Kapitel 2
Die beiden Aspekte der Arbeit des Avatars
Zwei Aspekte bestehen parallel, die vom ewigen und höchsten Standpunkt gleichermaßen wichtig sind, in dem Sinn, dass beide gleichermaßen unerlässlich sind, um die Verwirklichung wirklich zur Verwirklichung zu machen.
Einerseits das, was Sri Aurobindo – der als Avatar das höchste Bewusstsein und den höchsten Willen auf der Erde darstellte – erklärte, dass ich sei, und zwar die universelle höchste Mutter. Und auf der anderen Seite das, was ich durch die integrale Sadhana in meinem Körper verwirkliche. Ich könnte auch die höchste Mutter sein, ohne eine Sadhana auszuüben, und in der Tat, solange Sri Aurobindo in seinem Körper war, führte er die Sadhana aus; mir kamen die Ergebnisse zugute; die Ergebnisse wirkten sich automatisch auf mein äußeres Wesen aus, aber er tat die Arbeit, nicht ich: ich war nur der Zwischenträger, der seine Sadhana auf die Welt übertrug. Erst nachdem er seinen Körper verließ, wurde ich gezwungen, die Sadhana selber fortzusetzen; nicht nur wie zuvor seine Sadhana auf die Welt zu übertragen, sondern sie selber auszuführen. Als er ging, übertrug er mir die Verantwortung für das, was er in seinem Körper tat, ich musste es jetzt tun. Es bestehen also diese beiden Aspekte, und mal überwiegt der eine, mal der andere (ich meine nicht aufeinanderfolgend in der Zeit, sondern … das geht um Augenblicke), und sie versuchen, sich zu einer vollständigen und vollkommenen Verwirklichung zu vereinen: das unsägliche, unbewegte ewige Bewusstsein der Vollzieherin des Allerhöchsten, und das Bewusstsein des Sadhak im Integralen Yoga, der in seiner aufsteigenden Bemühung einen wachsenden Fortschritt anstrebt…
Jene mit der Auffassung, ich sei die ewige universelle Mutter und Sri Aurobindo der Avatar, wundern sich, dass unsere Macht nicht absolut ist. Sie wundern sich, dass es uns nicht genügt zu sagen: „es ist so“, damit es „so“ sei. Der Grund liegt darin, dass für eine integrale Verwirklichung die Vereinigung beider Aspekte unerlässlich ist: der Macht, die von der ewigen Stellung herrührt, und der Macht der Sadhana in der evolutionären Entwicklung.
Kapitel 3
Das göttliche Erbarmen
Mehrere Male brachte mir X seine Geringschätzung für die Mehrzahl der Leute im Ashram zum Ausdruck: „Warum behält Mutter all diese ‚empty pots‘ [leeren Töpfe]“, sagte er.
Wenn er sich auch nur einen Augenblick lang einbildet, dass ich glaube, alle Leute hier würden die Sadhana machen, irrt er gewaltig!
Die Idee ist, dass die gesamte Welt vorbereitet werden muss, in all ihren Formen, auch die am wenigsten für die Transformation fähigen. Es erfordert eine symbolische Repräsentation aller Elemente der Erde, an denen gearbeitet werden kann, um die Verbindung herzustellen [mit der supramentalen Welt]. Die Erde ist eine symbolische Repräsentation des Universums, und die Gruppe eine symbolische Repräsentation der Erde.
Das hatten wir 1914 mit Sri Aurobindo entschieden (das liegt schon lange zurück); denn wir sahen die beiden Möglichkeiten: das, was wir jetzt tun, oder uns in die Einsamkeit und Abgeschiedenheit zurückziehen, bis wir nicht nur das Supramental erreicht, sondern die materielle Transformation begonnen haben. Und Sri Aurobindo sagte mit Recht, dass man sich nicht abkapseln kann, denn je mehr man selber wächst, um so mehr universalisiert man sich, und folglich … you take the burden upon yourself [man nimmt die Last auf sich], auf jeden Fall.
Kapitel 4
Sri Aurobindo – der letzte Avatar
Müssen die Avatare noch auf der Erde geboren werden, wenn das supramentale Bewusstsein fest etabliert ist?
Diese Frage wird leichter zu beantworten sein, wenn sich das Supramental in den Lebewesen auf der Erde manifestiert hat.
Ich hatte immer gehört, dass Sri Aurobindo „der letzte Avatar“ sei; aber wahrscheinlich ist er der letzte Avatar in einem menschlichen Körper – was danach kommt, wissen wir nicht…
Sri Aurobindo gehört weder der Vergangenheit noch der Geschichte an.
Sri Aurobindo ist die Zukunft, die auf ihre Verwirklichung zuschreitet.
Wer kann Sri Aurobindo verstehen? Er ist so weit wie das Universum und seine Lehre ist unendlich…
Der einzige Weg, ihm ein wenig näher zu kommen, besteht darin, ihn aufrichtig zu lieben und sich vorbehaltlos seinem Werk zu widmen. So tut jeder sein Bestes und trägt so viel wie möglich zu der von Sri Aurobindo prophezeiten Transformation der Welt bei.
Kapitel 5
Sri Aurobindo und Krishna
Ich erinnere mich der Zeit, als ich meine Meditationen in Sri Aurobindos Gegenwart abhielt. Ich kam die Treppe herunter, um mit den Leuten, die in der Halle warteten, zu meditieren – du weißt, da ist eine Plattform unter den Säulen: alle Götter saßen dort – Shiva, Krishna, Lakshmi, die Trimurti, alle, alle, alle, die Kleinen, die Großen, sie kamen und setzten sich dort hin. Es war richtig hübsch anzusehen. Sie kamen regelmäßig jeden Tag und wohnten der Meditation bei. Aber das war keine Anbetung des Höchsten, sie hatten nicht das geringste Bedürfnis nach dieser Vorstellung: sie hatten die volle Empfindung ihrer ewigen Göttlichkeit, jeder nach seiner Seinsart. Sie fühlten sich wohl als eine Art Gruppe, da jeder wusste, dass jeder all die anderen repräsentieren konnte (die geläufige Anbetung war so, und sie wussten es), aber sie hatten keine der Eigenschaften, die das seelische Leben gibt: keine tiefe Liebe, keine tiefe Zuneigung, keinen Sinn der Einheit. So war es nicht: sie hatten den Sinn für IHRE eigene Göttlichkeit. Sie hatten auch ganz besondere Regungen, aber nicht diese Anbetung des Höchsten und das Gefühl, Instrumente zu sein – sie repräsentierten den Höchsten. Jeder vertrat den Höchsten und war folglich völlig befriedigt mit seiner Repräsentation.
Nur Krishna, denn… Ich glaube, es war 1926, da begann ich eine Art Erschaffung des Obermentals, das heißt, ich ließ das Obermental in die Materie, auf die Erde herabkommen und begann all das vorzubereiten (Wunder begannen sich zu ereignen und alle möglichen Dinge). Da bat ich diese Götter, sich zu inkarnieren, sich mit einem Körper zu identifizieren (manche lehnten es kategorisch ab), aber ich sah mit meinen eigenen Augen, wie Krishna, der immer mit Sri Aurobindo in Beziehung stand, zustimmte, in dessen Körper zu kommen. Das geschah an einem 24. November…
Das war es: Krishna stimmte zu, in Sri Aurobindos Körper herabzukommen – sich dort NIEDERZULASSEN, verstehst du (es ist ein großer Unterschied, ob man sich inkarniert und niederlässt oder nur einen Einfluss ausübt, der kommt und geht, der wechselt). Die Götter wechseln ständig. Wir selbst, in unserem inneren Wesen, gehen, kommen, handeln an hundert oder tausend Plätzen zur selben Zeit, das ist offensichtlich. Es ist ein Unterschied, ob man bereit ist, in einer dauerhaften Weise an einen Körper gebunden zu sein oder einfach nach Belieben zu kommen – zwischen einem andauernden Einfluss und einer dauerhaften Gegenwart.
Kapitel 8
Die Zusicherung des Herrn und die großartige Gewissheit
Herr, Du hast mir heute morgen die Zusicherung gegeben, dass Du solange bei uns bleiben wirst, bis Dein Werk vollendet ist, nicht nur als ein Bewusstsein, das uns führt und erleuchtet, sondern auch als eine dynamische Gegenwart im Handeln. In unmissverständlichen Begriffen hast Du versprochen, dass alles von Dir hier bleiben und die Erdatmosphäre nicht verlassen wird, bis die Erde transformiert ist. Gewähre uns, dass wir dieser wunderbaren Gegenwart würdig sind, und dass von jetzt ab alles in uns auf den einen Willen konzentriert ist, dass wir uns immer vollkommener der Verwirklichung Deines großen Werkes weihen.