Kapitel 9

Gelassenheit und das Auslöschen des Egos

Das sind die Schritte, durch die eine völlige Unterwerfung (surrender) des gesamten Wesens und der Natur unter den Göttlichen Willen vorbereitet und zuwege gebracht werden kann: Selbst-Hingabe, die wahr, total und ohne Vorbehalt ist: völlige Selbst-Darbringung (consecration) und vollkommene Ausgeglichenheit, Gleichmut, Gelassenheit (equality), schonungslose Ausmerzung des Egos und umwandelnde Befreiung der Natur von ihren aus der Unwissenheit stammenden Wirkensweisen. Von Anfang an ist der Geist einer völligen Selbst-Darbringung in unserem Wirken notwendig. Das soll zunächst zum beständigen Willen und dann zum tief eingewurzelten Bedürfnis in unserem ganzen Wesen werden. Zuletzt wird das zu einer automatischen, jedoch lebendigen und bewussten Gewohnheit. Wir werden vom Selbst dazu gedrängt, jegliches Wirken dem Höchsten und der verhüllten Macht, die in uns, in allen Wesen und in allen Wirkensweisen des Universums gegenwärtig ist, als ein Opfer darzubringen. Das Leben ist der Altar dieses Opfers, und unsere Werke sind unsere Opfergaben. Die Gottheit, der sie dargebracht werden, ist eine transzendente und universale Macht und Gegenwart, die zunächst von uns viel mehr nur gefühlt und geahnt als gewusst und geschaut wird. Das Opfer, die Selbst-Darbringung, hat zwei Seiten: einmal das Werk selbst, zum anderen den Geist, in dem es getan wird, den Geist der Ehrfurcht vor dem Meister aller Werke in allem, was wir sehen, denken und erfahren.

Das Wirken selbst wird am Anfang durch die klarste Erkenntnis bestimmt, die wir in unserer Unwissenheit aufbringen können. In diesem Licht begreifen wir das Werk als das, was ausgeführt werden soll. Grundsätzlich ist es einerlei, ob die gestaltende Kraft dabei unser Pflichtbewusstsein oder unser Mitgefühl für unsere Mitmenschen ist. Sie kann auch unsere Vorstellung von dem sein, was dem Wohl der anderen oder dem Wohl der Welt dient, oder die Lenkung durch einen Menschen, den wir als unseren Meister anerkennen, weil er weiser als wir und darum für uns der Repräsentant jenes Herrn aller Werke ist, an den wir glauben, den wir aber noch nicht kennen. Das Prinzip ist dasselbe. In allem Wirken muss das Wesentliche des Opfers der Werke enthalten sein. Dieses Wesentliche ist die völlige Hingabe (surrender) jeglichen Verlangens nach der Frucht unseres Wirkens, also der Verzicht auf alles Hängen am Ergebnis, um dessentwillen wir arbeiten. Solange wir mit einem Hang zum Resultat arbeiten, wird das Opfer nicht dem Göttlichen sondern unserem Ego dargebracht. Wenn wir anders darüber denken, betrügen wir uns selbst. Wir machen dabei unsere eigene Vorstellung vom Göttlichen, unser Pflichtbewusstsein, unser Mitfühlen für unsere Mitmenschen, unsere Idee von dem, was das Wohl der Welt oder der anderen erfordert, ja sogar unseren Gehorsam dem Meister gegenüber zu einem Vorwand für das, was nur das eigene Ego befriedigt, für unsere eigenen Liebhabereien, - ein trügerischer Schutzschild gegen das Gebot, dass wir alles Begehren aus unserer Natur ausrotten sollen.

Auf dieser Stufe des Yoga, ja im ganzen Verlauf des Yoga, ist diese Form des Begehrens und diese Gestalt des Egos der Feind, gegen den wir stets mit wacher Aufmerksamkeit auf der Hut sein müssen. Wir dürfen nicht den Mut verlieren, wenn wir diesen Widerpart immer wieder In unserem Inneren finden, wo er auf der Lauer liegt und alle möglichen Tarnungen annimmt. Wir sollten wachsam sein, ihn in allen seinen Masken entdecken und unerbittlich seinen Einfluss ausmerzen. Das erleuchtende Wort bei diesem Vorgang ist jene entscheidende Zelle der Gita: „Du hast ein Recht auf das Wirken, aber nie und unter keinen Umständen auf seine Frucht.“ Die Frucht gehört einzig und allein dem Herrn aller Werke. Wir sollen allein darauf bedacht sein, den Erfolg unserer Arbeit durch ein treues, sorgfältiges Handeln vorzubereiten, um ihn dann, wenn er eintritt, dem göttlichen Meister darzubringen. Danach sollen wir in gleicher Weise, wie wir unserem Hang nach der Frucht des Werkes entsagt haben, auch dem Hang zum Werk selbst entsagen. Wir sollen jeden Augenblick bereit sein, eine bestimmte Arbeit, einen Ablauf oder ein Feld unseres Handelns gegen ein anderes auszutauschen oder gar alles Wirken aufzugeben, wenn das der klare Befehl des Meisters ist. Sonst handeln wir nicht um seinetwillen, sondern für unsere eigene Befriedigung und Lust am Wirken, aus dem Bedürfnis nach Betätigung unserer unruhig-aktiven Natur oder um unseren Liebhabereien zu dienen. Das alles sind Stützpunkte und Verstecke unseres Ego. So notwendig sie auch für den gewöhnlichen Antrieb des Lebens sein mögen, so müssen wir sie doch beim Wachsen des spirituellen Bewusstseins aufgeben und durch ihr göttliches Gegenstück ersetzen. Ananda, eine nicht-personale, von Gott gelenkte Freude wird die unerleuchtete Befriedigung des Vitals und seiner Lust ausmerzen. Die freudvolle Antriebskraft der Göttlichen Energie wird das unruhig-aktive Bedürfen ersetzen. Die Befriedigung der Liebhabereien wird kein Ziel oder Bedürfnis mehr sein. Statt dessen werden wir den Göttlichen Willen durch die natürliche dynamische Wahrheit im Wirken einer freien Seele und einer erleuchteten Natur zur Erfüllung bringen. Am Ende werden wir dann genau so, wie wir das Verlangen nach der Frucht des Wirkens und nach dem Werk selbst aus unserm Herzen ausmerzen konnten, auch die letzte Gebundenheit an die Idee und das Empfinden aufgeben, wir selbst seien der Täter. Wir sollen allein die Göttliche Shakti über uns und in unserem Inneren als den wahren und alleinigen Wirkenden erkennen und fühlen.

Der Verzicht auf alle Gebundenheit an das Werk und seine Frucht ist der Anfang einer umfassenden Bewegung hin zu absoluter Ausgeglichenheit, Gelassenheit im Mental und in der Seele, die alles in sich einhüllen muss, wenn wir im Geist vollkommen werden wollen. Die Ehrfurcht vor dem Meister der Werke erfordert, dass wir ihn klar erkennen und in Freude anerkennen: in uns selbst, in allen Dingen und Ereignissen. Eine harmonische Ausgeglichenheit ist das Kennzeichen anbetender Ehrfurcht. Sie ist der Grund der Seele, auf dem ein wahres Opfer und ein wahrer Dienst Gottes vollbracht werden können. Der Herr existiert in der Welt in gleicher Welse in allen Wesen. Wir dürfen darum keine wesenhaften Unterschiede zwischen uns und den anderen machen: zwischen dem Weisen und dem Unwissenden, zwischen Freund und Feind, Mensch und Tier, dem Heiligen und dem Sünder. Wir dürfen niemanden hassen, niemanden verachten, uns von niemandem abgestoßen fühlen. Denn wir sollen in allen den Einen sehen, der sich nach seiner Lust verkleidet oder offenbart. In dem einen ist er nur ein wenig, in dem anderen mehr geoffenbart. In anderen ist er verborgen oder gänzlich entstellt, je nach seinem Willen und seinem Wissen dessen, was seiner Absicht am besten dient, wenn er in ihnen Gestalt annimmt und in ihrer Natur wirkt. Alles ist unser Selbst, ein einziges Selbst, das viele Gestaltungen angenommen hat. Hass und Abneigung, Spott und Abscheu, Anhänglichkeit, Zuneigung und Bevorzugung sind auf einer gewissen Stufe natürlich, notwendig und unvermeidlich. Diese Regungen dienen oder helfen dazu, die Entscheidung der Natur in uns zu bilden und durchzuführen. Für den Karma-Yogin sind sie aber etwas Überlebtes, ein Hindernis und Ausdruck der Unwissenheit. Je weiter er fortschreitet, desto mehr fallen sie von seiner Natur ab. Die Kindseele benötigt sie für ihr Wachstum. Bei dem Menschen aber, der in der göttlichen Bildung erwachsen wird, fallen sie ab. In der Gottnatur, zu der wir emporkommen sollen, kann es wohl eine stahlharte, ja eine zerstörende Strenge geben, jedoch keinen Hass, eine göttliche Ironie, aber keinen Hohn, eine ruhige, klarblickende und kraftvolle Zurückweisung, aber keinen Abscheu und keinen Widerwillen. Selbst wenn wir etwas vernichten müssen, dürfen wir es nicht verabscheuen und ihm nicht die Anerkennung versagen, dass auch es eine verkleidete und zeitweilige Bewegung des Ewigen ist.

Da nun alle Dinge dieses einzige Selbst in seiner Manifestation sind, sollen wir überall Gleichmut und Gelassenheit der Seele aufbringen: gegenüber dem Hässlichen und dem Schönen, dem Verkrüppelten und dem Vollkommenen, dem Edlen und dem Gemeinen, dem Angenehmen und dem Unangenehmen, dem Guten und dem Bösen. Auch hier darf es keinen Hass, Hohn und Widerwillen geben. Statt dessen sollen wir mit gleichmütigem Blick alle Dinge in ihrem wahren Charakter und an dem ihnen bestimmten Platz sehen. Wir erkennen dann, dass alle Dinge irgendeine Wahrheit oder Tatsache des Göttlichen zum Ausdruck bringen oder verhüllen, entfalten oder entstellen, so gut sie es vermögen oder mit dem Mangel, den sie unter den für sie vorgesehenen Umständen in der Weise darstellen müssen, wie es für den unmittelbaren Zustand, für die Funktion oder für die Evolution Ihrer Natur erforderlich ist. Sie sollen irgendeine Energie oder ein Potenzial des Göttlichen darstellen, das durch seine Gegenwart in der fortschreitenden Manifestation für das Ganze der gegenwärtigen Dinge ebenso nötig ist wie für die Vollkommenheit des endgültigen Resultats. Diese Wahrheit sollen wir suchen und hinter der vergänglichen Ausdrucksform entdecken. Wir dürfen uns nicht durch die äußeren Erscheinungen, durch die Mängel oder Entstellungen der Ausdrucksform abschrecken lassen. Nur dann können wir das Göttliche verehren, das hinter seinen Masken immer makellos, rein, schön und vollkommen steht. In Wahrheit muss zwar alles umgewandelt werden. Wir dürfen keine Hässlichkeit gelten lassen, sondern nur die göttliche Schönheit. Wir sollen bei keiner Unvollkommenheit stehen bleiben, sondern immer nach Vollkommenheit ringen. Das höchste Gute müssen wir zu unserem universalen Ziel machen, nicht das Böse. Doch sollen wir alles, was wir tun, mit spirituellem Verstehen und Wissen vollbringen. Wir sollen nach einem göttlichen Guten, nach der Schönheit, Vollkommenheit und der göttlichen Freude streben, nicht nach menschlichen Maßstäben in diesen Dingen. Wenn wir die harmonische Ausgeglichenheit noch nicht besitzen, ist das ein Zeichen dafür, dass wir noch unter der Macht der Unwissenheit stehen. Wir werden dann nichts wahrhaft verstehen, und es ist mehr als wahrscheinlich, dass wir unsere frühere Unvollkommenheit zwar ausmerzen, aber dafür eine andere, neue erschaffen. Wir ersetzen dabei die göttlichen Werte durch Wertschätzungen unseres menschlichen Mentals und der Begehrensseele.

Diese Ausgeglichenheit bedeutet nicht eine neue Unwissenheit oder Blindheit. Wir brauchen nicht wegen ihr alles trüb zu sehen; sie löscht nicht alle Färbungen aus. Verschiedenheit und Abwechslung in den Ausdrucksformen bleiben bestehen. Wir sollen die Unterschiedlichkeit hoch einschätzen und sind dazu nun umso mehr berechtigt als früher, da unser Blick noch parteiisch und irrend, durch Liebe und Hass, Bewunderung und Hohn, Sympathie und Antipathie, Hinneigung und Ablehnung getrübt war. Wir werden hinter allem, was verschieden und unvollständig ist, den Allumfassenden und Unveränderlichen, Einen schauen, der darin wohnt. Wir werden die weise Absicht und göttliche Notwendigkeit der besonderen Manifestation fühlen und erkennen. Zumindest werden wir, wenn sie vor unserem Blick verborgen ist, auf sie vertrauen, einerlei ob sie nach unseren menschlichen Maßstäben als harmonisch und vollkommen oder als roh, unvollendet, ja sogar als falsch und böse erscheint.

Dieselbe Ausgeglichenheit des Mentals und der Seele werden wir ebenso allen Geschehnissen gegenüber haben, seien sie schmerzvoll oder erfreulich: Niederlage und Erfolg, Ehre und Unehre, guter und böser Ruf, Glück und Unglück. Wir werden in allen Ereignissen den Willen des Meisters jeglichen Wirkens und aller Ergebnisse erkennen und sie als einen Schritt dahin auffassen, dass sich das Göttliche in der Evolution immer vollkommener zum Ausdruck bringt. Gott offenbart sich allen, die das innere Auge des Schauens besitzen, in Kräften, in ihrem Spiel und in ihren Resultaten ebenso wie in Dingen und Geschöpfen. Alle Dinge bewegen sich auf ein göttliches Ereignis hin. Jede Erfahrung, das Leiden und der Mangel nicht weniger als die Freude und Befriedigung, ist ein notwendiges Glied, um die universale Bewegung zum Ziel zu bringen, die zu verstehen und zu unterstützen unsere Aufgabe ist. Sich dagegen zu empören, sie zu verurteilen und gegen sie aufzubegehren, ist der Impuls unserer undisziplinierten und unwissenden Instinkte. Die Revolte hat, wie auch sonst alles, ihre nützliche Bedeutung in dem Spiel der Kräfte und ist zu ihrer Zeit und auf ihrer eigenen Stufe sogar notwendig, hilfreich und in der göttlichen Entwicklung vorgesehen. Die Regung einer ignoranten Rebellion gehört zu jener Stufe, da die Seele noch in ihrer Kindheit oder in ihrer unreifen Jugendlichkeit steckt. Die reif gewordene Seele verurteilt nicht, sie sucht vielmehr zu verstehen und Herr über die Verhältnisse zu werden. Sie begehrt gegen diese nicht auf, sondern akzeptiert sie und müht sich darum, sie zu verbessern und zu vervollkommnen. Sie revoltiert nicht im Inneren, sondern sie arbeitet daran, sich in sie einzufügen, sie zu ihrer Erfüllung zu bringen und umzugestalten. Wir werden also alle Dinge mit einer gleichmütigen Seele aus der Hand des Meisters in Empfang nehmen. Wir werden unser Versagen ebenso ruhig als einen Übergang eingestehen wie unseren Erfolg, bis die Stunde des göttlichen Sieges gekommen ist. Unsere Seele, unser Mental und unser Körper werden selbst im stärksten Kummer, in Schmerz und Leiden unerschüttert bleiben, wenn uns das durch den göttlichen Ratschluss auferlegt wird. Sie werden aber auch durch die intensivste Freude und Lust nicht überwältigt werden. Wenn wir so die innere Balance einer wahren harmonischen Ausgeglichenheit erlangen, werden wir unseren Weg standhaft fortsetzen und alles mit gleichmütiger Ruhe aufnehmen, bis wir zu einem erhabenen Zustand befähigt sind und in das höchste universale Ananda eingehen können.

Eine solche Gelassenheit können wir aber nur durch eine sich lang hinziehende Zeit schwerer Prüfungen und durch geduldige Selbst- Disziplin erlangen. Solange das Begehren noch stark ist, kann diese Ausgeglichenheit überhaupt nur in Perioden der Beruhigung und Ermüdung des Begehrens kommen. Dann ist sie aber wahrscheinlich eine träge Gleichgültigkeit, oder das Begehren zieht sich scheu in sich selbst zurück. Das ist nicht die wahre Ruhe und positive spirituelle Einheit. Außerdem hat die Disziplin des Hineinwachsens in die Ausgeglichenheit des Geistes notwendige Epochen und Stufen. Gewöhnlich müssen wir mit einer Periode standhaften Erduldens beginnen. Wir müssen lernen, uns allen Kontakten des Lebens zu stellen, sie auszuhalten und in uns aufzunehmen. Wir sollen jede Faser unseres Wesens lehren, nicht wehleidig dem auszuweichen, was ihm Schmerzen bereitet und es abstößt; wir sollen nicht begierig dem nachlaufen, was ihm Lust verschafft und es anzieht. Wir sollen vielmehr alle Kontakte annehmen, uns ihnen stellen, sie ertragen und die Herrschaft über sie erringen. Wir sollen stark genug sein, zu ertragen, was immer auf uns kommt, nicht nur das, was unserem eigenen persönlichen Wesen entspricht, sondern auch das, was aus unserem Mitempfinden oder unserem Konflikt mit den Welten um uns, über uns und unter uns und mit ihren Menschen herrührt. Wir sollen in Ruhe ertragen, wie Menschen, Dinge und Kräfte auf uns wirken und uns beeindrucken. Den Druck der Götter und den Ansturm von Titanen müssen wir aushalten. Wir sollen alles ertragen und in den unbewegten Gewässern unseres Geistes zusammenströmen lassen, was auf den Wegen der unendlichen Erfahrung der Seele zu uns herniederkommen kann. Das ist die stoische Periode der Vorbereitung auf die Ausgeglichenheit; es ist ihre elementarste und zugleich ihre heroischste Zeit. Dieses standhafte Aushalten des Fleisches, des Herzens und des Mentals muss aber durch ein anhaltendes Empfinden gestärkt werden, dass wir uns spirituell einem göttlichen Willen unterwerfen. Der formenden göttlichen Hand des göttlichen Töpfers, die unsere Vollkommenheit gestaltet, sollen wir, dieser lebendige Lehm, uns nicht nur mit einer strengen oder mutigen Fügsamkeit, sondern mit Wissen, Ergebung, selbst im Leiden, überlassen. Das ist ein weiser, frommer, selbst ein sanfter Stoizismus des Gott-Liebenden. Eine solche Haltung ist möglich und besser als jenes rein areligiöse Ertragen, das nur auf die eigene Kraft vertraut und zu einer allzu starken Verhärtung und Unempfänglichkeit des Instrumentes Gottes fühlen kann. Nur diese Haltung des Gott-Liebenden bildet jene Stärke aus, die Weisheit und Liebe wirksam machen kann. Ihre Ruhe ist eine in den Tiefen bewegte Stille, die dann leicht in die selige Freude übergeht. In dieser Periode der Ergebung und des Erduldens gewinnen wir die Stärke der Seele, die allen Erschütterungen und Einwirkungen gewachsen ist.

Dann folgt eine Periode, da die Seele des Sadhaka zum hohen Standpunkt der Unparteilichkeit gelangt ist und allem ohne egoistische Interessen gegenüberstehen kann. Hier ist sie frei von dem Jubel der Freude und von der Depression des Kummers. Sie meidet die Fallstricke des Überschwangs der Lust und das finstere Netz der Qualen von Schmerz und Leiden. Wir betrachten alle Dinge, Personen und Kräfte, alle Gedanken, Gefühle, Empfindungen und Handlungen, die eigenen nicht weniger als die anderer, von dieser hohen Position her mit einem Geist, der dem allem unberührt gegenübersteht, unbeweglich bleibt und dadurch nicht verwirrt wird. Das ist die philosophische Periode der Vorbereitung der harmonischen Ausgeglichenheit; es ist eine umfassende, erhabene Haltung. Jedoch darf diese Neutralität nicht in träge Abwendung vom Handeln und von der Erfahrung absinken. Sie darf nicht zu einer Abneigung werden, die aus müder Schwäche, aus Widerwillen und Abscheu geboren ist. Es darf kein Zurückschrecken des enttäuschten oder übersättigten Begehrens oder die grämliche Widerwilligkeit einer vereitelten, unbefriedigten Ichsucht sein, die gezwungen wurde, ihre leidenschaftlichen Ziele aufzugeben. In der unreifen Seele tritt ein solches Zurückweichen unvermeidlich ein. Es kann ihr gelegentlich zum Fortschritt helfen, da es die überaktive, vom Begehren getriebene vitale Natur bändigt. Das ist aber nicht die Vollkommenheit, nach der wir streben. Die Neutralität oder Unparteilichkeit, die wir suchen, ist eine ruhige Überlegenheit der Seele, die hoch über den Kontakten der Dinge steht, udāsīna. Sie betrachtet diese, nimmt sie an oder weist sie zurück, wird aber bei Zurückweisung nicht durch sie erregt und ist ihnen auch durch Annahme nicht unterworfen. Die Seele fühlt sich immer näher einem schweigenden Selbst und Geist, immer mehr verwandt und geeint mit ihm, der in sich selbst existiert und für sich abgesondert bleibt vom Wirken der Natur, das er fördert und möglich macht. So wird die Seele zu einem Teil der bewegungslosen stillen Wirklichkeit oder geht auf in ihr, die jenseits von der Bewegung und Aktion des Universums existiert. Der Gewinn aus dieser Periode einer hohen Transzendenz ist der Friede der Seele, der weder durch das liebliche Gekräusel noch durch die stürmischen Wogen der Weltbewegung erschüttert wird.

Wenn wir durch diese beiden Stufen der inneren Umwandlung hindurchgehen, ohne auf einer von ihnen zu halten oder stehenzubleiben, wird uns der Zugang zu einer höheren göttlichen Gelassenheit geschaffen. Sie ist fähig zu spiritueller Glut und ruhiger, freudseliger Leidenschaft, einem entzückten, alles verstehenden und alles besitzenden Gleichmut der vollkommenen Seele, zu einer intensiven und harmonischen Weite und Erfülltheit ihres Wesens, das alle Dinge in Liebe umarmt. Das ist dann die höchste Periode. Der Zugang zu ihr führt durch die Freude totaler Selbst-Hingabe an das Göttliche und an die universale Mutter. Die Stärke wird gekrönt durch eine frohe Meisterschaft. Der Friede vertieft sich in Seligkeit. Der Besitz der göttlichen Ruhe wird höher emporgehoben und zur Grundlage dafür, dass wir die göttliche Bewegung im Wirken besitzen. Wenn wir aber diese höhere Vollkommenheit gewinnen wollen, muss sich die unparteiische erhabene Position der Seele ändern. Sie soll nicht mehr nur von oben her auf das Dahinströmen der Gestaltungen, Personalitäten, Bewegungen und Kräfte hinabblicken. Vielmehr soll sich ihre Haltung in ein neues Empfinden starker und ruhiger Unterwerfung und machtvoll intensiver Selbst-Auslieferung (surrender) verwandeln. Diese völlige Hingabe ist nicht mehr nur resignierte Zustimmung sondern frohe Einwilligung. Jetzt empfinden wir kein Leiden mehr oder dass wir eine Bürde oder ein Kreuz tragen müssten. Vielmehr ist das strahlende Gewebe dieser Stimmung der Seele die Liebe, selige Freude und frohe Selbst-Darbringung. Wir überantworten uns nicht mehr nur einem göttlichen Willen, den wir wahrnehmen, anerkennen und befolgen, sondern in dem Willen auch einer göttlichen Weisheit, die wir erkennen, und einer göttlichen Liebe, die wir fühlen und entzückt erleiden. Das ist die Weisheit und Liebe eines höchsten Geistes und des Selbstes unseres eigenen Wesens und aller, mit denen wir zu einem frohen, vollkommenen Einswerden gelangen können. Im philosophischen Gleichmut des Weisen ist das letzte Wort eine einsame Macht, Friede und Stille. In ihrer integralen Erfahrung befreit sich die Seele jedoch von diesem selbst-geschaffenen Zustand und verströmt sich in das Meer einer höchsten, alles umarmenden Verzückung der anfangslosen, unendlichen Seligkeit des Ewigen. Zuletzt werden wir alle Kontakte des Lebens mit einer beseligten Ausgeglichenheit empfangen können, weil wir in ihnen die Einwirkung einer unvergänglichen Liebe und Wonne fühlen, jene absolute Freude, die sich immer im Herzen der Dinge verbirgt. Der Gewinn aus dieser höchsten Erhebung in universale, gleichmütige Entzückung ist die Seligkeit der Seele. Ihr öffnen sich die Tore jener Seligkeit, die unendlich ist, und jener Freude, die alles Verstehen übertrifft.

Bevor das Mühen um die Ausmerzung des Begehrens und um die Gewinnung der harmonischen Ausgeglichenheit der Seele zu seiner absoluten Vollkommenheit und Reife kommen kann, müssen wir jene Richtung der spirituellen Entwicklung vollendet haben, die zur Vernichtung des Ego-Empfindens führt. Für den Karma-Yogin ist bei dieser Umwandlung der Verzicht auf den Egoismus im Handeln das wichtigste Element. Selbst wenn wir die Frucht unseres Wirkens und das Verlangen nach dieser Frucht an den Meister des Opfers hingeben, haben wir uns doch nur vom Egoismus des rajasischen Begehrens getrennt. Wir können immer noch jene egoistische Annahme hegen, wir selbst seien der Täter des Werks. Wir sind immer noch an die Empfindung gebunden, dass wir selbst die Handlung vollziehen und ihre Ursache sind und dass wir ihr unsere Zustimmung erteilen. Immer noch meinen wir, es sei das „Ich“, das auswählt und bestimmt. Immer noch übernimmt unser „Ich“ die Verantwortung und fühlt Schuld oder Verdienst.

Ein wesentliches Ziel unseres Yoga ist, dass dieser sich absondernde Ego-Sinn völlig beseitigt wird. Wenn ein Ego noch eine Zeitlang in uns verbleiben soll, kann es nur eine Form von ihm sein, die weiß, dass sie nur äußere Form ist und bereitwillig verschwindet, sobald das wirkliche Zentrum des Bewusstseins sich manifestiert oder in uns gegründet ist. Das wahre Zentrum ist eine lichtvolle Ausdrucksform des einzigen Bewusstseins, ein reiner Kanal und ein Instrument des einzigen Daseins. Als Stütze für die individuelle Manifestation und Aktion der universalen Kraft offenbart es stufenweise die hinter ihm wirkende wahre Person in uns, das zentrale ewige Wesen, das immer dauernde Sein des Höchsten, Macht und Teil der transzendenten Shakti, amśah sanātanah, parā prakrtir jīvabhūtā.

Auch bei diesem Vorgang, in dem sich die Seele allmählich von dem düsteren Gewand des Egos befreit, gibt es ein Vorwärtsschreiten auf festgelegten Stufen. Dem Herrn gehört nicht allein die Frucht der Werke, ihm muss all unser Wirken selbst gehören. Er ist ebenso sehr der wahre Herr unseres Handelns, wie er der Herr der Früchte unseres Wirkens ist. Das sollen wir nicht nur mit dem denkenden Mental sehen, das muss für unser Bewusstsein und für unseren Willen im vollen Sinn wahr werden. Der Sadhaka soll nicht nur denken und wissen, sondern er soll gerade im Augenblick des Wirkens, bei seinem Anfang und ganzen Verlauf, konkret und intensiv sehen und fühlen, dass sein Wirken ihm selbst gar nicht angehört, sondern dass es von dem Höchsten Dasein herkommt und durch ihn hindurchgeht. Er soll immer einer Kraft, einer Gegenwart und eines Willens bewusst bleiben, die durch seine individuelle Natur hindurch handeln. Hat er diese Einstellung, dann besteht wieder die Gefahr, dass er sein eigenes verkleidetes oder sublimiertes Ego oder eine eigene untergeordnete Macht mit dem Herrn verwechselt und an die Stelle seiner höchsten Gebote die Forderungen des Egos setzt. Dabei kann er in den vielfachen Hinterhalt seiner niederen Natur geraten und seine vermeintliche Unterwerfung unter eine höhere Macht in eine Entschuldigung dafür verdrehen, dass er seinem eigenen Ego- Willen, seinem Begehren und seinen Leidenschaften übertrieben und unkontrolliert frönt. Darum wird von uns an diesem Punkt große Aufrichtigkeit verlangt, die wir nicht nur dem bewussten Mental, mehr noch dem hinter der Schwelle unserer Bewusstheit verborgenen (subliminalen) Teil unserer Natur auferlegen müssen, der voll von verborgenen Vorgängen und Prozessen ist. Hier in unserer subliminalen vitalen Natur haust ein besonders unverbesserlicher Scharlatan und Schauspieler. Der Sadhaka muss schon weit in der Ausmerzung des Begehrens und in der tiefen Gelassenheit seiner Seele allem Wirken und Geschehen gegenüber vorangekommen sein, bevor er die Bürde seines Wirkens ganz und gar in die Hand des Göttlichen legen darf. Er muss in jedem Augenblick seines Fortschritts wachsamen Auges auf die Betrügereien des Egos und die Hinterhalte der irreführenden Mächte der Finsternis achten, die sich als die einzige Quelle des Lichtes und der Wahrheit ausgeben. Sie legen sich ein Scheinbild göttlicher Gestaltungen an, um die Seele des Suchenden gefangen zu nehmen.

Da soll er dann sofort einen Schritt weitergehen und sich in die Position des beobachtenden Zeugen versetzen. Oberhalb von Prakriti soll er, unpersönlich und leidenschaftslos, stehen und beobachten, wie die ausführende Naturkraft in ihm wirkt, und er soll ihr Wirken zu verstehen suchen. Durch diese Absonderung von Prakriti soll er lernen, das Spiel ihrer universalen Kräfte zu beobachten und zu unterscheiden, wie sie den Tag und die Nacht, das Göttliche und das Ungöttliche, ineinander verwebt. Dadurch kann er ihre furchtgebietenden Mächte und Wesen entdecken, die sich der unwissenden menschlichen Natur bedienen wollen. Die Gita sagt, die Natur arbeite in uns durch die dreifache Qualität (Guna) der Prakriti, durch die Qualität des Lichten und Guten, sattva, durch die Qualität der Leidenschaft und des Begehrens, rajas, und durch die Qualität der Finsternis und Trägheit, tamas. Der Suchende soll als ein unparteiischer kritischer Beobachter alles dessen, was im Reich seiner Natur vor sich geht, lernen, die gesonderte und die kombinierte Aktion dieser Qualitäten zu unterscheiden. Er soll das Wirken der kosmischen Kräfte in seinem Inneren durch das ganze Labyrinth ihrer subtilen unsichtbaren Vorgänge und Verkleidungen verfolgen und jede Verschlungenheit des Irrgartens kennen. Wenn er in dieser Erkenntnis fortschreitet, kann er viel besser seine Sanktion erteilen; er braucht nicht mehr unwissendes Werkzeug der Natur zu sein. Zuerst muss der Karma-Yogin die Naturkraft dazu veranlassen, bei ihrer Einwirkung auf seine Instrumente die Wirkensweise der beiden niederen Qualitäten einzuschränken und sie der Qualität des Lichten und Guten unterzuordnen. Dann soll er auch diese dazu bringen, sich selbst aufzuopfern, damit alle drei durch eine höhere Macht in ihre göttlichen Entsprechungen umgewandelt werden können: in eine höchste Ruhe und Stille, in eine göttliche Erleuchtung und Seligkeit und in die ewige göttliche Machtwirkung, Tapas. Der erste Teil dieser Disziplin und Umwandlung kann zwar prinzipiell energisch durch den Willen des Mentals in uns geleistet werden. Die völlige Durchführung dieses Prozesses und die darauffolgende Transformation können wir aber nur fertigbringen, wenn die tiefere seelische Schicht ihre Macht über die Natur vermehrt und das menschliche Wesen durch das göttliche als ihren Beherrscher ersetzt. Dann wird der Sadhaka nicht nur mit Aspiration und guter Absicht, mit einer nur anfänglichen und langsam fortschreitenden Hingabe seines Egos, sondern mit der starken Intensität einer dynamischen Selbst-Hingabe die vollständige Überantwortung seines Wirkens an den Willen des Höchsten zustande bringen. Allmählich wird dann sein Mental einer unvollkommenen menschlichen Intelligenz durch ein spirituelles erleuchtetes Mental ersetzt. Dieses kann schließlich in das supramentale Wahrheitslicht eingehen. Dann wird der Sadhaka nicht länger aus seiner Natur der Unwissenheit mit ihren drei Qualitäten einer verworrenen, unvollkommenen Aktivität handeln, sondern aus der göttlichen Natur einer Stille, eines Lichtes, einer Macht und Seligkeit des Geistes. Träger seines Wirkens wird dann nicht mehr jenes Gemenge der Funktionen eines unwissenden Mentals und Willens, des Drängens eines noch unwissenderen Herzens der Gefühle, des Begehrens aus dem Vitalwesen sowie des Triebs und Instinkts des Fleisches sein. Vielmehr wird sein Wirken zuerst aus einem Selbst und einer Natur des Geistes, und zuletzt aus einem supramentalen Wahrheitsbewusstsein und seiner göttlichen Kraft der Übernatur herrühren.

So werden die endgültigen Schritte möglich, wenn der Schleier der Natur zurückgezogen ist und der Suchende dem Meister des gesamten Daseins von Angesicht zu Angesicht gegenübersteht. Dann gehen seine Handlungen in der Aktion einer höchsten Energie auf, die rein, wahr, vollkommen und immer freudvoll ist. Er kann nun der supramentalen Shakti sein Wirken ebenso wie die Früchte seiner Werke rückhaltlos überantworten. Von nun an handelt er nur noch als das bewusste Instrument des ewig Wirkenden. Jetzt erteilt er nicht mehr nur die Zustimmung, vielmehr empfängt er in seinem Instrument einen göttlichen Auftrag und führt diesen aus, von der Hand der shakti geführt. Er selbst ist nicht mehr der Täter der Werke, sondern empfängt sie in der Weise, dass die immer wache Kraft der Shakti sie durch ihn ausführt. Sein Wille zielt nicht mehr darauf, seine eigenen mentalen Konstruktionen durchzuführen und seine emotionalen Begehrlichkeiten zu befriedigen. Vielmehr gehorcht er und hat er teil an einem allmächtigen Willen, der auch ein allwissendes Erkennen, eine geheimnisvolle, magische, unergründliche Liebe und ein unendliches weites abgrundtiefes Meer der ewigen Daseins-Seligkeit ist.