Kapitel 38
Eine Geschichte über Selbstbeherrschung
In einer Stadt im Norden Frankreichs kannte ich einmal einen Jungen, der ein offenes, jedoch ungestümes Gemüt hatte und immer dazu neigte, seine Beherrschung zu verlieren. Eines Tages meinte ich zu ihm:
„Was glaubst du, ist für einen so starken Jungen wie dich schwieriger, einen Schlag mit einem anderen Schlag zu vergelten und einem Freund, der dich beleidigt hat, mit deiner Faust ins Gesicht zu schlagen, oder in diesem Moment deine Faust in der Hosentasche zu lassen?“
„Sie in meiner Tasche zu lassen“, antwortete er.
„Und was glaubst du, ist eines tapferen Jungen wie dir würdiger, das Einfachere oder das Schwierigere zu tun?“
„Das Schwierigere“, sagte er nach kurzem Zögern.
„Nun gut, dann versuche es zu tun, wenn du das nächste Mal Gelegenheit dazu hast.“
Einige Zeit später kam der Junge zu mir, um mir nicht ohne berechtigten Stolz zu erzählen, dass er in der Lage war, „das Schwierigere“ zu tun. Er sagte:
„Einer meiner Kameraden, der für seinen Jähzorn bekannt ist, schlug mich in einem Augenblick des Zorns. Da er weiß, dass ich normalerweise so etwas nicht verzeihe und dass ich stark bin, bereitete er sich darauf vor, sich zu verteidigen. Da erinnerte ich mich an das, was du mir gesagt hast. Es war für mich schwieriger, als ich gedacht hatte, dennoch steckte ich meine Faust in die Hosentasche. Und sobald ich das getan hatte, fühlte ich keinen Zorn mehr in mir, nur noch Mitleid für meinen Freund und darum streckte ich ihm meine Hand entgegen. Das überraschte ihn so sehr, dass er mich für einen Moment mit offenem Mund sprachlos anstarrte. Dann ergriff er meine Hand, schüttelte sie kräftig und sprach voller Rührung: „Von nun an kannst du mit mir tun, was du willst, ich bin für immer dein Freund.“
Kapitel 39
Du hast ein besonderes Ziel, das dein ganz eigenes ist
Beobachtest du dich aufmerksam, so siehst du, dass man in sich stets das Gegenteil der Tugend trägt, die man verwirklichen muss (ich verwende „Tugend“ in der weitesten und höchsten Bedeutung). Du hast ein besonderes Ziel, eine besondere Sendung, eine besondere Verwirklichung, jeder Einzelne etwas ihm Eigenes, und du trägst in dir alle Hindernisse, die nötig sind, damit die Verwirklichung vollkommen sei. Immer wirst du feststellen, dass in dir Schatten und Licht zusammengehören: Hast du eine Fähigkeit, so hast du auch ihre Verneinung. Und wenn du ein ganz schwarzes Loch entdeckst, einen finsteren Schatten, dann darfst du sicher sein, dass da ein großes Licht ist. An dir liegt es, das eine zu nutzen, um das andere zu verwirklichen.
Das ist eine Tatsache, von der wenig gesprochen wird, die aber von grundlegender Bedeutung ist. Und bist du aufmerksamer Beobachter, so siehst du, dass es sich stets bei allem so verhält. Das führt uns zu paradoxen, aber völlig wahren Aussagen, z.B.: dass der schlimmste Dieb der ehrlichste Mensch sein kann (damit will ich dich natürlich nicht zum Stehlen ermutigen!), und der schlimmste Lügner kann einer sein, der zum Wahrhaftigsten wird. Verzweifle also nicht, wenn du in dir die größte Schwäche findest, denn dies mag das Zeichen der größten göttlichen Stärke sein. Sage nicht: „So bin ich, und anders kann ich nicht sein.“ Das ist nicht wahr. Du bist „so“, gerade weil du das Gegenteil sein musst. Und all deine Schwierigkeiten sind eben dazu da, dass du lernst, sie in die Wahrheit umzuwandeln, die sie verbergen.
Sobald man das einmal begriffen hat, verlassen einen viele Sorgen, und man wird sehr, sehr glücklich. Erkennt man, dass finstere Löcher in einem sind, so sagt man sich: „Das beweist, dass ich sehr hoch steigen kann“, ist der Abgrund sehr tief: „Ich kann sehr hoch steigen“. Ebenso vom universalen Gesichtspunkt aus; um es in der Hindu-Terminologie zu sagen, mit der du vertraut bist: Gerade die größten Asuras sind die größten Lichtwesen. Und an dem Tag, wo diese Asuras sich bekehren, werden sie die höchsten Wesen der Schöpfung sein. Dies soll dich nicht ermutigen, „asurisch“ zu sein, aber so ist es – das mag dein Gehirn etwas weiten und dich von den Vorstellungen von Gut und Böse, die sich entgegenstehen, befreien helfen; denn solange du in jener Kategorie steckst, besteht keine Hoffnung.
Wäre die Welt nicht wesenhaft das Gegenteil von dem, was sie geworden ist, so bestünde keine Hoffnung. Wenn dies so dunkle und so tiefe Loch, dies so völlig Nichtbewusste nicht das Zeichen der völligen Bewusstheit wäre, nun, dann könnte man nur noch seine Sachen packen und sich davonmachen. Leute wie Shankara, die nicht viel weiter sahen als ihre Nasenspitze, haben gesagt, es lohne sich nicht, auf der Welt zu leben, weil sie unmöglich sei; man solle sie lieber als Illusion betrachten und sich aus ihr zurückziehen, da sei nichts zu wollen. Ich aber sage dir im Gegenteil: Gerade weil die Welt schlecht, dunkel, hässlich, unbewusst, elend und leidvoll ist, kann sie das höchste Schöne, das höchste Licht, das höchste Bewusstsein und die höchste Glückseligkeit sein.
Kapitel 40
Was bedeutet Angst?
…Angst ist eine Unreinheit, eine der größten Unreinheiten, eine von denen, die am direktesten aus den antigöttlichen Kräften hervorgehen, die das göttliche Wirken auf der Erde zerstören wollen. Die erste Pflicht derer, die wirklich Yoga praktizieren wollen, besteht darin, auch nur den Schatten einer Angst aus ihrem Bewusstsein zu entfernen, mit aller Kraft, aller Aufrichtigkeit, aller Ausdauer, deren sie fähig sind. Um den Weg zu gehen, muss man unerschrocken sein und niemals in die engherzige, kleine, schwache, hässliche Ichbezogenheit zurückfallen, die die Angst ist.
Ein unbezähmbarer Mut, eine vollkommene Aufrichtigkeit und ein so aufrichtiges Sich-selbst-geben, dass man nichts berechnet und um nichts feilscht, sich nicht mit dem Gedanken abgibt, etwas zu erhalten, sich nicht mit dem Gedanken an Schutz anvertraut, nicht einen Glauben hat, der Beweise verlangt – das ist unerlässlich, damit man den Weg gehen kann. Das allein kann dich wirklich bei jeder Gefahr in Sicherheit bringen.
Kapitel 41
Warum stirbt man vor Angst?
Ich nehme an, weil man egoistisch ist.
Es gibt drei Ursachen. Zunächst übertriebene Sorge um seine Sicherheit. Sodann, was man nicht kennt, bewirkt immer ein unbehagliches Gefühl, und das überträgt sich im Bewusstsein als Angst. Vor allem aber, weil man nicht gewohnt ist, spontan Vertrauen in das Göttliche zu haben. Dringt man tief genug, so ist das der wahre Grund. Es gibt Leute, die nicht einmal wissen, dass es Das gibt, doch könnte man ihnen mit anderen Worten sagen: „Ihr habt kein Vertrauen in euer Schicksal“ oder: „Ihr wisst nichts von der Gnade“ – irgendetwas, man kann sagen, was man will, jedenfalls ist es letztlich ein Mangel an Vertrauen. Würde man stets das Gefühl haben, dass unter allen Umständen das Beste geschieht, so hätte man keine Angst.
Kapitel 42
Wie überwindet man die Angst?
Eines der großen Heilmittel, die Angst zu überwinden, ist, dem ins Auge zu blicken, wovor man sich fürchtet. Du wirst der Gefahr, die du fürchtest, gegenübergestellt, und du fürchtest sie nicht mehr. Die Angst verschwindet. Vom yogischen Standpunkt aus, im Hinblick auf die Disziplin, wird dieses Mittel empfohlen. Bei den alten Einweihungen, besonders in Ägypten, musste man die Angst vor dem Tod vollkommen ablegen, um Okkultismus üben zu können, wie ich dir letzte Woche erzählte. Nun, eine der Übungen jener Zeit war es, den Neuling in einen Sarkophag zu legen und ihn dort einige Tage liegen zu lassen, als wäre er tot. Natürlich ließ man ihn nicht sterben, weder den Hungertod noch den Erstickungstod, er lag aber doch da, als wäre er tot. Anscheinend hat einen das von der Angst geheilt.
Kommt die Angst, kann man sie beseitigen, indem man ihr Bewusstsein, Wissen, Kraft und Licht entgegensetzt.