Kapitel 9
Was der Mensch ist
Ein höheres Säugetier:
Eine Upanishad erklärt, dass das Selbst oder der Geist nach der Entscheidung Leben zu erschaffen zuerst Tierarten wie die Kuh und das Pferd formte. Aber die Götter, – die im Denken der Upanishaden Kräfte des Bewusstseins und der Natur sind, – sahen sie als ungenügende Vehikel an. Deshalb erschuf der Geist schließlich die menschliche Form, die die Götter außerordentlich gut und ausreichend fanden, und in welche sie zur Ausübung ihrer kosmischen Funktionen eintraten. Dies ist ein klares Gleichnis für die Erschaffung immer evolvierterer Formen, bis eine gefunden wurde, die ein entwickeltes Bewusstsein beherbergen konnte.
Eine empfängliche Seele:
Das Tier hat nur wenige Bedürfnisse und ist zufrieden. Den Göttern genügt ihre eigene Pracht. Aber der Mensch kann nicht eher ruhen, als bis er ein höchstes Gut erlangt. Er ist das größte der lebenden Wesen, weil er das unzufriedenste ist, weil er den Druck seiner Einschränkungen am meisten spürt. Nur ihm ist es vielleicht möglich, von einer göttlichen Passion für ein fernes Ideal ergriffen zu sein.
Für den Lebensgeist ist deshalb in erster Linie der Mensch, das Individuum, in dem sich seine Möglichkeiten zentrieren, der Purusha. Es ist der Sohn des Menschen, der in höchstem Maße fähig ist, Gott zu inkarnieren. Dieser Mensch ist nach dem Denken der Weisen aus alter Zeit der Manu, der Denker, der Manomaya Purusha, die mentale Person oder die Seele im Mental. Er ist nicht bloß ein höheres Säugetier, sondern eine empfängliche Seele, die in der Materie auf dem tierischen Körper gründet. Er ist bewusster Name oder Numen und nutzt Form als Medium, durch welches Person mit Dingen wirken kann. Das aus der Materie hervorgehende tierische Leben ist nur der untergeordnete Ausdruck seiner Existenz. Das Leben von Denken, Fühlen, Wollen, bewusster Impulse, das, was wir in seiner Ganzheit das Mental nennen, das, was sich bemüht, die Materie und ihre vitalen Kräfte zu beherrschen und sie dem Gesetz seiner eigenen fortschreitenden Transformation zu unterwerfen, ist der mittlere Ausdruck, in welchem er seinen Wirkungsort errichtet. Aber es gibt genauso einen höchsten Ausdruck, nach dem der Mentale Geist des Menschen sucht, damit er, nachdem er ihn gefunden hat, ihn in seiner mentalen und körperlichen Existenz verankern kann. Diese praktische Verankerung von etwas, das sein jetziges Selbst wesentlich übersteigt, ist die Grundlage des göttlichen Lebens im menschlichen Wesen.
In seiner wahren Natur ist er Geist:
Der Mensch ist in seiner wahren Natur… Geist, der das mentale Denken, das Leben und den Körper für eine individuelle und eine gemeinschaftliche Erfahrung und Selbstmanifestation im Universum nutzt. Dieser Geist ist ein unendliches Sein, das sich für individuelle Erfahrungen in einem äußeren Wesen selbst begrenzt. Er ist ein unendliches Bewusstsein, das sich in endlichen Bewusstseinsformen definiert, um sich an verschiedenartigem Wissen und vielfältigen Wesenskräften zu erfreuen. Er ist im Lebewesen unendliche Wonne, die sich und ihre Kräfte ausdehnt und zusammenzieht, verbirgt und enthüllt und viele Ausdrucksweisen ihrer Daseinsfreude formuliert, sogar bis hin zu einer scheinbaren Verdunkelung und Leugnung ihrer eigenen Natur. In sich selbst ist er ewiger Sachchidananda, aber diese Komplexität, dieses Entknoten und Enträtseln des Unendlichen im Endlichen ist der Aspekt, den wir ihn in der universalen und individuellen Natur annehmen sehen. Das ewige Sachchidananda, dieses essentielle Selbst unseres Wesens, zu entdecken und darin zu leben, ist die stabile Basis für die Offenbarung seiner wahren Natur. Hier kann es in unseren Instrumenten von Obermental, Mental, Leben und Körper, den aktiven Prinzipien einer spirituellen Vollkommenheit, einen göttlichen Weg zu leben erschaffen.
Seine Befreiung:
Der Purusha, der unser wahres Wesen ist, ist immer unabhängig und Meister der Prakriti, und diese Unabhängigkeit suchen wir zu Recht zu erreichen. Das ist der Nutzen der egoistischen Bewegung und ihrer Selbst-Überschreitung, aber ihre richtige Verwirklichung liegt nicht darin, das Prinzip der unabhängigen Existenz des Egos absolut zu setzen, sondern jene andere höchste Haltung des Purusha in Beziehung zu seiner Prakriti zu erlangen. Hier ist die Natur überschritten, aber auch gemeistert in der vollkommenen Erfüllung unserer Individualität wie auch unserer Beziehungen zur Welt und zu anderen. Deshalb ist eine individuelle Errettung in jenseitigen Himmeln ohne sich um die Welt zu kümmern nicht unser höchstes Ziel. Die Befreiung und Selbsterfüllung anderer ist genauso unser Anliegen, – wir können fast sagen: unser göttliches Selbst-Interesse, – wie unsere eigene Befreiung. Sonst hätte unser Einssein mit anderen keine effektive Bedeutung. Der erste Sieg über uns selbst ist der Sieg über den Reiz der egoistischen Existenz in dieser Welt. Unser zweiter Sieg ist die Überwindung der Verlockung individuellen Glücks in jenseitigen Himmeln. Der letzte und größte Sieg ist der Sieg über die höchste Sogkraft der Flucht aus dem Leben und einer selbstvergessenen Seligkeit in der unpersönlichen Unendlichkeit. Dann haben wir alle individuelle Ausschließlichkeit abgeschüttelt und eine vollkommene spirituelle Freiheit erlangt.