Kapitel 12

Das Göttliche Werk

Dem Suchenden auf dem Weg des Wirkens bleibt noch die eine Frage: Gibt es für seine Seele, wenn er mit seinem Streben an dessen natürliches Ende gekommen ist oder gekommen zu sein scheint, nach ihrer Befreiung noch irgendein Werk zu tun und welches und zu welchem Zweck? In seiner Natur hat sich harmonische Ausgeglichenheit ausgebreitet oder beherrscht sie ganz. Er hat eine radikale Befreiung von der Ego-Idee erlangt, von dem alles durchdringenden Ego-Sinn, von allen Empfindungen und Antrieben des Egos, von seinem Eigenwillen und seinen Begehren. Er hat die völlige Selbst-Darbringung nicht nur in Gedanken und im Herzen, sondern auch in all den vielfältigen Funktionen seines Wesens geleistet. Er hat eine völlige Läuterung von den drei Gunas erlangt, er transzendiert sie und steht fest jenseits von ihnen. Seine Seele hat den Meister ihrer Werke geschaut und lebt in seiner Gegenwart. Sie weiß sich bewusst in seinem Wesen daheim oder ist mit ihm eins geworden. Sie fühlt ihn im Herzen oder darüber und gehorcht seinen Geboten. Sie hat ihr wahres Wesen erkannt und die Hüllen der Unwissenheit abgeworfen. Was bleibt nun für die wirkenden Kräfte in einem solchen Menschen noch zu tun? Aus welchem Motiv, zu welchem Ziel und aus welchem Geist soll es getan werden?

Darauf gibt es jene Antwort, mit der wir in Indien sehr vertraut sind: es bleibt keinerlei Werk zu tun übrig; der Rest ist Schweigen. Wenn die Seele in der ewigen Gegenwart des Erhabenen leben kann oder wenn sie mit dem Absoluten eins geworden ist, hat jeder Zweck für unser Dasein in der Welt – wenn man überhaupt sagen kann, dass es einen Zweck hat – aufgehört. Befreit vom Fluch der inneren Gespaltenheit und der Unwissenheit ist der Mensch auch von jener anderen Anfechtung erlöst, vom Fluch, wirken zu müssen. Jedes weitere Handeln wäre ein Aufheben jenes höchsten Zustands und Rückkehr in die Unwissenheit. Diese Haltung dem Leben gegenüber wird durch eine Auffassung gestützt, die sich auf ein irriges Verständnis der vitalen Natur gründet, demzufolge ihr alles Wirken nur von einem der drei niederen Motive oder von allen dreien diktiert werde: vom Zwang der Notwendigkeit, vom ruhelosen Instinkt und vom Impuls oder Verlangen. Nun sind aber der Instinkt oder der Impuls zur Ruhe gekommen. Das Begehren ist ausgelöscht. Wo sollte es dann noch Raum für das Wirken geben? Eine gewisse mechanische Notwendigkeit dafür mag noch vorhanden sein, nichts darüber hinaus. Selbst diese würde mit der Hinfälligkeit des Körpers für immer aufhören. Dennoch ist, solange das Leben dauert, ein Wirken unvermeidlich. Schon das reine Denken oder, wenn das Denken fehlt, das reine Leben ist als solches ein Handeln und die Ursache vieler Wirkungen. Alles Dasein in der Welt ist Wirken, Kraft und potenzielle Macht. Es übt allein schon durch seine Gegenwart einen dynamischen Effekt auf das Ganze aus. Das trifft selbst für die Trägheit des Erdklumpens zu und ebenso auch für das Schweigen des unbewegten Buddha beim Übergang ins Nirvana. Wir fragen allein nach der Art des Wirkens, nach den dazu verwendeten oder selbsttätigen Instrumenten, sowie nach dem Geist und der Erkenntnis des Wirkenden. Der Mensch wirkt in Wirklichkeit gar nicht aus seinem eigenen Antrieb. Vielmehr wirkt die Natur durch ihn; sie bringt in seinem Inneren eine Macht zum Ausdruck, die aus dem Unendlichen hervorgeht. Allein notwendig ist also, dass wir dieses wissen, in der Gegenwart und im Wesen des Meisters der Natur leben und frei bleiben vom Begehren und der Illusion, wir handelten aus unserem eigenen persönlichen Antrieb. Das allein ist die wahre Befreiung, und nicht das körperliche Aufhören des Wirkens; denn dann hören die Fesseln des Wirkens sofort auf. Ein Mensch mag ewig still und bewegungslos dasitzen; er bleibt dabei doch ebenso sehr an die Unwissenheit gebunden wie das Tier oder das Insekt. Wenn er aber dieses höhere Bewusstsein in seinem Inneren dynamisch zu machen vermag, könnte alles Wirken aller Welten durch ihn hindurchgehen, und er würde doch in einer Ruhe verharren, absolut in seiner Stille und in seinem Frieden. Er wäre frei von aller Gebundenheit. Das Wirken in der Welt ist uns zuerst als ein Mittel gegeben, unser Selbst zu entfalten und zur Erfüllung zu bringen. Aber auch wenn wir die höchstmögliche göttliche Selbstvervollkommnung erlangt hätten, würde uns das Wirken als ein Mittel belassen bleiben, um damit die göttliche Absicht in der Welt und das höhere universale Selbst – von dem jedes Wesen ein Teil ist, der mit ihm aus der Transzendenz ins Dasein trat – zur Erfüllung zu bringen.

In einem bestimmten Sinne hören für einen Menschen die Werke dann auf, wenn sein Yoga einen gewissen Höhepunkt erreicht hat. Er bedarf persönlich des Wirkens nicht mehr, da er das Empfinden dafür verloren hat, dass seine Werke von ihm selbst getan werden. Er soll aber deshalb nicht dem Handeln entfliehen oder seine Zuflucht zu seliger Trägheit nehmen. Er handelt jetzt so, wie das Göttliche Sein wirkt: ohne einen ihn fesselnden Zwang und ohne jene gebietende Unwissenheit. Selbst wenn er Tätigkeiten ausübt, handelt er selbst nicht. Er setzt keine persönliche Initiative dabei ein. Die Göttliche Shakti wirkt in ihm mittels seiner Natur. Sein Handeln entfaltet sich durch das spontane Wirken einer höchsten Kraft, die die Werkzeuge seiner Natur in ihrem Besitz hält, von der er ein Teil und mit deren Willen sein Wille identisch ist. Darum ist seine Macht ihre Macht. Der Geist in seinem Inneren behält dieses Handeln ganz in seinem Besitz, unterstützt und beobachtet es. Er dirigiert das Wirken aus dem Wissen, aber er hängt und klammert sich nicht an das Werk durch Bindung oder durch ein Bedürfnis danach. Er ist nicht durch Verlangen an seine Frucht gebunden und nicht durch Regungen und Impulse geknechtet.

Einem weit verbreiteten Irrtum zufolge nimmt man an, Handeln sei ohne Begehren unmöglich oder zumindest sinnlos. Man behauptet, wenn das Begehren aufhöre, müsse auch das Wirken aufhören. Dieser Schluss ist zwar, wie andere allzu vereinfachte Verallgemeinerungen, für das durch Ausschließen und Abgrenzen definierende Mental überzeugend; er ist aber nicht zutreffend. Der größere Teil alles Wirkens, das im Universum geschieht, wird ohne Mithilfe des Begehrens geleistet. Er verläuft in der ruhigen Notwendigkeit der Natur und durch ihr spontanes Gesetz. Auch der Mensch wirkt ständig auf mancherlei Art durch einen spontanen Impuls, durch seine Intuition und seinen Instinkt, oder er handelt im Gehorsam gegen eine natürliche Notwendigkeit und ein Gesetz der Kräfte ohne mentales Planen oder das Drängen einer bewussten vitalen Willenstendenz oder eines emotionalen Begehrens. Oft genug geschieht sein Handeln im Gegensatz zu seiner eigenen Absicht und seinem Wunsch. Es nimmt seinen Verlauf unter dem Zwang eines inneren Bedürfnisses oder eines inneren Dranges, in Unterwerfung unter einen Impuls, im Gehorsam gegen eine in seinem Inneren wirkende Kraft, die sich so zum Ausdruck bringen muss, oder er handelt, indem er bewusst ein höheres Prinzip verfolgt. Das Begehren ist nur eine zusätzliche Verlockung, der die Natur eine große Rolle im Dasein der belebten Wesen zugeteilt hat, um eine gewisse Art des Handelns aus dem Rajas hervorzurufen, das sie für ihre unmittelbaren Ziele braucht. Es ist aber nicht ihre einzige und nicht einmal ihre hauptsächliche Antriebskraft. Es ist, solange es dauert, nützlich und wertvoll. Es hilft, uns aus der Trägheit aufzuraffen. Es leistet gegen viele Kräfte des Tamas Widerstand, die sonst das Wirken behindern. Der Suchende, der auf dem Weg der Werke weit fortgeschritten ist, hat diese Zwischenstufe, auf der das Begehren noch eine hilfreiche Antriebsmacht ist, überschritten. Die Motivkraft des Verlangens ist für sein Wirken nicht länger unentbehrlich. Vielmehr wird es nun zu einer schrecklichen Behinderung und zur Ursache für Straucheln, Untüchtigkeit und Versagen. Andere Menschen sind gezwungen, aus persönlichen Interessen einer Entscheidung oder einem Beweggrund zu gehorchen. Er jedoch muss lernen, aus einem apersonal oder universal gewordenen Mental zu handeln. Oder er wirkt als Teil und Instrument einer unendlichen Person. Die Voraussetzung dafür, dass er ein wirkungsvolles Werk tut oder eine wertvolle Aktion unternimmt, ist ruhige Neutralität, frohe Unparteilichkeit oder froher Gehorsam einer göttlichen Kraft gegenüber, was diese ihm auch gebieten mag. Nie darf ein Begehren sein Motiv sein, nie ein Hang ihn antreiben. Ihn soll allein ein Wille bewegen, der sich in göttlichem Frieden regt, ein Wissen, das aus dem transzendenten Licht entspringt, und ein froher Impuls, der eine Kraft aus dem erhabenen Ananda ist.

Für den Suchenden ist es auf einer fortgeschrittenen Stufe seines Yoga – im Sinne einer persönlichen Bevorzugung – gleichgültig, was er tun oder nicht tun soll. Es wird nicht einmal durch seine persönliche Wahl oder durch seine Vorliebe entschieden, ob er handeln soll oder nicht. Immer wird er dazu getrieben, das zu tun, was im Einklang steht mit der Wahrheit oder mit dem, was das Göttliche durch seine Natur verlangt. Manchmal wird hieraus der falsche Schluss gezogen, dass der spirituelle Mensch die Stellung in der Welt akzeptieren solle, die ihm das Schicksal, Gott, oder sein früheres Karma zugewiesen haben. Er solle damit zufrieden sein, im Bereich und Rahmen der Familie, Sippe, Kaste, Nation oder des Berufes zu wirken, die er durch seine Geburt und die Umstände innehat. Er werde also nichts unternehmen – und er solle das vielleicht auch gar nicht tun –, um über diesen Rahmen hinauszukommen und irgendein großes Ziel in der Welt zu verfolgen. In Wirklichkeit habe er kein Werk zu tun. Vielmehr müsse er die Werke – einerlei, welche – dazu verwenden, um, solange er noch im Körper lebt, zur Befreiung zu gelangen. Habe er diese erlangt, dürfe er nur noch dem höchsten Willen gehorchen und müsse tun, was dieser anordne. Für diesen Zweck reiche das Tätigkeitsfeld aus, das ihm tatsächlich gegeben sei. Sei er einmal frei, dann brauche er nur noch in der Sphäre weiterzuwirken, die ihm durch das Schicksal und die Umstände zugeteilt sei, bis die große Stunde komme, da er endlich in den Unendlichen eingehen dürfe. Wenn er sich auf einen besonderen Zweck oder auf ein Werk für ein großes Ziel in der Welt festlege, falle er wieder in die Illusion des Wirkens zurück. Er bleibe dann in dem Irrtum befangen, hinter dem irdischen Leben stehe eine vernünftige Absicht, und es enthalte Ziele, die wert seien, dass er sie verfolge. Wieder steht die große Theorie der Illusion vor uns. Sie ist praktisch eine Verleugnung des Göttlichen in der Welt, selbst wenn sie in der Idee auch dessen Gegenwart anerkennt. Gott existiert aber hier in der Welt. Er befindet sich hier nicht in einem statischen Zustand, sondern in dynamischer Kraft, als spirituelle Selbst und Gegenwart, als Macht, Kraft, Energie. Darum ist ein Wirken aus Göttlichem Wesen in der Welt möglich.

Hier gibt es kein eng umschriebenes Prinzip und keinen Raum für eine fest umrissene Betätigung, die dem Karma-Yogin als das ihn bindende Gesetz oder als sein Wirkungskreis auferlegt werden kann. So viel ist wahr, dass jegliche Art von Wirken in gleicher Weise beim Fortschreiten zur Befreiung oder für die Selbstdisziplin verwendet werden kann, ob es nach der Vorstellung der Menschen klein oder groß, von engem oder weitem Horizont sein mag. Auch das ist wahr, dass ein Mensch nach seiner Befreiung weiter in jeder Sphäre des Lebens oder Betätigung bleiben und dort sein Dasein im Göttlichen zur Vollendung bringen kann. Je nachdem der Geist ihn treibt, mag er in der Sphäre verbleiben, die ihm durch Geburt oder Umstände zugewiesen ist, oder er mag diesen Rahmen durchbrechen und zu einer schrankenlosen Aktion weitergehen, die für sein vergrößertes Bewusstsein und sein höheres Wissen eine geeignete Verkörperung sein mag. Wenn man nur auf das Äußere schaut, mag die innere Befreiung eines Menschen keinen Unterschied in seinem äußeren Handeln erkennen lassen. Andererseits kann sich die im Inneren gewonnene Freiheit und Unendlichkeit auch in ein dynamisches Wirken nach außen umsetzen, das so groß und neu ist, dass sich alle Blicke auf diese neuartige Kraft richten. Wenn es der im Inneren offenbarten Absicht des Höchsten entspricht, kann sich die befreite Seele mit einer unscheinbar kleinen und begrenzten Aktion innerhalb der alten menschlichen Umgebung begnügen, die in keiner Weise deren äußere Erscheinung zu verändern sucht. Sie mag aber auch zu einem Werk berufen sein, das nicht nur die Formen und die Reichweite ihres eigenen äußeren Lebens umwandelt, sondern gar nichts in ihrer Umgebung unverändert und unbeeinflusst lässt. Der dazu Berufene kann eine Neue Welt oder eine Neue Ordnung erschaffen.

Eine andere herrschende Idee möchte uns davon überzeugen, es sei das einzige Ziel der Befreiung, dass die individuelle Seele die Erlösung aus dem physischen Wiedergeborenwerden in dieses unbeständige Leben im Universum erlange. Sei diese Befreiung einmal sicher, dann gebe es kein weiteres Werk mehr für sie zu tun, weder in diesem Leben noch anderswo. Man dürfe höchstens noch unternehmen, was die noch fortdauernde Existenz des Körpers erfordere oder was die noch unaufgearbeiteten Nachwirkungen vergangener Lebensabläufe notwendig machen. Dieses wenige werde aber vom Feuer des Yoga rasch beseitigt oder aufgezehrt, es werde mit dem Abscheiden der befreiten Seele aus dem Körper ganz aufhören. Hier hat das Ziel, der Wiedergeburt zu entkommen, das der indischen Mentalität so lange als das höchste Ziel der Seele eingeprägt worden ist, jenes andere ersetzt: die Seligkeit in einem jenseitigen Himmel, die von vielen Religionen als göttliche Verlockung in die Seele des Frommen eingepflanzt wurde. Auch in der indischen Religion hat dieses frühere, niedrigere Ziel als Bestimmung der Seele eine Rolle gespielt, als noch die grobe äußerliche Interpretation der vedischen Hymnen die herrschende Glaubensüberzeugung bestimmte. Auch die Dualisten im späteren Indien haben das als einen Teil ihrer höchsten spirituellen Motivierung festgehalten. Zweifellos spricht das Ziel einer Befreiung von den Begrenzungen des Mentals und des Körpers durch Eingehen in einen ewigen Frieden, in Ruhe und Schweigen des Geistes viele Suchende stärker an, als das Angebot eines Himmels mentaler Freuden oder verewigter leiblicher Vergnügungen. Aber auch das ist schließlich nur eine lockende Versuchung. Dass sie den Lebensüberdruss des Mentals und das Zurückschrecken des Vital-Wesens vor dem Abenteuer der Geburt betont, klingt nach Schwäche und kann nicht das höchste Motiv sein. Verlangen nach persönlicher Rettung ist, wenn ihre Form auch eine noch so hohe sein mag, nur die Ausgeburt des Egos. Es beruht auf der Annahme, unsere eigene Individualität sei das Höchste, auf ihrem Verlangen nach ihrem persönlichen Glück und Wohl, auf ihrer Sehnsucht nach einer Erlösung vom Leiden oder auf ihrem Flehen, die Not des Werdens möge schließlich zuende kommen. Das wird hier zum höchsten Ziel unseres Daseins gemacht. Damit wir über das Verlangen nach der persönlichen Erlösung hinauskommen können, ist es nötig, dass wir dessen Fundament im Ego herausreißen. Wenn wir das Göttliche suchen, sollte das allein um Gottes willen geschehen, aus keinem anderen Grunde. Das allein ist höchste Berufung unseres Wesens und die tiefste Wahrheit des Geistes. Unser Trachten nach Erlösung, nach der Freiheit der Seele, nach der Realisation unseres wahren höchsten Selbst, nach dem Einssein mit dem Göttlichen – all das ist nur deshalb gerechtfertigt, weil es das höchste Gesetz unserer Natur ist, weil sich das Niedrigere in uns zu dem emporgezogen fühlt, was das Höchste ist, und weil das der Göttliche Wille in uns ist. Das ist die Rechtfertigung für dieses Streben, ist sein wahrer Existenzgrund. Alle anderen Motive sind Zutaten, kleinere oder zufällige Wahrheiten oder zweckhafte Verlockungen, die unsere Seele in dem Augenblick aufgeben muss, da sie nicht länger nutzbringend sind. Denn nun ist der Zustand des Geeintseins mit dem Höchsten und mit allen Wesen zu unserem normalen Bewusstsein und die Seligkeit dieses Zustandes zu unserer spirituellen Atmosphäre geworden.

Wir können oft beobachten, dass das Verlangen nach persönlicher Erlösung von der Anziehungskraft eines anderen Zieles aufgehoben wird, das ebenfalls zur höheren Tendenz unserer Natur gehört und den wesenhaften Charakter der Tätigkeit andeutet, die die befreite Seele unternehmen sollte. Das ist in der großartigen Legende vom Amitabha Buddha angedeutet, der sich, als sein Geist an der Schwelle des Nirvana angekommen war, zurückwandte und das Gelübde tat, er wolle sie niemals überschreiten, solange sich noch ein einziges Wesen im Elend und in der Unwissenheit befinde. Dieser Gedanke liegt auch dem tiefen Vers des Bhagavata Purana zugrunde: „Ich begehre nicht nach dem höchsten Zustand mit allen seinen acht Siddhi (höchsten Yoga-Kräften) und auch nicht nach dem Aufhören des Wiedergeborenwerdens. Ich will das Elend aller leidenden Kreatur auf mich nehmen und in sie eingehen, damit sie von ihrem Kummer frei werde.“ - Diese Haltung inspiriert einen wichtigen Satz in einem Brief des Swami Vivekananda. Der große Vedantin schrieb: „Ich habe jeden Wunsch nach der eigenen Erlösung verloren. Mag ich auch immer wiedergeboren werden und tausend Formen des Elends erleiden, wenn ich dabei nur den einzigen Gott, der existiert, den einzigen Gott, an den ich glaube, anbeten kann: die Totalsumme aller Seelen. Der besondere Inbegriff meiner Gottesverehrung ist vor allem Er, mein Gott als jener Böse, mein Gott als jener Elende, mein Gott als jener Arme in allen Völkern und in allen Menschenarten. Verehre Ihn, den Hohen und den Niedrigen, den Heiligen und den Sünder, den Gott und den Wurm. Bete Ihn an, der auf diese Weise sichtbar und erkennbar, wirklich und allgegenwärtig ist. Zerbrich alle anderen Götterbilder. Bete diesen Gott allein an, in dem weder vergangenes Leben noch zukünftige Geburt, weder der Tod noch das Gehen und Kommen existiert, sondern in dem wir immer geeint gewesen sind und immer geeint sein werden. Zerbrich alle anderen Idole!“

Die beiden letzten Sätze enthalten in der Tat alles, worauf es ankommt. Wir gewinnen die wahre Erlösung oder die wahre Freiheit von der Kette der Wiedergeburt nicht durch Zurückweisung des irdischen Lebens oder durch Flucht des Individuums in spirituelle Selbst-Vernichtung, ebensowenig wie durch physisches Aufgeben der Familie und Flucht aus der Gesellschaft. Die Befreiung liegt vielmehr darin, dass wir uns innerlich mit dem Göttlichen identifizieren, in dem es keine Beschränkung durch vergangenes Leben und zukünftige Geburt gibt, sondern nur die ewige Existenz der ungeborenen Seele. „Wer in seinem Inneren befreit ist, handelt nicht, auch wenn er Handlungen vollzieht,“ sagt die Gita. „Es ist nur die Natur, die in ihm unter der Kontrolle des Herrn der Natur wirkt. In gleicher Weise bleibt er, auch wenn er hundertmal den Leib annimmt, doch frei von jeder Verkettung an die Geburt oder an das mechanische Rad des Daseins, da er in dem ungeborenen, nie sterbenden Geist lebt und nicht im Körper.“ Darum ist auch das Haften am Loskommen von der Wiedergeburt eines jener Idole, die der Sadhaka des Integralen Yoga zerbrechen und abwerfen muss. Sein Yoga ist nicht darauf beschränkt, dass die individuelle Seele den Transzendenten jenseits aller Welt realisiert. Er umfasst auch die Realisation des Universalen, „die Totalsumme aller Seelen“, und darf darum nicht auf eine nur persönliche Erlösung und auf individuelle Flucht aus dem Dasein eingeschränkt werden. Selbst wenn der Sadhaka des Integralen Yoga in die Transzendenz jenseits der kosmischen Begrenzungen hinüberkommt, bleibt er doch mit allen Wesen in Gott geeint. Ein göttliches Werk bleibt für ihn im Universum zu vollbringen.

Dieses Werk können wir nicht durch eine vom Mental bestimmte Regel oder nach menschlichem Maßstab festlegen. Das Bewusstsein des Yogin hat sich vom menschlichen Gesetz und seinen Begrenzungen entfernt und ist in die göttliche Freiheit eingegangen. Dort ist es von der Herrschaft des Äußeren und Vorübergehenden frei; es ist eingetreten in die Selbst-Herrschaft des Inneren und des Ewigen. Es hat die Bindungen an die Formen des Endlichen hinter sich gelassen und steht nun in der Freiheit der Selbst-Bestimmung des Unendlichen. Die Gita sagt: „Wie er auch lebt und handelt, er lebt und handelt in Mir.“ Die Regeln, die der Intellekt der Menschen niederlegt, können nicht auf die befreite Seele angewandt werden. Wir dürfen die freigewordene Seele nicht nach den äußeren Kriterien und Tests beurteilen, die anderen ihre mentalen Gedankengänge und Vorurteile vorschreiben. Der Befreite steht außerhalb der engen Rechtsprechung dieser fehlbaren Tribunale. Es ist bedeutungslos, ob er die Robe des Asketen trägt oder ob er das volle Leben eines Familienvaters führt, ob er seine Tage mit dem verbringt, was die Menschen heilige Werke nennen, oder in den mannigfachen Betätigungen der Welt, ob er sich dem widmet, die Menschen direkt hin zum Licht zu führen, wie Buddha, Christus oder Shankara, oder ob er ein Königreich regiert wie Janaka oder ob er wie Sri Krishna vor den Menschen als Politiker oder als Anführer von Armeen dasteht. Einerlei, was er ißt oder trinkt, was seine Gewohnheiten oder Interessen sind, ob er Erfolg hat oder versagt, ob sein Werk der Konstruktion oder der Destruktion dient, ob er eine alte Ordnung stützt oder wiederherstellt oder darum ringt, sie durch eine neue zu ersetzen, ob seine Genossen die sind, an welchen die Menschen Freude haben und die sie ehren, oder diejenigen, die sie im Empfinden ihrer eigenen überlegenen Rechtschaffenheit verfemen oder verunglimpfen, ob sein Leben und seine Taten von seinen Zeitgenossen gebilligt werden oder ob er als ein Verführer der Menschen und als ein Anstifter zu religiösen, moralischen oder sozialen Ketzereien verurteilt wird, - er steht nicht unter dem Gericht des Urteils der Menschen oder der Gesetze, die durch die Unwissenden festgelegt werden. Er gehorcht einer inneren Stimme und wird von einer ungesehenen Macht bewegt. Sein wahres Leben ist in seinem Inneren verborgen. Man kann es so beschreiben: er lebt, bewegt sich und handelt in Gott, im Göttlichen, im Unendlichen.

Wenn auch sein Wirken von keiner äußeren Regel bestimmt wird, so wird er doch ein einziges Gebot beachten, das nicht äußerer Art ist. Dieses wird durch kein persönliches Verlangen oder Ziel diktiert, sondern ist Teil eines bewussten und letztlich wohlgeordneten – weil aus dem Selbst geordneten – göttlichen Wirkens in der Welt. Die Gita erklärt, dass das Handeln des befreiten Menschen nicht vom Begehren dirigiert sein darf, sondern dass es darauf gerichtet sein muss, die Welt zusammenzuhalten, sie zu regieren, zu lenken, ihr gute Impulse zu geben und sie auf dem Wege zu erhalten, der ihr bestimmt ist. Dieses Gebot ist irrig ausgelegt worden in folgender Welse: Die Welt sei eine Illusion. Die meisten Menschen müssten deshalb in ihr festgehalten werden, well sie für die Befreiung ungeeignet seien. Darum müsse der Befreite nach außen so handeln, dass er in den Menschen eine Bindung an ihre gewöhnliche Arbeit, zu der sie durch das soziale Gesetz bestimmt sind, fördert. Wäre das so, dann wäre das ein armseliges und kleinliches Gebot. Jedes edle Herz würde es zurückweisen und vielmehr dem göttlichen Gelübde des Amitabha Buddha, dem erhabenen Gebet aus der Bhagavata oder der leidenschaftlichen Aspiration Vivekanandas folgen. Doch wenn wir die Anschauung teilen, die Welt sei eine göttlich gelenkte Bewegung der Natur zu Gott, die im Menschen sichtbar hervortritt, und dass es das Werk ist, von dem der Herr der Gita erklärt, er sei immer mit ihm beschäftigt, obwohl für ihn selbst doch nichts Erstrebenswertes existiere, das er noch gewinnen müsse, dann wird uns ein tiefes, wahres Empfinden für dieses große Gebot aufgehen. Dann heißt die Vorschrift für den Karma-Yogin, dass er an diesem göttlichen Werk teilzunehmen hat. Er soll für Gott in der Welt leben. In der Welt soll er leben und darum so handeln, dass das Göttliche sich immer mehr in der Welt manifestieren kann, damit die Welt – auf welchem Weg in ihrer dunklen Pilgerschaft dies auch geschehen mag – ständig vorwärtsgeht und dem göttlichen Ideal näher kommt.

Darüber, wie und auf welche besondere Weise er das tun soll, können wir nicht aufgrund einer allgemeinen Regel entscheiden. Das muss sich von innen heraus entwickeln oder deutlich machen. Die Entscheidung fällt zwischen Gott und unserem Selbst, zwischen dem Selbst des Höchsten und dem individuellen Selbst, welches das Instrument des Wirkens ist. Auch vor unserer Befreiung geht die Sanktion, die vom Geist bestimmte Entscheidung, aus dem inneren Selbst hervor, sobald wir seiner bewusst geworden sind. Das Wissen über das Werk, das zu tun ist, muss ganz und gar aus dem Inneren kommen. Kein besonderes Handeln, kein Gesetz, keine Form, keine äußerlich festgelegte, unveränderliche Methode lässt sich als das bezeichnen, was für das befreite Wesen allein gültig sei. Der in der Gita verwendete Ausdruck zur Kennzeichnung dieses Werkes ist auch in dem Sinn ausgelegt worden: wir sollten unsere Pflicht ohne Rücksicht auf ihre Frucht erfüllen. Das ist aber eine aus der europäischen Kultur herrührende Auffassung, die in ihrem Begriff viel mehr ethisch als spirituell, viel mehr äußerlich als innerlich tief ist. Pflicht im allgemeinen Sinn existiert nicht. Wir haben nur konkrete Pflichten, die oft miteinander in Widerspruch stehen. Sie werden durch unsere Umgebung, unsere gesellschaftlichen Beziehungen und unseren äußeren Stand im Leben bestimmt. Ihr großer Wert liegt darin, dass sie die sittlich unreife Natur trainieren und einen Maßstab aufstellen, der die Betätigung des egoistischen Begehrens verhindern will. Das wurde bereits gesagt: solange der Suchende das innere Licht noch nicht besitzt, muss er sich durch das beste Licht, das er hat, leiten lassen. Die Pflicht, ein Prinzip, der Dienst an einer großen Sache gehören zu den Maßstäben, die er für eine bestimmte Zeit errichten und befolgen soll. Trotz allem bleiben aber die Pflichten äußerliche Dinge. Sie sind nicht der Stoff der Seele und können nicht der letzte, höchste Maßstab für das Wirken auf dem Wege des Integralen Yoga sein. Es ist Pflicht des Soldaten zu kämpfen, wenn das von ihm verlangt wird; dann hat er selbst auf seine Angehörigen zu schießen. Ein solcher oder ähnlicher Maßstab kann jedoch dem befreiten Menschen nicht auferlegt werden. Andererseits kann man es nicht „Pflichten“ nennen, zu lieben und Mitleid zu haben, der höchsten Wahrheit unseres Wesens zu folgen und dem Gebot Gottes zu gehorchen. Das alles ist ein Gesetz der Natur, sobald sie sich zum Göttlichen erhebt. Hier strömt das Wirken, die hohe Wirklichkeit des Geistes aus einem Seelenzustand. Das Handeln des Befreiten muss mithin ein Ausströmen der Seele sein. Es muss zu ihm kommen oder aus ihm hervorgehen als das natürliche Ergebnis seiner spirituellen Einheit mit dem Göttlichen. Es darf nicht durch eine erbauliche Konstruktion des mentalen Denkens und Willens, der praktischen Vernunft oder des Sozialempfindens gebildet sein. Im gewöhnlichen Leben ist die uns leitende Macht eine personale, soziale oder von der Tradition aufgestellte Ordnung, deren Standard oder Ideal. Sobald aber die spirituelle Wanderung begonnen hat, muss das durch inneres oder äußeres Gebot, also durch eine Lebensmethode ersetzt werden, die für unsere Selbst-Disziplin, Befreiung und Vollkommenheit notwendig ist. Diese Lebensweise muss dem Weg, den wir gehen, gemäß sein. Sie wird uns von unserem spirituellen Führer und Meister, dem Guru, nahegelegt oder durch einen Lenker in unserem Inneren geboten. Im höchsten Zustand der Unendlichkeit und Freiheit unserer Seele werden alle diese äußeren Maßstäbe ersetzt und beiseite gelegt. Dann bleibt nur ein spontaner, integraler Gehorsam gegenüber dem Göttlichen übrig, mit dem wir geeint sind, und ein Handeln, das die integrale spirituelle Wahrheit unseres Wesens und unserer Natur unmittelbar erfüllt.

In dieser tieferen Bedeutung müssen wir das Gebot der Gita verstehen, dass jenes Handeln, wie es durch die Natur bestimmt ist und von ihr gelenkt wird, das Gesetz unseres Wirkens sein soll. Damit sind gewiss nicht das oberflächliche Temperament, der Charakter oder die gewohnheitsmäßigen Impulse gemeint, sondern im wörtlichen Sinn des Sanskritwortes „unser eigenes Wesen“, unsere wesenhafte Natur, der göttliche Stoff unserer Seele. Was aus dieser Wurzel hervorwächst oder aus diesen Quellen entspringt, ist tief, wesenhaft und richtig. Alles Übrige, die Meinungen, Impulse, Gewohnheiten, Begehren, können rein äußerliche Formen, zufällige Launen des Wesens oder Dinge sein, die uns von außen her auferlegt werden. Sie gehen und kommen, sie verändern sich stets. Nur was aus dem Inneren kommt, bleibt beständig. Wir selbst sind nicht die Vollzugsformen, welche die Natur in uns verwendet. Sie sind nicht unsere bleibende Gestalt, die unser Selbst zum Ausdruck bringt. Vielmehr ist es das spirituelle Wesen in uns – und dazu gehört, dass es zur Seele wird –, das durch die Zeit im Universum dauert.

Es ist indessen nicht leicht für uns, dieses wahre innere Gesetz unseres Wesens zu begreifen. Es wird so lange durch einen Vorhang vor uns verborgen gehalten, als das Herz und der Intellekt noch nicht vom Egoismus geläutert sind. Bis es so weit ist, folgen wir oberflächlichen vorübergehenden Ideen, Impulsen, Wünschen, Suggestionen und Täuschungen aller Art aus unserer Umgebung. Oder wir arbeiten die Gebilde aus, die unsere zeitliche mentale, vitale oder physische Personalität erschafft, unser experimentierendes und strukturierendes Egos, das durch ein Zusammenwirken von unserem Wesen und dem Druck einer niederen kosmischen Natur für uns geschaffen wurde. In dem Maße, wie wir geläutert werden, setzt sich das wahre Wesen immer klarer durch. Unser Wille wird viel weniger in Suggestionen von außen her verstrickt oder in unseren eigenen oberflächlichen mentalen Konstruktionen gefangen. Wenn wir einmal dem Egoismus entsagt haben und unsere Natur geläutert ist, wird unser Wirken allein aus den Geboten der Seele und aus den Tiefen oder Höhen des Geistes hervorgehen. Dann wird es offen von dem Herrn regiert werden, der zu allen Zeiten im geheimen Inneren unseres Herzens wohnt. Das höchste endgültige Wort der Gita an den Yogin heißt: „Entsage allen konventionellen Formeln des Glaubens und Handelns, allen festen und äußeren Regeln der Lebensführung, allen Konstruktionen der äußeren Natur, jeglichem Dharma, und nimm allein Zuflucht bei Gott.“ Frei geworden von Verlangen und Bindung, eins mit allen Wesen, in der unendlichen Wahrheit und Reinheit lebend, aus den tiefsten Tiefen seines inneren Bewusstseins handelnd und regiert von seinem unsterblichen, göttlichen, höchsten Selbst, werden alle seine Werke von der Macht in seinem Inneren durch jenen wesenhaften Geist und jene Natur in uns gelenkt werden, die wissend, kämpfend, wirkend, liebend und dienend immer göttlich ist und dafür wirkt, dass Gott in der Welt zur vollen Entfaltung seiner Macht kommt und dass das Ewige in der Zeit seinen Ausdruck findet.

Es ist der letzte und höchste Zustand dieses Integralen Yoga der Werke, dass ein göttliches Handeln spontan, frei und unfehlbar aus dem Licht und der Kraft unseres mit dem Göttlichen geeinten spirituellen Selbst hervortritt. Der wahre Grund, warum wir die Befreiung suchen müssen, ist nicht, dass wir individuell vom Elend der Welt befreit werden – obwohl auch diese Erlösung zuteil werden wird –, sondern dass wir eins werden mit dem Göttlichen, mit dem Höchsten und Ewigen. Der wahre Grund, warum wir die Vollkommenheit, einen höchsten Zustand, die Läuterung, das Wissen, die Kraft, die Liebe und die höchsten Befähigungen suchen sollen, ist nicht, dass wir persönlich uns der göttlichen Natur erfreuen oder sogar Göttern gleich werden – wenn wir auch in diesen glücklichen Besitz gelangen werden –, vielmehr, dass diese Befreiung und Vervollkommnung der göttliche Wille in uns und die höchste Wahrheit unseres Selbst in der Natur ist. Das ist das von Ewigkeit her beabsichtigte Ziel einer fortschreitenden Offenbarung im Universum. Die göttliche Natur, die frei, vollkommen und voller Seligkeit ist, soll im Individuum manifestiert werden, damit sie sich in der Welt offenbaren kann. Der individuelle Mensch lebt auch dann, wenn er sich noch in der Unwissenheit befindet, in Wirklichkeit in seiner universalen Zweckbestimmung und allein für sie. Er wird durch die Natur gezwungen, bei jeder Tat, mit der er den Zielen und Wünschen seines Ich folgt, durch sein ich-bestimmtes Handeln seinen Beitrag zu Werk und Ziel in der Welt zu leisten. Das geschieht ohne bewusste Absicht. Darum wird es auch nur unvollkommen ausgeführt, und er trägt zu ihrem halb-entwickelten und halb-bewussten, also zu ihrem unvollkommenen, noch primitiven Ablauf bei. Wenn er den Schranken seines Egos entkommt und mit dem Göttlichen eins wird, bedeutet das zugleich die Befreiung seiner Individualität und ihre höchste Vervollkommnung. Dann lebt das so befreite, geläuterte, vervollkommnete Individuum, die göttliche Seele bewusst und ausschließlich, wie das von Anfang an geplant war, in dem und für das kosmische und transzendente Göttliche und zur Erfüllung seines Willens im Universum.

Auf dem Weg des Wissens können wir zu einem Punkt gelangen, wo uns der Sprung aus der Personalität und aus dem Universum gelingt, wo wir allem Denken, Wollen, Handeln und allem Wirken der Natur entgehen, wo wir ganz von der Ewigkeit aufgezehrt und in diese emporgenommen werden und völlig in die Transzendenz einsinken. Obgleich das für den, der Gott erkannt hat, nicht unbedingt so sein muss, mag es doch die Entscheidung der Seele und der Zielpunkt sein, auf den das Selbst in unserem Inneren hinsteuerte. Auf dem Weg der Hingabe können wir durch intensive Anbetung und Freude das Einssein mit dem erhabenen All-Geliebten erlangen und für immer in der Verzückung seiner Gegenwart verharren, von ihm allein eingenommen, in einer einzigen Welt von Seligkeit. Auch dazu kann unser Wesen uns drängen, auch das kann seine spirituelle Wahl sein. Auf dem Weg der Werke eröffnet sich uns noch eine andere Aussicht. Wenn wir diesen Weg gehen, können wir zur Befreiung und Vollkommenheit gelangen und im Gesetz und in der Macht der Natur mit dem Ewigen eins werden. Wir sind dann in unserem Willen und dynamischen Selbst mit ihm ebenso einsgeworden wie im Zustand unseres spirituellen Seins. Das natürliche Ergebnis dieses Geeintseins ist unsere göttliche Art zu wirken. Ein Leben aus Göttlichem Wesen in spiritueller Freiheit ist jene Verkörperung, in der sich dieses Einssein ausdrückt. Im Integralen Yoga verlieren alle drei Zugangswege zum Höchsten ihre Ausschließlichkeit. Sie treffen zusammen und verschmelzen miteinander, oder es geht der eine aus dem anderen hervor. Befreit von der Hülle, mit der das Mental das Selbst verbirgt, leben wir in der Transzendenz. Durch Anbetung des Herzens gelangen wir zur Einheit höchster Liebe und Seligkeit. Alle Kräfte unseres Wesens werden in die eine Kraft emporgehoben. Unser Wille und unser Wirken werden dem einen Willen und der einen Macht unterworfen. So erlangen wir die dynamische Vollkommenheit der göttlichen Natur.