Kapitel 7
Sind wir eine vorübergehende und wandelbare Gestalt der Natur?
Das Leben des Egos ist auf eine Konstruktion der vordergründigen mentalen, vitalen und physischen Wahrheit des Daseins aufgebaut, auf eine Verknüpfung sachlicher Beziehungen zwischen der individuellen Seele und der Natur, auf eine intellektuelle, emotionale und sinnenhafte Erklärung der vom begrenzten Ich in uns verwendeten Dinge, um dadurch die Vorstellungen und Sehnsüchte seiner eingeengten gesonderten Persönlichkeit inmitten der gewaltigen Aktion des Universums aufrechtzuerhalten und zu befriedigen. All unsere Dharma1, die gewöhnlichen Maßstäbe, durch die wir unsere Betrachtung der Dinge, unsere Erkenntnis und unser Handeln bestimmen, gehen von dieser engen und begrenzenden Basis aus. Und wenn wir ihnen auch in den weitesten Umkreisen um unser Ego-Zentrum folgen, so bringt uns das doch nicht aus diesem zu engen Kreis heraus, jenem Zirkel, in dem die Seele einerseits ein zufriedener, andererseits ein aufsässiger Gefangener ist, für immer den vermischten Zwängen der Natur unterworfen…
Das erste Tor, das wir sehen, um dieser Beschränkung unserer Möglichkeiten, dieser wirren Vermischung von Dharma, zu entkommen, ist eine bestimmte zur Apersonalität hochstrebende Tendenz, eine Bewegung nach innen zu etwas Weitem, Universalem, Ruhigem, Freiem, Richtigem und Reinerem, das jetzt noch durch das begrenzende Mental des Egos verborgen ist…
Das Betonen der reinen Apersonalität ist für uns schwierig und unvollständig, weil es die innere Person, den spirituellen individuellen Menschen, jenes ständige Wunder unseres innersten Wesens, auf eine nur vorübergehende, illusionäre und wandelbare Gestalt des Unendlichen reduziert. Der Unendliche existiert allein, und außer in einem vorübergehenden Spiel schenkt er der Seele des lebendigen Geschöpfs keine wahre Aufmerksamkeit. So kann es keine wirkliche und dauernde Beziehung zwischen der Seele im Menschen und dem Ewigen geben, wenn diese Seele ebenso wie der immer erneuerungsfähige Körper nichts weiter ist als eine vorübergehende Erscheinung im Unendlichen.
Es ist wahr, dass das Ego und seine begrenzte Persönlichkeit eben solch zeitweilige und wandelbare Gestalt der Natur sind und deshalb zerbrochen werden müssen, damit wir uns als eins mit Allen und mit dem Unendlichen fühlen können. Aber das Ego ist nicht die wahre Person. Sobald es aufgelöst worden ist, bleibt noch der spirituelle Einzelne, gibt es noch den ewigen Jiva2. Die Ego-Beschränkung verschwindet, und die Seele lebt in einer tiefen Einung mit dem Einen und fühlt ihre universale Einheit mit allen Dingen. Und dennoch ist es immer noch unsere eigene Seele, die sich dieser Ausweitung und dieses Einsseins erfreut. Selbst wenn wir die universale Aktion als die Aktion ein und derselben Energie in allen fühlen und sogar wenn wir sie als die vom Ishwara3 verursachte Aktion von Bewegung erfahren, nimmt sie dennoch in verschiedenen Seelen der Menschen verschiedene Formen an, amsah sanatanah. Sie bewirkt in deren Natur eine Wandlung zu einem anderen Wesen: Das Licht der spirituellen Erkenntnis, die vielfältige universale Shakti4, die ewige Seins-Wonne strömen in uns ein und umgeben uns, konzentrieren sich in der Seele und ergießen sich in die umgebende Welt eines jeden Menschen wie aus dem Mittelpunkt eines lebendigen spirituellen Bewusstseins, dessen Peripherie sich im Unendlichen verliert…
Dies Geheimnis unserer Existenz weist darauf hin, dass das, was wir sind, nicht nur ein vorübergehender Name und eine Gestaltung des Einen ist, sondern – wie wir sagen könnten – eine Seele und ein Geist des Göttlichen Einsseins. Unsere spirituelle Individualität, von der das Ego nur ein irreführender Schatten und eine Projektion in die Unwissenheit ist, hat oder ist eine Wahrheit, die über die Unwissenheit hinaus fortdauert. Es gibt etwas in uns, das auf ewig in der höchsten Natur des Purushottama5 daheim ist, nivasisyasi mayi. Dies ist die tiefgründige umfassende Einsicht der Lehre der Gita. Während sie die Wahrheit der universalisierten Apersonalität anerkennt, in die wir durch das Erlöschen des Egos eingehen, brahma-nirvana – denn ganz gewiss kann es ohne dies Erlöschen keine Befreiung, zumindest keine absolute Erlösung geben –, betont sie auch die stetige spirituelle Wahrheit unserer Persönlichkeit als einen Faktor der höchsten Erfahrung. Nicht dieses natürliche, sondern jenes göttliche und zentrale Wesen in uns ist der ewige Jiva. Es ist der Ishwara, Vasudeva, der alle Dinge ist und der unser Mental, Leben und den Körper in Anspruch nimmt, um die niedere Prakriti zu erfreuen. Es ist die höchste Prakriti, die ursprüngliche spirituelle Natur des höchsten Purusha, der das Universum zusammenhält und in ihm als der Jiva erscheint. Dieser Jiva ist also ein Wesensteil des ursprünglichen göttlichen Seins des Purushottama, eine lebendige Macht des lebendigen Ewigen. Er ist nicht nur eine zeitweilige, vergängliche Gestalt der niederen Natur, sondern ein ewiger Wesensteil des Erhabenen in seiner höchsten Prakriti, ein ewiger bewusster Strahl des göttlichen Seins und ebenso immerwährend wie jene höchste Prakriti. Es muss also die eine Seite unserer höchsten Vollkommenheit und Verfassung unseres befreiten Bewusstseins sein, dass wir den wahren Platz des Jiva in der höchsten spirituellen Natur einnehmen, um dort in der Herrlichkeit des höchsten Purusha zu wohnen und dort die Freude des ewigen spirituellen Einssein zu genießen.
Dies Mysterium unseres Wesens setzt notwendig ein ähnliches höchstes Mysterium im Wesen des Purushottama voraus, rahasyam uttamam. Das höchste Geheimnis ist nicht eine exklusive Apersonalität des Absoluten. Das höchste Geheimnis ist das Wunder, dass eine erhabene Person und ein scheinbar unermessliches Apersonales eins sind, ein unwandelbares erhabenes Selbst aller Dinge und ein Geist, der sich hier am eigentlichen Fundament des Kosmos als unendliche und vielfältige Persönlichkeit manifestiert, die überall wirkt – ein Selbst und ein Geist, der sich unserer äußersten, innigsten und tiefsten Erfahrung als ein unbegrenzbares Wesen offenbart, das uns annimmt und zu sich holt, und zwar nicht in die Leere eines gestaltlosen Seins, sondern ganz ausdrücklich, tief und wundervoll hinein in alles, was Er Selbst ist, und in alle Arten seines und unseres bewussten Daseins.
1 Gesetz, Gesetz des Seins, Prinzip der Wahrheit, Regel oder Gesetz des Handelns, die indische Auffassung des religiösen, sozialen und moralischen Gesetzes, eines der vier menschlichen Anliegen: das ethische Verhalten und das rechte Gesetz des individuellen und gemeinsamen Lebens.
2 Der individualisierte Geist (Spirit), der von Geburt zu Geburt das lebende Wesen aufrechterhält. (Der volle Ausdruck ist Jivatman.)
3 Herr, Meister, das Göttliche, Gott.
4 Energie, Kraft, Stärke, Wille, Macht, die selbstbestehende, selbst-erkennende, selbst-wirkende Macht Gottes, die sich in dem Wirken der Prakriti ausdrückt.
5 Die Höchste Göttliche Person, das Höchste Wesen, das Göttliche Wesen.