Kapitel 7

Die beiden Dimensionen des seelischen Wachstums

Die Weiten (gipfelt mit dem Aufstieg zur Ebene der transzendenten Mutter – III. Buch, Canto 4) und die Tiefen (gipfelt im Finden der Seele).

Die Weiten – Das vertikale Wachstum

Ein Lichtstrahl des Ewigen trifft mit voller Kraft sein Herz,

Sein Denken dehnt sich in die Unendlichkeit aus;

Alles in ihm wendet sich den Weiten des Geistes zu.

Seine Seele bricht aus, sich mit der Überseele zu vereinen,

Sein Leben wird ozeanisiert durch jenes Überleben.

Er hat von den Brüsten der Mutter der Welten getrunken;

Eine unermessliche Übernatur füllt seinen Körper:

Sie nimmt den immerwährenden Boden seines Geistes an

Als Sicherheit für ihre sich wandelnde Welt

Und formt die Gestalt ihrer ungeborenen Mächte.

Als selbst unsterblich konzipiert sie sich in ihm,

Im Geschöpf wirkt unverhüllt die Schöpferin:

Ihr Antlitz wird durch seines gesehen, ihre Augen durch seine Augen;

Ihr Wesen ist seines durch eine weite Wesensgleichheit.

Dann ist enthüllt im Menschen das offenkundig Göttliche.

Ein statisches Geeintsein und eine dynamische Macht

Kommen in ihn hernieder, die Siegel der integralen Gottheit;

Seine Seele und sein Körper nehmen jene herrliche Prägung an.

Eine lange dämmrige Vorbereitung ist das Leben des Menschen,

Ein Kreislauf von Mühsal und Hoffnung und Krieg und Frieden,

Ausgefurcht vom Leben auf dem obskuren Boden der Materie.

In seinem Aufstieg hin zu einem Gipfel, den noch kein Fuß betrat,

Sucht er in einem von Flammen durchzuckten Halbschatten

Nach einer verhüllten Wirklichkeit, halb erkannt, stets verfehlt,

Forschend nach etwas oder jemand nie Gefundenem,

Kult eines Ideals, das hier nie verwirklicht wurde,

Eine endlose Spirale von Aufstieg und Fall,

Bis endlich erreicht ist der gigantische Punkt,

Wo durchscheint die Glorie von ihm, für den wir geschaffen wurden,

Und wir einbrechen in die Unendlichkeit Gottes.

Über die Grenzen unserer Natur hinaus entkommen wir

In den Bogen lebendigen Lichtes der Übernatur.

I.3.66-97

Das konzentrische Wachstum

Die Erde muss sich wandeln und gleich dem Himmel werden

Oder Himmel herniedersteigen in des Irdisch sterblichen Stand.

Damit jedoch solch weite spirituelle Wandlung sei,

Muss aus der mystischen Höhle des Menschen Herz

Die himmlische Psyche ihren Schleier fallen lassen

Und die dicht gefüllten Räume gewöhnlicher Natur betreten

Und unverhüllt ganz vorne in dieser Natur stehen

Und deren Gedanken leiten und den Körper und das Leben erfüllen.

VII.2.458-65

Das ruhige Unsterbliche (der seelische Funke/die himmlische Seele/das geheime Selbst/die geheime Seele) und die ringende Seele (das seelische Wesen).

Unsterblich im Vergänglichen stand ein Wesen,

Todlos tändelnd mit vorübergehenden Dingen,

In dessen weiten Augen ruhigen Glücks,

Das Mitleid und Sorge nicht trüben konnten,

Richtete Unendlichkeit ihren Blick auf endliche Formen hin:

Beobachterin der schweigenden Schritte der Stunden,

Trug Ewigkeit die Taten der Minuten

Und die vorüberziehenden Szenen des Ewigbleibenden Spiel.

In dem Mysterium seines wählenden Willens,

In der Göttlichen Komödie eine Mitwirkende,

Des Geistes bewusste Bevollmächtigte,

Gottes Abgesandte in unserer Menschheit,

Gefährtin des Universums, Strahl des Transzendenten,

War sie in den Raum des sterblichen Körpers gekommen,

Um mit Zeit und Umstand Ball zu spielen.

Eine Freude an der Welt ihre Hauptregung hier,

Die Leidenschaft am Spiel ließ ihre Augen leuchten:

Ein Lächeln auf ihren Lippen begrüßte Glück und Leid der Erde,

Ein Lachen war Antwort auf Frohlocken und Schmerz.

Als Maskerade der Wahrheit sah sie alles,

Verkleidet in den Kostümen der Unwissenheit,

Durchschreitend die Jahre hin zu Unsterblichkeit;

Allem konnte sie begegnen mit dem Frieden starken Geistes.

Doch da sie die Mühsal des Mentals und Lebens kennt

Wie eine Mutter das Leben ihrer Kinder fühlt und teilt,

Sendet sie aus ein kleines Teil ihrer selbst,

Ein Wesen, nicht größer als der Daumen eines Menschen,

In eine verborgene Region des Herzens hinein,

Um der Qual zu trotzen und die Seligkeit zu vergessen,

Um das Leiden zu teilen und die Wunden der Erde zu erdulden

Und sich inmitten der Mühen der Gestirne zu mühen.

Dies lacht und weint in uns, erleidet den Schlag,

Frohlockt im Sieg, kämpft um die Krone;

Wesensgeeint mit dem Mental und Körper und Leben

Nimmt es auf sich deren Angst und Niederlage,

Blutet von Schicksals Geißeln und hängt am Kreuz,

Und ist doch das unversehrte und unsterbliche Selbst,

Das den Akteur auf der Menschenbühne stützt.

Durch dies schickt sie uns ihre Glorie und ihre Mächte,

Drängt uns zu Höhen der Weisheit, durch Abgründe des Elends;

Sie gibt uns die Kraft, unser täglich Werk zu tun,

Und Mitgefühl, das den Kummer anderer teilt,

Und das bisschen Stärke, womit wir unserer Art zu helfen vermögen,

Wir, die den Part des Universums besetzen müssen,

Das sich selbst aufführt in einer schwachen Menschengestalt,

Und auf unseren Schultern die ringende Welt zu tragen haben.

Dies ist in uns die Gottheit, klein und entstellt;

In diesen menschlichen Teil des Göttlichen

Setzt sie die Größe der Seele in der Zeit,

Um emporzuheben von Licht zu Licht, von Macht zu Macht,

Bis diese als König auf himmlischem Gipfel steht.

Im Körper schwach, im Herzen eine unbesiegbare Macht,

Steigt stolpernd aufwärts sie, gehalten von einer ungesehenen Hand,

Ein mühsam ringender Geist in einer sterblichen Gestalt.

Hier in dieser Kammer von Flammen und Licht trafen sie sich;

Sie blickten einander an, erkannten sich,

Die geheime Gottheit und ihr menschlicher Teil,

Die stille unsterbliche und die ringende Seele.

Dann mit der Rasanz einer magischen Transformation

Stürzten sie ineinander und wurden eins.

VII.5.142-201