Kapitel 1
Eine spiritualisierte Gesellschaft im Sinne Sri Aurobindos
Worte Sri Aurobindos
…eine spirituelle menschliche Gesellschaft geht in ihrem Streben nach Verwirklichung von drei wesentlichen Wahrheiten des Daseins aus, die die Natur sämtlich durch ihre Gegensätze zu verbergen sucht und die deshalb bisher für die Mehrzahl der Menschen nur Worte und Träume bedeuten: Gott, Freiheit, Einheit, drei Dinge, die eins sind. Denn du kannst Freiheit und Einheit nicht besitzen, wenn du nicht Gott besitzt, wenn du nicht zugleich dein höchstes Selbst und das Selbst aller Geschöpfe besitzt. Was sonst unter Freiheit und Einheit verstanden wird, sind nur Versuche unserer Abhängigkeit, unseres Zersplittertseins, durch Schließen der Augen uns selbst zu entfliehen und Purzelbäume um den eigenen Mittelpunkt zu schlagen. Nur wenn der Mensch imstande ist, Gott zu sehen und zu besitzen, wird er wirkliche Freiheit kennen und zu wirklicher Einheit gelangen. Anders ist dies nicht möglich. Gott wartet nur, dass Er erkannt wird, während der Mensch überall nach Ihm sucht und Bilder des Göttlichen errichtet, in Wirklichkeit aber nur Bilder in seinem eigenen Mental-Ego und Lebens-Ego aufbaut und verehrt. Hört er mit diesem Angeln und Jagen nach dem Ego auf, dann erlangt er seine erste, wirkliche Gelegenheit zu spirituellem Wirken im inneren und äußeren Leben. Dies wird jedoch nicht genügen, aber es ist ein Anfang, ein wahres Tor und keine Scheintür.
Eine spiritualisierte Gesellschaft würde, wie es ihre spirituellen Individuen tun, nicht im Ego, sondern im Geist leben, nicht als ein kollektives Ego, sondern als kollektive Seele. Diese Freiheit von dem egoistischen Standpunkt wäre ihr erstes und wesentlichstes Merkmal. Eine solche Befreiung von der Selbstsucht aber wird nicht, wie man dies heute anstrebt, durch Überredung oder Zwang des Individuums zur Aufgabe seines persönlichen Wollens und Strebens erreicht, durch Unterwerfung der wertvollen und schwer erworbenen Individualität unter den kollektiven Willen, unter Ziele und Selbstsucht der Gesellschaft, indem der Einzelne, dem Opfer des Altertums gleich, gezwungen wird, seine Seele auf dem Altar dieses riesigen, gestaltlosen Idols darzubringen. Denn dies wäre nur das Opfer eines kleineren Egoismus für einen größeren – größer an Umfang, aber nicht notwendigerweise an Qualität und Wert. Ein kollektiver Egoismus, der die Summe ist der vereinten Egoismen aller, kann ebensowenig als Gott verehrt werden, denn er ist ebenso befleckt und oft als Fetisch hässlicher, barbarischer als die Selbstsucht des Einzelnen. Der spirituelle Mensch strebt danach, durch den Verlust des Egos das Selbst zu finden, das eins ist in allem, vollkommen und ganzheitlich in jedem. Er sucht durch ein Leben im Geist in das Bild seiner Vollendung hineinzuwachsen, und zwar als Individuum – das ist wichtig zu beachten –, obwohl seine Natur das All umfasst und bewusst in sich einschließt. In den alten indischen Schriften heißt es, dass Vishnu im zweiten Zeitalter, dem Zeitalter der Macht, als König, im dritten, dem Zeitalter des Ausgleichs, als Gesetzgeber, im Zeitalter der Wahrheit aber als Yajna herabsteigt, das heißt als Meister der Werke, die sich in den Herzen seiner Geschöpfe offenbaren. Dieses Königreich Gottes im Innern ist es, das Ergebnis der Findung Gottes in uns selbst und nicht in einem entfernten Himmel, das die Gesellschaftsordnung im Zeitalter der Wahrheit, dem spirituellen Zeitalter, bestimmen und ihr die äußere Gestalt geben wird.
Deshalb müsste eine Gesellschaft, selbst wenn sie erst am Anfang der Spiritualisierung stände, die Offenbarung und Entdeckung des göttlichen Selbstes im Menschen als erstes Ziel aller ihrer Tätigkeit, Erziehung, Weisheit, Wissenschaft, Ethik und Kunst, aber auch ihrer wirtschaftlichen wie politischen Struktur stellen. Eine solche Erziehung würde in gewissem Umfang der kulturellen Erziehung der höheren Klassen in den alten Zeiten der Veden gleichen. Sie würde alles Wissen umfassen, aber das ganze Streben und Ziel, der alles durchdringende Geist wäre nicht auf weltliche Tüchtigkeit gerichtet, sondern auf diese Selbstentwicklung und Selbstfindung des Geistes. Sie würde physikalische und psychische Wissenschaft nicht allein betreiben, um Welt und Natur in ihren Vorgängen kennenzulernen und für materielle Zwecke der Menschheit einzusetzen, sondern um durch, in, unter und über allen Dingen das Göttliche in der Welt und die Wege des Geistes in und hinter seinen Masken kennenzulernen. Die Ethik würde sich zum Ziel setzen, nicht eine neue Ordnung des Tuns aufzustellen, sei es als Ergänzung oder teilweise auch zur Verbesserung des sozialen Gesetzes, denn das soziale Gesetz ist trotz allem nur eine oft grobe, unwissende Regel für das Verhalten der zweibeinigen Menschenherde, sondern um die göttliche Natur im menschlichen Wesen zu entwickeln. Die Kunst würde es zu ihrer Aufgabe machen, nicht nur Bilder der subjektiven und objektiven Welt zu gestalten, sondern sie in einer sinnvollen und schöpferischen Schau zu sehen, die ihre Erscheinungen durchdringt, und würde die ihr zugrunde liegende Wahrheit und Schönheit darstellen, deren Formen, Masken, Symbole und Sinnbilder die uns sichtbaren und unsichtbaren Dinge sind.
Eine spiritualisierte Gesellschaft würde in ihrer Soziologie das Individuum vom Heiligen bis zum Verbrecher nicht als Einheit eines sozialen Problems ansehen, die durch eine geschickt ausgedachte Maschinerie durchgedreht und entweder in eine soziale Form hineingepresst oder aus ihr herausgedrückt wird. Für sie handelte es sich vielmehr um leidende, in einem Netz gefangene Seelen, die zu retten sind, als wachsende Seelen, die von ihrem Wachstum ermutigt werden sollen, als bereits entwickelte Seelen, von denen die niederen, noch nicht reifen, Hilfe und Kraft erhalten können. Ziel ihrer Wirtschaft wäre nicht die Schaffung einer riesigen Produktionsmaschine, zum Zwecke des Wettstreits oder einer uneigennützigen Genossenschaft, sondern den Menschen nach Maßgabe ihrer Möglichkeiten Freude an einer Arbeit zu geben, die ihnen entspricht, freie Muße zu innerem Wachstum und ein einfaches, reiches und schönes Leben für alle. Politik hieße für die spiritualisierte Gesellschaft nicht, die Nationen im Rahmen ihres eigenen, inneren Lebens als ungeheure Staatsmaschinen anzusehen, von Menschen betrieben, die um dieser Maschine willen leben und sie als ihren Gott, ihr größeres Selbst verehren, bereit beim ersten Anruf, andere auf ihrem Altar zu opfern und auch selbst dort zu verbluten, damit die Maschine unversehrt und mächtig bleibt und sogar noch größer, umfassender, nachhaltiger und mechanisch noch leistungsfähiger und ganzheitlicher gemacht wird. Die spiritualisierte Gesellschaft würde sich nicht damit zufriedengeben, dass diese Nationen oder Staaten in den gleichen gegenseitigen Beziehungen verblieben wie bisher, als schädliche Maschinen, die in Friedenszeiten Giftgas aufeinander loslassen und in Zeiten der Auseinandersetzung auf die Bewaffneten und die Millionen Unbewaffneten des anderen Volkes losstürzen mit geladenen Waffen, als Menschen, deren Aufgabe das Morden ist, wie feindliche Panzer auf den neuzeitlichen Schlachtfeldern. Für sie sind die Menschen Gruppenseelen, die die Gottheit in sich schließen und die sich selbst als menschliche Kollektivwesen entdecken, Gruppenseelen, die wie das Individuum ihrer eigenen Natur entsprechend wachsen und durch dieses Wachstum sich selbst gegenseitig und damit der ganzen Menschheit bei dem gemeinsamen Werk helfen sollen. Und dieses Werk wäre die Entdeckung des göttlichen Selbstes in Individuum und Kollektiv, die spirituelle, mentale, vitale und materielle Vollendung der größten, weitesten, reichsten und tiefsten Möglichkeiten in dem inneren Leben aller und in ihrer äußeren Tätigkeit und Natur.
Denn in das Göttliche, das ihnen innewohnt, müssen Mensch und Nation hineinwachsen. Es ist nicht eine äußere Idee oder Regel, die ihnen von außen auferlegt werden muss. Deshalb wird das Gesetz des Wachstums der inneren Freiheit im spirituellen Zeitalter der Menschheit als das entscheidende angesehen werden. Es ist richtig, dass der Mensch, solange er nicht der Selbsterkenntnis wirklich nahegekommen ist und sich darauf eingestellt hat, dem Gesetz des äußeren Zwanges nicht entrinnen kann und alle seine Bemühungen hierzu vergeblich wären. Solange dies andauert, ist er – und muss es sein – der Sklave anderer, der Sklave seiner Familie, seiner Kaste, seines Clans, seiner Kirche, der Gesellschaft und der Nation. Er kann nichts anderes sein, und auch diese können nichts anderes tun, als ihren harten, mechanischen Zwang auf ihn auszuüben, weil sie und er Sklaven ihres eigenen Egos, ihrer eigenen, niederen Natur sind. Wir müssen den Drang des Geistes fühlen und ihm gehorchen, wollen wir unser inneres Recht durchsetzen, fremdem Zwang zu entrinnen. Wir müssen unsere niedere Natur zum willigen Sklaven, zum bewussten und erleuchteten Werkzeug oder zum edlen, dem eigenen Selbst aber noch unterworfenen Teil, Gefährten oder Partner des göttlichen Wesens in uns machen. Denn diese Unterwerfung ist die Bedingung für unsere Freiheit, da spirituelle Freiheit nicht eine egoistische Bestätigung unseres eigenständigen Mentals und Lebens zulässt, sondern Gehorsam gegenüber der Göttlichen Wahrheit in uns fordert, in unseren Gliedern und in allem, das uns umgibt. Doch dürfen wir dabei nicht vergessen, dass Gott die Freiheit der natürlichen Glieder unseres Wesens achtet und ihnen den Raum zum Wachstum in ihre eigene Natur zubilligt, so dass diese durch natürliches Wachstum und nicht durch Selbstauslöschung das Göttliche in sich selbst zu finden vermögen. Die Unterwerfung, die sie letztendlich vollkommen und unbedingt bejahen, muss die freiwillige Unterwerfung der Anerkennung und Sehnsucht sein nach der eigenen Lichtquelle und Kraft, nach dem höchsten Wesen in ihnen selbst. Darum können wir auch in einem noch nicht erneuerten Staat feststellen, dass jenes Wachsen und Tun das gesündeste, wahrste und lebendigste ist, das in größtmöglicher Freiheit geschieht, und dass jedes Übermaß an Zwang entweder dem Gesetz allmählicher Atrophie folgt oder als Ausbruch einer Tyrannei anzusehen ist, die sich nur durch die größte Unordnung wieder verändert oder heilen lässt. Durch die Erkenntnis des eigenen spirituellen Selbstes, oft auch schon durch ernstes Streben nach ihr, befreit sich der Mensch, wie frühen Religionen und frühem Wissen bekannt war, von dem äußeren Gesetz und tritt in die Ordnung der Freiheit ein.
Ein spirituelles Zeitalter der Menschheit wird diese Wahrheit erfahren. Es wird nicht versuchen, den Menschen durch die Maschine vollkommen zu machen oder ihm durch Fesselung seiner Glieder Haltung zu geben. Es wird dem Einzelnen in der Gesellschaft sein höheres Selbst nicht in Gestalt eines Polizisten, Beamten oder Offiziers vorhalten, noch etwa in Form einer sozialistischen Bürokratie oder einer sowjetischen Arbeiterregierung. Sein Ziel wird es sein, möglichst schnell und weitgehend den äußeren Zwang im menschlichen Leben durch Erweckung des inneren göttlichen Dranges des Geistes zu vermindern und alle vorbereitenden Mittel für dieses Ziel einzusetzen. Am Ende wird das spirituelle Zeitalter vor allem, wenn nicht ausschließlich, den spirituellen Einfluss einsetzen, den das spirituelle Individuum – und wie viel mehr sollte dies nicht eine spirituelle Gesellschaft zu tun vermögen – auf seine Umwelt auszuüben vermag. Dieser Einfluss wird in uns trotz aller inneren Widerstände und äußerer Verneinung die Kraft des Lichtes, die Sehnsucht und den Willen wecken, durch die eigene Natur hindurch zum Göttlichen hin zu wachsen. Denn in der vollkommen spiritualisierten Gesellschaft werden, wie von den spirituellen Anarchisten erträumt wird, alle Menschen zutiefst frei sein, und dies wird geschehen, weil die Voraussetzung hierzu erfüllt wurde. Dann wird jeder Mensch nicht sich selbst Gesetz sein, sondern er wird das Gesetz sein, das göttliche Gesetz, weil er eine in der Göttlichen Wirklichkeit lebende Seele ist und nicht ein Ego, das vor allem, wenn nicht ausschließlich, für die eigenen Interessen und Zwecke lebt. Sein Leben wird von dem Gesetz seiner eigenen göttlichen Natur bestimmt werden, die von dem Ego befreit ist.
Dies bedeutet nicht, dass alle menschliche Gesellschaft in die isolierte Handlung von Einzelnen aufgesplittert wird. Denn das dritte Wort des Geistes ist Einheit. Spirituelles Leben ist die Frucht nicht einer gestaltlosen, sondern einer bewussten und vielfältigen Einheit. Jeder Mensch muss in sich selbst durch sein eigenes individuelles Sein in die Göttliche Wirklichkeit hineinwachsen. Darum bedarf der Einzelne in seiner Entwicklung eines gewissen zunehmenden Maßes an Freiheit. Darum ist vollkommene Freiheit Anzeichen und Bedingung eines vollkommenen Lebens. Das Göttliche aber, das der Einzelne in sich selbst erkennt, erschaut er auch in allen anderen und als den gleichen Geist in allen. Darum ist eine wachsende innere Einheit mit den anderen für sein Wesen notwendig und eine vollkommene Einheit Zeichen und Bedingung des vollkommenen Lebens. Dem vollkommenen Gesetz des spirituellen Wesens entspricht nicht nur, das Göttliche in sich selbst zu schauen und zu finden, sondern auch in allen anderen, nicht nur nach der eigenen, individuellen Befreiung oder Vollendung zu streben, sondern auch nach der Befreiung und Vollendung der anderen. Wäre die gesuchte Göttlichkeit eine gesonderte Gottheit in uns selbst und nicht das eine Göttliche, oder suchte der Einzelne Gott für sich selbst allein, dann freilich könnte ein ungeheurer Egoismus das Ergebnis sein, der olympische Egoismus Goethes, der titanische Egoismus in der Vorstellung Nietzsches oder das gesonderte Eigenwissen des Hochmütigen, die Askese des Einsiedlers. Wer aber Gott in allen sieht, wird im Dienst der Liebe Gott frei in allem dienen. Das bedeutet, dass er nicht nur seine eigene Freiheit erstreben wird, sondern die Freiheit aller. Er wird seine Individualität nur in der weitesten Allumfassung als vollendet empfinden, sein eigenes Leben nur in der Einheit mit dem universalen als erfüllt ansehen. Weder für sich selbst noch für den Staat und die Gesellschaft, weder für das individuelle Ego noch für das kollektive wird er leben, sondern für etwas viel Größeres, für Gott in sich selbst und für das Göttliche im Weltall.
Das spirituelle Zeitalter wird anbrechen, wenn das allgemeine Mental des Menschen beginnt, für diese Wahrheit allgemein aufgeschlossen zu sein, wenn es von diesem dreifachen oder dreieinigen Geist erfasst wird oder erfasst zu werden wünscht.