Kapitel 7
Das subliminale, das innere und das wahre Wesen
Worte Sri Aurobindos
Im menschlichen Wesen bestehen immer zwei verschiedene Arten von Bewusstsein, eines nach außen gerichtet, in dem es normalerweise lebt, das andere innerlich und verborgen, von dem es nichts weiß. Während man die Sadhana ausübt, beginnt das innere Bewusstsein sich zu öffnen, und man lernt, sich nach innen zu wenden und dort alle Arten von Erfahrungen zu haben. In dem Maße, wie die Sadhana fortschreitet, wird man mehr und mehr in diesem inneren Wesen leben, während das äußere allmählich an die Oberfläche zurücktritt. Zuerst scheint das innere Bewusstsein der Traum zu sein und das äußere die wache Realität. Dann wird das innere Bewusstsein zur Realität und das äußere von vielen als Traum oder Täuschung empfunden oder auch als etwas Oberflächliches und Äußerliches. Das innere Bewusstsein wird zu einem Ort des tiefen Friedens, des Lichtes, des Glücks, der Liebe, der Nähe zum Göttlichen oder der Gegenwart des Göttlichen, der Mutter. Man erkennt dann zwei Arten von Bewusstsein, das innere und das äußere. Letzteres muss in das Ebenbild und Instrument des ersteren gewandelt werden, denn auch es muss voll des Friedens, des Lichtes, des Einsseins mit dem Göttlichen werden.
Worte Sri Aurobindos
Es gibt ein inneres und ein äußeres Bewusstsein in unserem gesamten Wesen, auf all seinen Ebenen. Der gewöhnliche Mensch ist sich nur seines Oberflächen-Selbstes bewusst, er ist sich aber all dessen nicht bewusst, was von der Oberfläche verdeckt wird. Und dennoch ist das, was wir von unserer Oberfläche kennen oder zu kennen glauben und wovon wir sogar annehmen, es umfasse alles, was wir sind, nur ein kleiner Teil unseres Wesens, während unser bei weitem größerer Teil sich unterhalb dieser Oberfläche befindet. Oder genauer gesagt, er befindet sich hinter dem frontalen Bewusstsein, hinter dem Schleier, okkult, und nur durch okkultes Wissen erkennbar. Moderne Psychologie und psychologische Forschung beginnen gerade, diese Wahrheit ein wenig zu erkennen. Die materialistische Psychologie nennt diesen verborgenen Teil das Unbewusste, doch gibt sie praktisch zu, dass dieses weit größer, weit mächtiger und tiefer ist als das bewusste Selbst der Oberfläche. In ganz ähnlicher Weise nannte die Upanishad das Überbewusste in uns das „Schlaf-Selbst“, obwohl auch sie von diesem Schlaf-Selbst annahm, dass es eine unendlich größere Intelligenz sei, allwissend, allmächtig, Prajna, der Ishvara. Die psychologische Wissenschaft nennt dieses verborgene Bewusstsein das subliminale Selbst, und auch sie erkennt, dass es mehr Macht, mehr Wissen und einen freieren Bereich der Bewegung besitzt als das kleinere Selbst der Oberfläche. Die Wahrheit jedoch ist, dass alles, was sich dahinter befindet, dieses Meer, in dem unser Wachbewusstsein nur eine Welle oder eine Anzahl von Wellen bildet, nicht durch einen einzigen Ausdruck umschrieben werden kann, denn es ist sehr komplex. Ein Teil davon ist das Unterbewusste, tiefer als unser Wachbewusstsein. Ein Teil davon befindet sich auf der gleichen Ebene, die jedoch dahinter liegt und viel größer als jene [des Wachbewusstseins] ist. Ein Teil ist darüber und für uns überbewusst. Was wir unser Mental nennen, ist nur ein äußeres Mental, eine mentale Tätigkeit der Oberfläche, die Instrument ist für den teilweisen Ausdruck eines größeren Mentals dahinter, dessen wir uns meist nicht bewusst sind und das wir nur erkennen können, indem wir in uns gehen. Ebenso ist das, was wir vom Vital in uns kennen, nur das äußere Vital, ein Oberflächen-Vital, das teilweise ein größeres, geheimes Vital ausdrückt, das wir allein dann wahrnehmen, wenn wir uns nach innen wenden. Auch das, was wir unser physisches Wesen nennen, ist lediglich eine sichtbare Projektion eines größeren und feineren, unsichtbaren physischen Bewusstseins, das viel komplexer ist als jenes, viel bewusster, viel umfassender in seiner Empfangsbereitschaft, viel offener und plastischer und freier.
Erst wenn du diese Wahrheit verstanden und erfahren hast, wird es dir möglich sein zu erkennen, was mit dem inneren Mental, dem inneren Vital, dem inneren physischen Bewusstsein gemeint ist. Es sei jedoch bemerkt, dass dieser Ausdruck „inneres“ auf zwei verschiedene Arten gebraucht wird. Manchmal bezeichnet es das Bewusstsein hinter dem Schleier des äußeren Wesens, das innere Mental, Vital oder Physische, das in direktem Kontakt mit dem universalen Mental, den universalen Lebenskräften, den universalen physischen Kräften steht. Andererseits meinen wir manchmal ein innerstes Mental, Vital und Physisches, deren mehr spezifische Bezeichnung wahres Mental, wahres Vital, wahres physisches Bewusstsein ist. Sie sind der Seele näher und sprechen äußerst leicht und unmittelbar auf das Göttliche Licht und die Göttliche Macht an. Es ist kein echter Yoga möglich, viel weniger ein Integraler Yoga, solange wir uns nicht vom äußeren Selbst zurückziehen und uns dieses ganzen inneren Wesens und der inneren Natur bewusst werden. Nur so können wir die Begrenzungen des unwissenden äußeren Selbstes brechen, das allein die äußeren Kontakte bewusst empfängt und die Dinge durch das äußere Mental und die Sinne nur indirekt erkennt. Nur so können wir das universale Bewusstsein und die universalen Kräfte, die durch uns und um uns spielen, unmittelbar wahrnehmen. Wir können dann ebenfalls hoffen, uns des Göttlichen in uns direkt bewusst zu werden und in direkte Berührung mit dem Göttlichen Licht und der Göttlichen Kraft zu kommen. Andernfalls würden wir das Göttliche allein durch äußere Zeichen und äußere Auswirkungen fühlen, und das wäre ein schwieriger, unsicherer Weg, von Zufällen abhängig, unbeständig, der nur zum Glauben führt und nicht zum Wissen, nicht zum direkten Bewusstsein und Erkennen der immerwährenden Gegenwart.
Um den Unterschied deutlich zu machen, nenne ich dir zwei Beispiele von entgegengesetzten Polen der Erfahrung, und zwar ein ganz äußerliches, das zeigt, wie das Innere sich der Wahrnehmung universaler Kräfte öffnet, und eines der spirituellen Erfahrung, das zeigt, wie das Innere sich dem Göttlichen öffnet. Nimm die Krankheit. Solange wir nur im äußeren physischen Bewusstsein leben, wissen wir meist erst dann, dass wir krank sein werden, wenn die Symptome der Krankheit sich im Körper zeigen. Doch wenn wir das innere physische Bewusstsein entwickeln, gewahren wir eine feine, uns umgebende physische Hülle und können die Kräfte der Krankheit durch diese auf uns zukommen fühlen. Wir können sie sogar in einiger Entfernung und, wenn wir wissen wie, mit Hilfe des Willens oder sonstwie aufhalten. In gleicher Weise fühlen wir um uns eine vital-physische oder Nerven-Hülle, die vom Körper ausstrahlt und ihn beschützt, und wir können spüren, wie die feindlichen Kräfte diese zu durchbrechen suchen, und sie daran hindern, sie aufhalten oder die Nerven-Hülle stärken. Oder wir spüren die Symptome der Krankheit, wie Fieber oder Kälte, in der feinstofflich-körperlichen Schicht, bevor sie sich im groben, stofflichen Körper offenbaren, zerstören sie dort und hindern sie daran, sich im Körper festzusetzen. Nimm nun den Ruf nach der Göttlichen Macht, dem Licht, dem Ananda. Wenn wir nur im äußeren physischen Bewusstsein leben, mögen diese herabkommen und hinter dem Schleier wirken, doch werden wir nichts fühlen und vereinzelte Ergebnisse erst nach langer Zeit erkennen. Oder es ist das, was wir bestenfalls fühlen, eine gewisse Klarheit, ein Friede im Mental, eine Freude im Vital, ein glückliches Befinden im Physischen, und wir schreiben dies dem Kontakt mit dem Göttlichen zu. Doch sind wir im Physischen erwacht, werden wir das Licht, die Macht, den Ananda durch den Körper fließen fühlen, durch die Glieder, die Nerven, das Blut, den Atem und durch den feinstofflichen Körper. Wir werden fühlen, wie sie die allerstofflichsten Zellen beeinflussen, sie bewusst und selig machen, und werden unmittelbar die Göttliche Macht und Gegenwart empfinden. Dies sind nur zwei mögliche Beispiele aus tausend, wie sie fortwährend vom Sadhak erfahren werden können.
Worte Sri Aurobindos
Ich meinte mit dem inneren Wesen nicht das seelische oder innerste Wesen. Dieses seelische Wesen ist es, das die Liebe, Bhakti, das Einssein mit der Mutter fühlt. Was ich meinte, war das innere Mental, das innere Vital, das innere Physische. Zuerst muss man durch diese hindurch, um den verborgenen Ort der Seele zu erreichen. Sobald man das äußere Bewusstsein zurücklässt und sich nach innen wendet, gelangt man dorthin – einige oder die meisten kommen zuerst in das innere Vital, andere in das innere Mental oder Physische. Das emotionale Vital ist der direkteste Weg, denn der Sitz der Seele befindet sich unmittelbar hinter dem emotionalen Vital im Herzzentrum. Es ist für unser Ziel absolut unerlässlich, in diesen inneren Regionen bewusst zu werden, denn wenn sie nicht bewusst sind, hat das seelische Wesen keine direkte oder ausreichende Instrumentation für sein Wirken. Seine einzigen Hilfsmittel sind dann lediglich das äußere Mental, das äußere Vital und der Körper, und diese sind zu begrenzt und eng und dunkel. Bislang konntest du erst in die Außenbereiche des inneren Vitals eintreten, bist dort aber noch nicht hinreichend bewusst. Indem du dort bewusster wirst und dich tiefer nach innen wendest, kannst du die Seele erreichen, jene sichere Zuflucht, nirapada sthana, von der du sprichst. Dann brauchst du dich nicht mehr von den wirren Visionen und Erfahrungen jener Außenbereiche des inneren Vitals beunruhigen zu lassen.
Worte Sri Aurobindos
Hinter der gesamten vitalen Natur des Menschen befindet sich verborgen und reglos sein wahres vitales Wesen, das sich von der Oberflächen-Natur des Vitals beträchtlich unterscheidet. Das Oberflächen-Vital ist eng, unwissend, begrenzt, voll dunkler Wünsche, Leidenschaften, heftiger Begierden, voller Freuden und Schmerzen und vergänglichem Glück, voller Kummer, überschäumender Begeisterung und Niedergeschlagenheit. Im Gegensatz hierzu ist das wahre vitale Wesen weit und groß, ruhig und stark, unbegrenzt, fest und unveränderlich, fähig aller Macht, allen Wissens, allen Ananda. Es ist überdies ohne Ego, denn es erkennt sich als Projektion und Instrument des Göttlichen. Es ist der göttliche Krieger, rein und vollkommen. In ihm ist eine instrumentale Kraft für alle göttlichen Verwirklichungen. Es ist das wahre vitale Wesen, das in dir erwacht und hervorgetreten ist. Ebenso gibt es auch ein wahres mentales Wesen, ein wahres physisches Wesen. Sobald diese sich manifestieren, erkennst du das doppelte Sein in dir: Das dahinterliegende ist immer ruhig und stark, nur das an der Oberfläche ist gestört und finster. Doch wenn das wahre Wesen dahinter fest bleibt und du in ihm lebst, dann bleiben Störungen und Finsternis an der Oberfläche, und in diesem Zustand kannst du die äußeren Wesensteile wirkungsvoller gebrauchen, und auch sie können frei und vollkommen werden.
Worte Sri Aurobindos
Das Subliminale ist ein allgemeiner Ausdruck, der für alle Teile des Wesens gebraucht wird, die sich nicht an der wachen Oberfläche befinden. Der Begriff des „Unterbewussten“ wird von europäischen Psychologen sehr häufig im gleichen Sinn gebraucht, da sie den Unterschied nicht kennen. Doch wenn ich das Wort [unterbewusst] benutze, meine ich immer das, was sich unterhalb des gewöhnlichen physischen Bewusstseins befindet und nicht das, was dahinter ist. Das innere Mental, Vital und Physische und die Seele sind in diesem Sinn nicht unterbewusst, doch kann man sie als subliminal bezeichnen.
Worte Sri Aurobindos
Im subliminalen Gedächtnis werden genaue Bilder aufbewahrt. Alles, was unterschwellig ist, wird in der gewöhnlichen Psychologie als unterbewusst beschrieben. Doch in unserer Psychologie können wir so nicht vorgehen, denn das Bewusstsein, das diese Bilder enthält, ist ebenso präzis und viel weiter und umfassender als unser waches oder Oberflächen-Bewusstsein – warum also sollten wir es unterbewusst nennen? Bewusstes Gedächtnis ist etwas, das in jedem von uns gewollten Augenblick die Erinnerung an eine Sache hervorholen kann. Es steht unter unserer Kontrolle. Die unterschwellige Erinnerung kann alle diese Dinge speichern, selbst solche, die das Mental gar nicht verstehen kann. Zum Beispiel wenn du jemanden hebräisch sprechen hörst, kann das subliminale Gedächtnis dies speichern und es in einem anormalen Zustand, zum Beispiel der Hypnose, wieder hervorbringen. Das unterbewusste Gedächtnis hingegen ist ein Gedächtnis der Eindrücke. Wenn diese emporkommen, wie es im Traum geschieht, so erhalten wir ein unzusammenhängendes oder ein wahllos neu geordnetes Ergebnis; oder aber es ist das, was in Erscheinung tritt, nur die Essenz einer Sache, ihre psychologische Ablagerung, zum Beispiel Sex-Verlangen, Furcht, eine besondere Libido – wie die Psychoanalytiker sie nennen –, doch das, wodurch diese sich dann ausdrückt, muss nicht die gleiche Form haben, die ihr das Gedächtnis geben würde – es [das unterbewusste Gedächtnis] kann die gleichen Formen wiederholen, wenn es sich des mechanischen Mentals im Physischen bemächtigen kann, doch kann es auch etwas ganz anderes sein, als es im wirklichen Leben ist.