommen soll jedoch seine erworbene Antriebskraft erschöpft werden. So lernt der Mensch in seinem am schwersten belehrbaren Teil, in seiner nervlichen, vitalen und emotionalen Natur, durch die Reaktionen auf das Begehren, auf den dadurch verursachten Kummer und die Ruhelosigkeit – im bitteren Gegensatz zu den ruhigen Augenblicken des höheren Friedens und den wunderbaren Regungen des göttlichen Ananda –, dass das egoistische Begehren kein gültiges Gesetz mehr für die Seele ist, die nach Befreiung strebt oder ihre eigene ursprüngliche Gott-Natur zu erlangen sucht. Allmählich wird dann das Element des Begehrens in diesen impulsiven Kräften abgebaut, unerbittlich ausgeschieden, weil ein ständiger Druck auf seine Verwerfung und Transformation hinwirkt. Dann wird nur die reine Wirkenskraft (pravrtti) in der frohen Harmonie einer endgültigen Vollkommenheit in ihnen erhalten bleiben, die dadurch gerechtfertigt ist, dass man mit ausgeglichener Freude jedes Werk tut und das Ergebnis jedes Wirkens hinnimmt, das von oben her inspiriert und auferlegt wird. Das normale Gesetz und Recht unseres nervlichen Wesens ist es, zu handeln und zu genießen. Wenn wir aber unser Handeln und Genießen nur nach unserem persönlichen Begehren auswählen, ist das nicht unser Recht, sondern unser ignoranter Wille. Wählen darf nur der erhabene und universale Wille. Unser Handeln soll sich in eine dynamische Bewegung dieses Willens umwandeln. Unser Genießen soll durch das Kräftespiel eines reinen spirituellen Ananda ersetzt werden. Jeder persönliche Wille wird dann entweder zu einer vorübergehenden Delegation von oben her; oder es hat ein ignoranter Asura von ihm Besitz ergriffen.
Der zweite Begriff unserer fortschrittlichen Entwicklung, das Gesetz der Gesellschaft, ist zunächst ein Mittel zur Unterwerfung des Egos, damit es durch seinen Gehorsam einem umfassenderen kollektiven Ego gegenüber Disziplin lernt. Dieses Gesetz kann ganz leer von jedem sittlichen Inhalt sein; es dient dann nur den Bedürfnissen oder dem praktischen Wohl der Gesellschaft (bzw. dem, was eine Gesellschaft darunter versteht). Oder dieses Gesetz kann die Bedürfnisse und das Wohl der Gesellschaft zum Ausdruck bringen, aber modifiziert, gefärbt und ergänzt durch ein höheres sittliches oder ideales Gesetz. Dieses Gesetz bindet das sich entwickelnde, jedoch noch nicht völlig entfaltete Individuum in der Form der gesellschaftlichen Pflicht, der Verantwortung gegenüber der Familie, den Forderungen der Gemeinde und der eilen Empfinden für ein höheres Recht in Konflikt stehen. Der Sadhaka des Karma-Yoga wird auch dieses Gesetz an den Herrn der Werke überantworten. Hat er sich ihm einmal völlig übergeben, dann dienen auch die gesellschaftlichen Triebkräfte und Urteile (wie vorher seine Begehren) nur noch dazu, sich allmählich zu erschöpfen. Sind sie aber noch eine Zeitlang notwendig, dann sollen sie seine niedere mentale Natur dazu befähigen, sich mit der Menschheit im allgemeinen oder mit irgendeiner Gruppierung der Menschheit zu identifizieren, um an ihren Werken, Hoffnungen und Bestrebungen teilzunehmen. Wenn diese kurze Zeit vorüber ist, werden die Einflüsse zurückgezogen, und es bleibt dann allein eine göttliche Lenkung übrig. Von nun ab ist er mit dem Göttlichen und mit den anderen Menschen nur durch das göttliche Bewusstsein identifiziert, nicht mehr durch seine mentale Natur.
Selbst wenn der Sadhaka frei geworden ist, verbleibt er weiter in der Welt. In der Welt leben heißt aber, im Wirken verbleiben. Wenn der Karma-Yogin weiter handelt, aber ohne Begehren ist, bedeutet das, dass er für das Wohl der Welt im allgemeinen oder für seinesgleichen, für die Menschheit oder für eine Neue Schöpfung wirkt, die auf der Erde entwickelt werden muss. Er kann auch zu einem Werk gedrängt werden, das ihm der Göttliche Wille in seinem Inneren auferlegt. Dieses Handeln soll dann innerhalb des Rahmens geschehen, der ihm durch seine Umwelt oder durch die Gruppe zur Verfügung steht, in die er geboren ist oder gestellt wird; er kann es auch innerhalb einer Gemeinschaft tun, die eine göttliche Lenkung für ihn ausgewählt oder geschaffen hat. Im Verlauf unserer Vervollkommnung soll also nichts mehr in unserem mentalen Wesen übrig bleiben, was unserem Mitfühlen und unserer Selbst-Identifizierung mit unsern Nächsten, mit der Gruppe oder irgendeiner kollektiven Ausdrucksform des Göttlichen widerstreitet oder sie verhindert, wo wir lenkend, helfend oder dienend wirken sollen. Am Ende muss es dann zu einer freien Selbst-Identifizierung durch Identität mit dem Göttlichen kommen. Hier darf keine mentale Bindung, kein moralisches Band der Einung und keine Vereinigung vitaler Art mehr bestehen, in denen irgendein Egoismus persönlicher oder gesellschaftlicher Art, der Nation, der Gemeinde oder des Glaubensbekenntnisses vorherrscht. Wenn man noch einem Gesetz der Gesellschaft gehorcht, dann aus keinem äußeren Grunde mehr: weder aus physischer Notwendigkeit, aus einem Empfinden persönlichen oder allgemeinen Interesses, noch aus Berechnung, unter dem Druck der Umgebung oder aus irgendeinem Pflichtgefühl. Der Sadhaka wird alles nur um des Herrn der Werke willen tun, weil er fühlt oder weiß, dass der Göttliche Wille verlangt, dass das Gesetz, die Ordnung oder die Beziehungen der Gesellschaft so, wie sie jetzt noch bestehen, als eine Ausdrucksform des inneren Lebens beibehalten werden können, und dass der Sinn der Menschen nicht durch ihre Verletzung verwirrt werden darf. Muss er aber das Gesetz oder die Ordnung oder die menschlichen Beziehungen in der Gesellschaft missachten, dann wird er dabei nicht aus seinem Begehren, seinem persönlichen Willen oder aufgrund seiner persönlichen Meinung handeln, sondern weil er eine höhere Rechtsordnung fühlt, die das Gesetz des Geistes zum Ausdruck bringt, oder weil er weiß, dass im Vollzug des göttlichen Allwillens eine Bewegung nach einer Umwandlung drängt. Er muss das Bestehende der Gesetze und Formen überhöhen oder zugunsten eines freieren, umfassenderen Lebens abschaffen, das für den Fortschritt der Welt notwendig ist.
Schließlich haben wir noch das sittliche Gesetz oder das Ideal. Selbst bei vielen, die sich für frei halten, gelten diese als für ewig geheiligt und unantastbar. Auch sie wird der Sadhaka, dessen Blick immer zu den Höhen gerichtet ist, an Ihn hingeben, den alle Ideale nur unvollkommen und als Stückwerk zum Ausdruck bringen. Alle sittlichen Eigenschaften sind nur eine geringe, starre Entstellung jener spontanen, unbegrenzbaren göttlichen Vollkommenheit. Mit dem Verschwinden des nervlichen Begehrens schwindet auch unsere Gebundenheit an die Sünde und an das Böse dahin. Denn dieses gehört zum rajoguna, zur Qualität der Leidenschaft, des Impulses oder der Neigung des Vitals in uns. Es wird mit der Transformation dieser Qualität der Natur ausgelöscht. Der Aspirant darf aber nicht durch die vergoldete oder goldene Kette einer konventionellen, gewohnheitsmäßigen, vom Mental verordneten Tugend, auch nicht durch die hohe, helle Tugend des Sattwa gebunden sein. Etwas Tieferes und Wesenhafteres wird diese Haltungen minderen Wertes ersetzen, die die Menschen Tugend nennen. Der ursprüngliche Sinn dieses Wortes Tugend bedeutet Mannhaftigkeit. Das ist etwas viel Umfassenderes und Tieferes als das moralische Mental und seine Strukturen. Die höchste Höhe des Karma-Yoga ist aber ein noch höherer und tieferer Zustand, eine Haltung, die man vielleicht mit „Seelenmächtigkeit“ bezeichnen könnte. Die Seele ist ja größer als der Mensch. Eine freie Seelenmächtigkeit, die spontan in Werken höchster Wahrheit und Liebe aufwallt, wird die menschliche Tugend ersetzen. Wir können diese höchste Wahrheit nicht dazu zwingen, die ärmlichen Gebäude der praktischen Vernunft zu bewohnen oder sich in die vornehmeren Konstruktionen der umfassenderen ideativen Vernunft niederzulassen, die ihre Begriffe, die nur Repräsentationen der Wahrheit sind, der begrenzten menschlichen Intelligenz aufzwingt, als ob sie die reine Wahrheit wären. Diese höchste Liebe kann nicht notwendigerweise mit den partiellen und schwächlichen, ignoranten und von Emotionen beherrschten Regungen der menschlichen Anziehung, der Sympathie und des Mitleidens in Einklang stehen, und noch weniger will sie damit identisch sein. Das enge Gesetz des Mentals kann ihre umfassendere Bewegung nicht binden. Da das Mental nur Teilziele verwirklichen kann, darf es der Seele, die ihre Erfüllung sucht, seine Vorschriften nicht aufzwingen.
Am Anfang werden die höhere Liebe und Wahrheit ihre Einwirkung auf den Sadhaka im Einklang mit dem wesentlichen Gesetz oder der Art seiner eigenen Natur vollziehen. Diese individuelle Natur ist der besondere Aspekt der göttlichen Natur, die eigenartige Macht der höchsten Shakti, aus der die Seele des Sadhaka in das Spiel der Schöpfung hervorgetreten ist. Die Seele wird zwar in Wirklichkeit nicht durch die Formen dieses Gesetzes und durch diese Eigenart eingegrenzt; die Seele ist unendlich. Ihr Stoff der Natur trägt aber noch deren Gepräge und entwickelt sich im Fluss seiner Entfaltung nach deren Grundlinien, oder sie bewegt sich in den Spirallinien des sie beherrschenden Einflusses. Der Sadhaka wird die Bewegung der göttlichen Wahrheit gemäß den wesentlichen Eigenschaften (Gunas) manifestieren, die seine Gestaltung konstituieren und seinem Wesen durch dessen eigenen inneren Drang verliehen sind: entweder im Einklang mit dem Temperament des Weisen oder des löwengleichen Kämpfers, des Liebenden und Genießers oder des Arbeiters, des Dieners oder in sonst einer Kombination dieser guna. Die Natur seines Selbst, die sich im freien Spiel in seinen Taten entfaltet, werden die Menschen an ihm sehen, keine Lebensführung, die hart umrissen, abgezirkelt und künstlich reglementiert wird durch eine niedere Ordnung oder ein äußeres Gesetz.
Wir müssen aber ein noch höheres Ziel erreichen. Es gibt eine Unendlichkeit (ānantya), in der wir selbst über diese letzte Begrenzung hinauskommen, da unsere Natur nun bis zu ihrer äußersten Möglichkeit erfüllt worden ist und alle Grenzen verschwinden. Dort lebt die Seele ohne Beschränkungen. Sie verwendet alle Formen und Ausprägungen so, wie es der göttliche Wille in ihr vorschreibt. Sie wird dadurch in gar keinem Zwang gehalten und nicht irgendwie in die Macht oder Form, deren sie sich bedient, gebunden und gefangen. Das ist die höchste Höhe des Pfades der Werke. Das ist die äußerste Freiheit der Seele in ihrem Wirken. Sie selbst hat dabei keine Handlungen zu tun. All ihr Wirken ist zu einem Rhythmus des Höchsten geworden und strömt souverän aus Jenem allein hervor wie spontane Musik aus dem Unendlichen.
Weg und Ziel des Karma-Yoga ist: wir sollen unser ganzes Wirken dem höchsten universalen Willen bedingungslos und ohne eigenen Maßstab überantworten. Ein ewiges Wesen regiert in uns und ersetzt das übliche Wirken unserer Ego-Natur. Was ist aber dieser göttliche höchste Wille? Wie kann er von unseren in Täuschungen befangenen Instrumenten oder von unserer blind eingeschlossenen Intelligenz erkannt werden?
Gewöhnlich verstehen wir uns als ein abgesondertes „Ich“ im Universum, das seinen Körper, seine mentale und moralische Natur regiert, in voller Freiheit seine eigenen, von ihm selbst bestimmten Handlungen auswählt, unabhängig dasteht und darum auch als Herr über sein Wirken für dieses verantwortlich ist. Dem gewöhnlichen Mental fällt es nicht leicht, sich vorzustellen, irgendetwas in uns könnte wahrer, tiefer und mächtiger sein als dieses offensichtliche „Ich“ und seine Herrschaft. Das Mental hat noch nicht tiefer nachgedacht und noch keinen wirklichen Einblick in seine eigene Konstitution und die Faktoren gewonnen, die es konstituieren. Das ist selbst für das Mental solcher Menschen schwer, die zwar nachgedacht, aber noch keine spirituelle Schau und Erfahrung gewonnen haben. Den ersten Schritt zu einem Wissen vom Selbst und zur wahren Erkenntnis der Phänomene tun wir, wenn wir hinter die äußere Erscheinung der Dinge gelangen und die eigentliche maskierte, wesentliche und dynamische Wahrheit entdecken, die durch die Erscheinung der Dinge verdeckt wird.
Dieses Ego oder „Ich“ ist keine bleibende Wahrheit, und noch weniger ist es der wesentliche Teil von uns. Es ist nur eine Gestaltung der Natur, eine mentale Form zur Denk-Zentralisierung in dem wahrnehmenden und unterscheidenden Mental. Es ist eine vitale Form zur Zentralisation des Fühlens und Empfindens in unseren Organen. Es ist eine Form des körperlichen bewussten Empfangens, das die Substanz und die Funktion der Substanz in unserem Körper zentralisiert. In unserem eigentlichen inneren Wesen sind wir aber nicht unser Ego, vielmehr ein Bewusstsein, eine Seele, Geist. Aber auch das, was wir in unserem äußeren Wesen und in den Funktionen unserer Außenseite sind und tun, ist nicht das Ego sondern Natur. Eine ausführende kosmische Kraft gibt uns unsere Gestalt und diktiert uns unser ganzes Wirken und seine Ergebnisse durch unser Temperament, unsere Umwelt und unser dadurch gestaltetes Mental, also durch unsere individualisierte Ausformung der kosmischen Energien. In Wahrheit sind nicht wir es, die denken, wollen oder handeln. Vielmehr geschieht das Denken, der Wille, der Impuls und das Handeln in uns. Unser Ego-Sinn sammelt das alles um sich als Mittelpunkt. Dieses ganze Strömen der Wirkensweisen der Natur zieht er in sich zusammen. Es ist die kosmische Kraft, die Natur, die das Denken bildet, den Willen auferlegt und den Impuls mitteilt. Unser Körper, unser Mental und unser Ego sind nur eine Welle in diesem Meer von Kraft in Aktion. Sie werden von dieser Kraft regiert und dirigiert, nicht umgekehrt. Der Sadhaka muss bei seinem Vordringen zu Wahrheit und Erkenntnis seines Selbst an einen Punkt gelangen, wo seine Seele die Augen des inneren Schauens öffnet und die Wahrheit über sein Ego und über das Wirken erkennt. Dann gibt er den Gedanken auf, ein mentales, vitales oder physisches „Ich“ zu sein, das handelt und Handlungen regiert. Er erkennt, dass Prakriti, die Kraft der kosmischen Natur, ihren Gesetzen folgend, in ihm, in allen Dingen und Geschöpfen die einzige Handelnde ist.
Wie kamen die Naturgesetze zustande? Oder wer hat ihre Kraft hervorgebracht und regiert ihr Wirken? Hinter ihnen steht ein Bewusstsein, oder ein Wesen mit Bewusstsein. Es ist der Herr, der beobachtende Zeuge, der Wissende; ihm zur Freude geschieht das Wirken der Natur; er fördert und trägt es; von ihm geht die Sanktion für ihr Wirken aus. Dieses Bewusstsein ist die Seele, der Purusha. Prakriti gestaltet das Wirken in uns aus; Purusha in ihr oder hinter ihr ist dessen beobachtender Zeuge, gibt seine Zustimmung, trägt, fördert und stützt es. Prakriti gestaltet das Denken in unserem Mental; Purusha in ihr oder hinter ihr weiß den Gedanken und die in ihm enthaltene Wahrheit. Prakriti bestimmt das Ergebnis des Handelns; Purusha in ihr oder hinter ihr nimmt die Konsequenzen des Handelns aktiv oder passiv auf sich. Prakriti gestaltet das Mental und den Körper, arbeitet an ihnen und entwickelt sie; Purusha fördert und stützt die Gestaltung und Evolution und sanktioniert jeden Schritt ihres Wirkens. Prakriti setzt die Willenskraft ein, die in den Dingen und Menschen wirkt; Purusha macht die Willenskraft dadurch wirksam, dass er schaut, was getan werden soll. Dieser Purusha ist nicht das äußere Ego des Menschen, sondern ein schweigendes Selbst, eine Quelle von Macht hinter dem Ego, Ursprung und Empfänger des Wissens. Unser mentales „Ich“ ist nur eine falsche Spiegelung dieses Selbstes, dieser Macht, dieses Wissens. Darum ist der Purusha als das tragende Bewusstsein Ursache, Empfänger und Förderer aller Wirkensweisen der Natur, doch selbst nicht der Handelnde. Prakriti, die Naturkraft im Vordergrund, und Shakti, die Bewusstseinskraft und der Seelenkraft im Hintergrund, – diese beiden sind das nach innen und das nach außen gewandte Gesicht der universalen Mutter – bilden zusammen Ursache und Wirkung bei dem, was im Universum geschieht. Die universale Mutter, Prakriti-Shakti, ist einzig und allein die Wirkende.
Purusha-Prakriti, Bewusstseinskraft, Seele, die die Natur trägt und fördert – denn auch wenn diese beiden getrennt wirken, sind sie doch eine untrennbare Einheit –, sind zugleich eine universale und transzendente Macht. Es gibt aber auch im Individuum etwas, das nicht das mentale Ego ist, etwas das eins im Wesen ist mit dieser Wirklichkeit. Das ist eine klare Widerspiegelung oder ein Teil des einen Purusha. Es ist die Seele, die Person oder das verkörperte Wesen, das individuelle Selbst, Jivatman. Dieses Selbst scheint seine Macht und sein Wissen einzuschränken, um ein individuelles Kräftespiel der transzendenten und universalen Natur tragen und erhalten zu können. Der unendliche Eine ist in seiner tiefsten Wirklichkeit auch der endlich Vielfältige. Wir sind nicht nur eine Spiegelung oder ein Teil dieses Einen; wir sind Dieses. Unsere spirituelle Individualität schließt nicht, wie unser Ego, Universalität und Transzendenz aus. In unserem gegenwärtigen Zustand hat sich aber unsere Seele oder unser Selbst völlig darauf eingestellt, durch den Gedanken, ein Ego zu sein, sich in der Natur zu individualisieren. Es nimmt die dadurch entstehende Verwechslung in Kauf. Aus dieser Unwissenheit muss unsere Seele frei werden. Sie soll sich selbst als eine Widerspiegelung, als einen Teil oder als ein Wesen des höchsten, universalen Selbst, als ein Zentrum seines Bewusstseins in der Welt-Aktion erkennen. Aber auch dieser Jiva Purusha ist ebensowenig der Vollzieher des Wirkens wie das Ego oder das tragende Bewusstsein des Beobachters und Wissenden. Immer und überall ist es die transzendente und universale Shakti, die allein die Wirkende ist. Aber hinter ihr steht der Eine, der Erhabene, der sich durch sie als die duale Macht, als Purusha-Prakriti, als Ishwara-Shakti offenbart. Der Erhabene wird als die Shakti dynamisch und ist durch sie der alleinige Urheber und Meister des Wirkens im Universum.
Anmerkung: Ishwara-Shakti ist nicht genau dasselbe wie Purusha-Prakriti. Purusha und Prakriti sind nämlich voneinander gesonderte Mächte, während bei Ishwara und Shakti jede Macht die andere in sich enthält. Ishwara ist der Purusha, der auch die Prakriti in sich enthält und durch die Macht der Shakti in seinem Inneren regiert. Shakti ist Prakriti, die durch Purusha beseelt wird und durch den Willen des Ishwara handelt. Er wird zu ihrem eigenen Willen, so dass sie seine Gegenwart in ihrem Wirken stets in sich trägt. Die Realisation von Purusha-Prakriti ist für den Suchenden von grundlegender Notwendigkeit auf seinem Pfad des Wirkens. Dass sich das bewusste Wesen und die Energie voneinander trennen und dass das Wesen dem Mechanismus der Energie unterworfen wird, bewirkt unsere Unwissenheit und Unvollkommenheit. Durch diese Realisation kann sich das Wesen aus dem mechanischen Wirken der Natur befreien, unabhängig werden und zu einer ersten spirituellen Beherrschung der Natur gelangen. Ishwara-Shakti steht hinter der Beziehung Purusha-Prakriti und deren unwissendem Handeln und stellt diese in den Dienst eines evolutionären Zweckes. Die Ishwara-Shakti-Realisation macht es uns möglich, dass wir an einer höheren Dynamik, an einem göttlichen Wirken, einem totalen Einssein und einer Harmonie des Wesens in einer spirituellen Natur teilnehmen.
Wenn das die Wahrheit rechten Wirkens ist, dann muss sich der Sadhaka in erster Linie aus den egoistischen Formen der Aktivität zurückziehen und völlig frei werden von dem Empfinden, dass sein „Ich“ handelt. Er soll sehen und fühlen, dass alles in ihm durch den plastischen bewussten, unterbewussten und manchmal überbewerten Automatismus seiner mentalen und körperlichen Instrumente geschieht, die durch die Kräfte der spirituellen, mentalen, vitalen und physischen Natur in Bewegung gehalten werden. An seiner Außenseite gibt es eine Personalität, die auswählt und ihren Willen ausübt, sich unterwirft und kämpft, sich in der Natur zu behaupten oder über sie zu siegen versucht. Diese Personalität ist aber selbst eine Konstruktion der Natur und wird von ihr so beherrscht, getrieben und bestimmt, dass sie nicht frei sein kann. Sie ist eine Gestaltung oder Ausdrucksform des Selbstes in ihr. Sie ist aber viel eher ein Selbst der Natur als ein Selbst des Selbstes. Sie ist das naturhafte, die Prozesse des Wirkens vollziehende, aber nicht das spirituelle und dauernde Wesen des Selbst. Diese Personalität ist für eine vorübergehende Zeit konstruiert; sie ist jedoch nicht die wahre, unsterbliche Person. Sie muss aber zu jener Person werden. Darum soll der Sadhaka es immer besser fertigbringen, in seinem Inneren ruhig zu werden, sich als der Beobachter seiner äußeren aktiven Personalität von dieser loszulösen und das Spiel der kosmischen Kräfte in sich dadurch verstehen zu lernen, dass er zurücktritt und nicht mehr blind von ihren Abläufen und Bewegungen absorbiert wird. Wenn er so sich ruhig, ohne Hang und Bindungen, selbst erforscht und ein Beobachter seiner eigenen Natur ist, wird er dessen inne, dass er die individuelle Seele ist, die das Wirken der Natur beobachtet. Ruhig akzeptiert er ihre Resultate und sanktioniert er die Impulse ihres Wirkens, oder er verweigert ihnen die Anerkennung. Gegenwärtig ist diese Seele, der Purusha, wenig mehr als ein Zuschauer, der nur seine Einwilligung gibt, vielleicht das Handeln und die Entwicklung des Wesens durch den Druck seines verhüllten Bewusstseins beeinflusst. Zum größten Teil delegiert er aber seine Mächte oder einen Teil von ihnen an die äußere Personalität, also eigentlich an die Natur. Dieses äußere Selbst ist ihr gegenüber nicht der Herr, sondern ihr Untertan, anīśa. Ist die Seele aber einmal unverhüllt hervorgetreten, kann sie ihre Zustimmung oder Zurückweisung wirksam machen. Sie wird dann Herr über das Handeln und diktiert souverän eine Wandlung der Natur. Selbst wenn noch für lange Zeit – als Folge verfestigter Kräfteverbindungen oder vergangener Kräfteaufspeicherungen – der gewohnheitsmäßige Ablauf unabhängig von der Zustimmung des Purusha weitergeht oder selbst wenn die von ihm sanktionierte Bewegung hartnäckig von der Natur zurückgewiesen wird, weil diese in der Vergangenheit nicht daran gewöhnt wurde, wird er doch schließlich erkennen, dass sich seine Zustimmung oder Zurückweisung durchsetzt. Das geschieht entweder langsam gegen viel Widerstand oder rasch mit einer schnellen Anpassung ihrer Mittel und Tendenzen. Dann verwandelt die Natur sich selbst und ihre Art zu wirken in der Richtung, die durch das innere Schauen des Purusha und die Tendenz seines Willens gewiesen wird. So lernt der Sadhaka anstelle einer mentalen Kontrolle oder eines egoistischen Willens eine innere spirituelle Beherrschung, die ihn zum Meister über die in ihm wirkenden Naturkräfte macht. Er ist nun nicht mehr ihr unbewusstes Instrument oder ihr mechanisch arbeitender Knecht. Über ihm steht die Shakti, die universale Mutter umgibt ihn. Von ihr kann er alles erhalten, was seine innerste Seele braucht und haben will, wenn er nur eine wahre Kenntnis ihres Wirkens besitzt und sich aufrichtig dem göttlichen Willen in ihr unterwirft. Schließlich nimmt er jenes höchste dynamische Selbst in seinem Inneren und in der Natur wahr, den Ursprung all seines Schauens und Wissens, die Quelle der Sanktion, die Ursache für das Akzeptieren und für das Zurückweisen. Das ist der Herr, der Höchste, der Eine-in-allen, Ishwara-Shakti, von dem seine Seele ein Teilchen ist, ein Wesen aus jenem Wesen, eine Macht aus jener Macht. Unser ganzer weiterer Fortschritt hängt von unserer Erkenntnis der Wege ab, auf denen der Herr der Werke seinen Willen in der Welt und in uns manifestiert und wie er seine Werke durch die transzendente und universale Shakti ausführt.
In seiner Allwissenheit sieht der Herr, was getan werden muss. Dieses Schauen ist sein Wille. Es ist eine Form schöpferischer Macht. Was er schaut, nimmt die allbewusste Mutter, die mit ihm eins ist, in ihr dynamisches Selbst auf und verkörpert es. Dann führt es die exekutive Naturkraft als der Mechanismus ihres allmächtigen Wissens aus. Die Schau dessen, was sein soll und darum getan werden muss, kommt aus dem eigentlichen Sein hervor; es strömt direkt aus dem Bewusstsein und der Daseinsfreude des Herrn, so spontan wie das Licht aus der Sonne. Das ist nicht unsere Art zu schauen, nicht unser schwieriges Herankommen an die Wahrheit des Handelns und seines Motivs oder an die rechte Erfüllung der Forderung der Natur. Hier brauchen wir uns nicht so mühevoll an die Wahrheit des Handelns, an das richtige Motiv dafür oder an die richtige Erfüllung der Forderung der Natur heranzuarbeiten. Sobald die individuelle Seele in ihrem Wesen und Wissen völlig mit dem Herrn geeint ist und direkt mit der Shakti des Ursprungs, mit der transzendenten Mutter, in Verbindung steht, kann der höchste Wille auch in uns in der hohen, göttlichen Weise als das hervortreten, was sein muss und nun durch das spontane Wirken der Natur zustande gebracht wird. Dann gibt es kein Begehren, keine Verantwortlichkeit und keine Reaktion mehr. Alles vollzieht sich dann im Frieden, in der Ruhe, im Licht und in der Macht des Göttlichen, das alles fördert und trägt, einhüllt und allem innewohnt.
Selbst bevor wir so der Identität mit dem Göttlichen am nächsten gekommen sind, kann sich in uns etwas vom höchsten Willen als ein gebieterischer Antrieb und als ein von Gott getriebenes Handeln offenbaren. Wir können dann durch eine spontane, selbstbestimmende Kraft handeln. Eine vollere Erkenntnis ihrer Bedeutung und ihres Zieles kommt erst später. Der Impuls zum Handeln kann auch als Inspiration oder Intuition zu uns kommen, jedoch eher in Herz und Körper als im Mental. Unsere Schau wird dadurch tiefer; die vollständige und exakte Erkenntnis wird aber noch hinausgeschoben und kommt, wenn überhaupt, erst später. Der göttliche Wille kann auch als ein lichtvolles einziges Gebot, als eine totale Wahrnehmung oder als ein ständiger Strom von Wahrnehmung dessen, was getan werden muss, zu uns gelangen und unseren Willen oder unser Denken bestimmen. Oder der Wille Gottes offenbart sich als eine Weisung von oben, die spontan von unseren niederen Organen erfüllt wird. Solange der Yoga noch unvollkommen ist, können nur einige Handlungen auf diese Weise getan werden. Es mag auch ein allgemeines Wirken so ablaufen, das ereignet sich aber meist nur in Zeiten innerer Erhebung und Erleuchtung. Wenn der Yoga jedoch vollkommen geworden ist, nimmt alles Wirken diesen Charakter an. — Tatsächlich können wir drei Stufen eines wachsenden Fortschritts unterscheiden. Auf der ersten Stufe wird der personale Wille gelegentlich oder häufig durch einen höchsten Willen oder eine bewusste Kraft von jenseits erleuchtet oder bewegt. Später wird er ständig durch die göttliche Macht-Aktion ersetzt. Zuletzt wird er mit ihr identifiziert und geht dann ganz in ihr auf. Auf der ersten Stufe werden wir noch völlig vom Intellekt, von Herz und Sinnen regiert. Diese müssen die göttliche Inspiration und Lenkung suchen oder auf sie warten; sie finden und empfangen dies aber nicht immer. Auf der zweiten Stufe wird die menschliche Intelligenz immer mehr durch ein hohes erleuchtetes oder intuitives spiritualisiertes Mental, das äußere menschliche Herz durch das innere seelische Herz und die Sinne durch eine geläuterte und selbstlose vitale Kraft ersetzt. Auf der dritten Stufe kommen wir über das spiritualisierte Mental hinaus zu den supramentalen Ebenen.
Auf allen drei Stufen ist der fundamentale Charakter des befreiten Handelns derselbe: Prakriti wirkt nun spontan, nicht mehr durch und für das Ego, sondern im Einklang mit dem Willen und zur Freude des höchsten Purusha. Auf einer höheren Stufe kommt die Wahrheit des absoluten und universalen Höchsten durch die individuelle Seele zum Ausdruck und wird bewusst durch die Natur zur Auswirkung gebracht. Das wird in uns nicht länger als Teil-Wahrnehmung gemindert und entstellt wirksam durch die strauchelnde, ignorante und alles verzerrende Energie unserer niederen Natur, sondern durch die allweise transzendente und universale Mutter.
Der Herr hat sich selbst, seine absolute Weisheit und sein ewiges Bewusstsein in die unwissende Naturkraft verhüllt und duldet es, dass sie mit seiner Zustimmung als das Ich das individuelle Wesen antreibt. Diese niedere Wirkensweise der Natur herrscht dann oft noch lange vor, auch wenn der Mensch in seinen halb-erleuchteten Bemühungen noch unvollkommen nach einem edleren Motiv und einer reineren Erkenntnis seines Selbst strebt. Unser menschliches Bemühen nach Vollkommenheit versagt oder macht nur unvollständige Fortschritte, weil die Kraft des früheren Wirkens der Natur in uns noch stark ist und weil die vergangenen Gestaltungen mit ihren tief eingewurzelten Gedankenassoziationen noch vorherrschen. Darum macht es noch ungenügende Fortschritte. Erst dann erlangt unser Streben seinen wahren, hohen Erfolg, wenn ein größeres Wissen oder eine höhere Macht als die unsrige durch den „Verschluss“ unserer Unwissenheit durchbricht und unseren personalen Willen führt oder in sich aufnimmt. Denn unser menschlicher Wille ist ein von der rechten Bahn abgelenkter, unstet herumwandernder Lichtstrahl, der sich aus der höchsten Machtfülle losgelöst hat. Die Zeit, da der Sadhaka aus dieser niederen Art zu wirken langsam in ein höheres Licht und in eine reinere Kraft emporkommt, ist für ihn, der nach Vollkommenheit strebt, das „Tal der Schatten des Todes“. Das ist ein furchtbarer Übergang mit vielen Prüfungen, Leiden, Kümmernissen, Verdunklungen, Fehltritten, Irrungen und Fußangeln. Um diese Pein abzukürzen oder zu erleichtern oder mit einer göttlichen Seligkeit zu durchdringen, ist ein starker Glaube notwendig. Das Mental muss sich immer mehr an jenes Wissen hingeben, das sich vom Inneren her durchsetzt. Vor allem ist wahre Aspiration und zielgerichtetes, unnachgiebiges und aufrichtiges Üben erforderlich. „Übe diesen Yoga fest entschlossen und ohne Schwanken“, sagt die Gita, „mit einem Herzen, das frei ist von Niedergeschlagenheit.“ Selbst wenn wir auf der früheren Stufe des Pfads das bittere Gift innerer Zerrissenheit und tiefen Leidens trinken müssen, ist doch der letzte Geschmack aus diesem Becher der süße Nektar der Unsterblichkeit und der Honigwein eines ewigen Ananda.
Kapitel 9
Gelassenheit und das Auslöschen des Egos
Das sind die Schritte, durch die eine völlige Unterwerfung (surrender) des gesamten Wesens und der Natur unter den Göttlichen Willen vorbereitet und zuwege gebracht werden kann: Selbst-Hingabe, die wahr, total und ohne Vorbehalt ist: völlige Selbst-Darbringung (consecration) und vollkommene Ausgeglichenheit, Gleichmut, Gelassenheit (equality), schonungslose Ausmerzung des Egos und umwandelnde Befreiung der Natur von ihren aus der Unwissenheit stammenden Wirkensweisen. Von Anfang an ist der Geist einer völligen Selbst-Darbringung in unserem Wirken notwendig. Das soll zunächst zum beständigen Willen und dann zum tief eingewurzelten Bedürfnis in unserem ganzen Wesen werden. Zuletzt wird das zu einer automatischen, jedoch lebendigen und bewussten Gewohnheit. Wir werden vom Selbst dazu gedrängt, jegliches Wirken dem Höchsten und der verhüllten Macht, die in uns, in allen Wesen und in allen Wirkensweisen des Universums gegenwärtig ist, als ein Opfer darzubringen. Das Leben ist der Altar dieses Opfers, und unsere Werke sind unsere Opfergaben. Die Gottheit, der sie dargebracht werden, ist eine transzendente und universale Macht und Gegenwart, die zunächst von uns viel mehr nur gefühlt und geahnt als gewusst und geschaut wird. Das Opfer, die Selbst-Darbringung, hat zwei Seiten: einmal das Werk selbst, zum anderen den Geist, in dem es getan wird, den Geist der Ehrfurcht vor dem Meister aller Werke in allem, was wir sehen, denken und erfahren.
Das Wirken selbst wird am Anfang durch die klarste Erkenntnis bestimmt, die wir in unserer Unwissenheit aufbringen können. In diesem Licht begreifen wir das Werk als das, was ausgeführt werden soll. Grundsätzlich ist es einerlei, ob die gestaltende Kraft dabei unser Pflichtbewusstsein oder unser Mitgefühl für unsere Mitmenschen ist. Sie kann auch unsere Vorstellung von dem sein, was dem Wohl der anderen oder dem Wohl der Welt dient, oder die Lenkung durch einen Menschen, den wir als unseren Meister anerkennen, weil er weiser als wir und darum für uns der Repräsentant jenes Herrn aller Werke ist, an den wir glauben, den wir aber noch nicht kennen. Das Prinzip ist dasselbe. In allem Wirken muss das Wesentliche des Opfers der Werke enthalten sein. Dieses Wesentliche ist die völlige Hingabe (surrender) jeglichen Verlangens nach der Frucht unseres Wirkens, also der Verzicht auf alles Hängen am Ergebnis, um dessentwillen wir arbeiten. Solange wir mit einem Hang zum Resultat arbeiten, wird das Opfer nicht dem Göttlichen sondern unserem Ego dargebracht. Wenn wir anders darüber denken, betrügen wir uns selbst. Wir machen dabei unsere eigene Vorstellung vom Göttlichen, unser Pflichtbewusstsein, unser Mitfühlen für unsere Mitmenschen, unsere Idee von dem, was das Wohl der Welt oder der anderen erfordert, ja sogar unseren Gehorsam dem Meister gegenüber zu einem Vorwand für das, was nur das eigene Ego befriedigt, für unsere eigenen Liebhabereien, - ein trügerischer Schutzschild gegen das Gebot, dass wir alles Begehren aus unserer Natur ausrotten sollen.
Auf dieser Stufe des Yoga, ja im ganzen Verlauf des Yoga, ist diese Form des Begehrens und diese Gestalt des Egos der Feind, gegen den wir stets mit wacher Aufmerksamkeit auf der Hut sein müssen. Wir dürfen nicht den Mut verlieren, wenn wir diesen Widerpart immer wieder In unserem Inneren finden, wo er auf der Lauer liegt und alle möglichen Tarnungen annimmt. Wir sollten wachsam sein, ihn in allen seinen Masken entdecken und unerbittlich seinen Einfluss ausmerzen. Das erleuchtende Wort bei diesem Vorgang ist jene entscheidende Zelle der Gita: „Du hast ein Recht auf das Wirken, aber nie und unter keinen Umständen auf seine Frucht.“ Die Frucht gehört einzig und allein dem Herrn aller Werke. Wir sollen allein darauf bedacht sein, den Erfolg unserer Arbeit durch ein treues, sorgfältiges Handeln vorzubereiten, um ihn dann, wenn er eintritt, dem göttlichen Meister darzubringen. Danach sollen wir in gleicher Weise, wie wir unserem Hang nach der Frucht des Werkes entsagt haben, auch dem Hang zum Werk selbst entsagen. Wir sollen jeden Augenblick bereit sein, eine bestimmte Arbeit, einen Ablauf oder ein Feld unseres Handelns gegen ein anderes auszutauschen oder gar alles Wirken aufzugeben, wenn das der klare Befehl des Meisters ist. Sonst handeln wir nicht um seinetwillen, sondern für unsere eigene Befriedigung und Lust am Wirken, aus dem Bedürfnis nach Betätigung unserer unruhig-aktiven Natur oder um unseren Liebhabereien zu dienen. Das alles sind Stützpunkte und Verstecke unseres Ego. So notwendig sie auch für den gewöhnlichen Antrieb des Lebens sein mögen, so müssen wir sie doch beim Wachsen des spirituellen Bewusstseins aufgeben und durch ihr göttliches Gegenstück ersetzen. Ananda, eine nicht-personale, von Gott gelenkte Freude wird die unerleuchtete Befriedigung des Vitals und seiner Lust ausmerzen. Die freudvolle Antriebskraft der Göttlichen Energie wird das unruhig-aktive Bedürfen ersetzen. Die Befriedigung der Liebhabereien wird kein Ziel oder Bedürfnis mehr sein. Statt dessen werden wir den Göttlichen Willen durch die natürliche dynamische Wahrheit im Wirken einer freien Seele und einer erleuchteten Natur zur Erfüllung bringen. Am Ende werden wir dann genau so, wie wir das Verlangen nach der Frucht des Wirkens und nach dem Werk selbst aus unserm Herzen ausmerzen konnten, auch die letzte Gebundenheit an die Idee und das Empfinden aufgeben, wir selbst seien der Täter. Wir sollen allein die Göttliche Shakti über uns und in unserem Inneren als den wahren und alleinigen Wirkenden erkennen und fühlen.
Der Verzicht auf alle Gebundenheit an das Werk und seine Frucht ist der Anfang einer umfassenden Bewegung hin zu absoluter Ausgeglichenheit, Gelassenheit im Mental und in der Seele, die alles in sich einhüllen muss, wenn wir im Geist vollkommen werden wollen. Die Ehrfurcht vor dem Meister der Werke erfordert, dass wir ihn klar erkennen und in Freude anerkennen: in uns selbst, in allen Dingen und Ereignissen. Eine harmonische Ausgeglichenheit ist das Kennzeichen anbetender Ehrfurcht. Sie ist der Grund der Seele, auf dem ein wahres Opfer und ein wahrer Dienst Gottes vollbracht werden können. Der Herr existiert in der Welt in gleicher Welse in allen Wesen. Wir dürfen darum keine wesenhaften Unterschiede zwischen uns und den anderen machen: zwischen dem Weisen und dem Unwissenden, zwischen Freund und Feind, Mensch und Tier, dem Heiligen und dem Sünder. Wir dürfen niemanden hassen, niemanden verachten, uns von niemandem abgestoßen fühlen. Denn wir sollen in allen den Einen sehen, der sich nach seiner Lust verkleidet oder offenbart. In dem einen ist er nur ein wenig, in dem anderen mehr geoffenbart. In anderen ist er verborgen oder gänzlich entstellt, je nach seinem Willen und seinem Wissen dessen, was seiner Absicht am besten dient, wenn er in ihnen Gestalt annimmt und in ihrer Natur wirkt. Alles ist unser Selbst, ein einziges Selbst, das viele Gestaltungen angenommen hat. Hass und Abneigung, Spott und Abscheu, Anhänglichkeit, Zuneigung und Bevorzugung sind auf einer gewissen Stufe natürlich, notwendig und unvermeidlich. Diese Regungen dienen oder helfen dazu, die Entscheidung der Natur in uns zu bilden und durchzuführen. Für den Karma-Yogin sind sie aber etwas Überlebtes, ein Hindernis und Ausdruck der Unwissenheit. Je weiter er fortschreitet, desto mehr fallen sie von seiner Natur ab. Die Kindseele benötigt sie für ihr Wachstum. Bei dem Menschen aber, der in der göttlichen Bildung erwachsen wird, fallen sie ab. In der Gottnatur, zu der wir emporkommen sollen, kann es wohl eine stahlharte, ja eine zerstörende Strenge geben, jedoch keinen Hass, eine göttliche Ironie, aber keinen Hohn, eine ruhige, klarblickende und kraftvolle Zurückweisung, aber keinen Abscheu und keinen Widerwillen. Selbst wenn wir etwas vernichten müssen, dürfen wir es nicht verabscheuen und ihm nicht die Anerkennung versagen, dass auch es eine verkleidete und zeitweilige Bewegung des Ewigen ist.
Da nun alle Dinge dieses einzige Selbst in seiner Manifestation sind, sollen wir überall Gleichmut und Gelassenheit der Seele aufbringen: gegenüber dem Hässlichen und dem Schönen, dem Verkrüppelten und dem Vollkommenen, dem Edlen und dem Gemeinen, dem Angenehmen und dem Unangenehmen, dem Guten und dem Bösen. Auch hier darf es keinen Hass, Hohn und Widerwillen geben. Statt dessen sollen wir mit gleichmütigem Blick alle Dinge in ihrem wahren Charakter und an dem ihnen bestimmten Platz sehen. Wir erkennen dann, dass alle Dinge irgendeine Wahrheit oder Tatsache des Göttlichen zum Ausdruck bringen oder verhüllen, entfalten oder entstellen, so gut sie es vermögen oder mit dem Mangel, den sie unter den für sie vorgesehenen Umständen in der Weise darstellen müssen, wie es für den unmittelbaren Zustand, für die Funktion oder für die Evolution Ihrer Natur erforderlich ist. Sie sollen irgendeine Energie oder ein Potenzial des Göttlichen darstellen, das durch seine Gegenwart in der fortschreitenden Manifestation für das Ganze der gegenwärtigen Dinge ebenso nötig ist wie für die Vollkommenheit des endgültigen Resultats. Diese Wahrheit sollen wir suchen und hinter der vergänglichen Ausdrucksform entdecken. Wir dürfen uns nicht durch die äußeren Erscheinungen, durch die Mängel oder Entstellungen der Ausdrucksform abschrecken lassen. Nur dann können wir das Göttliche verehren, das hinter seinen Masken immer makellos, rein, schön und vollkommen steht. In Wahrheit muss zwar alles umgewandelt werden. Wir dürfen keine Hässlichkeit gelten lassen, sondern nur die göttliche Schönheit. Wir sollen bei keiner Unvollkommenheit stehen bleiben, sondern immer nach Vollkommenheit ringen. Das höchste Gute müssen wir zu unserem universalen Ziel machen, nicht das Böse. Doch sollen wir alles, was wir tun, mit spirituellem Verstehen und Wissen vollbringen. Wir sollen nach einem göttlichen Guten, nach der Schönheit, Vollkommenheit und der göttlichen Freude streben, nicht nach menschlichen Maßstäben in diesen Dingen. Wenn wir die harmonische Ausgeglichenheit noch nicht besitzen, ist das ein Zeichen dafür, dass wir noch unter der Macht der Unwissenheit stehen. Wir werden dann nichts wahrhaft verstehen, und es ist mehr als wahrscheinlich, dass wir unsere frühere Unvollkommenheit zwar ausmerzen, aber dafür eine andere, neue erschaffen. Wir ersetzen dabei die göttlichen Werte durch Wertschätzungen unseres menschlichen Mentals und der Begehrensseele.
Diese Ausgeglichenheit bedeutet nicht eine neue Unwissenheit oder Blindheit. Wir brauchen nicht wegen ihr alles trüb zu sehen; sie löscht nicht alle Färbungen aus. Verschiedenheit und Abwechslung in den Ausdrucksformen bleiben bestehen. Wir sollen die Unterschiedlichkeit hoch einschätzen und sind dazu nun umso mehr berechtigt als früher, da unser Blick noch parteiisch und irrend, durch Liebe und Hass, Bewunderung und Hohn, Sympathie und Antipathie, Hinneigung und Ablehnung getrübt war. Wir werden hinter allem, was verschieden und unvollständig ist, den Allumfassenden und Unveränderlichen, Einen schauen, der darin wohnt. Wir werden die weise Absicht und göttliche Notwendigkeit der besonderen Manifestation fühlen und erkennen. Zumindest werden wir, wenn sie vor unserem Blick verborgen ist, auf sie vertrauen, einerlei ob sie nach unseren menschlichen Maßstäben als harmonisch und vollkommen oder als roh, unvollendet, ja sogar als falsch und böse erscheint.
Dieselbe Ausgeglichenheit des Mentals und der Seele werden wir ebenso allen Geschehnissen gegenüber haben, seien sie schmerzvoll oder erfreulich: Niederlage und Erfolg, Ehre und Unehre, guter und böser Ruf, Glück und Unglück. Wir werden in allen Ereignissen den Willen des Meisters jeglichen Wirkens und aller Ergebnisse erkennen und sie als einen Schritt dahin auffassen, dass sich das Göttliche in der Evolution immer vollkommener zum Ausdruck bringt. Gott offenbart sich allen, die das innere Auge des Schauens besitzen, in Kräften, in ihrem Spiel und in ihren Resultaten ebenso wie in Dingen und Geschöpfen. Alle Dinge bewegen sich auf ein göttliches Ereignis hin. Jede Erfahrung, das Leiden und der Mangel nicht weniger als die Freude und Befriedigung, ist ein notwendiges Glied, um die universale Bewegung zum Ziel zu bringen, die zu verstehen und zu unterstützen unsere Aufgabe ist. Sich dagegen zu empören, sie zu verurteilen und gegen sie aufzubegehren, ist der Impuls unserer undisziplinierten und unwissenden Instinkte. Die Revolte hat, wie auch sonst alles, ihre nützliche Bedeutung in dem Spiel der Kräfte und ist zu ihrer Zeit und auf ihrer eigenen Stufe sogar notwendig, hilfreich und in der göttlichen Entwicklung vorgesehen. Die Regung einer ignoranten Rebellion gehört zu jener Stufe, da die Seele noch in ihrer Kindheit oder in ihrer unreifen Jugendlichkeit steckt. Die reif gewordene Seele verurteilt nicht, sie sucht vielmehr zu verstehen und Herr über die Verhältnisse zu werden. Sie begehrt gegen diese nicht auf, sondern akzeptiert sie und müht sich darum, sie zu verbessern und zu vervollkommnen. Sie revoltiert nicht im Inneren, sondern sie arbeitet daran, sich in sie einzufügen, sie zu ihrer Erfüllung zu bringen und umzugestalten. Wir werden also alle Dinge mit einer gleichmütigen Seele aus der Hand des Meisters in Empfang nehmen. Wir werden unser Versagen ebenso ruhig als einen Übergang eingestehen wie unseren Erfolg, bis die Stunde des göttlichen Sieges gekommen ist. Unsere Seele, unser Mental und unser Körper werden selbst im stärksten Kummer, in Schmerz und Leiden unerschüttert bleiben, wenn uns das durch den göttlichen Ratschluss auferlegt wird. Sie werden aber auch durch die intensivste Freude und Lust nicht überwältigt werden. Wenn wir so die innere Balance einer wahren harmonischen Ausgeglichenheit erlangen, werden wir unseren Weg standhaft fortsetzen und alles mit gleichmütiger Ruhe aufnehmen, bis wir zu einem erhabenen Zustand befähigt sind und in das höchste universale Ananda eingehen können.
Eine solche Gelassenheit können wir aber nur durch eine sich lang hinziehende Zeit schwerer Prüfungen und durch geduldige Selbst- Disziplin erlangen. Solange das Begehren noch stark ist, kann diese Ausgeglichenheit überhaupt nur in Perioden der Beruhigung und Ermüdung des Begehrens kommen. Dann ist sie aber wahrscheinlich eine träge Gleichgültigkeit, oder das Begehren zieht sich scheu in sich selbst zurück. Das ist nicht die wahre Ruhe und positive spirituelle Einheit. Außerdem hat die Disziplin des Hineinwachsens in die Ausgeglichenheit des Geistes notwendige Epochen und Stufen. Gewöhnlich müssen wir mit einer Periode standhaften Erduldens beginnen. Wir müssen lernen, uns allen Kontakten des Lebens zu stellen, sie auszuhalten und in uns aufzunehmen. Wir sollen jede Faser unseres Wesens lehren, nicht wehleidig dem auszuweichen, was ihm Schmerzen bereitet und es abstößt; wir sollen nicht begierig dem nachlaufen, was ihm Lust verschafft und es anzieht. Wir sollen vielmehr alle Kontakte annehmen, uns ihnen stellen, sie ertragen und die Herrschaft über sie erringen. Wir sollen stark genug sein, zu ertragen, was immer auf uns kommt, nicht nur das, was unserem eigenen persönlichen Wesen entspricht, sondern auch das, was aus unserem Mitempfinden oder unserem Konflikt mit den Welten um uns, über uns und unter uns und mit ihren Menschen herrührt. Wir sollen in Ruhe ertragen, wie Menschen, Dinge und Kräfte auf uns wirken und uns beeindrucken. Den Druck der Götter und den Ansturm von Titanen müssen wir aushalten. Wir sollen alles ertragen und in den unbewegten Gewässern unseres Geistes zusammenströmen lassen, was auf den Wegen der unendlichen Erfahrung der Seele zu uns herniederkommen kann. Das ist die stoische Periode der Vorbereitung auf die Ausgeglichenheit; es ist ihre elementarste und zugleich ihre heroischste Zeit. Dieses standhafte Aushalten des Fleisches, des Herzens und des Mentals muss aber durch ein anhaltendes Empfinden gestärkt werden, dass wir uns spirituell einem göttlichen Willen unterwerfen. Der formenden göttlichen Hand des göttlichen Töpfers, die unsere Vollkommenheit gestaltet, sollen wir, dieser lebendige Lehm, uns nicht nur mit einer strengen oder mutigen Fügsamkeit, sondern mit Wissen, Ergebung, selbst im Leiden, überlassen. Das ist ein weiser, frommer, selbst ein sanfter Stoizismus des Gott-Liebenden. Eine solche Haltung ist möglich und besser als jenes rein areligiöse Ertragen, das nur auf die eigene Kraft vertraut und zu einer allzu starken Verhärtung und Unempfänglichkeit des Instrumentes Gottes fühlen kann. Nur diese Haltung des Gott-Liebenden bildet jene Stärke aus, die Weisheit und Liebe wirksam machen kann. Ihre Ruhe ist eine in den Tiefen bewegte Stille, die dann leicht in die selige Freude übergeht. In dieser Periode der Ergebung und des Erduldens gewinnen wir die Stärke der Seele, die allen Erschütterungen und Einwirkungen gewachsen ist.
Dann folgt eine Periode, da die Seele des Sadhaka zum hohen Standpunkt der Unparteilichkeit gelangt ist und allem ohne egoistische Interessen gegenüberstehen kann. Hier ist sie frei von dem Jubel der Freude und von der Depression des Kummers. Sie meidet die Fallstricke des Überschwangs der Lust und das finstere Netz der Qualen von Schmerz und Leiden. Wir betrachten alle Dinge, Personen und Kräfte, alle Gedanken, Gefühle, Empfindungen und Handlungen, die eigenen nicht weniger als die anderer, von dieser hohen Position her mit einem Geist, der dem allem unberührt gegenübersteht, unbeweglich bleibt und dadurch nicht verwirrt wird. Das ist die philosophische Periode der Vorbereitung der harmonischen Ausgeglichenheit; es ist eine umfassende, erhabene Haltung. Jedoch darf diese Neutralität nicht in träge Abwendung vom Handeln und von der Erfahrung absinken. Sie darf nicht zu einer Abneigung werden, die aus müder Schwäche, aus Widerwillen und Abscheu geboren ist. Es darf kein Zurückschrecken des enttäuschten oder übersättigten Begehrens oder die grämliche Widerwilligkeit einer vereitelten, unbefriedigten Ichsucht sein, die gezwungen wurde, ihre leidenschaftlichen Ziele aufzugeben. In der unreifen Seele tritt ein solches Zurückweichen unvermeidlich ein. Es kann ihr gelegentlich zum Fortschritt helfen, da es die überaktive, vom Begehren getriebene vitale Natur bändigt. Das ist aber nicht die Vollkommenheit, nach der wir streben. Die Neutralität oder Unparteilichkeit, die wir suchen, ist eine ruhige Überlegenheit der Seele, die hoch über den Kontakten der Dinge steht, udāsīna. Sie betrachtet diese, nimmt sie an oder weist sie zurück, wird aber bei Zurückweisung nicht durch sie erregt und ist ihnen auch durch Annahme nicht unterworfen. Die Seele fühlt sich immer näher einem schweigenden Selbst und Geist, immer mehr verwandt und geeint mit ihm, der in sich selbst existiert und für sich abgesondert bleibt vom Wirken der Natur, das er fördert und möglich macht. So wird die Seele zu einem Teil der bewegungslosen stillen Wirklichkeit oder geht auf in ihr, die jenseits von der Bewegung und Aktion des Universums existiert. Der Gewinn aus dieser Periode einer hohen Transzendenz ist der Friede der Seele, der weder durch das liebliche Gekräusel noch durch die stürmischen Wogen der Weltbewegung erschüttert wird.
Wenn wir durch diese beiden Stufen der inneren Umwandlung hindurchgehen, ohne auf einer von ihnen zu halten oder stehenzubleiben, wird uns der Zugang zu einer höheren göttlichen Gelassenheit geschaffen. Sie ist fähig zu spiritueller Glut und ruhiger, freudseliger Leidenschaft, einem entzückten, alles verstehenden und alles besitzenden Gleichmut der vollkommenen Seele, zu einer intensiven und harmonischen Weite und Erfülltheit ihres Wesens, das alle Dinge in Liebe umarmt. Das ist dann die höchste Periode. Der Zugang zu ihr führt durch die Freude totaler Selbst-Hingabe an das Göttliche und an die universale Mutter. Die Stärke wird gekrönt durch eine frohe Meisterschaft. Der Friede vertieft sich in Seligkeit. Der Besitz der göttlichen Ruhe wird höher emporgehoben und zur Grundlage dafür, dass wir die göttliche Bewegung im Wirken besitzen. Wenn wir aber diese höhere Vollkommenheit gewinnen wollen, muss sich die unparteiische erhabene Position der Seele ändern. Sie soll nicht mehr nur von oben her auf das Dahinströmen der Gestaltungen, Personalitäten, Bewegungen und Kräfte hinabblicken. Vielmehr soll sich ihre Haltung in ein neues Empfinden starker und ruhiger Unterwerfung und machtvoll intensiver Selbst-Auslieferung (surrender) verwandeln. Diese völlige Hingabe ist nicht mehr nur resignierte Zustimmung sondern frohe Einwilligung. Jetzt empfinden wir kein Leiden mehr oder dass wir eine Bürde oder ein Kreuz tragen müssten. Vielmehr ist das strahlende Gewebe dieser Stimmung der Seele die Liebe, selige Freude und frohe Selbst-Darbringung. Wir überantworten uns nicht mehr nur einem göttlichen Willen, den wir wahrnehmen, anerkennen und befolgen, sondern in dem Willen auch einer göttlichen Weisheit, die wir erkennen, und einer göttlichen Liebe, die wir fühlen und entzückt erleiden. Das ist die Weisheit und Liebe eines höchsten Geistes und des Selbstes unseres eigenen Wesens und aller, mit denen wir zu einem frohen, vollkommenen Einswerden gelangen können. Im philosophischen Gleichmut des Weisen ist das letzte Wort eine einsame Macht, Friede und Stille. In ihrer integralen Erfahrung befreit sich die Seele jedoch von diesem selbst-geschaffenen Zustand und verströmt sich in das Meer einer höchsten, alles umarmenden Verzückung der anfangslosen, unendlichen Seligkeit des Ewigen. Zuletzt werden wir alle Kontakte des Lebens mit einer beseligten Ausgeglichenheit empfangen können, weil wir in ihnen die Einwirkung einer unvergänglichen Liebe und Wonne fühlen, jene absolute Freude, die sich immer im Herzen der Dinge verbirgt. Der Gewinn aus dieser höchsten Erhebung in universale, gleichmütige Entzückung ist die Seligkeit der Seele. Ihr öffnen sich die Tore jener Seligkeit, die unendlich ist, und jener Freude, die alles Verstehen übertrifft.
Bevor das Mühen um die Ausmerzung des Begehrens und um die Gewinnung der harmonischen Ausgeglichenheit der Seele zu seiner absoluten Vollkommenheit und Reife kommen kann, müssen wir jene Richtung der spirituellen Entwicklung vollendet haben, die zur Vernichtung des Ego-Empfindens führt. Für den Karma-Yogin ist bei dieser Umwandlung der Verzicht auf den Egoismus im Handeln das wichtigste Element. Selbst wenn wir die Frucht unseres Wirkens und das Verlangen nach dieser Frucht an den Meister des Opfers hingeben, haben wir uns doch nur vom Egoismus des rajasischen Begehrens getrennt. Wir können immer noch jene egoistische Annahme hegen, wir selbst seien der Täter des Werks. Wir sind immer noch an die Empfindung gebunden, dass wir selbst die Handlung vollziehen und ihre Ursache sind und dass wir ihr unsere Zustimmung erteilen. Immer noch meinen wir, es sei das „Ich“, das auswählt und bestimmt. Immer noch übernimmt unser „Ich“ die Verantwortung und fühlt Schuld oder Verdienst.
Ein wesentliches Ziel unseres Yoga ist, dass dieser sich absondernde Ego-Sinn völlig beseitigt wird. Wenn ein Ego noch eine Zeitlang in uns verbleiben soll, kann es nur eine Form von ihm sein, die weiß, dass sie nur äußere Form ist und bereitwillig verschwindet, sobald das wirkliche Zentrum des Bewusstseins sich manifestiert oder in uns gegründet ist. Das wahre Zentrum ist eine lichtvolle Ausdrucksform des einzigen Bewusstseins, ein reiner Kanal und ein Instrument des einzigen Daseins. Als Stütze für die individuelle Manifestation und Aktion der universalen Kraft offenbart es stufenweise die hinter ihm wirkende wahre Person in uns, das zentrale ewige Wesen, das immer dauernde Sein des Höchsten, Macht und Teil der transzendenten Shakti, amśah sanātanah, parā prakrtir jīvabhūtā.
Auch bei diesem Vorgang, in dem sich die Seele allmählich von dem düsteren Gewand des Egos befreit, gibt es ein Vorwärtsschreiten auf festgelegten Stufen. Dem Herrn gehört nicht allein die Frucht der Werke, ihm muss all unser Wirken selbst gehören. Er ist ebenso sehr der wahre Herr unseres Handelns, wie er der Herr der Früchte unseres Wirkens ist. Das sollen wir nicht nur mit dem denkenden Mental sehen, das muss für unser Bewusstsein und für unseren Willen im vollen Sinn wahr werden. Der Sadhaka soll nicht nur denken und wissen, sondern er soll gerade im Augenblick des Wirkens, bei seinem Anfang und ganzen Verlauf, konkret und intensiv sehen und fühlen, dass sein Wirken ihm selbst gar nicht angehört, sondern dass es von dem Höchsten Dasein herkommt und durch ihn hindurchgeht. Er soll immer einer Kraft, einer Gegenwart und eines Willens bewusst bleiben, die durch seine individuelle Natur hindurch handeln. Hat er diese Einstellung, dann besteht wieder die Gefahr, dass er sein eigenes verkleidetes oder sublimiertes Ego oder eine eigene untergeordnete Macht mit dem Herrn verwechselt und an die Stelle seiner höchsten Gebote die Forderungen des Egos setzt. Dabei kann er in den vielfachen Hinterhalt seiner niederen Natur geraten und seine vermeintliche Unterwerfung unter eine höhere Macht in eine Entschuldigung dafür verdrehen, dass er seinem eigenen Ego- Willen, seinem Begehren und seinen Leidenschaften übertrieben und unkontrolliert frönt. Darum wird von uns an diesem Punkt große Aufrichtigkeit verlangt, die wir nicht nur dem bewussten Mental, mehr noch dem hinter der Schwelle unserer Bewusstheit verborgenen (subliminalen) Teil unserer Natur auferlegen müssen, der voll von verborgenen Vorgängen und Prozessen ist. Hier in unserer subliminalen vitalen Natur haust ein besonders unverbesserlicher Scharlatan und Schauspieler. Der Sadhaka muss schon weit in der Ausmerzung des Begehrens und in der tiefen Gelassenheit seiner Seele allem Wirken und Geschehen gegenüber vorangekommen sein, bevor er die Bürde seines Wirkens ganz und gar in die Hand des Göttlichen legen darf. Er muss in jedem Augenblick seines Fortschritts wachsamen Auges auf die Betrügereien des Egos und die Hinterhalte der irreführenden Mächte der Finsternis achten, die sich als die einzige Quelle des Lichtes und der Wahrheit ausgeben. Sie legen sich ein Scheinbild göttlicher Gestaltungen an, um die Seele des Suchenden gefangen zu nehmen.
Da soll er dann sofort einen Schritt weitergehen und sich in die Position des beobachtenden Zeugen versetzen. Oberhalb von Prakriti soll er, unpersönlich und leidenschaftslos, stehen und beobachten, wie die ausführende Naturkraft in ihm wirkt, und er soll ihr Wirken zu verstehen suchen. Durch diese Absonderung von Prakriti soll er lernen, das Spiel ihrer universalen Kräfte zu beobachten und zu unterscheiden, wie sie den Tag und die Nacht, das Göttliche und das Ungöttliche, ineinander verwebt. Dadurch kann er ihre furchtgebietenden Mächte und Wesen entdecken, die sich der unwissenden menschlichen Natur bedienen wollen. Die Gita sagt, die Natur arbeite in uns durch die dreifache Qualität (Guna) der Prakriti, durch die Qualität des Lichten und Guten, sattva, durch die Qualität der Leidenschaft und des Begehrens, rajas, und durch die Qualität der Finsternis und Trägheit, tamas. Der Suchende soll als ein unparteiischer kritischer Beobachter alles dessen, was im Reich seiner Natur vor sich geht, lernen, die gesonderte und die kombinierte Aktion dieser Qualitäten zu unterscheiden. Er soll das Wirken der kosmischen Kräfte in seinem Inneren durch das ganze Labyrinth ihrer subtilen unsichtbaren Vorgänge und Verkleidungen verfolgen und jede Verschlungenheit des Irrgartens kennen. Wenn er in dieser Erkenntnis fortschreitet, kann er viel besser seine Sanktion erteilen; er braucht nicht mehr unwissendes Werkzeug der Natur zu sein. Zuerst muss der Karma-Yogin die Naturkraft dazu veranlassen, bei ihrer Einwirkung auf seine Instrumente die Wirkensweise der beiden niederen Qualitäten einzuschränken und sie der Qualität des Lichten und Guten unterzuordnen. Dann soll er auch diese dazu bringen, sich selbst aufzuopfern, damit alle drei durch eine höhere Macht in ihre göttlichen Entsprechungen umgewandelt werden können: in eine höchste Ruhe und Stille, in eine göttliche Erleuchtung und Seligkeit und in die ewige göttliche Machtwirkung, Tapas. Der erste Teil dieser Disziplin und Umwandlung kann zwar prinzipiell energisch durch den Willen des Mentals in uns geleistet werden. Die völlige Durchführung dieses Prozesses und die darauffolgende Transformation können wir aber nur fertigbringen, wenn die tiefere seelische Schicht ihre Macht über die Natur vermehrt und das menschliche Wesen durch das göttliche als ihren Beherrscher ersetzt. Dann wird der Sadhaka nicht nur mit Aspiration und guter Absicht, mit einer nur anfänglichen und langsam fortschreitenden Hingabe seines Egos, sondern mit der starken Intensität einer dynamischen Selbst-Hingabe die vollständige Überantwortung seines Wirkens an den Willen des Höchsten zustande bringen. Allmählich wird dann sein Mental einer unvollkommenen menschlichen Intelligenz durch ein spirituelles erleuchtetes Mental ersetzt. Dieses kann schließlich in das supramentale Wahrheitslicht eingehen. Dann wird der Sadhaka nicht länger aus seiner Natur der Unwissenheit mit ihren drei Qualitäten einer verworrenen, unvollkommenen Aktivität handeln, sondern aus der göttlichen Natur einer Stille, eines Lichtes, einer Macht und Seligkeit des Geistes. Träger seines Wirkens wird dann nicht mehr jenes Gemenge der Funktionen eines unwissenden Mentals und Willens, des Drängens eines noch unwissenderen Herzens der Gefühle, des Begehrens aus dem Vitalwesen sowie des Triebs und Instinkts des Fleisches sein. Vielmehr wird sein Wirken zuerst aus einem Selbst und einer Natur des Geistes, und zuletzt aus einem supramentalen Wahrheitsbewusstsein und seiner göttlichen Kraft der Übernatur herrühren.
So werden die endgültigen Schritte möglich, wenn der Schleier der Natur zurückgezogen ist und der Suchende dem Meister des gesamten Daseins von Angesicht zu Angesicht gegenübersteht. Dann gehen seine Handlungen in der Aktion einer höchsten Energie auf, die rein, wahr, vollkommen und immer freudvoll ist. Er kann nun der supramentalen Shakti sein Wirken ebenso wie die Früchte seiner Werke rückhaltlos überantworten. Von nun an handelt er nur noch als das bewusste Instrument des ewig Wirkenden. Jetzt erteilt er nicht mehr nur die Zustimmung, vielmehr empfängt er in seinem Instrument einen göttlichen Auftrag und führt diesen aus, von der Hand der shakti geführt. Er selbst ist nicht mehr der Täter der Werke, sondern empfängt sie in der Weise, dass die immer wache Kraft der Shakti sie durch ihn ausführt. Sein Wille zielt nicht mehr darauf, seine eigenen mentalen Konstruktionen durchzuführen und seine emotionalen Begehrlichkeiten zu befriedigen. Vielmehr gehorcht er und hat er teil an einem allmächtigen Willen, der auch ein allwissendes Erkennen, eine geheimnisvolle, magische, unergründliche Liebe und ein unendliches weites abgrundtiefes Meer der ewigen Daseins-Seligkeit ist.
Kapitel 10
Die drei Qualitäten der Natur
Über die natürliche Wirkensweise der niederen Prakriti hinauszukommen, ist für die Seele unerlässlich, wenn sie in ihrem Selbst und ihren Werken frei werden soll. Es ist kein Ideal für die Seele, sich nur harmonisch dieser aktuellen universalen Natur zu unterwerfen, was für die natürlichen Instrumente die Voraussetzung ist für gutes, vollkommenes Wirken. Vielmehr soll die Seele Gott und seiner Shakti allein untertan sein und dadurch Meisterschaft über ihre Natur erlangen. Als Bevollmächtigter des Höchsten Willens und als dessen Kanal soll sie durch ihre Schau, durch ihre Bewilligung oder Verweigerung bestimmen, wie die aufgespeicherte Energie, die Umweltbedingungen und der Rhythmus der kombinierten Bewegung die von Prakriti für die Arbeit der natürlichen Instrumente, also für das Mental, das Leben und den Körper, zur Verfügung gestellt werden, verwendet werden sollen. Die niedere Natur kann aber nur dann bemeistert werden, wenn sie von oben her beherrscht und verwendet wird. Dazu müssen wir in den Bereich jenseits von ihren Kräften, Erscheinungsformen und Qualitäten des Wirkens gelangen. Sonst bleiben wir ihren Bedingungen unterworfen und werden hilflos von ihr beherrscht; wir sind dann nicht Im Geiste frei.
Die Vorstellung von den drei wesenhaften Qualitäten (guna) der Natur ist eine Schöpfung der alten indischen Denker. Ihre Wahrheit leuchtet nicht sofort ein, da sie das Ergebnis eines langen psychologischen Experimentierens und tiefer, innerer Erfahrung war. Wenn man keine solche lange innere Erfahrung hat, sich selbst nicht bis ins Innerste beobachtet und nicht intuitiv die Naturkräfte wahrnimmt, ist es schwierig, sie genau zu verstehen und wirksam zu verwenden. Dennoch können bestimmte allgemeine Andeutungen dazu helfen, dass der Suchende auf seinem Weg der Werke die Kombinationen seiner eigenen Natur versteht, analysiert und durch seine Zustimmung oder Ablehnung beherrscht. Diese Qualitäten werden in den indischen Büchern die Beschaffenheit Gunas genannt. Ihre Namen sind sattva, rajas, tamas. Sattwa ist die Kraft des Gleichgewichts und tritt in seiner Qualität als das Gute, die Harmonie, als Frohsinn und als das Lichte hervor. Rajas ist die Kraft der bewegten Energie und äußert seine Qualität als Kampf und Ringen, Leidenschaft und Aktion. Tamas ist die Kraft der Unbewusstheit und Trägheit; es drückt sich in der Qualität der Verfinsterung, der Unfähigkeit und des Mangels an Aktivität aus. Die Unterscheidungen werden zwar gewöhnlich nur für die psychologische Selbst-Analyse verwendet, sie gelten aber auch in der physischen Natur. In jedem Ding und in jeder Existenz in der niederen Prakriti sind die Mächte dieser drei Qualitäten enthalten. Der Ablauf ihrer Aktivität und ihre dynamische Form sind das Ergebnis des aufeinander Einwirkens der Gunas.
Jede belebte oder unbelebte Gestaltung in der Natur befindet sich in einem ständig neu hergestellten Gleichgewicht der in Bewegung befindlichen natürlichen Kräfte. Sie ist einem unendlichen Strom hilfreicher, störender oder zerstörender Kontakte mit anderen Kräfte-Kombinationen in ihrer Umwelt ausgesetzt. Die Natur unseres Mentals, Lebens und des Körpers ist nichts anderes als eine solche formgebende Kombination von Kräften und ihr Gleichgewicht. In der Art, wie wir die Kontakte aus unserer Umgebung aufnehmen und auf sie reagieren, bestimmen die drei Qualitäten das Temperament des Empfängers und den Charakter seiner Reaktion. Ist er träge und untauglich, dann erduldet er sie ohne eine ausgesprochene Reaktion, ohne eine Regung der Selbstverteidigung oder die Fähigkeit, sie sich oder sich ihnen anzupassen. Das ist die Qualität des Tamas, die Art der Stumpfheit. Die typischen Merkmale des tamas sind intellektuelle Blindheit und Unbewusstheit, Untüchtigkeit an Leistung und Verstand, Schwerfälligkeit, Faulheit und Tatenlosigkeit, mechanische Routine und Betäubung des Mentals, Schläfrigkeit im Lebensgefühl und ein Schlummern der Seele. Wenn das Tamas nicht durch andere Elemente korrigiert wird, resultiert aus ihm nur die völlige Auflösung der Form oder des Gleichgewichts der Natur ohne irgendeine Neuschöpfung, ohne ein neues Gleichgewicht der Energien und ohne Kraft zu einem dynamischen Vorwärtskommen. Im Kern dieser trägen Kraftlosigkeit liegt das Prinzip der Unwissenheit und eine Unfähigkeit oder träge Unwilligkeit, den Anreiz oder Angriff des Kontaktes der Umweltkräfte, ihre Anregung oder ihr Drängen nach einer frischen Erfahrung zu verstehen, anzunehmen und zu verwenden.
Andererseits kann der Empfänger der Kontakte der Natur, von ihren Kräften berührt und angeregt, herausgefordert oder angegriffen, auf ihren Druck zustimmend oder ablehnend reagieren. Mit ihrer Erlaubnis, Ermutigung oder unter ihrem Zwang kann er kämpfen, Widerstand leisten, sie zu bewältigen suchen, über seine Umwelt herrschen oder sie an sich reißen, seinen Willen durchsetzen, ringen, Neues schaffen und erobern. Das ist die Qualität des Rajas, die Art der Leidenschaft, der Aktion, des Durstes unseres Begehrens. Aus dem Rajas entsteht Kampf, Umwandlung und neue Schöpfung, Sieg und Niederlage, Freude und Leiden, Hoffnung und Enttäuschung. Diese Energien bauen das bunte Haus des Lebens, an dem Rajas seine Freude hat. Sein Wissen ist aber ein unvollkommenes oder falsches Wissen. Dadurch kommt es immer wieder zu ignorantem Krafteinsatz, zu Irrtum, zu unrichtiger Anpassung, zum Leid aus Neigungen, zum enttäuschten Begehren, zum Kummer des Verlierens und Versagens. Die Gabe des Rajas ist eine bewegende Kraft, Energie, Aktivität, die Macht, die erschafft, handelt und überwinden kann. Rajas macht aber seine Bewegungen im Schein der falschen oder Halblichter der Unwissenheit und wird durch die Einwirkung der dämonischen Mächte des Asura, Rakshasa und Pishacha verderbt. Die anmaßende Unwissenheit des menschlichen Mentals, seine selbstzufriedenen Entstellungen und dünkelhaften Irrtümer, Stolz, Eitelkeit und Ehrgeiz, Grausamkeit, Tyrannei, brutaler Zorn und Gewalttätigkeit, Egoismus, Gemeinheit, Heuchelei und Verrat, abscheuliche Niedertracht, Lust, Gier und Habsucht, Eifersucht, Neid, abgrundtiefe Undankbarkeit – all das entstellt die Erden-Natur und entspringt aus dieser zwar unentbehrlichen, aber starken und gefährlichen Tendenz in der Natur.
Das verkörperte Wesen ist nicht allein auf diese beiden Qualitäten der Prakriti begrenzt. Es gibt noch eine bessere und erleuchtete Art, wie der Mensch mit den Einwirkungen seiner Umwelt und mit dem Strom der Weltkräfte umgehen kann. Wir können sie mit klarem Verstehen und in gelassener Haltung annehmen und entsprechend auf sie reagieren. Diese Qualität des natürlichen Wesens hat die Macht, weil sie Verständnis aufbringt, auch Sympathie zu empfinden. Sie ergründet, kontrolliert und entfaltet den Drang der Natur und ihre Aktionsweisen. Sie besitzt eine Intelligenz, die in ihre Prozesse und deren Bedeutung eindringt. Sie kann sich an diese angleichen und sie deshalb verwenden. Es gibt dann eine erleuchtete Reaktion, die von den Kontakten nicht überwältigt wird, sondern das Beste aus allen Dingen angleicht, korrigiert, harmonisiert und auswählt. Das ist die Qualität des Sattwa, die Tendenz der Natur, die von Licht und harmonischer Ausgeglichenheit erfüllt ist. Sie strebt nach dem Guten, dem Wissen, nach tiefer Freude und Schönheit, nach Frohsinn, rechtem Verstehen, dem Gleichgewicht der Kräfte und nach gerechter Ordnung. Das Temperament des Sattwa ist die reiche Fülle einer hellen Klarheit des Wissens und einer ausstrahlenden Wärme des Mitfühlens und der innigen Nähe. Die Natur des Sattwa verleiht uns in vollkommenem Maße eine Feinheit und Erleuchtung, eine beherrschte Energie, eine vollendete Harmonie und Ausgeglichenheit des ganzen Wesens.
Kein Dasein ist ausschließlich in einer einzigen Form dieser Qualitäten der kosmischen Kraft ausgeprägt. In jedem Menschen und überall sind alle drei gegenwärtig. Ihre hin und hergehenden Beziehungen und einander durchdringenden Einflüsse kombinieren sich ständig und trennen sich wieder. Oft kommt es zu einem Konflikt, einem Ringen der Kräfte, einem Kampf um die Vormacht der einen über die andere. Sie alle besitzen in größerem oder geringerem Maß oder Grad, oft sogar in einem kaum wahrnehmbaren Minimum, die Qualität des Sattwa, ihre klaren Züge oder nicht geordneten Tendenzen von Licht, Klarheit und Frohsinn, eine feine Anpassung an die Umwelt und ein Mitgefühl mit ihr, Intelligenz, Ausgeglichenheit, das rechte Mental, das rechte Wollen und Fühlen, den wahren Impuls, die Tugend und die Ordnung. Alle besitzen aber auch die Qualitäten des Rajas, dessen Impulse, stürmische Ausbrüche des Begehrens, der Leidenschaft und des Kampfes, der Verkehrtheit, Falschheit und des Irrtums, der nicht balancierten Freude und des Leids, den aggressiven Drang, zu arbeiten und eifrig zu erschaffen, sowie starke, kühne, feurige oder wilde Reaktionen auf den Druck der Umwelt und auf die Anstürme und Verlockungen des Lebens. Alle haben ferner Zustände von Tamas und dessen stets verfinsternde Eigenschaft, ihre Augenblicke oder Anfälle der Unbewusstheit, ihre lang andauernde Gewohnheit oder vorübergehende Tendenz zur Resignation oder zu einem stumpfen Hinnehmen. Sie leiden an Schwäche der Konstitution oder an Anfällen von Müdigkeit, Nachlässigkeit und Indolenz. Sie versinken in Unwissenheit und Unfähigkeit, in Depression und Furcht, in ein feiges Zurückweichen. Oder sie unterwerfen sich der Umwelt oder dem Druck von Menschen, Ereignissen und Kräften. Jeder Einzelne von uns besitzt in mancher Tendenz der Energie seiner Natur oder in manchen Selten seines Mentals und Charakters die Qualitäten des Sattwa, in anderen die des Rajas, in wieder anderen die des tamas. Je nachdem die eine oder andere Qualität gewöhnlich sein allgemeines Temperament, den Typus seines Mentals und die Richtung seines Handelns beherrscht, sagt man von ihm, er sei ein Mensch nach der Art des Sattwa, des Rajas oder des Tamas. Wenige Menschen werden aber ständig durch eine einzige Qualität bestimmt, und kein Mensch besitzt ausschließlich nur eine einzige. Die Weisen sind nicht immer völlig weise, und die Intelligenten sind oft nur in bestimmten Beziehungen intelligent. Der Heilige unterdrückt in sich manche unheiligen Regungen, und ein gemeiner Mensch ist nicht völlig böse. Auch der Dümmste hat seine versteckten unausgelebten oder unentwickelten Fähigkeiten. Der Furchtsamste zeigt auf seine Art Anwandlungen von Mut. Der Hilflose und Schwächling besitzt in seiner Natur eine verborgene Seite der Stärke. Die Gunas, die in einem verkörperten Wesen besonders hervortreten, sind nicht sein wesenhafter Seelen-Typus. Vielmehr zeigen sie nur an, welche Gestaltung der Mensch für dieses Leben oder während seiner gegenwärtigen Existenz und in einem bestimmten Augenblick seiner Evolution in der Zeit angenommen hat.
Sobald der Sadhaka einmal hinter die Einwirkung der Prakriti in seinem Inneren oder von außen her zurückgetreten ist, ohne sich einzumischen, ohne sie abzuändern oder zu verhindern, ohne selbst zu wählen oder zu entscheiden, und sobald er ihr Kräftespiel zulässt, den Ablauf analysiert und beobachtet, entdeckt er, dass ihre Qualitäten nur durch sich selbst (und nicht von ihm) bedingt werden. Sie wirken wie eine Maschine, die man einmal anlaufen ließ und die nun aufgrund ihrer eigenen Konstruktion und der sie antreibenden Kräfte von selbst weiterarbeitet. Die Kraft und der Antrieb rühren von Prakriti her und nicht von dem Geschöpf. Dann versteht der Sadhaka erst richtig, wie irrig sein Eindruck war, sein eigenes Mental sei der Täter seines Wirkens. Sein Mental war dabei nur ein kleiner Teil von ihm und in viel stärkerem Maß eine Schöpfung, ein Mechanismus der Natur. Unablässig hatte die Natur mittels ihrer eigenen Qualitäten gearbeitet, indem sie die drei allgemeinen Guna sich so bewegen ließ, wie etwa ein Mädchen mit seinen Puppen spielt. Das Ego des Sadhaka war dabei nur Instrument und Spielzeug. Alles war das Kräftespiel der Natur, dem die Seele, von diesem angezogen, gewonnen und unterworfen, ihre passive Zustimmung gab. Sie bestimmte seinen Charakter und seine Intelligenz, seine moralischen Eigenschaften und mentalen Mächte, seine Schöpfungen, Werke und Errungenschaften, seinen Zorn und seine Langmut, seine Grausamkeit und seine Barmherzigkeit, seine Liebe und seinen Hass, seine Sünde und seine Tugend, sein Licht und seine Finsternis, seine Leidenschaft der Freude und seine Angst des Leidens. Die Determiniertheit durch die Natur oder Kraft ist jedoch nicht alles. Seine Seele hat dabei auch ein Wort mitzusprechen. Das ist aber die verborgene Seele, der Purusha, und nicht das Mental oder das Ego, da diese beiden keine unabhängigen Wesenheiten sondern Teile der Natur sind. Die Zustimmung der Seele ist für dieses Kräftespiel notwendig. Sie kann durch inneren schweigenden Willen als der Herr, der die Sanktion erteilt, das Prinzip des Kräftespiels bestimmen und in seine Kombinationen eingreifen, wobei es die Rolle der Natur und ihr Vorrecht bleibt, die Ausführung im Denken, Wollen, Handeln und Impuls zu vollziehen. Der Purusha kann eine Harmonie diktieren, die von der Natur geschaffen werden muss. Dabei greift er nicht in ihre Funktionen ein, sondern richtet bewusst seinen Blick auf sie, und Prakriti überträgt diesen dann, sogleich oder nach manchen Schwierigkeiten, in die ihr vom Purusha aufgetragene Idee, in einen dynamischen Anstoß, in eine bedeutungsvolle Gestaltung.
Es ist ersichtlich, dass wir uns von der Einwirkung der beiden niederen Guna unbedingt freimachen müssen, wenn wir unsere gegenwärtige Natur in eine Macht und Form des göttlichen Bewusstseins und in ein Werkzeug seiner Kräfte umwandeln wollen. Tamas verfinstert das Licht des göttlichen Wissens und hindert es daran, in die dunklen und dumpfen Winkel unserer Natur einzudringen. Tamas lähmt unsere Befähigungen und nimmt uns die Macht weg, auf einen göttlichen Impuls zu reagieren. Es raubt uns die Energie, uns umzuwandeln, und den Willen, weiter fortzuschreiten und uns für eine höhere Shakti formbar zu machen. Rajas verdirbt unser Wissen, macht unsere Vernunft zum Mittäter bei Lüge und Falschheit und zum Anstifter für jede unrichtige Regung. Es verwirrt und verrenkt unsere Lebenskraft und ihre Impulse und zerrüttet die Harmonie und Gesundheit des Körpers. Rajas reißt alle hochsinnigen Ideen und hochgemuten Regungen an sich und verwendet sie für seinen falschen, egoistischen Gebrauch. Selbst die göttliche Wahrheit und die göttlichen Einflüsse können, wenn sie in die Erdebene herunterkommen, diesem Missbrauch und dieser Beschlagnahme nicht entgehen. Solange das tamas unerleuchtet und das Rajas nicht umgewandelt ist, können wir unmöglich zu einer Verwandlung in das göttliche Wesen und göttliche Leben kommen.
Es könnte so aussehen, als ob wir ausschließlich das Sattwa zuhilfe zu nehmen brauchten, um einen Ausweg zu finden. Hier besteht aber eine Schwierigkeit: Keine dieser Qualitäten kann sich aus eigener Kraft gegen die beiden anderen, Genossen und Rivalen, durchsetzen. Wenn wir die Qualität des Begehrens und der Leidenschaft als die Ursache der Verwirrung, des Leidens, der Sünde und des Kummers ansehen, bemühen wir uns und arbeiten daran, sie zu unterdrücken und niederzuhalten. Dann geht wohl Rajas unter, aber dafür erhebt sich Tamas. Denn wenn das Prinzip der Aktivität gelähmt ist, nimmt die Trägheit seinen Platz ein. Durch das Prinzip des Lichts kann wohl ein stiller Friede und Frohsinn, eine Erkenntnis, eine Liebe und ein rechtes Empfinden bewirkt werden. Wenn dabei aber Rajas fehlt oder völlig unterdrückt ist, wird die Stille in der Seele leicht zu einer Ruhe der Untätigkeit, die kein festes Fundament für eine dynamische Umwandlung ist. Die Natur erlangt dann zwar vielleicht ein richtiges Denken und rechtes Handeln, sie wird gut, mild und ausgeglichen. Das alles bleibt aber wirkungslos, denn sie nimmt in ihren dynamischen Teilen die kombinierte Qualität des Sattwa-Tamas an, sie wird neutral, blass an Farbe, unschöpferisch und aller Macht entleert. Zwar kommt es vielleicht nicht zu einer mentalen oder moralischen Verfinsterung. Es fehlen aber auch die intensiven Sprungfedern des Handelns. Und das ist eine stark behindernde Beschränkung und eine andere Art Unfähigkeit. Das tamas- Prinzip wirkt sich in doppelter Welse aus: es widersetzt sich dem Rajas durch seine Trägheit, und es widersteht dem Sattwa durch seine Unerleuchtetheit, Enge und Unwissenheit. Wenn die beiden anderen Qualitäten unterdrückt werden, strömt tamas in den Leerraum ein, um ihren Platz einzunehmen.
Rufen wir andererseits Rajas zu Hilfe, damit es diesen Irrtum korrigiert und sich mit Sattwa verbünden soll, um durch das Zusammenwirken mit ihm das dunkle Prinzip auszumerzen, wird unser Handeln zwar auf eine höhere Stufe emporgehoben. Es ist aber dort wieder dem Rajas mit seinem Ungestüm, seiner Leidenschaft, Enttäuschung, seinen Leiden und seinem Zorn unterworfen. Diese Regungen können dann an Ausmaß, Geist und Aktion noch viel mehr verstärkt werden als zuvor. Das ist gewiss nicht der Friede, die Freiheit, Macht und Selbstbemeisterung, nach der wir streben. Wo immer das Begehren und das Ego ihre Schlupfwinkel haben, hausen bei ihnen auch die Leidenschaft und die Verwirrung und nehmen an ihrem Leben Anteil. Wenn wir einen Kompromiss unter den drei Qualitäten etwa in der Weise suchen, dass das Sattwa lenkt und die anderen sich unterordnen, sind wir nur zu einer abgemilderten Wirkensweise im Spiel der Natur gekommen. Wir haben zwar ein neues Gleichgewicht erlangt. Spirituelle Freiheit und Meisterschaft sind aber nicht in Sicht; sie sind immer noch eine in weiter Ferne liegende Hoffnung.
Eine radikal andersartige Bewegung muss uns von den Gunas wegbringen und über sie emporheben. Der Irrtum muss aufhören, der das Wirken der Qualitäten der Natur überhaupt akzeptiert. Denn solange deren Aktivität fortdauert, ist unsere Seele in ihre Operationen verwickelt und ihrem Gesetz unterworfen. Wir müssen ebenso über Sattwa wie über Rajas und tamas hinauskommen. Die goldene Kette der ersteren soll ebenso zerrissen werden wie die Fesseln aus Blei und die mit einer anderen Legierung verzierten Bande der letzteren. Zu diesem Zweck schreibt die Gita eine besondere Methode der Selbstdisziplin vor. Wir sollen aus der Aktion der Qualitäten in unser Selbst-Wesen zurücktreten. Ihre unsteten Prozesse sollen wir als Beobachter, als Zeugen wahrnehmen und dabei unseren Stand oberhalb der wogenden Kräfte der Natur einnehmen. Der Zeuge beobachtet sie wohl. Er bleibt aber unparteiisch und neutral, über sie und ihre Ebene erhaben. Er steht in seinem eigentlichen ursprünglichen Stand hoch über ihnen. Der Beobachter schaut auf sie und beobachtet sie, wie sie in Wellen emporsteigen und zurücksinken. Er akzeptiert sie in keinem Augenblick und greift auch nicht in ihren Lauf ein. Zuerst müssen wir die Freiheit des apersonalen Beobachters erlangen. Dann erst kann die Beherrschung durch den Meister, den Ishwara, kommen.
Der grundlegende Vorteil bei diesem Vorgang der Loslösung besteht darin, dass wir unsere eigene Natur und die gesamte Natur immer besser verstehen. Der ohne eine anhaftende Bindung beobachtende Zeuge kann deutlich, ohne im mindesten durch seinen Egoismus blind gemacht zu sein, das Spiel der Qualitäten der Unwissenheit betrachten und es bis in all seine Verzweigungen, Verhüllungen und Subtilitäten hinein verfolgen. Dieses Spiel ist voll von Tarnung, Vermummung, Fallstricken, Verrat und List. Durch lange Erfahrung belehrt, kann er, jeglichen Wirkens und aller Bedingungen ihres Zusammenspiels bewusst, in der weisen Kenntnis aller ihrer Abläufe nicht mehr durch ihre Anstürme besiegt, in ihren Netzen überrascht und durch ihre Verkleidungen getäuscht werden. Dabei erkennt er auch, dass das Ego nichts weiter ist als ein Mittel für ihr Zusammenwirken und für diese dauernde Verknotung. Wenn er das einsieht, wird er von der Illusion seiner niederen egoistischen Natur befreit. So entrinnt er dem Egoismus der Sattwa-Qualität im Altruisten, Heiligen und Denker. Er schüttelt auch das Rajas des Ichsüchtigen ab, das seine Lebensimpulse kontrolliert. Nun ist er nicht länger der beflissene Diener des Eigennutzes, der verwöhnte Gefangene oder mühselige Galeerensklave der Leidenschaft und des Begehrens. Mit dem Licht des Wissens vernichtet er das egoistische tamas in seinem ignoranten und passiven Wesen, das dumpf und ohne Intelligenz an den gewöhnlichen Kreislauf des menschlichen Lebens gebunden ist. Da er überzeugt und bewusst geworden ist, was für ein Laster der Ego-Sinn seinem Wesen nach in all unserem persönlichen Wirken ist, sucht er nicht weiter nach einem Mittel, sich im Rahmen des Egos des Rajas oder des Sattwa zu korrigieren oder zu befreien, er schaut vielmehr nach oben, über die Instrumente und Wirkensweisen der Natur hinaus, allein zu dem Meister alles Wirkens und zu seiner erhabenen Shakti, zur höchsten Prakriti. Dort allein ist alles Wesen rein und frei; dort allein ist die Herrschaft einer göttlichen Wahrheit möglich.
Bei diesem Gang nach vorwärts ist der erste Schritt eine gewisse, von allem Anhaften freie Überlegenheit über die drei Qualitäten der Natur. Die Seele bleibt im Inneren abgesondert und frei von der niederen Prakriti. Sie ist nicht in ihre gewundenen Gänge verwickelt, sondern steht neutral und froh über ihr. Die Natur wirkt zwar immer im dreifachen Kreislauf ihrer alten Gewohnheiten weiter: Begehren, Kummer und Freude greifen unser Herz an; die Funktionen unseres Wesens versinken in Tatenlosigkeit, Verfinsterung und Ermattung; und dann kehren das Licht und der Friede wieder in das Herz, das Mental und den Körper zurück. Jedoch die Seele steht unwandelbar und unberührt durch diese Veränderungen darüber. Die beobachtende Seele bleibt unbewegt vom Kummer und Begehren der niederen Organe. Sie lächelt über ihre Freuden und ihr Ringen. Sie schaut dem Versagen und den Finsternissen des Denkens, der Wildheit oder Schwäche des Herzens und der Nerven zu und wird dadurch nicht überwältigt. Sie unterliegt keinem Zwang und bleibt auch frei von der Gebundenheit an die Erleuchtungen des Mentals mit ihrem Trost, von seinem Empfinden der Erleichterung oder der Macht, wenn das Licht und der Frohsinn zurückkehren. Sie selbst geht in all dem nicht unter, sondern wartet unbewegt auf die Anregungen durch einen höheren Willen und auf die Intuitionen durch ein größeres erleuchtetes Wissen. Da sie das fortgesetzt tut, wird sie allmählich selbst in ihren dynamischen Seiten frei vom Widerstreit der drei Qualitäten, von ihren unzulänglichen Werten und ihren einengenden Beschränkungen. Nun fühlt diese niedere Prakriti immer stärker eine zwingende Einwirkung vonseiten einer höheren Shakti. Die alten Gewohnheiten, an die sie sich so sehr geklammert hatte, empfangen nun keine weitere Sanktion mehr. Darum stellen sie sich immer seltener ein und verlieren immer mehr ihre Kraft der Wiederkehr. Schließlich erkennt die Seele, dass sie zu einem höheren Wirken und zu einem besseren Stand berufen ist. Sie unterwirft sich, wenn auch noch langsam und widerstrebend, anfangs sogar mit einem starken und lang anhaltenden Widerwillen und einer strauchelnden Unwissenheit. Sie ändert nun die ganze Richtung ihres Wegs und bereitet sich auf die Umwandlung vor.
Die statische Freiheit der Seele, die nicht mehr nur beobachtet und weiß, wird durch eine dynamische Transformation der Natur gekrönt. Die ständige Vermischung der drei Qualitäten und ihre unausgeglichene Einwirkung aufeinander in unseren drei Instrumenten des Mentals, des Vitals und des Körpers verläuft jetzt nicht mehr so, wie es früher das Normale war, verworren, gestört und unangemessen in Aktion und Bewegung. Vielmehr wird eine andere Aktion möglich, die anfängt, wächst und Höhe gewinnt. Sie wirkt in einem wahren Sinne erleuchteter, natürlicher und normaler, dem tiefsten göttlichen Zusammenspiel von Purusha und Prakriti entsprechend, obwohl das für unsere gegenwärtige unvollkommene Natur noch etwas supranatürliches und übernormales ist. Der Körper, der die Voraussetzung für das physische Mental schafft, verlangt nicht länger nach Trägheit des tamas, das immer dieselbe unwissende Bewegung wiederholt. Er wird zum passiven Feld und Werkzeug für eine größere Kraft und ein stärkeres Licht. Er reagiert auf jede Anforderung der Kraft des Geistes. Er unterstützt jede andere Art und Intensität einer neuen göttlichen Erfahrung. Unsere vitalen Wesensseiten mit ihrer ständigen Bewegung und Dynamik, unser nervliches, emotionales, empfindendes und wollendes Wesen dehnen sich machtvoll aus und ermöglichen die unermüdliche Betätigung und selige Freude am höheren Erleben. Sie lernen zugleich auch, auf dem Fundament einer weiten, vom Selbst beherrschten und im Selbst ausgeglichenen Stille zu stehen. Diese ist an Kraft äußerst fein, in ihrer Ruhe göttlich, sie exaltiert sich nicht in der Freude und wird nicht vom Kummer aufgeregt und vom Schmerz gequält, von Begehren und lästigen Impulsen hin und hergerissen und nicht durch Unfähigkeit und Stumpfsinn gelähmt. Die Intelligenz, das denkende, verstehende und reflektierende Mental, legt seine aus dem Sattwa herrührenden Begrenzungen ab und öffnet sich für ein wesenhaftes Licht und einen wesenhaften Frieden. Ein unendliches Wissen bietet uns seine herrlichen Bereiche an, ein Wissen, das nicht aus mentalen Konstruktionen besteht, das nicht durch eine Meinung und Idee gebunden oder von einer strauchelnden ungewissen Logik oder von der ärmlichen Unterstützung durch die Sinne abhängig ist. Vielmehr ist es seiner selbst gewiss, authentisch, all-durchdringend, all-umfassend, eine Seligkeit und ein Friede ohne Grenzen. Dieses Wissen braucht nicht erst von der hemmenden Mühsal einer schaffenden Energie und einer dynamischen Aktion befreit zu werden; es erschöpft sich auch nicht in einem begrenzten Glücksempfinden; es existiert vielmehr aus dem Selbst und schließt alles ein. Diese höheren Kräfte ergießen sich in immer umfassender werdende Bereiche und durch immer breitere und zahlreichere Kanäle, um die ganze Natur in Besitz zu nehmen. Eine höhere Kraft, Seligkeit und Erkenntnis, deren Ursprung jenseits des Mentals, des Lebens und des Körpers liegt, nehmen diese in ihre Macht, um sie in ein göttlicheres Bild umzugestalten.
Hier kommen wir über die Disharmonien der dreifachen Qualität unserer niederen Existenz hinaus. Wir stehen am Anfang der Erfahrung einer höheren dreifachen Qualität göttlicher Natur. Dort gibt es keine Verfinsterung durch Tamas und keine Trägheit. Tamas wird durch einen göttlichen Frieden ersetzt; ruhige ewige Ausgeglichenheit breitet sich aus. Aus ihr geht wie aus einem erhabenen Urgrund der Konzentration in der Stille das Kräftespiel des Handelns und des Wissens hervor. Nun gibt es auch keine ungestüme Energie des Rajas mehr, kein freudvolles oder leidvolles Ringen beim Handeln, Erschaffen und Besitzen, kein fruchtbares Chaos eines verworrenen Impulses. Rajas wird durch eine Macht ersetzt, die im Besitz des Selbst bleibt. Das unbegrenzbare Wirken ihrer Kraft erschüttert, selbst in ihren machtvollsten Intensitäten, nicht das unbewegliche Gleichgewicht der Seele und stört nicht die ungeheuer hohen und tiefen Himmel und die erleuchteten Abgründe Ihres Friedens. Hier gibt es nicht mehr das konstruierende Licht des Mentals, das mit seinem Schein die Wahrheit fangen und einsperren will. Hier hört auch jene unsichere inaktive Ruhe auf. Sattwa wird durch eine Erleuchtung und eine spirituelle Seligkeit ersetzt, die mit der Tiefe und unendlichen Existenz der Seele identisch ist, durchdrungen von einem direkten, authentischen Wissen, das unmittelbar aus den verhüllten Herrlichkeiten der geheimen Allwissenheit entspringt.
Das ist das höhere Bewusstsein, in das unser niederes Bewusstsein umgewandelt werden soll. Die Natur der Unwissenheit mit ihrer unruhigen, unausgeglichenen Aktivität der drei Qualitäten wird verwandelt in diese höhere erleuchtete Übernatur. Zuerst werden wir von den drei Gunas befreit. Wir sind nicht mehr an sie gebunden und werden nicht mehr von ihnen verwirrt, wir sind nistraigunya. Damit gewinnen wir aber nur den ursprünglichen Zustand der Seele, des Selbst, des Geistes wieder, die nun frei in ihrer bewegungslosen Ruhe die Bewegung der Prakriti in ihrer Kraft der Unwissenheit beobachten. Wenn aber die Bewegung der Prakriti auf dieser Grundlage der Natur auch frei werden soll, muss das durch das Stilllegen alles Wirkens in erleuchtetem Frieden und in einem Schweigen geschehen, in dem alle notwendigen Bewegungen ohne bewusste Reaktion und Teilnahme geleistet werden, ohne dass das Mental oder das Wesen des Lebens die Initiative zum Handeln ergreift, ohne ein Wellengekräusel des Denkens oder einen Wirbel in den vitalen Funktionen. Alles muss durch den Impuls, die Initiative und das Wirken einer apersonalen kosmischen oder transzendenten Kraft getan werden. Ein kosmisches Mental und ein kosmisches Leben, sowie eine kosmische Substanz müssen wirksam eingreifen oder eine transzendente Selbstmacht und Seligkeit, die etwas anderes ist als unser personales Wesen oder seine Gestaltung der Natur. Das ist ein Zustand der Freiheit, den wir im Yoga der Werke erlangen können, wenn wir dem Ego absagen, das Begehren und die personale Initiative ausmerzen und unser Wesen völlig an das kosmische Selbst oder an die universale Shakti hingeben. Das kann auch im Yoga des Wissens dadurch geschehen, dass wir das Denken zum Stillstand bringen, das Mental in das Schweigen versinken lassen und unser ganzes Wesen auftun für das kosmische Bewusstsein, das kosmische Selbst, das kosmische Kräftespiel oder für die erhabene Wirklichkeit. Im Yoga der Hingabe (Bhakti-Yoga) erlangen wir dieselbe Freiheit, wenn wir unser Herz und unsere innere Natur der Hand des All-Seligen, des angebeteten Meisters unseres Daseins überantworten. Die höchste Höhe der Umwandlung tritt aber ein, wenn wir eine noch positivere und dynamischere Transzendenz jenseits von unserem jetzigen Zustand erreichen. Dort werden wir in einen noch höheren spirituellen Zustand, trigunātīta, versetzt und so verwandelt, dass wir in ihm an einer noch größeren spirituellen Kraft teilhaben. Die drei niederen unausgeglichenen Qualitäten gehen in die ausgeglichene dreieinige Qualität einer Stille, eines Lichtes und einer Kraft der Ewigkeit über, in die Ruhe, die Bewegung und die Erleuchtung der göttlichen Natur.
Die höchste Harmonie kann aber erst dann eintreten, wenn der egoistische Wille, das eigene Entscheiden und Handeln aufhören und unsere begrenzte Intelligenz ganz stille geworden ist. Das individuelle Ego muss aufhören zu kämpfen. Das Mental soll in die Stille versinken. Der Begehrens-Wille soll lernen, nicht von sich aus die Initiative zu ergreifen. Unsere Personalität soll mit ihrem Ursprung eins werden. Alles Denken und jegliche Initiative sollen von oben her kommen. Der verborgene Meister unserer Handlungen wird uns immer klarer enthüllt. Er wird aus der sicheren Gewissheit des höchsten Willens und Wissens seine Sanktionen an die Göttliche Shakti erteilen, die dann in uns als in ihrem Instrument alle Werke in einer von ihr geläuterten erhabenen Natur tut. So wird das individuelle Zentrum der Personalität allein die Funktion haben, hier ihre Werke zu tragen und zu fördern. Es wird ihr Empfänger und ihr Kanal, der Reflektor ihrer Macht sein. Es wird erleuchtet an ihrem Licht, ihrer Freude und Kraft teilhaben. Wenn dieses individuelle Zentrum dann handelt, wird es doch nicht selbst der Handelnde sein, und keine Reaktion der niederen Prakriti wird es berühren. So ist es also die erste Voraussetzung, dass wir über die drei Qualitäten der Natur hinauskommen. Der entscheidende Schritt bei dieser Umwandlung ist jedoch ihre Transformation, durch die der Weg der Werke aus der Enge und den Abgründen unserer unerleuchteten menschlichen Natur in die grenzenlose Weite der Wahrheit und des Lichtes emporsteigt.
Kapitel 11
Der Meister der Werke
Der Meister und Bewirker unserer Werke ist der Eine, der Universale und Höchste, der Ewige und Unendliche. Er ist das transzendente unbekannte oder unerkennbare Absolute, das unausgedrückte und unmanifestierte Unausdrückbare über uns. Er ist aber auch das Selbst aller Wesen, der Meister aller Welten, der alle Welten transzendiert, das Licht und der Lenker, der All-Schöne und All-Selige, der Geliebte und der Liebende. Er ist der Kosmische Geist und allschöpferische Energie rings um uns. Er ist der uns Immanente. All das ist er, und er ist Jenes, das mehr ist als alles, was ist. Obwohl wir das nicht erkennen, sind wir doch ein Sein aus seinem Sein, eine Kraft aus seiner Kraft. Wir sind bewusst mit einem Bewusstsein eins, das aus dem seinigen kommt. Selbst unser sterbliches Dasein ist aus seiner Substanz geschaffen, und in unserem Inneren wohnt ein Unsterbliches, das ein Funke ist aus seinem Licht und seiner Seligkeit, die nie vergehen. Das Ziel jedes Yoga ist (ob auf dem Weg des Wissens, des Wirkens, der Liebe oder auf anderen Wegen erreicht), dieser Wahrheit unseres Wesens inne zu werden, sie zu realisieren und hier oder anderswo wirksam zu machen.
Doch der Durchgang dorthin ist lang und das Mühen darum beschwerlich, bis wir ihn mit Augen schauen können, die wahrhaft sehen. Noch länger und schwieriger muss unser Ringen sein, wenn wir uns selbst in sein wahres Ebenbild umgestalten wollen. Der Meister des Werks offenbart sich dem Suchenden nicht sofort. Immer wirkt zwar seine Macht hinter dem Vorhang. Sie wird uns aber nur dann offenbar, wenn wir der egoistischen Auffassung absagen, als ob wir selbst die Wirkenden seien. Seine direkte Macht wird entsprechend stärker wirksam, je konkreter die Ausschaltung unseres Ich wird. Erst wenn unsere Unterwerfung unter seine Göttliche Shakti absolut geworden ist, werden wir das Recht haben, in seiner absoluten Gegenwart zu leben. Nur dann können wir sehen, wie sich unser Wirken natürlich, vollständig und einfach in die Prägeform des Göttlichen Willens ergießt.
Darum muss es bei unserem Aufstieg hin zu dieser Vollkommenheit Stufen und Grade geben, wie sie auch beim Fortschritt zu jeder anderen Vollkommenheit auf jeder Ebene der Natur vorhanden sind. Die Schau der vollen Herrlichkeit mag uns schon vorher zuteil werden, plötzlich oder allmählich, ein einziges Mal oder oft. Bevor wir aber die Grundlage vollständig gelegt haben, ist diese Erfahrung nur eine summarische und konzentrierte, keine andauernde und alles umhüllende: sie ist noch keine bleibende Gegenwart. Die reiche Fülle und die unendlichen Inhalte der Göttlichen Offenbarung kommen erst danach und entfalten Ihre Macht und ihre Bedeutung in Stufen. Es mag auf den Gipfelhöhen unserer Natur schon zu einer stetigen Schau gekommen sein. Die vollkommene Einstimmung unserer niederen Wesensseiten tritt aber nur in Graden ein. Jeder Yoga erfordert als erstes Glauben und Geduld. Die brennende Glut des Herzens und die gewaltsamen Bemühungen des übereifrigen Willens, mit denen der Suchende das Himmelreich im Sturm erobern will, können zu schlimmen Reaktionen führen, wenn sie es verschmähen, sich ihr heftiges Vorgehen von diesen bescheideneren und ruhigeren Hilfskräften unterstützen zu lassen. Bei dem langen schwierigen Weg des Integralen Yoga müssen ein integraler Glaube und eine unerschütterliche Geduld mitwirken.
Es ist schwer, diesen Glauben und diese Beharrlichkeit auf dem rauen, engen Weg des Yoga zu erwerben oder zu praktizieren, weil unser Herz und unser Mental ungeduldig sind und weil der Wille unserer rajasischen Natur zwar eifrig aber nicht ausdauernd ist. Die vitale Natur des Menschen hungert immer nach der Frucht ihrer Arbeit. Sie verliert den Glauben an das Ideal und an die Führung, wenn ihr die Frucht scheinbar versagt oder lange vorenthalten wird. Das Mental des Menschen urteilt stets nach der äußeren Erscheinung der Dinge, da das die erste, tief eingewurzelte Gewohnheit der intellektuellen Vernunft ist, auf die der Mensch ein so übermäßiges Vertrauen setzt. Nichts ist für uns leichter, als Gott in unserem Herzen anzuklagen, wenn wir lange leiden oder im Finstern straucheln. Dann schwören wir dem Ideal ab, das wir uns vor Augen gestellt hatten. Dann sagen wir vielleicht: „Ich hatte mein Vertrauen auf den Höchsten gesetzt; er hat mich aber im Stich gelassen, und ich bin in Leiden, Sünde und Irrtum gefallen.“ Oder auch: „Ich hatte mein ganzes Leben an eine einzige Idee gewagt! Nun widersprechen ihr die harten Tatsachen der Erfahrung und widerlegen sie. Es wäre besser gewesen, ich hätte, wie die anderen Menschen, die Begrenzungen akzeptiert und wäre, wie sie, auf dem sicheren Boden der normalen Erfahrung weitergegangen.“ In solchen Augenblicken – die manchmal häufig sind und lange dauern – vergessen wir alle unsere höheren Erfahrungen, und unser Herz verschließt sich in seine eigene Verbitterung. Bei diesen dunklen Wegstrecken ist es möglich, dass wir für immer fallen oder dass wir uns von der göttlichen Arbeit abkehren.
Wenn man lange und beharrlich auf diesem Pfad gegangen ist, wird der Glaube des Herzens auch unter dem heftigsten Gegendruck stark bleiben. Selbst wenn er verborgen oder scheinbar ganz unterdrückt ist, wird er doch bei der ersten Gelegenheit wieder hervortreten. Eine höhere Macht als unser Herz oder unser Intellekt hält ihn aufrecht, auch wenn wir noch so große Fehltritte begehen und immer wieder versagen. Selbst der erfahrene Sadhaka erlebt solche Schwankungen oder Trübungen, die sein Vorwärtsgehen verzögern; für den Neuling sind sie äußerst gefährlich. Darum ist es nötig, dass wir von Anfang an verstehen und akzeptieren, dass dieser Pfad hart und schwierig ist, damit wir fühlen, wie notwendig ein Glaube ist, der zwar dem Intellekt blind zu sein scheint, der aber weiser ist als unsere vernünftelnde Intelligenz. Dieser Glaube ist eine Hilfe von oben. Er ist der strahlende Abglanz von einem verborgenen Licht, das den Intellekt und seine Gegebenheiten übertrifft. Er ist das Herz eines geheimen Wissens, das nicht von der Gnade der unmittelbaren Erscheinung lebt. Wenn unser Glaube ausharrt, wird er in seinen Werken gerechtfertigt und schließlich in die Selbst-Offenbarung eines göttlichen Wissens emporgehoben und von diesem umgestaltet. Wir sollen immer dem ausdrücklichen Gebot der Gita gehorchen: „Den Yoga muss man ständig praktizieren mit einem Herzen, frei von Niedergeschlagenheit und Mutlosigkeit.“ Dem zweifelnden Intellekt sollen wir immer wieder das Versprechen des Meisters vorhalten: „Ich will dich gewiss von aller Sünde und von allem Bösen befreien, sei unbesorgt.“ Am Ende wird alles Flackern des Glaubens aufhören. Dann werden wir Gottes Antlitz schauen und stets die Göttliche Gegenwart fühlen.
Der Meister unserer Werke respektiert unsere Natur, gerade wenn er sie umwandelt. Er wirkt stets durch die Natur und nicht durch eine willkürliche Laune. Diese unsere unvollkommene Natur enthält die Materialien für unsere Vollkommenheit, wenn sie sich auch noch unfertig, entstellt, am falschen Ort, in Unordnung zusammengewürfelt oder in unvollkommener Ordnung befinden. Dieses ganze Material soll geduldig vervollkommnet, geläutert, reorganisiert, neu geformt und umgestaltet werden. Wir sollen es nicht in Stücke zerhacken, von uns abhauen, vernichten oder verstümmeln. Wir sollen es nicht einfach durch Zwang oder Verleugnung ausmerzen. Diese Welt ist zusammen mit uns, die wir in ihr leben, Gottes Schöpfung und Manifestation. Er geht mit ihr und uns in einer Weise um, die unser enges und unwissendes Mental erst dann verstehen kann, wenn es in das Schweigen versinkt und sich für ein göttliches Wissen öffnet. In unseren Irrtümern liegt der Stoff einer Wahrheit verborgen, die danach ringt, unserer tastenden Intelligenz ihre Bedeutung zu offenbaren. Der menschliche Intellekt schneidet den Irrtum zugleich mit der Wahrheit aus. Dann ersetzt er beides durch eine neue Konstruktion aus halber Wahrheit und halbem Irrtum. Die Göttliche Weisheit duldet aber, dass unsere Irrtümer so lange fortdauern, bis wir zu jener Wahrheit gelangen können, die unter jeder sie verfälschenden Verhüllung verborgen und dadurch geschützt ist. Unsere Sünden sind die falsch gelenkten Schritte einer Macht, die sucht. Sie strebt jedoch nicht nach Sünde, sondern nach Vollkommenheit, nach etwas, das wir göttliche Tugend nennen könnten. Oft sind die falschen Dinge die Verhüllungen einer Eigenschaft, die so umgewandelt werden muss, dass sie aus dieser hässlichen Maske befreit wird. Sonst hätten sie in der vollkommenen Vorsehung der Dinge nicht existieren oder fortdauern dürfen. Der Meister unserer Werke ist weder ein Pfuscher noch ein nur gleichgültig Beobachtender; er treibt mit dem Luxus unnötiger Übel kein leichtfertiges Spiel. Er ist klüger als unsere Vernunft und weiser als unsere Tugend.
Unsere Natur irrt sich nicht nur in ihrem Wollen und ist in Ihrer Erkenntnis unwissend; sie ist auch an Macht schwach. Doch die Göttliche Kraft ist da und will uns, wenn wir auf sie vertrauen, lenken. Sie wird unsere Unzulänglichkeiten ebenso wie unsere Fähigkeiten für ihre göttliche Absicht verwenden. Der Erfolg bei unseren unmittelbaren Absichten bleibt deshalb aus, weil Gott dieses Versagen beabsichtigt hat. Oft ist unser Fehlschlag oder Misserfolg der rechte Weg zu einer eher wahren Verwirklichung, als sie uns durch einen unmittelbaren völligen Erfolg erreichbar gewesen wäre. Wenn wir leiden, soll dadurch etwas in uns für die seltenere Möglichkeit einer tieferen Freude zubereitet werden. Wenn wir straucheln, sollen wir am Ende das Geheimnis eines vollkommeneren Gehens lernen. Selbst den Frieden, die Reinheit und Vollkommenheit sollen wir nicht in wilder Eile erjagen wollen. Den Frieden müssen wir wohl erlangen. Das darf aber nicht der Friede einer leeren, verödeten Natur oder der vernichteten, verkrüppelten Befähigungen sein, die nur deshalb zur Unruhe unfähig sind, weil wir sie so lähmten, dass sie keine Intensität; kein Feuer und keine Kraft mehr erleben können. Die Reinheit muss unser Ziel sein. Es darf jedoch nicht zur Reinheit einer des Lebens entleerten, öden, starren Kälte kommen. Vollkommenheit wird von uns gefordert. Das wäre aber keine Vollkommenheit, die ihren Horizont in engen Grenzen hält oder die willkürlich unter die sich stets erweiternde Liste des Unendlichen einen Schlusspunkt setzt. Unser Ziel ist, uns in die göttliche Natur umzuwandeln. Diese Natur des Göttlichen ist aber kein mentaler oder moralischer, sondern ein spiritueller Zustand, den wir nur schwer erlangen können, ja den wir uns mit unserer Intelligenz nur schwer vorzustellen vermögen. Der Meister unseres Werks und unseres Yoga weiß, was getan werden muss. Wir sollen ihm erlauben, dieses durch seine eigenen Mittel und auf seine eigene Weise zu vollbringen.
Alle Vorgänge in der Unwissenheit sind in ihrem Kern und Wesen vom Ego bestimmt. Nichts wird uns schwerer, als von diesem Egoismus frei zu werden, solange wir die Personalität noch zulassen und an einem Handeln im Halbdunkel und mit halber Kraft unserer unfertigen Natur hängen. Es ist leichter, das Ego dadurch auszuhungern, dass wir den Impuls zum Handeln ausschalten, oder das Ich dadurch zu vernichten, dass wir alle Regungen unserer Personalität ausmerzen. Es ist leichter, dieses Ego emporzusteigern in ein selbstvergessenes Versunkensein im Trancezustand des Friedens oder in eine Verzückung göttlicher Liebe. Unser sehr viel schwierigeres Problem liegt darin, wie wir die wahre Person befreien und wie wir ein göttliches Menschsein erlangen, das reines Gefäß für die göttliche Kraft und vollkommenes Werkzeug für göttliches Wirken sein wird. Da muss man Schritt für Schritt festen Boden erringen. Wir müssen eine Schwierigkeit nach der anderen gründlich erleben und völlig bemeistern. Das kann aber nur die Göttliche Weisheit und Macht für uns leisten. Sie wird gewiss alles für uns tun, wenn wir uns ihr in rückhaltlosem Glauben überantworten, uns in ihr Wirken fügen und Gott mit der Beharrlichkeit des Mutes und der Geduld zustimmen.
Der erste Schritt auf diesem langen Weg besteht darin, dass wir alle unsere Tätigkeiten dem Göttlichen in uns und in der Welt als ein Opfer darbringen. Das ist eine Haltung des Mentals und des Herzens, die wir zwar am Anfang ohne große Schwierigkeit einnehmen, die wir aber nur sehr schwer mit einer absoluten und alles durchdringenden Aufrichtigkeit durchhalten. Der zweite Schritt besteht darin, dass wir allen Hang zu der Frucht unseres Wirkens aufgeben. Die einzig wahre, unerlässliche und äußerst erstrebenswerte Frucht des Opfers, – das eine, was Not tut, – ist die Göttliche Gegenwart, des Göttlichen Bewusstseins und seiner Macht in unserem Inneren. Wenn wir das erlangt haben, wird uns auch alles andere zuteil werden. Das ist eine Transformation des egoistischen Willens in unserem vitalen Wesen, unserer Wunsch-Seele und Wunsch-Natur, und das ist weit schwieriger als das andere. Der dritte Schritt ist, dass wir die zentrale Ichhaftigkeit und auch jenes Ich-Empfinden verlieren, wir selbst seien die Wirkenden. Das ist die allerschwerste Transformation. Ohne dass die beiden ersten Schritte geleistet sind, können wir das nicht in vollkommener Weise tun. Jene ersten beiden Schritte können nicht vollendet werden, wenn nicht der dritte dazukommt, um die Bewegung zu krönen und durch das Auslöschen des Egoismus auch den eigentlichen Ursprung des Begehrens auszumerzen. Wenn dieser niedere Ego-Sinn aus seiner Natur ausgerottet ist, kann der Suchende erst seine eigene wahre Person erkennen, die, als Teil und Macht des Göttlichen, immer über ihm steht. Dann kann er jede andere Kraft zur Motivierung seines Handelns aufgeben, weil nur noch der Wille der Göttlichen Shakti in ihm wirkt.
Dieser letzte integralisierende Gang zur Vollkommenheit geschieht in Stufen. Wir können das nicht auf einmal und ohne lange Vorbereitungswege leisten, die uns ihr fortschreitend näherbringen und sie zuletzt möglich machen. Die erste Haltung, die wir einnehmen müssen, ist die, dass wir aufhören, uns selbst als die Wirkenden zu betrachten. Wir sollen uns klar und deutlich nur als eines der Werkzeuge der kosmischen Kraft verstehen. Am Anfang erfahren wir diese nicht als die einzige Kraft, es sind viele kosmische Kräfte, die uns anzutreiben scheinen. Doch wir können auch diese dazu verwenden, unser Ego zu nähren, und das befreit unser Mental, nicht den Rest unserer Natur. Selbst wenn wir dessen bewusst werden, dass alles das Wirken einer einzigen kosmischen Kraft und des hinter ihr stehenden Göttlichen ist, braucht uns das noch nicht zu befreien. Wenn das Ego-Bewusstsein, wir selbst seien die Wirkenden, schwindet, kann immer noch das Ego-Gefühl, Instrument zu sein, jenes ersetzen oder unter dieser Maske fortbestehen lassen. Das Leben der Welt ist voller Beispiele eines Egoismus dieser Art. Sie kann anmaßender und ungeheuerlicher sein als irgendeine andere. Dieselbe Gefahr besteht im Yoga. Da wird ein Mensch zum Führer der anderen oder ragt in mehr oder minder hohem Grad über sie hinaus. Dabei fühlt er sich von einer Macht erfüllt, von der er weiß, dass sie größer ist als seine eigene Ego-Kraft. Vielleicht nimmt er ein Schicksal wahr, das durch ihn handelt, einen geheimnisvollen unergründlichen Willen oder ein Licht von großer Strahlungskraft in seinem Inneren. Seine Gedanken, Handlungen oder sein schöpferisches Genie zeitigten außerordentliche Ergebnisse. Er bewirkt eine schreckliche Zerstörung, die einen neuen Weg für die Menschheit freimacht, oder einen großen Aufbau, in dem sie eine Weile in ihrer Entwicklung ausruhen kann. Entweder ist er eine Geißel der Menschheit oder ein Bringer von Licht und Hell, ein Schöpfer von Schönheit oder ein Bote der Erkenntnis. Auch wenn sein Werk und dessen Erfolge sich in kleinerem Maßstab auswirken und nur einen begrenzten Bereich umfassen, geht mit dem allem das starke Empfinden einher, dass er ein Werkzeug ist, ein für seine Mission und für sein Wirken Erwählter. Die Menschen, die dieses Schicksal und diese Kräfte haben, gewinnen leicht die Überzeugung, sie seien bloß Instrumente in der Hand Gottes oder des Schicksals, und sie erklären sich öffentlich als solche. Doch gerade in solcher Erklärung erkennen wir einen intensiveren, übertriebenen Egoismus, als ihn die gewöhnlichen Menschen durchzusetzen den Mut haben oder die Kraft besitzen, ihn in ihrem Inneren zu beherbergen. Wenn Menschen dieser Art von Gott sprechen, wollen sie eigentlich ein Bild von ihm aufrichten, das in Wirklichkeit nur eine riesige Projektion ihrer selbst oder ihrer eigenen Natur ist. Dabei trägt und nährt sie eine Vergöttlichte Wesenheit nach dem Typus ihres eigenen Wollens und Denkens, eigener Wesensart und Kraft. Diesem vergrößerten Ebenbild ihres Egos dienen sie als ihrem Meister. Allzu oft geschieht das auch im Yoga bei Menschen von einer starken, jedoch groben vitalen Natur oder von einer mentalen Art, die sich zu leicht übersteigert, wenn sie Ehrgeiz, Stolz oder das Begehren nach Größe in ihr spirituelles Suchen eindringen und die Reinheit ihres Motivs verderben lassen. Dann steht ein maßlos gewordenes Ego zwischen ihnen und ihrem wahren Wesen. Es giert für seine eigenen persönlichen Zwecke nach der Kraft aus einer höheren unsichtbaren Macht – göttlicher oder ungöttlicher Art –, die durch sie handelt und deren sie vage oder intensiv bewusst werden. Eine nur intellektuelle Erkenntnis oder das vitale Empfinden einer Kraft, die größer ist als die unsrige, und das Bewusstsein, dass wir durch sie getrieben werden, reicht also nicht aus, uns vom Ego zu befreien.
Diese Wahrnehmung, dieses Empfinden einer größeren Macht in oder über uns, die uns bewegt, ist keine Halluzination und kein Größenwahn. Menschen, die so fühlen und sehen, besitzen eine umfassendere Schau als gewöhnliche Menschen. Sie sind einen Schritt über die begrenzte physische Intelligenz hinausgegangen. Sie haben aber nicht das Schauen in seiner ganzen Fülle oder die direkte Erfahrung. Weil sie in ihrem Mental nicht klar und in der Seele nicht voll bewusst sind und weil ihr Erwachen mehr in ihren vitalen Bereichen als bis hinein in die spirituelle Substanz ihres Selbstes erfolgte, können sie nicht die bewussten Instrumente des Göttlichen werden oder den Meister von Angesicht zu Angesicht schauen. Vielmehr werden sie von Ihrer eigenen fehlbaren und unvollkommenen Natur gebraucht. Das Höchste, das sie vom Göttlichen schauen können, ist ein Schicksal oder eine kosmische Kraft. Sie geben den Namen Gottes einer Gottheit begrenzten Ranges oder, was schlimmer ist, einer titanischen oder dämonischen Macht, die Gott verhüllt. Selbst manche Gründer von Religionen haben das Gottesbild einer Sekte, einen nationalen Gott, eine Macht des Schreckens oder der Strafe oder das geheimnisvolle Gottwesen einer Liebe, Barmherzigkeit und Tugend von der Art des Sattwa errichtet. Sie alle scheinen den Einen und Ewigen nicht geschaut zu haben. Das Göttliche akzeptiert das Bild, das sie sich von ihm machen, und tut sein Werk in ihnen durch dieses Medium. Da aber jene eine Kraft in ihrer unvollkommenen Natur nur intensiver empfunden wird und wirkt, als in anderen Religionen, kann auch das sie bewegende Prinzip des Egoismus in ihnen intensiver sein als in anderen. Sie befinden sich noch in der Macht eines übertriebenen Egos von der Art des Rajas oder des Sattwa. Dieses steht zwischen ihnen und der integralen Wahrheit. Auch das hat seinen Sinn. Es ist ein Anfang, wenn auch von der wahren, vollkommenen Erfahrung noch weit entfernt. Viel Schlimmeres muss über jene Menschen kommen, die zwar die menschlichen Schranken irgendwie durchbrechen können, aber weder Reinheit noch Wissen besitzen. Sie können leicht zu Instrumenten einer anderen Macht als der des Göttlichen werden. Allzu oft dienen sie dann, wenn sie seinen Namen verwenden, unbewusst seinen Masken, den schwarzen Gegenkräften, den Mächten der Finsternis.
Unsere Natur muss eine Behausung der kosmischen Kraft sein, jedoch nicht in ihrem niederen Aspekt oder in ihren Bewegungen von der Art des Rajas oder des Sattwa. Vielmehr soll sie dem universalen Willen allein im Lichte eines höheren, befreienden Wissens dienen. In der Haltung des Werkzeugs darf es keinen Egoismus irgendeiner Art geben, gerade dann nicht, wenn wir uns der Größe der in uns wirkenden Kraft völlig bewusst sind. Jeder Mensch ist bewusst oder unbewusst das Instrument einer universalen Macht. Aber abgesehen von der Gegenwart im Inneren gibt es keine so wesentliche Unterscheidung zwischen der einen und einer anderen Aktion, zwischen der einen Art von Instrumentation und einer anderen, dass sie einen Schutz garantieren könnte gegen die Torheit eines egoistischen Hochmuts. Das Unterscheidungsvermögen zwischen Wissen und Unwissenheit ist eine Gnade des Geistes. Der Atem der göttlichen Macht weht, wo er will. Er erfüllt heute den einen und morgen den anderen mit dem Wort oder der Vollmacht. Wenn der Töpfer das eine Gefäß vollkommener formt als das andere, liegt das Verdienst dafür nicht beim Topf sondern beim Schöpfer. Darum darf es keine solche mentale Haltung in uns geben: „Das ist meine eigene Stärke,“ oder „Schau, wie Gottes Macht in mir wirkt!“ Vielmehr muss unsere Haltung so sein: „Eine Göttliche Macht wirkt in diesem Mental und Körper, und sie ist dieselbe, die am Werk ist in allen Menschen, im Tier, in der Pflanze und im Metall, in bewussten, lebendigen Wesen und Geschöpfen ebenso wie in denen, die unbewusst und unbelebt zu sein scheinen.“ Wenn diese weite Auffassung von dem Einen, das in allen wirkt, und von der ganzen Welt als des gleichen Werkzeugs für göttliches Wirken und für stufenweise Offenbarung seines Selbst von uns zutiefst erfahren wird, hilft das, allen Egoismus der Rajas-Art aus uns auszumerzen. Selbst das Ich-Empfinden der Sattwa-Art wird Immer mehr aus unserer Natur schwinden.
Die Ausmerzung dieser Form des Egos führt uns direkt hin zum wahren instrumentalen Wirken, das das Wesen des vollkommenen Karma-Yoga ist. Wenn wir unser Ego als unser Werkzeug hervorheben, mögen wir uns wohl vormachen, wir seien die bewussten Instrumente des Göttlichen. In Wirklichkeit versuchen wir dabei, aus der Göttlichen Shakti ein Werkzeug für unser eigenes Begehren und für unseren egoistischen Zweck zu machen. Selbst wenn das Ego unterworfen, doch nicht ausgemerzt ist, können wir wohl Maschinen des Göttlichen Werkes sein. Wir werden jedoch unvollkommene Werkzeuge sein und das Werk durch unsere mentalen Irrtümer, unsere vitale Entstellung, die hartnäckige Unfähigkeit unserer physischen Natur verfälschen oder behindern. Wenn dieses Ego verschwindet, können wir in Wahrheit nicht nur zu reinen Instrumenten werden, die bewusst jedem Griff der göttlichen Hand, die uns bewegt, zustimmen, sondern wir werden auch unserer wahren Natur inne und zu bewussten Wesensteilen des einen Ewigen und Unendlichen, von der höchsten Shakti für ihre Werke ausgewählt.
Nach der Unterwerfung unseres instrumentalen Ich unter die Göttliche Shakti müssen wir einen noch größeren Schritt tun. Es genügt nicht, dass wir sie als die einzige Kosmische Kraft erkennen, die uns und alle Geschöpfe auf den Ebenen des Mentals, des Lebens und der Materie in Bewegung hält. Das ist die niedere Natur, und es verbleibt eine Unvollkommenheit in den dynamischen Teilen, auch wenn dort das Wissen, das Licht und die Macht des Göttlichen in dieser Unwissenheit verborgen da sind und wirken, auch wenn sie zum Teil deren Hülle durchbrechen und etwas von Ihrem wahren Charakter offenbaren, auch wenn sie von oben herniederkommen und die niederen Wirkensweisen emporheben, ja selbst wenn wir der Eine in einem spiritualisierten Mental, in einer spiritualisierten Lebensbewegung und in einem spiritualisierten Körperbewusstsein verwirklichen. Es kommt nur zu einer stotternden Antwort an die Höchste Macht. Eine Hülle liegt über dem Antlitz des Göttlichen, eine ständige Vermischung mit der Unwissenheit. Erst wenn wir uns für die Göttliche Shakti in der ganzen Wahrheit ihrer Kraft auftun, die über diese niedere Prakriti hinausgeht, können wir vollkommene Werkzeuge ihrer Macht und ihres Wissens werden.
Ziel des Karma-Yoga soll nicht nur Befreiung, vielmehr Vollkommenheit sein. Das Göttliche wirkt durch unsere Natur und im Einklang mit unserer Natur. Wenn unsere Natur unvollkommen ist, wird das Werk auch unvollkommen, vermischt und unzulänglich sein. Es mag sogar durch grobe Irrtümer und Verfälschungen, durch moralische Schwäche und ablenkende Einflüsse stark beeinträchtigt werden. Auch dann wird das Werk des Göttlichen in uns getan. Das geschieht jedoch dann unserer Schwäche entsprechend und nicht im Einklang mit der Stärke und Reinheit seines Ursprungs. Wenn wir nicht einen Integralen Yoga erstreben würden, wenn wir statt dessen nur die Befreiung des Selbst in uns oder das bewegungslose Sein des Purushasuchen würden, der von der Prakritigetrennt ist, könnte diese dynamische Unvollkommenheit bedeutungslos sein. Wir könnten uns in das Schweigen des Geistes zurückziehen und rein und unberührt nur das Wirken der Prakriti beobachten. Dann würden wir still und unverwirrt, nicht deprimiert und nicht entzückt, die Vollkommenheit so wenig als uns zugehörig akzeptieren wie die Unvollkommenheit, das Versagen so wenig wie das Verdienst, die Sünde so wenig wie die Tugend. Wir würden dabei wahrnehmen, dass es die Qualitäten der Natur sind, die sich auf dem Gebiet ihrer Gunas auswirken und diese Vermischung hervorrufen. In der integralen Verwirklichung kann das nur ein Schritt auf dem Wege sein. Das ist nicht der Ort unseres dauernden Verbleibens. Wir erstreben die göttliche Verwirklichung nicht nur in der Reglosigkeit des Geistes, sondern auch in der Bewegung der Natur. Das kann erst geschehen, wenn wir die Gegenwart und die Macht des Göttlichen bei jedem Schritt und in jeder Regung, bei jeder Form unserer Aktivität, bei jeder Wendung unseres Willens, bei allem Denken, Fühlen und Impuls empfinden. Zweifellos können wir sie in gewissem Sinn selbst in der Natur der Unwissenheit fühlen. Dort ist aber die göttliche Macht und Gegenwart vermummt, herabgemindert und in niedrigerer Gestalt. Wir verlangen nach etwas Größerem: unsere Natur soll eine Macht des Göttlichen in der Wahrheit dieses Göttlichen und in dem Licht und der Kraft des ewigen, seines Selbst bewussten Willens und in der Weite des ewigdauernden Wissens sein.
Sobald die Verschleierung durch das Ego beseitigt ist, müssen auch die Hülle der Natur und deren niedere Wirkensweisen entfernt werden, die unser Mental, unser Leben und unseren Körper beherrschen. Sobald die Begrenzungen des Egos zu schwinden beginnen, erkennen wir, woraus die Hülle besteht. Wir entdecken das Wirken der kosmischen Natur in uns. Innerhalb oder hinter der kosmischen Natur empfinden wir die Gegenwart des kosmischen Selbstes und die Kraftentfaltungen des die Welt durchdringenden Ishwara. Der Meister des Instruments steht hinter diesem ganzen Wirken. Selbst innerhalb dieses Wirkens wird seine Hand und der Antrieb durch einen großen lenkenden und bestimmenden Einfluss fühlbar. Wir dienen nun nicht mehr dem Ego oder der Egokraft. Wir gehorchen dem Meister der Welt und seinem evolutiven Impuls. Bei jedem Schritt sagen wir in der Sprache des Sanskritverses: „So wie es mir von Dir verordnet ist, der Du in meinem Herzen Deinen Sitz hast, so, O Herr, handle ich.“ Dieses Handeln kann von zweifacher, sehr verschiedener Art sein: die eine ist nur erleuchtet, die andere ist transformiert und in eine höhere Übernatur emporgehoben. Wir können bei der Methode des Wirkens verbleiben, die durch unsere Natur aufrechterhalten und von ihr befolgt wird, wenn wir durch sie und durch ihre Illusion der Ichhaftigkeit so „umhergetrieben werden, als seien wir auf eine Maschine montiert“ (Gita). Jetzt geschieht das mit vollem Verständnis für die Maschine, wie sie vom Meister der Werke, den wir dahinter fühlen, für seine Absichten mit der Welt gebraucht wird. So weit sind schon manche großen Yogins auf den Ebenen des spiritualisierten Mentals gelangt. Die Bewegung braucht nicht bei dieser Stufe Halt zu machen. Es gibt eine größere supramentale Möglichkeit. Wir können über das spiritualisierte Mental hinauskommen und spontan in der lebendigen Gegenwart der ursprünglichen göttlichen Wahrheitskraft der Höchsten Mutter handeln. Wenn alle unsere Antriebskräfte geeint sind mit ihrer Bewegung und untergegangen sind in ihr, wenn unser Wille eins ist mit ihrem Willen und unsere Energie in die ihrige freigesetzt ist, werden wir ihr Wirken durch uns empfinden als das des Göttlichen, das sich in einer höchsten Weisheitsmacht offenbart. Wir werden dessen inne, dass das Mental, das Leben und der Körper nach ihrer Transformation nur Kanäle eines höchsten Lichtes und einer höchsten Kraft sind, die jenseits von ihnen ist und die unfehlbar in ihren Abläufen wirkt, da sie transzendent und in ihrem Wissen total ist. Wir sollen aber nicht nur die Empfänger, Kanäle und Instrumente dieses Lichtes und dieser Kraft sein, sondern zu einem Teil dieser Weisheitsmacht in unserer eigenen, hoch erhobenen und bleibenden Erfahrung werden.
Wir können jedoch schon, bevor wir diese letzte Vollendung erreichen, Einheit mit dem Göttlichen im Wirken in seiner extremen Ausweitung, wenn auch noch nicht auf seinen lichtvollsten Höhen, erfahren. Wir beobachten dann nicht länger nur die Natur oder die Qualitäten der Natur. Vielmehr gewahren wir in unseren physischen Bewegungen, in unseren nervlichen und vitalen Reaktionen und im mentalen Wirken eine Kraft, die größer ist als Körper, Mental und Leben. Diese nimmt unsere begrenzten Instrumente in ihren Besitz und setzt alle ihre Bewegungen in Gang. Wir haben dann nicht mehr das Empfinden, als ob wir selbst uns bewegen, denken oder fühlen, sondern dass Jenes sich in uns bewegt, in uns denkt und fühlt. Diese Kraft, die wir fühlen, ist die universale Kraft des Göttlichen. Sie ist die eine Energie, die existiert und allein das universale und individuelle Wirken ermöglicht, einerlei, ob sie dabei verhüllt oder enthüllt ist, direkt handelt oder die Verwendung ihrer Macht durch Wesen im Kosmos gestattet. Diese Kraft ist das Göttliche selbst im Körper seiner Macht. Alles ist jene Macht des Wirkens, die Macht des Denkens und Wissens, die Macht der Meisterschaft und des Genießens, die Macht der Liebe. Wenn wir immer und in allem, in uns selbst und in den anderen, des Meisters der Werke bewusst geworden sind, wie er sie durch die Kraft, die er selbst ist, besitzt, bewohnt und sich ihrer erfreut und wie er selbst durch sie zu allen Wesenheiten und Geschehnissen wird, sind wir auf göttliche Weise mit ihm durch die Werke einsgeworden. Durch diese Erfüllung im Wirken werden wir auch all jenes erlangt haben, was die anderen durch die absolute Hingabe in der Liebe oder durch das reine Wissen gewannen. Es steht uns aber noch ein anderer Schritt bevor, zu dem wir berufen sind: ein Aufstieg aus dieser kosmischen Identität in die Identität mit der Göttlichen Transzendenz.
Der Meister unserer Werke und unseres Wesens ist nicht nur eine Gottheit, die hier in unserem Inneren wirkt. Er ist auch nicht nur der kosmische Geist oder sonst eine Art universaler Macht. Die Welt und das Göttliche sind nicht ein und dasselbe, wie das uns eine gewisse Art pantheistischen Denkens glauben machen möchte. Die Welt ist eine Ausstrahlung (Emanation). Sie hängt von etwas ab, das sich in ihr manifestiert, das aber nicht durch sie begrenzt wird. Das Göttliche ist nicht allein nur hier. Es gibt auch ein Jenseits, eine ewige Transzendenz. Auch das individuelle Wesen ist nach seiner spirituellen Seite nicht nur eine Gestaltung in der kosmischen Existenz. Unser Ich, unser Mental, Leben und Körper sind zwar dieses auch. Aber der unwandelbare Geist und die unvergängliche Seele in uns sind aus der Transzendenz hervorgegangen.
Der Ursprung unseres Wesens, unserer Werke und ihr Meister ist ein Transzendentes Wesen. Es steht jenseits aller Welt und Natur, hält sie jedoch in Besitz. Es ist mit einem Wesensteil von sich aus in die Welt herniedergekommen und gestaltet sie in das, was sie jetzt noch nicht ist. Der Sitz dieses Transzendenten Bewusstseins ist oben, in der Absolutheit des göttlichen Daseins und dort ist auch die absolute Macht, Wahrheit und Seligkeit des Ewigen. Von diesem Transzendenten kann sich unsere Mentalität keinen Begriff bilden. Selbst unsere höchste spirituelle Erfahrung ist nur ein geringer Widerschein davon im spiritualisierten Mental und Herzen, ein blasser Schatten, eine schwache Verdünnung. Doch geht von diesem Transzendenten etwas aus wie eine goldene Korona aus Licht, Macht, Seligkeit und Wahrheit: ein göttliches Wahrheitsbewusstsein – wie es die alten Mystiker nannten –, ein Supramental, eine Gnosis. Mit ihr steht die Welt des niederen Bewusstseins bei ihrem Durchgang durch die Unwissenheit in geheimer Beziehung. Denn jenes Supramental allein erhält sie Im Dasein und hindert sie, sich wieder aufzulösen und in ein Chaos zu zerfallen. Die Mächte jedoch, die wir jetzt mit Gnosis, Intuition und Erleuchtung zu bezeichnen pflegen, sind nur die abgeschwächten Lichter jenes höchsten flammenden Ursprungs. Zwischen der höchsten menschlichen Intelligenz und jenem Transzendenten liegen viele Ebenen eines emporsteigenden Bewusstseins, die höchsten mentalen und die übermentalen, die wir erst erobern müssen, bevor wir dorthin gelangen oder ihre Größe und Herrlichkeit zu uns herabbringen können. Zwar ist dieser Aufstieg und Sieg schwierig; er ist jedoch die Bestimmung des menschlichen Geistes. Jenes erleuchtete Herniederkommen, das Herabbringen der göttlichen Wahrheit, ist das unvermeidliche Ziel der wirren Evolution der Erdnatur. Die uns bestimmte höchste Höhe ist der Grund und Zweck der Evolution, unser höchster Zustand und die Deutung unserer irdischen Existenz. Obwohl das transzendente Göttliche als der Purushottama im geheimen Herzen unseres Mysteriums hier existiert, ist er doch durch die vielen Umhüllungen und Verkleidungen seiner magischen weltweiten Yoga-Maya verborgen. Nur wenn die Seele hier im Körper emporsteigt und den Sieg erringt, können die Umhüllungen wegfallen. Dann vermag die Macht der höchsten Wahrheit dieses verworrene Gewebe von Halbwahrheit, das zu einem schöpferischen Irrtum wird, und dieses auftauchende Wissen, das durch sein Herabsinken in die Nichtbewusstheit der Materie verwandelt wurde und nun langsam zu sich selbst in eine effektive Unwissenheit zurückkehrt, zu ersetzen.
Hier in der Weit wirkt, auch wenn sie insgeheim hinter allem Dasein existent ist, nicht die Gnosis, sondern ein Zauberwerk von Wissen-Unwissenheit, eine unberechenbare, uns nur als mechanisch erscheinende Maya des Obermentals. Wir nehmen das Göttliche hier in doppelter Weise wahr. Der einen Art unseres Schauens offenbart es sich als ein ausgeglichener, inaktiver, apersonaler Beobachter-Geist, als ein unbeweglicher zustimmender Purusha, der nicht durch die Gunas, den Raum oder die Zeit gebunden ist, dessen Hilfe oder Zustimmung unparteiisch dem Spiel jeglichen Wirkens und aller Energien erteilt wird, das der transzendente Wille einmal zuließ und autorisierte, damit sie im Kosmos ihre Erfüllung finden. Dieser Beobachter-Geist, dieses reglose Selbst in den Dingen, scheint keinen Willen und keine Bestimmung auszuüben. Wir gewahren jedoch, dass gerade seine Passivität und seine schweigende Gegenwärtigkeit alle Dinge dazu zwingt, sich trotz ihrer Unwissenheit auf ein göttliches Ziel hin zu bewegen. Durch ihr Zerteilt-sein hindurch zieht es sie zu einem noch nicht realisierten Einssein hin. Jedoch scheint es, als ob kein unfehlbarer höchster Göttlicher Wille existiere, sondern nur eine weithin entfaltete Kosmische Energie oder ein mechanischer ausführender Prozess, die Prakriti. Das ist die eine Seite des kosmischen Selbst. Die andere Seite stellt sich uns als ein universales Göttliches dar, geeint in seinem Sein, vielfältig in Personalität und Macht, das uns, wenn wir in das Bewusstsein seiner universalen Kräfte eintreten, ein Empfinden von unendlichen Eigenschaften, unendlichem Willen und Wirken, ein weltweites Wissen und eine einzige, jedoch zahllos vielfältige Seligkeit zuteil werden lässt. Durch es werden wir mit allen Geschöpfen im Dasein nicht nur in ihrer Wesenhaftigkeit, sondern auch im Spiel ihrer Aktivität geeint. Wir schauen uns in ihnen allen, und sie alle in uns selbst. Wir nehmen alle Erkenntnis, alles Denken und Fühlen wahr als die Regungen des einzigen Mentals und Herzens. Jegliche Energie und Aktion erkennen wir als die Kraftwirkungen des einzigen Willens in seiner Macht. Alle Materie und Form erscheinen uns als Teilchen des einzigen Körpers. Alle Personalitäten werden uns zu Projektionen dieser einzigen Person. Alle Ich-Formen sind Entstellungen des einen und allein wirklichen „Ich“ im Sein. In ihm befinden wir uns nicht länger abgesondert für uns, sondern wir verlieren unser aktives Ego in der universalen Bewegung in gleicher Weise, wie wir unser statisches Ego durch jenen Beobachter, der ohne Qualitäten und an nichts gebunden und verhaftet dasteht, in den universalen Frieden eingehen lassen.
Dennoch bleibt ein Widerspruch zwischen den beiden Grundbegriffen, dem über alles erhabenen göttlichen Schweigen und der alles umfassenden göttlichen Aktion. Wir vermögen ihn vielleicht in uns in gewisser Weise, in einem uns als vollkommen erscheinenden hohen Grade, zu beheben. Das ist aber keine vollständige Lösung, die umwandeln und überwinden kann. Wir besitzen wohl einen universalen Frieden, ein Licht, eine Macht und eine universale Seligkeit. Die Art aber, in der sich alles effektiv ausdrückt, ist nicht die des Wahrheitsbewusstseins, es ist nicht die göttliche Gnosis. Vielmehr unterstützt das nur die Art, wie sich der Kosmische Geist gegenwärtig ausdrückt, wobei wir wunderbar befreit, emporgehoben und erleuchtet sind. Die vieldeutigen Symbole und verhüllten Geheimnisse einer Welt der Unwissenheit werden dadurch nicht transformiert wie bei einer transzendentalen Herabkunft. Wir selbst sind zwar frei, das Erdbewusstsein verbleibt aber mit seiner Gebundenheit. Nur ein noch höheres transzendentales Emporsteigen und Herniederkommen kann diesen Widerspruch völlig auflösen und die Welt vollständig transformieren und befreien.
Es gibt noch einen dritten, intensiv nahen und personalen Aspekt des Meisters der Werke. Er ist der Schlüssel zu seinem erhabenen verborgenen Geheimnis und zur seligsten Freude. Er lässt aus dem Geheimnis der verborgenen Transzendenz und der vieldeutigen Entfaltung der kosmischen Bewegung eine individuelle Macht des Göttlichen hervortreten, die zwischen den beiden Erfahrungen vermitteln kann und uns eine Brücke zwischen beiden schlägt. In diesem Aspekt passt sich die transzendente und die universale Person des Göttlichen unserer individualisierten Personalität an und nimmt personale Beziehung zu uns auf sich. Einerseits identifiziert sie sich mit uns als unser höchstes Selbst. Andererseits ist sie zwar eng mit uns verbunden, aber doch von uns unterschieden als unser Meister und Freund, als unser Liebender und Lehrer, als unser Vater und unsere Mutter, als unser Spielgefährte im großen Weltspiel. In diesem hat er sich vielfältig verkleidet als Freund und Feind, als Helfer und Widersacher. Er hat in allen Beziehungen zu uns und in allen Wirkensweisen, die uns berühren, unsere Schritte hin zu unserer Vollkommenheit und zu unserer Befreiung gelenkt. Durch diese mehr personale Manifestation eröffnet er uns eine gewisse Möglichkeit zur vollständigen transzendentalen Erfahrung. Wir begegnen nun dem Einen nicht nur in der Stille und im Frieden völliger Befreiung, nicht nur mit einer passiven oder aktiven Unterwerfung in unserem Wirken, auch nicht nur durch das Geheimnis des Geeintseins mit einem universalen Wissen und mit einer universalen Macht, die uns erfüllen und lenken. Vielmehr einen wir uns mit ihm im Entzücken einer göttlichen Liebe und Wonne, die sich mächtig über die Haltung eines schweigenden Beobachters und das Wirken einer aktiven Weltmacht hinaus erhebt und positiv ein größeres, beseligenderes Geheimnis vorausahnt. Zu einem so unaussprechlichen Absoluten führt uns nicht so sehr das Wissen empor. Auch die Werke heben uns nicht so hoch über den Weltenablauf hinaus zu dem ihn verursachenden höchsten Wissenden und Meister. Vielmehr birgt in ihrer Hülle leidenschaftlicher Freude diese für uns innigste – wenn auch jetzt noch verhüllte – Erfahrung das tiefe, beseligende Geheimnis der transzendenten Gottheit zusammen mit einer absolut positiven Gewissheit ihres vollkommenen Seins, ihrer alles in sich konzentrierenden Seligkeit und ihres mystischen Ananda.
Die individuelle Beziehung zum Göttlichen wirkt sich nicht immer oder von Anfang an in einer machtvollen Ausweitung oder vollen Überwindung unserer eigenen Begrenzung aus. Am Anfang können wir die Gottheit, die unserem Wesen nahe oder uns immanent ist, nur innerhalb der Reichweite unserer eigenen personalen Natur und Erfahrung erleben: als einen Lenker und Meister, einen Führer und Lehrer, einen Freund und Liebenden. Oder wir fühlen das Göttliche als Geist, als Macht oder Gegenwart, was unsere nach oben strebende und sich dorthin ausweitende Bewegung konstituiert und durch die Kraft jener uns innig nahen Wirklichkeit emporträgt, die in unserem Herzen wohnt, über unserer Natur, oberhalb unserer höchsten Intelligenz waltet. Sein stärkstes Wirken richtet sich auf unsere personale Evolution. Eine persönliche Beziehung macht uns froh und erfüllt uns mit Glück. Wir finden unser Selbst und erlangen unsere Vollkommenheit, indem wir unsere Natur in das göttliche Ebenbild erhöhen. Die Welt außerhalb von uns scheint uns nur als Feld für dieses Wachsen zu existieren, indem sie uns die Materialien dazu oder Hilfs- und Widerstandskräfte liefert, die für die aufeinanderfolgenden Wachstumsstufen notwendig sind. Unsere in dieser Welt geleisteten Werke sind seine Werke. Auch wenn sie einem vorübergehenden universalen Ziel dienen, besteht doch ihr Hauptzweck für uns darin, dass sie unsere Beziehungen zu diesem immanenten Göttlichen nach außen hin dynamisch gestalten oder ihnen im Inneren Macht verleihen. Viele Suchende verlangen nichts weiter, oder sie sehen die Fortsetzung und Erfüllung des spirituellen Aufblühens nur in jenseitigen Himmelreichen. Für sie hat dort die Einung ihren höchsten Grad erlangt und wird an einem ewigen Ort, wo seine Vollkommenheit, Freude und Schönheit wohnt, ewig genossen. Für den Suchenden des Integralen Yoga ist das nicht genug. So intensiv und schön das sein mag, so kann eine solche isolierte höchste persönliche Errungenschaft doch nicht sein ganzes Ziel oder seine völlige Existenz bilden. Es muss für ihn eine Zeit kommen, da sich das Personale in das Universale ausweitet. Dann wird unsere ganze spirituelle, mentale, vitale und sogar physische Individualität universalisiert. Sie wird als Macht einer universalen Kraft und ihres kosmischen Geistes geschaut. Oder unsere Individualität enthält das Universum in sich, in jener unaussprechlichen Weite, die das individuelle Bewusstsein dann überkommt, wenn es seine Fesseln durchbricht und sich aufwärts zum Transzendenten, nach allen Seiten in den Unendlichen verströmt.
In einem Yoga, der ausschließlich auf der spiritualisierten Mental-Ebene gelebt wird, ist es möglich (und üblich), dass diese drei fundamentalen Aspekte des Göttlichen – Gott als der Individuelle oder Immanente, der Kosmische und der Transzendente — als getrennte Realisationen nebeneinander bestehen. Dann erscheint jede für sich ausreichend, um das Sehnen des Suchenden zu befriedigen. Er kann mit dem personalen Göttlichen in der erleuchtenden Kammer seines inneren Herzens allein bleiben und dort das eigene Wesen in das Ebenbild des Geliebten umgestalten. Dann steigt er aus der gefallenen Natur empor, um bei ihm in irgendeinem Himmel des Geistes zu leben. Oder er kann, in die kosmische Weite aufgelöst, vom Ego befreit, seine Personalität so weit aufgeben, dass nur noch die universale Kraft wirkt. Dann genießt er, selbst ganz still, befreit, in der Universalität über den Tod erhaben, bewegungslos im Selbst des Beobachters hier in der Welt die Freiheit des Zeitlosen, gerade wenn er sich ohne Grenzen in den unendlichen Raum und in die endlose Zeit ausdehnt. Schließlich vermag er, in eine unsagbare Transzendenz konzentriert, in das Nirvana zu entkommen und alle Dinge ins Nichts versinken zu lassen, wenn er in einer grenzenlosen Entzückung in Jenes empor fliegt, das ohne jede Verbindung mit dem Diesseits steht; er hat dann seine Personalität abgelegt und seine Arbeit und Mühsal der universalen Kraftentfaltung (dynamis) von sich abgetan.
Nichts von dem so Erreichten genügt dem Suchenden, der die weite Vollkommenheit eines integralen Yoga erstrebt. Individuelle Rettung ist ihm nicht genug. Er entdeckt, wie er sich selbst für ein kosmisches Bewusstsein öffnet, das durch seine ungeheure Höhe und Tiefe weit über die schwächere Intensität einer auf das Individuum beschränkt bleibenden Erfüllung hinausgeht, dessen Forderung an ihn unausweichlich ist. Von diesem außerordentlich starken Zwang vorwärtsgetrieben, muss er durch alle absondernden Begrenzungen hindurchbrechen, sich in die Weltnatur ausdehnen und das Universum in sich aufnehmen. Außerdem bedrängt ihn eine dynamische Realisation, die vom Höchsten her auf diese Welt der Wesen einen starken Druck ausübt. Nur wenn er das kosmische Bewusstsein irgendwie zugleich in sich selbst trägt und dennoch darüber hinausreicht, kann er hier diese in ihrer unerhörten Fülle noch nicht hervorgetretene Herrlichkeit zur Manifestation bringen. Aber auch das kosmische Bewusstsein ist noch nicht das letzte Ziel des Suchenden. Es ist noch nicht die ganze Göttliche Wirklichkeit; es ist noch nicht integral. Es gibt ein göttliches Geheimnis hinter der Personalität, das er noch entdecken muss. Dort wartet das Mysterium der Verkörperung der Transzendenz darauf, hierher in die Zeit entbunden zu werden. Im kosmischen Bewusstsein bleibt am Ende doch eine Kluft übrig, eine Gleichung, die nicht aufgeht: da ist ein höchstes Wissen, das befreien, aber keine Wirkung ausüben kann, und eine Macht, die scheinbar ein begrenztes Wissen verwendet oder nach außen die Maske der Unwissenheit trägt. Sie kann zwar erschaffen. Sie erschafft aber eine Unvollkommenheit oder eine vergängliche, begrenzte und gefesselte Vollkommenheit. Auf der einen Seite steht ein freier, undynamischer Beobachter, auf der anderen Seite eine Ausführende Macht des Wirkens, die aber gebunden ist und der nicht alle Mittel für ihr Handeln gewährt werden. Es scheint, als ob die Aussöhnung dieser beiden Gefährten und Widersacher einem Ungeoffenbarten vorbehalten ist, das jenseits von uns liegt, dessen Offenbarung noch hinausgeschoben und zurückgehalten wird. Wenn aber unsere Personalität einfach in eine absolute Transzendenz fliehen würde, ließe sie sich selbst unerfüllt. Dann kommt die Aktion im Universum zu keinem schlüssigen Ziel und kann den integral Suchenden nicht befriedigen. Er fühlt, dass die ewig gültige Wahrheit sowohl eine Macht ist, die erschafft, als auch ein statisches Dasein. Sie ist keine Macht, die einzig und allein einer illusorischen oder unwissenden Manifestation dient. Die ewige Wahrheit kann ihre Wahrheiten in der Zeit manifestieren. Sie vermag ihr Schöpferwerk im Wissen zu tun, nicht nur in der Nichtbewusstheit und in der Unwissenheit. Eine göttliche Herabkunft liegt ebenso im Bereich des Möglichen wie ein Emporsteigen hin zum Göttlichen. Es ist Aussicht vorhanden, ebenso eine zukünftige Vollkommenheit wie eine gegenwärtige Erlösung herniederzubringen. Wenn sich das Wissen des Suchenden ausweitet, erkennt er immer klarer, dass der Meister der Werke um dieses Zieles willen die Seele in sein Inneres einsenkte. Sie wurde als Funke aus dem göttlichen Feuer in die Finsternis entsandt, damit sie dort zu einem Strahlungszentrum des Lichtes wächst, das ewig dauert.
Das Transzendente, das Universale und das Individuelle sind die drei Mächte, welche die ganze Schöpfung überwölben, ihr zugrunde liegen und sie durchdringen. Das ist die erste der Trinitäten. Ebenso gibt es in dem sich entfaltenden Bewusstsein die drei fundamentalen Begriffe. Keiner von ihnen darf missachtet werden, wenn wir die Erfahrung der ganzen Wahrheit unseres Daseins erlangen wollen. Wir erwachen aus dem individuellen Bewusstsein in ein umfassenderes freieres kosmisches Bewusstsein. Wir müssen aber auch aus dem universalen Bewusstsein mit seiner Fülle von Formen und Mächten dadurch herauswachsen, dass wir noch höher über uns hinaus in ein Bewusstsein ohne Begrenzung eintreten, dessen Fundament das Absolute ist. Bei diesem Aufstieg tilgen wir das, was wir hinter uns zu lassen scheinen, nicht wirklich aus. Wir nehmen es vielmehr mit uns empor und gestalten es um. Es gibt eine Höhe, wo diese drei Seiten der Trinität ewig ineinander lebendig sind. Auf jenem Gipfel sind sie in voller Seligkeit in harmonischer Verbindung miteinander geeint. Jenes erhabene Ziel liegt oberhalb der am höchsten und weitesten ausgedehnten spiritualisierten Mentalität, obwohl in dieser ein gewisser Widerschein aus jener erfahren werden kann. Wenn das Mental dorthin gelangen und dort leben will, muss es über sich selbst hinauskommen und in Licht, Macht und Substanz der supramentalen Gnosis umgewandelt werden. Wir können in diesem niederen, herabgeminderten Bewusstsein zwar versuchen, eine Harmonie zustandezubringen; sie muss aber immer etwas Unvollkommenes bleiben. Hier ist zwar eine Koordination jener drei Selten möglich, aber keine spontan ineinander verschmolzene Erfüllung. Darum ist für jede höhere Realisation ein Emporsteigen aus dem Mental zwingend. Andererseits muss zusammen mit dem Emporsteigen oder als dessen Folge die in ihrem Selbst existierende Wahrheit dynamisch herniederkommen, die, in ihr eigenes Licht oberhalb des Mentals erhoben, ewig da ist und aller Manifestation des Lebens und der Materie vorausgeht.
Das Mental ist Maya, sat-asat: es ist der Bereich, in dem das Wahre und das Falsche, das Existente und das Nichtexistente sich gegenseitig umklammern. In diesem vieldeutigen Bereich scheint das Mental zu regieren. Aber selbst in seinem eigenen Reich ist es in Wahrheit ein herabgemindertes Bewusstsein; es gehört nicht zur ursprünglichen, auf vollkommenste Weise alles verursachenden Macht des Ewigen. Selbst wenn das Mental ein Ebenbild der wesenhaften Wahrheit in seiner Substanz irgendwie zu reflektieren vermag, erscheint die dynamische Kraft und Aktion der Wahrheit dennoch in ihm immer gebrochen und zerteilt. Alles, was das Mental fertigbringen kann, ist, dass es die Fragmente zusammensetzt oder aus ihnen eine Einheit ableitet. Die Wahrheit des Mentals ist immer nur eine halbe Wahrheit oder nur ein Steinchen im Zusammensetzspiel. Das mentale Wissen ist Immer relativ, partiell und ohne Beweiskraft. Die aus ihm hervorgehende Aktion und Schöpfung tritt in noch unsicheren Schritten hervor. Präzise ist sie eigentlich nur in engen Grenzen und durch unvollkommene Zusammensetzungen der Teile. Aber selbst in diesem verminderten Bewusstsein offenbart sich das Göttliche als ein Geist im Mental, wie es in derselben Weise als Geist im Leben und, noch viel weniger erkennbar, als Geist in der Materie wirkt. Seine völlige dynamische Offenbarung findet sich jedoch nicht hier. Es kommt im Bereich des Mentals nicht zur vollkommenen Identität mit dem Ewigen. Nur wenn wir die Grenzlinie des Übergangs in ein umfassenderes erleuchtetes Bewusstsein und eine ihres Selbst bewusste Substanz überschreiten, wo die göttliche Wahrheit ursprünglich daheim und kein Fremdling ist, wird sich uns der Meister unseres Daseins in der unvergänglichen integralen Wahrheit seines Wesens, in seinen Machtentfaltungen und Wirkensweisen offenbaren. Nur dort werden seine Werke in uns auch den unbeirrbaren Gang hin zu seinem unfehlbaren supramentalen Ziel annehmen.
Hier endet die lange schwierige Reise. Der Meister der Werke wartet nicht, um erst dann den auf dem Weg des Yoga Suchenden in Empfang zu nehmen und auf ihn, sein inneres Leben und seine Handlungen seine Hand zu legen, die ihn bisher insgeheim führte, ihm aber verborgen geblieben oder nur halb fühlbar gewesen war. Er stand schon in der Welt als der Urheber und Empfänger der Werke hinter den dichten Verhüllungen des Nichtbewussten, verkleidet in die Kraft des Lebens und durch Symbol-Gottheiten und Symbol-Gestalten dem Mental sichtbar. Es mag wohl sein, dass er zuerst in diesen Verhüllungen der menschlichen Seele begegnet, die für den Weg des Integralen Yoga bestimmt ist. Ja selbst dann, wenn er noch undeutlichere Masken trägt, kann er von uns als Ideal begriffen oder mental als eine abstrakte Macht der Liebe, des Guten, der Schönheit oder des Wissens erfasst werden. Vielleicht kommt er uns, wenn wir unseren Fuß auf den Weg setzen, verhüllt entgegen im Anruf der Humanität oder eines Willens in den Dingen, der uns dazu antreibt, dass wir die Welt von der Gewalt der Finsternis und der Lüge, vom Tod und Leiden befreien sollen, von dieser mächtigen vierfachen Macht der Unwissenheit. Wenn wir dann den Weg gehen, umhüllt er uns mit seinem weiten, mächtigen, befreienden Apersonalen Wesen. Er naht sich uns aber auch mit dem Angesicht oder der Gestalt einer personalen Gottheit. Wir fühlen in uns und in unserer Umgebung eine Macht, die uns stützt, schützt und liebevoll versorgt. Wir hören eine Stimme, die uns lenkt. Ein bewusster Wille, der größer ist als der unsrige, regiert uns. Eine gebietende Kraft bewegt unser Denken, unser Handeln und sogar unseren Körper. Ein sich stets ausdehnendes Bewusstsein gleicht das unsrige sich an. Ein lebendiges Licht des Wissens erleuchtet alles in unserem Inneren. Eine Glückseligkeit dringt in uns ein. Eine Mächtigkeit übt ihren Druck von oben her konkret, massiv und überwältigend auf uns aus. Sie dringt in uns ein und ergießt sich in den eigentlichen Stoff unserer Natur. Dort, am Ursprung, wohnen Friede, Licht, Seligkeit, Stärke und Erhabenheit. Oder wir fühlen Beziehungen, die persönlich und innig sind, wie das Leben selbst, süß wie die Liebe, allumfassend wie der Himmel, tief wie unergründliche Wasser. Ein Freund geht uns zur Seite. Ein Liebender ist bei uns in der geheimsten Kammer unseres Herzens. Ein Meister des Werks und aller Prüfungen zeigt uns unseren Weg. Ein Schöpfer der Dinge verwendet uns als sein Instrument. Wir ruhen in den Armen der ewigen Mutter. Alle diese für uns begreiflicheren Aspekte Gottes, in denen uns das Unsagbare begegnet, sind Wahrheiten und nicht nur hilfreiche Symbole oder brauchbare Vorstellungen. Je weiter wir vorwärtskommen, desto mehr weichen ihre ersten unvollkommenen Formulierungen unserer Erfahrung einer umfassenderen Schau der einzigen Wahrheit, die hinter ihnen steht. Bei jedem Schritt fallen ihre rein mentalen Masken, und die Aspekte Gottes gewinnen umfassendere, tiefere und uns inniger ansprechende Bedeutung. Am Ende vereinigen alle diese Gottheiten an den Grenzen des Supramentals ihre heiligen Gestaltungen und gehen ineinander über, ohne dass sie als Eigenwesen aufhören würden. Die Göttlichen Aspekte haben sich auf unserem Wege nicht geoffenbart, damit wir sie für nichtig halten. Sie sind keine zeitweiligen spirituellen Zweckhaftigkeiten, etwa Kompromisse mit einem illusionären Bewusstsein oder Traumgestaltungen, die von dem uns unzugänglichen Überbewusstsein des Absoluten geheimnisvoll auf uns projiziert werden. Im Gegenteil, ihre Macht vermehrt sich, und ihre Absolutheit offenbart sich selbst, je näher sie uns zu der Wahrheit hinziehen, aus der sie hervorgehen.
Diese jetzt noch für uns überbewusste Transzendenz ist zugleich eine Macht und ein Dasein. Die supramentale Transzendenz ist kein inhaltsleeres Wunder. Sie ist ein Unausdrückbares, enthält aber zeitlos in sich ihrem Wesen nach alle Dinge, die von ihr ausgegangen sind. Sie behält sie in ihrer höchsten, ewig dauernden Wirklichkeit und in der absoluten Art ihres Wesens, die für sie charakteristisch ist. Verminderung, Teilung, Degradierung rufen hier den Eindruck eines unbefriedigten Problems hervor, eines Geheimnisses der Maya, sie vermindern sich selbst und fallen während unseres Aufstiegs von uns ab. Denn nun nehmen die Göttlichen Mächte ihre wahren Formen an und erscheinen uns immer mehr als die Begriffe einer Wahrheit, die hier im Prozess ihrer Verwirklichung steht. Hier erwacht langsam eine Seele des Göttlichen aus ihrer Involution, ihrer Verhüllung in die materielle Nichtbewusstheit. Der Meister unserer Werke ist nicht ein Meister der Illusionen, sondern eine allerhöchste Wirklichkeit. Er bringt die Wirklichkeiten, die sein eigenes Selbst ausdrücken, hier zur Auswirkung, indem er sie allmählich aus den Kokons ihrer Unwissenheit befreit, in denen sie zum Zweck ihrer evolutiven Manifestation eine Zeitlang schlummern durften. Die supramentale Transzendenz existiert nicht getrennt und beziehungslos zu unserem jetzigen Dasein. Alles hier unten ist aus einem höheren Licht hervorgegangen. In Ihm tritt die Seele aus der Nichtbewusstheit, in die sie eingesenkt worden war, zu ihrem Abenteuer der Evolution hervor. Über diesem Abenteuer der Seele wacht überbewusst die supramentale Transzendenz oberhalb unseres Mentals, bis sie in uns bewusst werden kann. Dann wird sie sich selbst enthüllen und uns durch dieses Hervortreten die ganze Bedeutung unseres eigenen Wesens und unserer Werke offenbaren. Sie wird uns dann das Göttliche enthüllen, dessen vollkommenere Manifestation in der Welt erst deren bis jetzt verborgene Bedeutung offenbaren und vollenden wird.
In dieser Enthüllung wird uns das Transzendente Göttliche immer deutlicher erfahrbar werden als das Erhabene Dasein und als der Vollkommene Ursprung all dessen, was wir eigentlich sind. In gleicher Weise werden wir es immer mehr als einen Meister der Werke und der Schöpfung erkennen, dessen Wille es ist, in das Feld seiner Manifestation immer mehr von seinem eigenen Wesen hineinströmen zu lassen. Das kosmische Bewusstsein und seine Auswirkungen werden nun nicht mehr als ein riesiger regulierter Zufall erscheinen, sondern als das Kraftfeld dieser Manifestation. Hier schauen wir die Gottheit, wie sie als Kosmischer Geist alles regiert und durchdringt, aus der Transzendenz empfängt, was in die Gestaltungen herniederkommt, und es hier entfaltet. Was uns vorher undurchschaubar als Vermummung, als verwirrende Maske erschien, wird uns jetzt transparent als eine klar verständliche Offenbarung. So erlangt das individuelle Bewusstsein seinen wahren Sinn und kommt zu seinem wahren Wirken, da es die Gestaltung einer Seele ist, die vom Höchsten entsandt wurde und, allem gegenteiligen Anschein zum Trotz, den Kern oder „Spiralnebel“ bildet, in dem die Göttliche Mutterkraftr wirkt, um das zeitlos und gestaltlos Göttlichein Zeit und in Materie zu einer siegreich fortschreitenden Verkörperung zu bringen. Das wird sich unserer Schau und Erfahrung immer deutlicher als der Wille des Meisters der Werke und als deren letzte Bedeutung offenbaren, die allein der Weltschöpfung und unserem Wirken in der Welt Licht und Sinn verleiht. Das zu erkennen, es zu erstreben und voll zur Auswirkung zu bringen, ist die uns auferlegte schwere Aufgabe auf dem Weg der Göttlichen Werke im Integralen Yoga.