Kapitel 6

Vorschnelle Gewissheiten, falsche Unumstößlichkeiten

Gleichzeitig muss man sich immer daran erinnern, dass wir uns von Unvollkommenheit und Unwissenheit zu Licht und Perfektion hin bewegen, und dass der Glaube in uns frei sein muss von Anhaftung an die Formen unseres Bemühens und die aufeinander folgenden Stufen unserer Verwirklichung. Es gibt nicht nur vieles, das in uns stark aufgewühlt wird, um hinausgeworfen und zurückgewiesen zu werden, und einen Kampf zwischen den Kräften der Unwissenheit und niederen Natur und den höheren Kräften, welche jene ersetzen sollen, sondern auch Erfahrungen, Zustände des Denkens und Fühlens, Formen der Verwirklichung, die hilfreich sind und auf dem Weg akzeptiert werden müssen, und die momentan wie spirituelle Endgültigkeiten erscheinen mögen. Man erkennt sie hinterher als Stufen des Übergangs; sie müssen überschritten, und der aktive Glaube, welcher sie unterstützte, muss abgelegt werden zugunsten anderer und größerer Dinge oder volleren und umfassenderen Verwirklichungen und Erfahrungen, welche sie ersetzen oder in welche sie in einer vervollständigenden Transformation aufgenommen werden. Für den Sucher des Integralen Yoga kann es kein Klammern an Ruheplätzen oder einer endgültigen Bleibe auf dem Weg geben; er kann nicht zufrieden sein, bis er all die großen stabilen Grundlagen für seine Perfektion gelegt hat und in ihre weiten und freien Unendlichkeiten aufgebrochen ist, und sogar dort muss er beständig neue Erfahrungen des Unendlichen sammeln. Sein Fortschritt besteht in einem Aufstieg von Stufe zu Stufe, und jede neue Höhe eröffnet neue Ausblicke und Offenbarungen von dem Vielen, das noch getan werden muss, bhūri kartvam, bis zuletzt die göttliche Shakti all sein Bemühen übernommen hat, und er nur einwilligen muss und in einer zustimmenden Einheit an ihrem leuchtenden Wirken teilhat. Das, was ihn in all diesem Wandel, in den Kämpfen und Transformationen unterstützen wird, die ihn sonst vielleicht entmutigen würden, – denn der Intellekt, das Vital und die Emotionen greifen zu stark nach den Dingen, klammern sich an voreilige Gewissheiten und neigen dazu niedergeschlagen und unwillig zu sein, wenn sie gezwungen werden, ihre Ruheplätze aufzugeben, – ist ein fester Glaube an das Wirken der Shakti und Vertrauen auf die Führung des Meisters des Yoga. Dessen Weisheit ist nicht in Eile, und seine Schritte durch alle mentalen Verwirrungen sind sicher, richtig und vernünftig, weil sie auf einer vollkommen nachvollziehbaren Transaktion mit den Notwendigkeiten unserer Natur gründen.

Der menschliche Intellekt hat zu viel Angst vor Irrtum, weil er zu sehr an einem voreiligen Gefühl der Sicherheit und einem zu ungeduldigen Verlangen nach positiver Endgültigkeit bei dem, was er an Wissen zu erlangen scheint, klammert.

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