Kapitel 5

Chakren – die subtile Nervenorganisation des psychischen Körpers

Worte Sri Aurobindos

Die psycho-physische Wissenschaft des Yoga macht diesen Fehler (dass die mentalen Aktivitäten des Menschen fast vollständig von seinem Körper und seinem Nervensystem abhängen) nicht. Sie sucht den Schlüssel, findet ihn und kann mit ihm die Befreiung bewirken. Sie rechnet mit dem psychischen oder mentalen Körper im Hintergrund, von dem der physische Körper so etwas wie eine Reproduktion in grober Form ist. Darum kann sie Geheimnisse des physischen Körpers entdecken, die sich einer rein physischen Forschung nicht offenbaren. Der mentale oder psychische Körper, den die Seele noch nach dem Tod beibehält, enthält In sich eine subtile Prana-Kraft, die seiner subtilen Natur und Substanz entspricht. Überall, wo Leben existiert, muss die Prana-Energie und eine Substanz vorhanden sein, in der sie wirken kann. Diese Kraft wird durch ein System zahlreicher Kanäle, nadi, geleitet. Das ist der subtile nervliche Organismus des psychischen Körpers. Diese Bahnen werden in sechs oder sieben Zentren zusammengefasst, in der technischen Sprache des Yoga Lotus oder Kreise, cakra, genannt, die sich in einer aufsteigenden Skala bis zur höchsten Höhe erheben, wo sich der tausendblättrige Lotus befindet, aus dem alle mentale und vitale Energie herniederströmt. Jeder Lotus ist Zentrum und Speicher für sein eigenes besonderes System psychischer Mächte, Energien und Wirkensweisen. Jedes System entspricht einer Ebene unseres psychischen Seins. So strömen die Kräfte, wenn sie durch die nadi zirkulieren, nach außen und kehren wieder in den Strom der Prana-Energie zurück.

Diese Anordnung des psychischen Körpers wird im physischen Körper so reproduziert, dass das Rückgrat der Stamm und die Ganglienzentren die Chakren sind. Sie steigen vom untersten Ende des Rückgrats, wo sich das niederste Chakra befindet, empor zum Gehirn und finden dort ihren höchsten Punkt im bramarandhra über dem Scheitel des Hauptes. Diese Chakren oder Lotuse sind aber im physischen Menschen geschlossen oder nur teilweise geöffnet. Die Folge davon ist, dass nur solche Kräfte und nur so viele davon in ihm aktiv werden können, als für sein gewöhnliches physisches Leben ausreichen. Darum ist auch nur so viel von seinem Mental und von seiner Seele an diesen Kraftwirkungen beteiligt, als im Einklang mit den Bedürfnissen seines Lebens steht. Das ist, von einem mechanischen Gesichtspunkt her gesehen, der Grund dafür, dass die verkörperte Seele vom Körper und vom nervlichen Leben abhängig ist, obwohl diese Abhängigkeit weder so vollständig noch so wirklich ist, wie es zu sein scheint. Darum ist die Energie der Seele Im physischen Körper und im Leben überhaupt nicht ganz eingesetzt, die geheimen Mächte des Mentals sind in ihm nicht erwacht, die körperlichen und nervlichen Energien herrschen vor. Die allem übergeordnete Energie ist dauernd anwesend, wenn sie auch schläft. Man sagt, sie sei zusammengerollt wie eine schlafende Schlange. Darum wird sie die kundalini sakti genannt, die in dem niedersten der Chakren, im Muladhara, existiert. Wenn durch Pranayama die Trennung zwischen den oberen und den niederen Prana-Strömen beseitigt ist, wird diese Kundalini aufgeweckt. Dann entrollt sie sich und beginnt, wie eine feurige Schlange nach oben durchzustoßen; dabei bricht sie, während sie emporsteigt, jeden einzelnen Lotus auf, bis sich die Shakti mit dem Purusha im brahmarandhra in einem tiefen Samadhi vereinigt.

Weniger symbolisch, eher philosophisch, wenn auch nicht tief genug ausgedrückt, bedeutet das, dass die wirkliche Energie unseres Wesens schlafend und unbewusst in den Tiefen unseres Vitalsystems ruht und durch Übung des Pranayama aufgeweckt wird. Wenn sie sich ausdehnt, öffnet sie alle Zentren unseres psychologischen Wesens, in denen die Mächte und das Bewusstsein dessen ihren Sitz haben, was man jetzt unser subliminales Selbst nennen würde. Darum erlangen wir in dem Maße, wie die Kraftzentren und das Bewusstsein geöffnet werden, Zugang zu aufeinanderfolgenden psychischen Bereichen und können uns mit den Welten oder kosmischen Seinszuständen in Verbindung setzen, die ihnen entsprechen. Nun entfalten sich in uns jene psychischen Mächte, die für den physischen Menschen etwas Abnormes, für die Seele jedoch etwas Normales sind. Zuletzt trifft auf dem Gipfel dieses Emporsteigens die nach oben strebende, sich ausdehnende Energie mit dem überbewussten Selbst zusammen, das hinter unserem physischen und mentalen Dasein und oberhalb von ihm seinen verborgenen Sitz hat. Dieses Zusammentreffen führt zu einem tiefen Samadhi des Einswerdens, in dem sich unser Wachbewusstsein in das Überbewusste verliert. So erlangt durch gründliche und unablässige Übung des Pranayama der Hatha-Yogin auf seine Weise jene seelischen und spirituellen Ergebnisse, die durch die unmittelbar seelischen und spirituellen Methoden in anderen Yoga-Disziplinen erzielt werden. Die einzige mentale Hilfe, die er damit verknüpft, ist die Verwendung des Mantra, einer heiligen Silbe, eines Namens oder einer mystischen Formel, die in den indischen Yoga-Systemen eine so wichtige Rolle spielt und allen gemeinsam ist. Dieses Geheimnis der Macht des Mantra, der sechs Chakren und der Kundalini Shakti ist eine der zentralen Wahrheiten jener komplexen psycho-physischen Wissenschaft und Praxis, für die uns die Philosophie des Tantra eine rationale Begründung und das vollständige Kompendium der Methoden zu geben verspricht. Alle Religionen und Disziplinen in Indien, die in weitem Umfang die psycho-physische Methode verwenden, hängen mehr oder minder bei ihren Praktiken vom Tantra ab.

Der Raja-Yoga verwendet ebenso wie der Hatha-Yoga das Pranayama für dieselben prinzipiellen psychischen Zwecke. Da er aber seinem Prinzip nach ein psychisches System ist, benutzt er es nur als eine der Stufen in der Reihe seiner Praktiken und auch nur in sehr geringem Ausmaß, zu drei oder vier Nutzeffekten. Er beginnt nicht mit Asana und Pranayama. Vielmehr drängt er auf moralische Läuterung der mentalen Funktionen. Diese Vorstufe ist höchst wichtig. Ohne Läuterung könnte der Ablauf des übrigen Raja-Yoga wahrscheinlich zu Verwirrungen führen, gestört werden und voll unerwarteter mentaler, moralischer und physischer Gefahren sein. (Anmerkung: Im modernen Indien stürzen sich Leute, die sich zum Yoga hingezogen fühlen, oft direkt in das Pranayama des Raja-Yoga, wobei sie seine einzelnen Prozesse aus Büchern entnehmen oder von Menschen empfangen, die mit der Sache nur ungenügend vertraut sind. Das führt mitunter zu verhängnisvollen Ergebnissen. Nur wer sehr stark im Geist ist, kann es sich leisten, auf diesem Pfad Fehler zu begehen). Die moralische Läuterung wird im offiziellen System unter zwei Überschriften dargestellt: die fünf yama und die fünf niyama. Das erste sind Regeln für die moralische Selbstbeherrschung im Verhalten, z. B. die Wahrheit zu sagen, sich jedes Unrechts und des Tötens zu enthalten, nicht zu stehlen usw. In Wirklichkeit sollen wir diese Gebote als gewisse Wegweisung dafür ansehen, dass wir ganz allgemein moralischer Selbstbeherrschung und Läuterung bedürfen. Yama ist im umfassenden Sinn jede Selbstdisziplin, durch die im menschlichen Wesen der rajasische Egoismus mit seinen Leidenschaften und Begehren überwunden und bis zum völligen Aufhören gebracht werden soll. Das Ziel dabei ist, eine Stille sittlicher Art, Freisein von den Leidenschaften zu bewirken und den Tod des Egoismus in der rajasischen menschlichen Natur herbeizuführen. Die Übungen des niyama sind ebenfalls eine Disziplin des Mentals durch regelmäßiges Praktizieren, wobei die höchste das Meditieren über das göttliche Wesen ist. Ihr Zweck ist, sattwische Ruhe, Läuterung und Vorbereitung für die Konzentration zu bewirken, auf die in gesicherter Weise die übrigen Übungen dieses Yoga aufgebaut werden können.

Erst wenn diese Grundlage sicher genug ist, kommt die Ausübung von Asana und Pranayama hinzu; erst dann können sie ihre vollkommene Frucht bringen. Für sich allein genommen, verschafft die Beherrschung des mentalen und des moralischen Wesens unserem normalen Bewusstsein nur die richtige vorbereitende Grundhaltung. Sie kann aber nicht jene Evolution oder Manifestation des höheren seelischen Wesens zustande bringen, die für die höheren Ziele des Yoga notwendig ist. Um diese Manifestation zuwege zu bringen, muss die gegenwärtige enge Verknüpfung des vitalen und physischen Körpers mit dem mentalen Wesen gelockert, der Weg frei gemacht werden für das Emporsteigen mittels des höheren seelischen Wesens bis zum Einswerden mit dem überbewussten Purusha. Das kann durch Pranayama bewirkt werden.

Asana wird beim Raja-Yoga nur in seiner leichtesten und natürlichsten Körperhaltung verwendet, also in der, die der Körper von selbst annimmt, wenn er sitzt und gesammelt ist. Dabei müssen Rücken und Haupt aufrecht in einer geraden Linie gehalten werden, so dass es zu keiner Biegung des Rückgrats kommt. Die Absicht dieser letzten Regel ist offensichtlich mit der Theorie der sechs Chakren verbunden, damit die Zirkulation der Vitalenergie ungehindert zwischen Muladhara und brahmarandhra verläuft. Das Pranayama des Raja-Yoga läutert und klärt das Nervensystem. Dadurch können wir die Vitalenergie in ausgeglichenerweise durch den Körper zirkulieren lassen und sie auch dorthin dirigieren, wo sie benötigt wird. Wir erhalten uns hierdurch vollkommene Gesundheit, ein Wohlbefinden des Körpers und des Vitalwesens. Wir beherrschen auf diese Weise auch alle fünf gewohnheitsmäßigen Abläufe der Vitalenergie in unserem System und zerbrechen zugleich die zur Gewohnheit gewordenen Abtrennungen, infolge derer nur die gewöhnlichen mechanischen Prozesse der Vitalität für das normale Leben verwendbar sind. Diese Übung öffnet die sechs Zentren des psycho-physischen Systems vollständig und bringt in das wache Bewusstsein auf jeder der übereinander liegenden Ebenen die Macht der erweckten Shakti und das Licht des enthüllten Purusha. Wenn hiermit noch die Verwendung eines Mantra verbunden wird, zieht diese Methode die göttliche Energie in den Körper herab, bereitet jene Konzentration im Samadhi vor und erleichtert sie, die die Krönung der Methode des Raja-Yoga ist.

Worte der Mutter

Ich weiß nicht … Eine Sache, die Sri Aurobindo oft beschreibt (zum Beispiel in der Supramentalen Manifestation), hörte ich dich nie erwähnen, und zwar die Transformation der Organe durch die „Chakren“: die Energie der Bewusstseinszentren. Du sprichst fast nie von den Chakren oder der Rolle der Chakren … Denn man könnte sich zum Beispiel vorstellen, dass diese Energiezentren dem Körper ein ausreichendes Gerüst verleihen, um ihn aufrecht zu halten.

(nach einem langen Schweigen)

Diesen „Aufstieg der Kundalini“ erlebte ich in Paris – bevor ich nach Indien kam. Ich hatte Vivekanandas Bücher darüber gelesen … Als die Kraft aufstieg, trat sie an dieser Stelle aus dem Kopf aus (Geste zur Schädeldecke); die klassische Erfahrung wurde nie so beschrieben. Sie trat aus, und das Bewusstsein verankerte sich dort (Geste ungefähr 20 cm über dem Kopf). Als ich hierher kam, erzählte ich das Sri Aurobindo, und er sagte mir, dass es bei ihm auch so gewesen sei, wohingegen man nach der „Lehre“ in den Texten so nicht leben könne: man stirbt! Daraufhin … (lachend) sagte er mir: „Hier sind also zwei, die nicht daran gestorben sind!“

Und das Bewusstsein ist dort geblieben (Geste darüber), es kam nicht wieder herab; es ist immer noch dort.

Ich fühle es auch häufig dort. Ich weiß nicht, ob das eine Illusion ist, aber ich fühle es viel häufiger dort als darunter.

Ja. Oh, aber das muss sich weitergeben lassen.

Hier, knapp über dem Kopf (die gleiche Geste, ungefähr 20 cm über dem Kopf) auf diese Weise.

Wenn ich etwas wissen möchte, ist es immer gleich: alles hält inne, und ich lausche dort (Geste nach oben).

(Schweigen)

Als ich von hier zurückreiste … Eines geschah absichtlich: alle Energien des letzten Zentrums [an der Wurzel der Wirbelsäule] wurden hier hinaufgezogen [zum Herzen].

Aber ich spürte weitere Zentren UNTERHALB der Füße: ein Zentrum unterhalb der Füße, eines bei den Knien und eines hier [an der Wurzel der Wirbelsäule], und all dies (Geste, alle Energien nach oben zu ziehen) wurde so hochgezogen und kam hierhin [zum Herzen].

Spricht Sri Aurobindo von dieser Transformation des Unterbewussten, das bewusst wird?

Ja, liebe Mutter, er spricht davon.

Das geschah, als diese Energien hierhin gezogen wurden: dies war das Ergebnis.

(langes Schweigen)

Nachdem ich hierher gekommen war, kümmerte ich mich nicht mehr um den Körper: ich kümmerte mich nur noch um die Arbeit; aber bevor ich definitiv hierher kam, besonders in der Zeit zwischen meinem ersten Besuch hier und meiner endgültigen Rückkehr … (Ich kam 1920 definitiv zurück; mein erster Besuch war 1914, und ich reiste 1915 wieder ab, glaube ich. Von 1916 bis 1920 war ich in Japan.) Zwischen 1915 und 1920 hatte ich all diese Erfahrungen [Kundalini usw.] – in Frankreich und in Japan.

(Mutter tritt in Kontemplation)

Aber liebe Mutter, ich würde gern verstehen, warum du, seitdem du dich zur körperlichen Transformation in dieses Zimmer zurückgezogen hast, nie von der Rolle der „Chakren“ gesprochen hast, während Sri Aurobindo ihnen in der Supramentalen Transformation eine entscheidende Bedeutung für die Transformation des Körpers beizumessen scheint. Er spricht oft davon, als seien sie ein Schlüsselelement.

(nach einem Schweigen)

Ich bin mir vor allem des Bewusstseins hier oben bewusst (über den Kopf weisende Geste), das bleibt unerschütterlich. Hier (Geste zur Stirn): leer. Wenn es sich zu bewegen beginnt, ist das sehr unangenehm, aber gewöhnlich rührt es sich gar nicht – eines Tages regte es sich für einige Minuten, und das war äußerst unangenehm. Es ist so (Geste wie ein unbewegter Balken), weiß: wie ein weißes Papier … Dies (Geste zur Kehle und zum Mund) ist die Verbindung zu den Leuten, und das ist ÄUSSERST unangenehm, wirklich äußerst unangenehm (ich kann es nicht anders sagen), und materiell drückt sich das durch den Verfall der Zähne aus … Sehr unangenehm. Hier (Geste zum Herzen) … Ich sagte es dir: alle Energien, angefangen von unter den Füßen (Geste, alles nach oben zu ziehen), all das war dorthin aufgestiegen. Hier [beim Herzen] ist es wie eine strahlende Sonne, ständig. Eine strahlende Sonne, und dort arbeite ich; von dort geht die Arbeit aus … Aber alle Energien der unteren Zentren (Geste zur der Wurzel der Wirbelsäule) sind gleichsam zum Herzen aufgestiegen.

All dies ist so natürlich (Geste zum Herzen und oberhalb des Kopfes), dass ich es nicht einmal mehr beobachte: dies ist meine Seinsweise.

Doch das Bewusstsein ist nicht im Körper zentriert, und der Körper erweckt den Eindruck … fast wie ein Übertragungsrohr!