Kapitel 10
Arbeit ist unverzichtbar
Worte der Mutter
„Alle Arbeit“ ist „eine Schule der Erfahrung“?
Ja, gewiss. Verstehst du das nicht?
Nein, Mutter.
Wenn du nichts tust, kannst du keine Erfahrungen sammeln. Das ganze Leben ist ein Erfahrungs- und Experimentierfeld. Jede Bewegung, die du ausführst, jeder Gedanke, den du hast, jede Arbeit, die du verrichtest, kann eine Erfahrung sein und muss eine Erfahrung sein. Natürlich ist insbesondere Arbeit ein Erfahrungsbereich, in dem man den ganzen Fortschritt anwenden muss, den man innerlich zu machen bemüht ist.
Wenn du in Meditation oder Kontemplation verweilst, ohne zu arbeiten, weißt du nicht, ob du Fortschritte erzielt hast oder nicht. Du magst in einer Illusion leben, der Illusion deines Fortschritts. Wenn du dagegen zu arbeiten anfängst, sind alle Umstände deiner Arbeit, der Kontakt mit anderen, die materielle Beschäftigung, all das, ein Feld der Erfahrung, damit du dir nicht nur des Fortschritts bewusst werden kannst, den du bereits gemacht hast, sondern des ganzen Fortschritts, der noch zu erreichen ist. Wenn du in dir selbst verschlossen lebst, ohne zu agieren, kannst du in einer völlig subjektiven Illusion leben. In dem Moment, in dem du dein Handeln nach außen verlagerst und mit anderen in Kontakt trittst, mit Umständen und den Objekten des Lebens, wird dir ganz objektiv bewusst, ob du Fortschritte gemacht hast oder nicht, ob du ruhiger bist, bewusster, stärker, weniger egoistisch, ob du nicht länger irgendwelche Begierden, Vorlieben, Schwächen oder Treulosigkeiten hast – über all das kannst du dir beim Arbeiten bewusst werden.
Worte der Mutter
Ist nicht das äußere Leben, die Tätigkeit eines jeden Tages und jeden Augenblicks, die unerlässliche Ergänzung zu unseren Stunden der Meditation und Kontemplation? … Denn die Meditation, die Kontemplation, die Einung sind das erreichte Ergebnis, die aufblühende Blume, während das tägliche Handeln der Amboss ist, über den alle Elemente immer wieder gehen müssen, damit sie geschmeidig gemacht, geläutert, verfeinert, zur Reife gebracht werden für die Erleuchtung, die ihnen durch die Kontemplation zuteil wird… Sehr bescheiden muss man alle noch so winzigen sich bietenden Gelegenheiten nutzen, um einige dieser zahllosen Elemente zu formen und zu läutern, sie fügsam und unpersönlich zu machen, ihnen Selbstvergessen beizubringen, Entsagung, Ergebenheit, Freundlichkeit und Güte… Sie ändern die Richtung des Wesens und stellen es endgültig auf den rechten Weg. Wer aber wirklich das Ziel erreichen will, darf sich den zahllosen Erfahrungen jeder Art und jeden Augenblicks nicht entziehen.
Kapitel 11
Richtige Arbeitsweise
Worte der Mutter
Wenn du tust, was du zu tun hast – ganz gleich was, welche Arbeit auch immer –, wenn du dabei darauf bedacht bist, das Göttliche nicht zu vergessen und du dem Göttlichen das, was du tust, darbringst, wenn du dich dem Erhabenen dergestalt zu geben versuchst, dass Er all deine Reaktionen wandeln kann – statt dass sie ichbezogen, kleinlich, dumm und unwissend bleiben –, lässt du sie zu etwas Hellem und Großzügigem werden, dann hast du einen Fortschritt gemacht. Und nicht nur hast du selbst einen Fortschritt gemacht, sondern auch dem allgemeinen Fortschritt geholfen. Ich habe noch nie gesehen, dass Leute, die alles liegenließen, um in einer mehr oder weniger leeren Kontemplation zu sitzen (denn sie ist mehr oder weniger leer), Fortschritte gemacht hätten oder höchstens ganz winzige. Ich habe aber Menschen gesehen, die keinerlei Anspruch erhoben, Yoga zu üben, sondern einfach begeistert waren von der Idee der irdischen Transformation und der Herabkunft des Göttlichen auf die Welt, und die ihr bisschen Arbeit mit dieser Begeisterung im Herzen machten, indem sie sich ganz und gar, rückhaltlos gaben, ohne eigensüchtige Vorstellung von persönlichem Heil; und diese habe ich großartige, wirklich großartige Fortschritte machen sehen. Manchmal sind sie tatsächlich bewundernswürdig. Ich habe Sanyasins, Wandermönche, gesehen, auch Klosterleute, auch erklärte Yogis – und für zehn solche würde ich nicht einen von den anderen hergeben (ich meine vom Standpunkt der irdischen Transformation und des Fortschritts der Welt aus, eben alles dessen, was wir anstreben: dass diese Welt nicht länger bleibt, was sie ist, sondern tatsächlich das Werkzeug des göttlichen Willens werde, erfüllt vom göttlichen Bewusstsein). Durch Davonlaufen änderst du die Welt bestimmt nicht. Sondern indem du an ihr arbeitest, bescheiden, demütig, aber mit einer Flamme im Herzen – mit etwas, das wie eine Opfergabe brennt.
Worte Sri Aurobindos
Du musst die richtige Einstellung nicht nur in deiner inneren Konzentration, sondern auch in deinen Tätigkeiten und Bewegungen einnehmen. Wenn du das tust und alles der Führung der Mutter unterordnest, wirst du sehen, dass Schwierigkeiten beginnen abzunehmen oder viel leichter überwunden werden, und alles zunehmend reibungsloser verläuft.
Bei deiner Arbeit und in deinen Handlungen musst du dasselbe tun, wie bei deiner Konzentration. Öffne dich der Mutter, überlasse alles ihrer Führung, rufe den Frieden herbei, die unterstützende Kraft, den Schutz und‚ damit diese wirken können, weise alle falschen Einflüsse zurück, die ihnen in den Weg kommen könnten, indem sie falsche, achtlose oder unbewusste Bewegungen verursachen.
Folge diesem Prinzip, und dein ganzes Wesen wird eins werden, unter einem Gesetz, im Frieden, in schützender Kraft und behütendem Licht.
Worte Sri Aurobindos
Du musst erkennen, dass dein Erfolg zuerst und immer darauf beruht, die richtige Haltung und eine seelische und spirituelle Atmosphäre zu bewahren und der Kraft der Mutter zu erlauben, durch dich zu wirken…
Soweit ich es aus deinen Briefen beurteilen kann, nimmst du deren Hilfe zu sehr als etwas Gegebenes hin und legst den hauptsächlichen Nachdruck auf deine eigenen Ideen, Pläne und Ansichten über die Arbeit; diese jedoch, ob gut oder schlecht, richtig oder falsch, müssen notgedrungen fehlschlagen, wenn sie nicht Instrumente der wahren Kraft sind. Du musst immer konzentriert sein, immer die Lösung aller Schwierigkeiten der Kraft anvertrauen, die dir von hier gesandt wird, du musst sie immer wirken lassen und nicht durch dein eigenes Mental und deinen gesonderten vitalen Willen oder Impuls ersetzen…
Fahre mit deiner Arbeit fort und vergiss niemals die Bedingungen für den Erfolg. Verliere dich nicht in der Arbeit oder in deinen Ideen oder Plänen und vergiss nicht, in ständiger Fühlung mit der wahren Quelle zu bleiben. Weder ein mentaler noch ein vitaler Einfluss noch der Einfluss der umgebenden Atmosphäre noch deine gewöhnliche menschliche Mentalität dürfen sich zwischen dich und die Macht und Gegenwart der Mutter stellen.
Worte Sri Aurobindos
Es ist wahr, dass die Kraft ohne jede Anstrengung deinerseits wirksam werden kann. Es ist nicht die Anstrengung, sondern die Zustimmung des Wesens, die sie zum Wirken braucht.
Worte Sri Aurobindos
Nun, das ist die Idee des Yoga – dass man durch die richtige Passivität sich etwas Größerem als dem eigenen begrenzten Selbst öffnet, und eine Anstrengung dient allein dazu, dass dieser Zustand erreicht wird. Selbst im gewöhnlichen Leben ist der einzelne nur ein Instrument in den Händen einer Universalen Energie, obwohl sein Ego aus allem, was er tut, den Nutzen zieht.
Kapitel 12
Das ideale Center
Worte Nolini Kanta Guptas
Als die Mutter einmal von einer Gruppe von Schülern gefragt wurde, ihre Genehmigung und ihren Segen zur Eröffnung eines Centers zu geben, gab Sie zur Antwort: „Ein Center zu eröffnen, ist für sich allein nicht genügend. Es muss die reine Heimstatt einer vollkommenen Aufrichtigkeit sein, in einer vollständigen Weihung an das Göttliche.“ Dies ist das erste Motto oder Mantra, das in die Satzung jeder Gruppe oder Organisation eingeschrieben werden sollte. Es legt den grundlegenden Geist fest, die wahre Inspiration, die das Werk initiieren und weiter leiten sollte. Das zweite Mantra ist in diesen Worten von Sri Aurobindo verkörpert: „Liebe die Mutter. Verhalte dich immer so, als wenn Sie dich anschauen würde, denn Sie ist in der Tat immer anwesend.“ Dies sind Worte, die im Herzen eines jeden Einzelnen immer am Strahlen und Leuchten gehalten werden sollten. Sie geben uns die Quelle und den Ursprung aller Inspiration, den einzigen Ursprung aller Bewegungen, der kollektiven wie der individuellen. Und die Mutter hat noch ein drittes Mantra gegeben, das nicht weniger lebendig oder dringlich ist: „Lasst uns arbeiten, wie wir beten, denn Arbeit ist in der Tat des Körpers bestes Gebet zum Göttlichen.“ Hier erfahren wir den Weg, den Prozess, dem man folgen muss, um das Ziel zu erreichen, und von der Fähigkeit, die dazu gebraucht wird.
Um dies endgültig zu verstehen und uns danach zu richten, müssen wir uns die folgenden Worte Sri Aurobindos ins Gedächtnis rufen: „Alle Existenzprobleme sind ihrem Wesen nach Probleme der Harmonie.“
Im Leben, das notwendigerweise gemeinschaftliches Leben ist (ein Center bedeutet seinem Wesen nach Übung und Verwirklichung im Gemeinschaftsleben), ist Harmonie das A und O, das heißt Verständnis und Zusammenhalt zwischen den Teilnehmern am Gemeinschaftsleben. Dies ist eine selbstverständliche Wahrheit, die von allen verstanden und akzeptiert wird. Die Schwierigkeit liegt hierbei jedoch darin, wie diese Harmonie zu erreichen ist. Sie kann nur auf einer höheren Ebene des Seins und des Bewusstseins erreicht werden. Auf dem niedrigeren gewöhnlichen Niveau kann es nur einen Kompromiss geben, ein unbeständiges Gleichgewicht, ein unsicheres Ausgleichen von unterschiedlichen und voneinander abweichenden Elementen. Es muss auch festgehalten werden, dass sich Harmonie umso natürlicher, spontaner, fehlerloser und vollkommener gestaltet, je höher und tiefer, weiter und umfassender das Bewusstsein ist: Und auf der höchsten Ebene stellt Harmonie dann nicht bloß Zusammenhalt dar, sondern untrennbare Einheit.
Dies ist das Ziel, worauf ein dieser Sache geweihtes Center, das heißt eine spirituell strebende Gruppe, sich hinbewegen und hinarbeiten sollte. Und dies ist auch die elementare Arbeit, für die das Center als allererstes Arbeitsfeld steht. Und sein Werk kann und muss durch jene Disziplin getan und erreicht werden, die in dem vorhergehenden, unserem dritten Mantra formuliert ist – die grundlegende Haltung, mit der das Werk zu tun ist. Es wird dort gesagt, dass die Arbeit, geweihte Arbeit oder Dienst, das Gebet des Körpers ist. Das Gebet des Mentals wird in Worten ausgedrückt, das Gebet des Körpers in Werken. Arbeit ist das Gebet in seiner dynamischen und konkreten Form, es ist die Äußerung des Physischen, die Sprache, die es kennt, um die Einung mit dem Göttlichen zu erbitten und zu suchen. Es ist das heilige Ritual, das im physischen, materiellen Leben unsere Anbetung, unsere Bindung an das Ideal ausdrückt und verkörpert, unsere Bindung an die Gottheit, die wir verehren.
Arbeit oder Dienst, die das Schaffen von Harmonie ausdrücken, sind notwendig und zwar, wie ich gesagt habe, gegründet auf ein immer höheres Bewusstsein. Arbeit, als Gebet verrichtet, ist das beste Mittel, um ein Ansteigen im Bewusstsein zu bewirken. Dies ist die Lektion, die jeder Einzelne in einem Center von Anfang an und auch später fortwährend lernen muss. Er muss immer versuchen, im Bewusstsein emporzusteigen, einen immer höheren Status des Seins zu erreichen und von dort das Werk strömen zu lassen, als käme es aus einer spontanen Quelle. Sobald man in Bewusstsein und Sein emporsteigt, weitet sich dieses Bewusstsein ganz natürlich und unausweichlich, und man fühlt ganz natürlich und spontan Verwandtschaft und Einung mit allen anderen. Arbeit oder Dienst ist dann nur ein dynamisches Mittel, um den Sinn vollkommener Einheit des eigenen Selbstes mit allen anderen Selbsten zu erreichen und zu verwirklichen.
Arbeit ist nicht gedacht, um seine Fähigkeit, Geschicklichkeit oder Schlauheit zu zeigen oder auszudrücken, noch ist es eine bloße mechanische Ausführung äußerer Taten zum Erfüllen gewisser Pflichten, wie gewissenhaft und sorgfältig auch immer. Es ist stattdessen ein Ritual von Gebet und Selbst-Hingabe, Bindung und Überantwortung der dynamischsten und stofflichsten Teile unseres Wesens – der unempfänglichsten und unempfindlichsten Elemente – an den einen Göttlichen Willen.
Und dies bringt uns zum hauptsächlichen, zum kardinalen Mantra eines Centers, dem Mantra, das Sri Aurobindo über die ständige und lebendige Anwesenheit der Mutter gibt. Der tatsächliche Kern eines Centers ist diese Gegenwart. Ein Center wächst rund um Mutters Gegenwart und Bewusstsein, und es kann nur so vollkommen wachsen. So wie es das Ideal für den Einzelnen ist, sich seines zentralen inneren Wesens bewusst zu sein, all seine Bestandteile und all seine Bewegungen mit dieser zentralen Wirklichkeit in Beziehung zu bringen und sich selbst in vollkommener Harmonie rund um diesen Kern seines Wesens zu organisieren, so muss sich auch ein Gruppen-Center in vollkommener Harmonie rund um die zentrale Wirklichkeit der Mutter organisieren: Nur so kann es wachsen, harmonisch wachsen. In der Tat kann eine Gruppe, das heißt ein Center, wie das Individuum nur erfolgreich in eine lebendige und harmonische, dynamische Wahrheit hineinwachsen, wenn es in seinem Bewusstsein in jedem Augenblick und in jedem Augenblick seines Lebens die nie fehlgehende Gegenwart der Göttlichen Mutter hat, denn nur dadurch kann ein Center eine göttliche Verkörperung und Inkarnation der Höchsten Mutter werden für den Ausdruck und die Verwirklichung ihrer Wahrheit auf dieser Erde.
Kapitel 13
Vergiss nie
Worte der Mutter
Vergiss nie, dass du nicht allein bist. Das Göttliche ist mit dir, hilft dir und führt dich. Es ist der Begleiter, der nie versagt, der Freund, dessen Liebe tröstet und stärkt. Je einsamer du dich fühlst, desto mehr bist du bereit, Seine strahlende Gegenwart wahrzunehmen. Habe Vertrauen, und das Göttliche wird alles für dich tun.
27. September 1951