Kapitel 7

Unsterblichkeit

Worte Sri Aurobindos

Was die Unsterblichkeit anbelangt, so kann sie nicht erreicht werden, solange ein Verhaftetsein mit dem Körper besteht – denn sie kann nur erlangt werden, indem man in seinem eigenen unsterblichen Teil lebt, der nicht mit dem Körper identifiziert ist und sein Bewusstsein und seine Kraft in die Zellen herabbringt. Ich spreche natürlich von yogischen Mitteln. Die Wissenschaftler sind neuerdings der Ansicht, dass es zumindest theoretisch möglich sei, physikalische Mittel zu entdecken, durch die der Tod überwunden werden kann, das aber würde nur eine Verlängerung des gegenwärtigen Bewusstseins im gegenwärtigen Körper bedeuten. Solange keine Wandlung des Bewusstseins und keine Wandlung der Funktionen stattgefunden hat, wäre das nur ein sehr kleiner Gewinn.

Worte Sri Aurobindos

Ohne Supramentalisierung kann es keine Unsterblichkeit des Körpers geben. Die Möglichkeit hierfür liegt in der yogischen Kraft, und Yogis können 200 oder 300 Jahre oder noch länger leben, doch kann ohne das Supramental keine echte Grundlage für die Unsterblichkeit geschaffen werden.

Worte Sri Aurobindos

Die Wandlung des Bewusstseins ist das Erforderliche, und ohne sie kann es keine physische siddhi geben. Die Fülle der supramentalen Wandlung aber ist nicht möglich, wenn der Körper bleibt, wie er ist, ein Sklave von Tod, Krankheit, Verfall, Schmerz, Unbewusstheit und all dem anderen, was aus der Unwissenheit hervorgeht. Wenn diese weiterhin bestehen bleiben sollen, ist die Herabkunft des Supramentals wohl kaum notwendig – für eine Wandlung des Bewusstseins, welche die mental-spirituelle Vereinigung mit dem Göttlichen bringen würde, würde das Obermental, selbst das Höhere Mental ausreichen. Die supramentale Herabkunft aber ist für ein dynamisches Wirken der Wahrheit im Mental, Vital und im Körper notwendig. Das würde als letztes Ergebnis die Beendigung der Unbewusstheit des Körpers mit sich bringen, der nicht mehr länger von Verfall und Krankheit abhängig wäre. Es würde bedeuten, dass er nicht mehr dem gewöhnlichen Prozess, der den Tod zur Folge hat, unterworfen wäre. Wenn der Körper gewechselt werden müsste, würde es aus freiem Willen desjenigen geschehen, dem er angehört. Das (und nicht der Zwang, 3000 Jahre leben zu müssen, denn das wäre wiederum eine Bindung) wäre das Wesen der physischen Unsterblichkeit. Wenn man jedoch den Wunsch hätte, 1000 Jahre oder länger leben zu wollen, wäre dies nicht ausgeschlossen, vorausgesetzt, man hätte die vollständige siddhi erlangt.

Worte Sri Aurobindos

Unsterblichkeit ist eines der möglichen Ergebnisse der Supramentalisierung, nicht aber ein unumgängliches Ergebnis, und sie bedeutet nicht eine ewige und unbegrenzte Verlängerung des Lebens, so wie es gegenwärtig ist. Viele sind der Meinung, dass sie das bleiben würden, was sie gegenwärtig sind, mit all ihren menschlichen Begierden, und der einzige Unterschied darin bestünde, diese endlos zu befriedigen. Eine solche Unsterblichkeit zu besitzen, wäre aber nichts wert, und die Menschen wären ihrer sehr schnell überdrüssig. Im Göttlichen zu leben und das göttliche Bewusstsein zu haben, ist Unsterblichkeit an sich. Den Körper vergöttlichen zu können und aus ihm ein brauchbares Instrument für göttliches Wirken und ein göttliches Leben zu machen, wäre lediglich ihr Ausdruck im Stofflichen.

Worte der Mutter

Wenn die Menschen nicht sterben würden, würde ihr Körper mit dem Alter nutzlos werden?

Nein! Du siehst es verkehrt herum. Sie könnten nur dann nicht sterben, wenn ihr Körper nicht degenerierte. Gerade weil ihr Körper degeneriert, sterben sie. Weil ihr Körper nutzlos wird, deshalb sterben sie. Um nicht zu sterben, dürfte ihr Körper nicht nutzlos werden. Es ist genau das Gegenteil. Gerade weil der Körper degeneriert, sich abnützt und schließlich vollständig abbaut, ist der Tod notwendig. Wenn der Körper jedoch der fortschreitenden Bewegung des inneren Wesens folgen würde, wenn er den gleichen Sinn für Fortschritt und Vervollkommnung wie das seelische Wesen hätte, brauchte er nicht zu sterben. Es ist nicht notwendig, dass er Jahr um Jahr immer gebrechlicher wird. Das ist nur die Gewohnheit des gegenwärtigen Ablaufs der Natur. Und gerade das ist die Ursache des Todes. Dagegen ist schon vorauszusehen, dass diese Bewegung der Vervollkommnung, die am Anfang des Lebens steht, sich in anderer Form fortsetzen kann. Ich habe dir schon gesagt, dass kein ununterbrochenes Wachstum vorgesehen ist, weil man dann nach einer gewissen Zeit die Häuser größer machen müsste! Doch kann sich dieses Höhenwachstum in eine wachsende Vollkommenheit, die Vollkommenheit der Form, verwandeln. Alle Unvollkommenheiten der Form können sich nach und nach verbessern, alle Schwächen können durch Stärken ersetzt werden, alles Unvermögen durch Tüchtigkeit und Geschicklichkeit. Warum sollte es nicht so sein? Du denkst nicht so, weil du es gewohnt bist, die Dinge anders zu sehen. Es gibt aber überhaupt keinen Grund, warum das nicht geschehen sollte.

Hast du je einen Baum treiben sehen, eine Palme? Im Hof des Ashrams steht eine Palme direkt am Eingangstor, wo du jeden Tag hereinkommst. Hast du nie gesehen, wie sie treibt? Du weißt, dieser Baum ist um die vierzig, fünfundvierzig oder vielleicht fünfzig Jahre alt. Sieh, wie klein er ist! Palmen können viel größer werden als Häuser. Sie können in ihrem natürlichen Zustand, wenn nichts dazwischenkommt, gut und gern mehrere hundert Jahre alt werden. Hast du nie gesehen, wie sie es macht? Ich sehe das von oben. Es ist einfach hübsch. Einmal im Jahr kommt es vor. Zuerst sieht man so etwas wie eine kleine braune Kugel. Dann beginnt diese kleine braune Kugel zu wachsen und eine etwas hellere, nicht mehr so dunkle Farbe anzunehmen. Nach und nach sieht man, dass sie aus einer Menge kleiner, etwas komplizierter Linien besteht, deren Enden zusammengerollt sind, so, nach innen gekrümmt. Und das beginnt zu treiben, das sprießt hervor, das wird immer heller, bis es grün zu werden beginnt – ein gelbliches, ein etwas blasses Grün, und es sprießt in Form eines Bischofsstabes. Dann sieht man sie sich vermehren und sich trennen. Sie sind noch ein wenig braun, ein wenig eigenartig (fast wie du), ungefähr wie die Raupen. Und plötzlich ist es, als sprühten sie hervor, sie schießen in die Höhe – in einem blassen Grün, zart, zerbrechlich. Sie haben eine sehr angenehme, liebliche Farbe. Dann werden sie länger. Das dauert ein, zwei Tage, und dann, am Tag darauf, sind Blätter da. Blätter – ich habe sie nie gezählt, ich weiß nicht, wie viele es sind. Jedes Mal ist eine neue Reihe von Blättern da. Sie bleiben in einem zarten Grün. Sie sind köstlich. Wie ein kleines Kind, mit diesem Zarten, Niedlichen und Anmutigen eines kleinen Kindes. Man hat aber noch den Eindruck der Zerbrechlichkeit. Und es ist wirklich so, wenn es ein Missgeschick trifft, ist es verdorben für das ganze Leben. Sie sind sehr zerbrechlich, aber von einer wundervollen Zartheit. Das hat seinen eigenen Reiz, und man sagt: „Ach, warum bleibt die Natur nicht so!“ Am nächsten Tag … peng! sind sie getrennt, sind leuchtend grün, sind großartig, mit der ganzen Macht und Kraft ihrer Jugend – ein herrliches, strahlendes Grün. So sollte es bleiben – keineswegs. Es geht weiter. Dann kommt der Staub, kommt die Beschädigung durch die Passanten. Dann fangen sie an, wieder zurückzufallen, gelblich zu werden, mit einem anderen Gelb, dem Gelb der Dürre, bis sie vollständig kaputt sind und abfallen. Der Stamm bildet den Ersatz dafür. Jedes Jahr wird er ein wenig größer. Und es wird mehrere hundert Jahre dauern, bis er am Ende angelangt ist. Aber jedes Jahr wiederholt sich das und durchläuft alle Stufen an Schönheit, Charme, Anziehungskraft, und man sagt sich: „Ach, warum bleibt es nicht so?“ Und eine Minute später schon ist es anders. Und dann durchläuft es einen Zustand nach dem anderen durch alle Phasen der Entfaltung. Danach beginnen die Unfälle, und mit den Unfällen kommt die Schadhaftigkeit und mit der Schadhaftigkeit der Tod.

So ist es eben. Aber die Störungen sind nicht unbedingt notwendig. Und was wie Tod aussieht, kann sogar das Wachstum des Baumes unterstützen. Man macht sich von etwas frei, aber nur, um noch weiterwachsen zu können und etwas dazu zu bekommen. Man soll Harmonie und Schönheit bis zum Ende bewahren können. Es gibt keinen Grund, einen Körper zu haben, der keine Daseinsberechtigung mehr hat, weil er zu nichts mehr zu gebrauchen wäre. Nutzlos zu sein, ist der Grund für sein Verschwinden. Man könnte einen Körper haben, der von Vollkommenheit zu Vollkommenheit geht. An deinem Körper ist vieles, bei dem du sagen kannst: „Ach, wenn es so wäre! Ach, ich möchte, dass es so und so ist!“ (Ich meine nicht den Charakter, denn da gibt es so vieles zu ändern. Ich meine lediglich die physische Erscheinung.) Man bemerkt irgendwo eine Disharmonie, man sagt: „Wenn diese Disharmonie verschwinden würde, wie viel besser wäre das…!“ Aber warum denkst du nicht, dass das sein könnte? Wenn du dich ganz objektiv betrachtest – nicht mit dieser Art von Zuneigung, die man für seine kleine Person hegt, sondern ganz und gar objektiv, man betrachtet sich, als wäre man jemand anderes, und sagt sich: „Na, diese Sache stimmt nicht ganz mit jener überein“, und wenn man noch aufmerksamer hinschaut, wird das sehr interessant: Man merkt, dass diese Disharmonie der Ausdruck eines Charakterfehlers ist. Der Grund ist etwas ein wenig Verbogenes, nicht ganz Harmonisches im Charakter, und im Körper zeigt sich das irgendwo wieder. Man versucht, das im Körper in Ordnung zu bringen, und man merkt, dass man, um dieser physischen Disharmonie auf den Grund zu kommen, den Fehler im eigenen Inneren herausfinden muss. Und dann beginnt man zu arbeiten, und es kommt etwas dabei heraus.

Du weißt nicht, wie formbar der Körper ist! Unter einem anderen Aspekt würde ich sagen, er ist furchtbar starr, und deshalb wird er schadhaft. Aber das kommt daher, weil wir ihn nicht zu gebrauchen verstehen. Wenn wir noch frisch wie junge Blätter sind, verstehen wir es nicht, eine großartige, herrliche, fehlerfreie Entwicklung zu wollen. Man sagt sich mit etwas kläglicher Miene: „Was für ein Jammer, meine Arme sind zu dünn“, oder: „Meine Beine sind zu lang“, oder: „Mein Rücken ist nicht gerade“, oder: „Mein Kopf ist nicht ganz harmonisch“. Sagt man sich stattdessen: „Das muss anders werden, meine Arme müssen wohlproportioniert sein, mein Körper muss harmonisch sein, alles an ihm muss eine höhere Schönheit ausdrücken“, dann wirst du es auch erreichen. Und du erreichst es, wenn du es mit dem richtigen Willen, mit einem beharrlichen und ruhigen, machen kannst, der nicht ungeduldig ist, der sich nicht mit scheinbaren Niederlagen befasst, der seine Arbeit ruhig, sehr ruhig fortsetzt, der nicht aufhört, das zu wollen, der immer weiter nach dem inneren Grund sucht und nicht nachlässt, ihn herauszufinden, der mit Energie weiterarbeitet. Wenn man irgendwo ein schwarzes Würmchen erblickt, das nicht so nett ist, das einen etwas unsympathischen, widerlichen kleinen Fleck hinterlässt, nimmt man es sofort, zieht es heraus, beseitigt es und stellt ein hübsches Licht an seinen Platz. Und nach einiger Zeit merkt man: „Sieh mal an! Diese Disharmonie in meinem Gesicht ist am Verschwinden, dieser Zug von Brutalität, von Unbewusstheit im Ausdruck geht ja weg!“ Und zehn Jahre später erkennt man sich nicht wieder.