Kapitel 6

Religion als Lebensgesetz

Da das Unendliche, Absolute und Transzendente, das Universale, Eine, der geheime Gipfel des Dasein ist und es unser höchstes Ziel und Streben und somit Ziel aller Entwicklung des Individuums wie der Allgemeinheit in allen ihren Teilen und Handlungen ist, das spirituelle Bewusstsein und das Göttliche zu erlangen, kann die Vernunft nicht letzter und entscheidender Führer sein. Kultur in ihrem üblichen Sinne kann nicht das wegweisende Licht sein oder das lenkende und ausgleichende Prinzip unseres Lebens und Handelns aufzeigen. Denn Vernunft endet kurz vor dem Göttlichen und geht Kompromisse mit den Problemen des Lebens ein. Um das Transzendente und Unendliche zu erlangen, muss die Kultur sich spiritualisieren und mehr sein als eine intellektuelle, ästhetische, ethische und praktische Schulung. Wo aber sollen wir dieses führende Licht finden, das lenkende und ausgleichende Prinzip? Die nächstliegende Antwort, die stets von der asiatischen Mentalität gegeben wird, bedeutet, dass dieses Prinzip unmittelbar und sogleich in der Religion zu finden ist. Dies scheint eine vernünftige und auf den ersten Blick befriedigende Antwort zu sein. Denn Religion ist jener Instinkt und Gedanke, jene Aktivität und Disziplin im Menschen, die unmittelbar das Göttliche verfolgen, während alles andere dies Göttliche nur auf indirektem Wege zu erstreben scheint und es auf der Suche nach den äußeren, unvollkommenen Erscheinungen der Dinge nur unter Schwierigkeiten nach viel Umherirren und Straucheln zu erreichen vermag. Alles Leben zur Religion zu machen, alle Handlungen der religiösen Idee zu unterstellen, erscheint allein der richtige Weg zur Entwicklung des idealen Menschen und der idealen Gesellschaft zur Erhebung des ganzen menschlichen Lebens in das Göttliche zu sein.

Eine gewisse Vorherrschaft der Religion, ein Überschatten oder zumindest Abtönen des Lebens, eine Einflussnahme auf die anderen Instinkte und grundlegenden Ideen durch den religiösen Instinkt und die religiöse Idee ist, wie wir zugeben müssen, nicht nur den asiatischen Zivilisationen eigen, sondern mehr oder weniger der normale Zustand des menschlichen Mentals und der menschlichen Gesellschaft gewesen. Wo dies nicht unbedingt der Fall war, bildete die Religion, mit der alleinigen Ausnahme einiger vergleichsweise kurzen Zeitspannen der Geschichte, zumindest einen beachtlichen und vorherrschenden Teil des gesamten Strebens der Menschheit. In einer dieser Perioden befinden wir uns heute, und wenn wir auch schon eine halbe Wendung gemacht haben, um uns ihr zu entziehen, haben wir dies doch noch nicht ganz vermocht. Wir müssen jedenfalls annehmen, dass die führende, vorherrschende Rolle, die vom normalen menschlichen Kollektiv der Religion zugeteilt wird, auf eine innere Notwendigkeit und Wahrheit unseres natürlichen Wesens zurückzuführen ist, zu der wir nach aller Treulosigkeit – wie lange diese auch dauern mag – immer wieder zurückfinden. Andererseits dürfen wir nicht unbeachtet lassen, dass in einer Zeit großer Aktivität, hohen Strebens, tiefer Saat und reicher Ernte, wie sie trotz all ihrer Fehler und Irrtümer die heutige eine Zeit ist, in der die Menschheit sich von viel Grausamem, Bösem, Unwissendem, Dunklem, Widerwärtigem nicht durch die Macht der Religion, sondern durch die Kraft einer erwachten Intelligenz und eines menschlichen Idealismus und Gefühls befreit hat, die Vorherrschaft der Religion stark angegriffen und von jenem Teil der Menschheit verworfen worden ist, bei dem in dieser Zeit das Richtmaß des Denkens und des Fortschritts lag: vom Europa nach der Renaissance, vom modernen Europa.

In ihrer extremsten Form hat diese Revolte die Religion insgesamt zu beseitigen versucht. Sie rühmte sich in der Tat, sie habe den religiösen Instinkt im Menschen getötet – eine eitle und törichte Behauptung, wie wir jetzt schon einsehen, da der religiöse Instinkt im Menschen gerade derjenige seiner Instinkte ist, der sich nicht töten lässt, sondern nur seine Form ändert. In ihren gemäßigteren Formen verbannte die Empörung gegen die Religion diese nur in eine Ecke der Seele, überließ sie sich selbst und verbot ihr die Einmischung in das intellektuelle, ästhetische, praktische, ja selbst in das ethische Leben. Dies geschah mit der Begründung, dass eine Einmischung der Religion in Wissenschaft, Denken, Politik, Gesellschaft und in das Leben ganz allgemein sich bisher stets als ein wesentliches Moment der Verzögerung, des Aberglaubens und bedrückender Unwissenheit erwiesen hat und erweisen musste. Ein religiöser Mensch mag diese Anschuldigung als Irrtum und atheistische Verkehrung bezeichnen. Er mag behaupten, dass eine Hemmung des Religiösen, eine fromme Unwissenheit, ein selbstzufriedener statischer Zustand, ja selbst eine gewollte Stagnation, wenn sie nur erfüllt ist von heiligen Gedanken über das Jenseitige, viel besser sei als ständiges Streben nach umfangreicherem Wissen und größerer Macht, nach mehr Glück, Freude und Licht auf dieser vergänglichen Erde. Der katholische Denker kann sich aber solche Äußerungen nicht zu eigen machen. Er muss darauf achten, dass Fortschritt, nicht ein unbeweglicher Zustand, das notwendige und wünschenswerte Gesetz seines Lebens sein darf, solange der Mensch nicht das Göttliche erreicht hat, das Ideal in seinem Leben. Das mag sogar noch dann richtig sein, wenn er das Göttliche erreicht hätte, da dieses das Unendliche ist. Natürlich darf es sich nicht um ein atemloses Rasen nach Neuigkeiten handeln, sondern um eine stetige Bewegung des Individuums wie der Allgemeinheit zur größeren und immer umfassenderen Wahrheit des Geistes, des Denkens und Lebens. Eine solche Bewegung zeigt sich im Streben der Gemeinschaft, im Wechsel der Ideale und Temperamente, in der Sehnsucht nach Vollkommenheit. Der katholisch denkende Mensch muss auch zugeben, dass die Anklagen gegen die Religion – wenn nicht in ihren Schlussfolgerungen, so doch in ihren Voraussetzungen – bisweilen, vielleicht sogar in vielen Fällen, berechtigt erscheinen. Nicht die Religion als solche, aber geschichtlich und in der Wirklichkeit betrachtet die anerkannten Religionen, ihre Hierarchien und ihre Vertreter stellten nur zu oft eine Macht der Verzögerung dar oder verbündeten sich mit der Dunkelheit, Unterdrückung und Unwissenheit. Es bedurfte der Ablehnung und Empörung des unterdrückten menschlichen Mentals und des Herzens, um diese Irrtümer zu beseitigen und die Religion wieder in ihre rechte Ordnung zu stellen. Warum aber ist dies notwendig gewesen, wenn die Religion der wahre Führer und Lenker aller menschlichen Tätigkeit und des gesamten menschlichen Lebens ist?

Wir brauchen dem rationalistischen oder atheistischen Mental in all seinen aggressiven Anklagen gegen die Religion nicht zu folgen. Wir brauchen z. B. Aberglauben, Abirrungen, Gewaltsamkeiten nicht allzu sehr betonen, selbst Verbrechen nicht, die die Kirchen, Kulte und Glaubensformen unterstützten, zuließen, sanktionierten, erlaubten oder gar zu eigenem Vorteil ausbeuteten. Eine solch gehässige Aufzählung würde zwar den Ausruf des römischen Dichters „Zu solchem Maß an Übel konnte die Religion die Menschheit überreden!“ verständlich machen, man könnte aber ebenso die Verbrechen und Irrtümer aufzählen, die im Namen der Freiheit oder Ordnung ausgeübt wurden und die dieses Ideal der Freiheit und sozialen Ordnung genügend in Verruf brachten. Andererseits dürfen wir uns der Tatsache nicht verschließen, dass so etwas möglich war, und müssen eine Erklärung dafür suchen. Wir können z. B. die blutbeschmutzte oder feurig leuchtende Spur nicht leugnen, die ein formales, äußerliches Christentum in die mittelalterliche Geschichte Europas eingrub, fast seit den ersten Tagen Konstantins und den ersten Stunden seines weltlichen Triumphs bis herab zu den jüngsten Zeiten. Auch die blutigen Urteile lassen sich nicht leugnen, die eine Institution wie die Inquisition vollstreckte, obwohl sie im Namen der Religion Anerkennung als wegweisende und entscheidende Macht über Ethik und Gesellschaft verlangte, ebenso wenig wie die religiösen Kriege und die weitreichenden Verfolgungen durch den Staat, der den Anspruch der Entscheidung über das politische Leben des Menschen erhob. Doch müssen wir bei alledem beachten, dass die Wurzeln dieses Übels nicht in der wahren Religion selbst liegen, sondern in ihren vorrationalen Bereichen, nicht in ihrem spirituellen Glauben und Streben, sondern in der Verwechslung von Religion mit besonderen Glaubens- und Kultrichtungen, mit bestimmten Sekten und religiösen Kirchengemeinschaften durch den Menschen. So groß ist die menschliche Neigung, einen solchen Irrtum zu begehen, dass selbst das frühe, tolerante Heidentum Sokrates im Namen der Religion und Moral tötete, dass es, wenn auch in schwächerem Maß, nicht-nationale Glaubensformen wie den Kult von Isis und Mithras und in wesentlich stärkerer Weise die seiner Meinung nach umstürzlerische und antisoziale Religion der frühen Christen verfolgte. Selbst im grundsätzlich toleranten Hinduismus mit all seiner spirituellen Weite und Erleuchtung kam es einst zum milderen gegenseitigen Hass und zur gelegentlichen, aber kurzlebigen Verfolgung von Buddhisten, Jains, Shaivas und Vaishnavas.

Hier zeigt sich die Wurzel des geschichtlichen Ungenügens der Religion als Führer und Leiter der menschlichen Gesellschaft. So haben Kirchen und Glaubensformen gewaltsam den Entwicklungsweg von Philosophie und Wissenschaft gehemmt, Giordano Bruno verbrannt, Galilei ins Gefängnis geworfen und sich ganz allgemein so verhalten, dass sich Philosophie und Wissenschaft in Selbstverteidigung gegen die Religion erheben und sie ihrerseits angreifen mussten, um freie Bahn für ihre rechtmäßige Entwicklung zu gewinnen. Kurzum: Weil Menschen sich in der Leidenschaft und Finsternis ihrer Triebnatur entschlossen hatten, Religion mit gewissen festen, intellektuellen Begriffen über Gott und die Welt zu verbinden, die wissenschaftlichem Urteil nicht standhalten konnten, musste die Wissenschaft mit Feuer und Schwert niedergehalten werden. Wissenschaftliche und philosophische Wahrheit musste geleugnet werden, damit religiöser Irrtum bestehen konnte. So erleben wir auch, dass oft ein beschränkter religiöser Geist die Freude und Schönheit des Lebens unterdrückt und schmälert, sei es durch intolerante Askese oder, wie die Puritaner es versuchten, durch den Mangel an Einsicht, dass Beschränkung nicht die beste Seite der Religion darstellt, wenn auch religiöse Sammlung von großer Wichtigkeit sein mag. Eine solche Haltung stellt nicht den einzigen ethisch-religiösen Zugang zu Gott dar, da Liebe, Barmherzigkeit, Güte, Toleranz, Freundlichkeit auch göttlicher Art sind, vielleicht noch göttlicher. Vergessen war oder niemals gewusst, dass Gott ebenso sehr Liebe und Schönheit ist wie Reinheit. In der Politik hat sich die Religion oft auf die Seite der Macht geschlagen und sich dem Aufkommen umfassender politischer Ideale entgegengestellt, weil sie selbst, in Gestalt einer Kirche, von Macht getragen wurde, weil sie Religion mit Kirche verwechselte oder weil sie sich für eine falsche Theokratie einsetzte und vergaß, dass wahre Theokratie das Königreich Gottes im Menschen ist und nicht das Königreich des Papstes, einer Priesterschaft oder einer Priesterklasse. Darum hat sie auch oft ein hartes und überaltertes soziales System gestützt, da sie das eigene Leben an soziale Formen gebunden glaubte, mit denen sie zufällig während einer langen Zeitdauer ihrer Geschichte verbunden gewesen war. Irrtümlicherweise zog sie daraus den Schluss, dass selbst eine nötige Veränderung dieses Systems eine Verletzung der Religion und eine Gefahr für ihren Bestand bedeuten würde. Als könnte eine so mächtige und innerliche Kraft wie der religiöse Geist im Menschen von etwas so Kleinem wie dem Wechsel einer sozialen Form oder von etwas so Äußerlichem wie einer sozialen Anpassung zerstört werden. Dieser Irrtum in seinen verschiedensten Formen ist die große Schwäche der Religion gewesen, wie sie in der Vergangenheit ausgeübt wurde. Er war Anlass und Rechtfertigung für den Aufstand der Intelligenz, der Ästhetik, des sozialen und politischen Idealismus, selbst für das Ethos der Menschen gegen alles, was ihnen höchstes Ziel und oberstes Gesetz hätte sein sollen.

Darin liegt ein Teil des geheimnisvollen Unterschiedes zwischen dem alten und dem neuen, zwischen dem östlichen und dem westlichen Ideal, und hier liegt auch ein Schlüssel für ihre Versöhnung. Beide Auffassungen haben eine starke Berechtigung, und die Ursache ihres Streites ist nur ein Missverständnis. Wohl ist in gewissem Sinne wahr, dass Religion Hauptinhalt des Lebens sein sollte, sein Licht und sein Gesetz. Religion aber, wie sie tatsächlich sein sollte und wie sie ihrer innersten Natur, dem Grundgesetz des Lebens nach ist, bedeutet ein Suchen nach Gott, den Kult des Geistigen, das Öffnen des innersten Seelenlebens für die innewohnende Gottheit, die ewige Allgegenwart. Andererseits ist zuzugeben, dass Religion, die sich nur mit einer Glaubensform identifiziert, mit einem Kult, einer Kirche, einem System von Zeremonien, sehr wohl zu einem Hemmnis werden kann. So mag es dazu kommen, dass der menschliche Geist sich berechtigt fühlte, ihren Einfluss auf verschiedene Gebiete des Lebens abzulehnen. Man muss wohl zwei Aspekte der Religion unterscheiden: wahre Religion und Religiosität. Wahre Religion ist spirituelle Religion. Sie sucht im Geist zu leben, jenseits des Verstandes, der Ästhetik, des ethischen und praktischen Seins des Menschen, und sie erstrebt, diese Glieder unseres Seins mit dem höheren Licht und Gesetz des Geistes zu erfüllen und zu lenken. Religiosität dagegen verschanzt sich hinter enger, pietistischer Erhöhung der niederen Glieder oder misst intellektuellen Dogmen, Formen und Zeremonien, einem festgelegten und strengen Moralkodex, einem religiös-politischen oder religiös-sozialen System übertriebenen Wert bei. Wohl sollten alle diese Dinge keineswegs vernachlässigt werden, da sie nicht im Geringsten wertlos oder unnötig sind. Auch sollte eine spirituelle Religion die Hilfe von Formen, Zeremonien, Glaubenssätzen oder Systemen nicht missachten. Im Gegenteil, die Menschheit bedarf ihrer, da ihre niederen Glieder erschüttert und erhoben werden müssen, ehe sie spiritualisiert werden, ehe sie den Geist unmittelbar fühlen und seinem Gesetz gehorchen können. Der denkende und überlegende Verstand bedarf oft einer intellektuellen Formel, einer Form oder Zeremonie für das ästhetische Temperament oder für andere Teile des vorrationalen Seins, eines Moralkodex für die vitale Natur des Menschen in ihrer Hinwendung zum inneren Leben. Aber all dies kann nur Hilfe und Stütze sein, ist nicht das Wesen selbst. Eben weil es den rationalen und vorrationalen Teilen zugehört, kann es nichts anderes sein. Stützt man sich allzu sehr auf diese Formen, können sie sogar das überrationale Licht verdunkeln. So wie sie sind, müssen sie dem Menschen angeboten und von ihm benutzt, nicht aber dürfen sie ihm mit unbeugsamem Willen als einziges Gesetz aufgezwungen werden. In ihrer Anwendung sind Toleranz und die Freiheit der Veränderung die oberste Regel. Der spirituelle Gehalt der Religion ist das einzige und höchst Notwendige, an dem wir festhalten müssen und dem wir jedes andere Element oder Motiv unterordnen sollten.

Hier aber tritt eine Zweideutigkeit in Erscheinung, die Anlass ist für eine tiefere Unterscheidung. Denn spirituelle Religion scheint oft etwas dem irdischen Leben Fernes, von ihm Verschiedenes, ihm Feindliches zu sein. Sie scheint die Verfolgung irdischer Ziele zu verdammen, als seien diese dem spirituellen Weg entgegengesetzt, als seien die Hoffnungen des Menschen auf Erden Trug oder Eitelkeit und mit der Hoffnung des Menschen im Himmel nicht vereinbar. Auf diese Weise wäre der Geist etwas, das fernab liegt und das der Mensch nur zu erreichen vermag, wenn er das Leben seiner niederen Glieder wegwirft. Dann muss er entweder dieses niedere Leben nach einem gewissen Zeitpunkt aufgeben, wenn es seinem Zweck gedient hat, oder er muss es ständig entmutigen, kasteien und abtöten. Wäre dies der wirkliche Sinn von Religion, hätte diese offensichtlich keine positive Sendung für die menschliche Gesellschaft in dem ihr eigenen Gebiet sozialer Bestrebungen, Hoffnungen und Bemühungen oder für das Individuum in einem der niederen Glieder seines Wesens. Denn jedes Prinzip unserer Natur sucht naturgemäß in seiner eigenen Sphäre nach Vollendung, und wenn es einer höheren Macht gehorchen soll, so deshalb, weil diese ihm größere Vollkommenheit ermöglicht und größere Befriedigung auf seinem eigenen Gebiet gibt. Wird aber die Möglichkeit zur Vollendung diesem Glied abgesprochen und das Streben nach Vollkommenheit durch spirituelle Forderungen unmöglich gemacht, muss es entweder das Vertrauen zu sich selbst verlieren und die Kraft, seine Energien und Tätigkeiten naturgemäß zu entfalten, oder es muss den Ruf des Geistes zurückweisen, um seinem eigenen Wunsch und Gesetz, dem Dharma, zu folgen. Dieser Streit zwischen Erde und Himmel, zwischen dem Geist und seinen Gliedern wird noch unfruchtbarer, wenn die Spiritualität die Gestalt einer Religion von Trübsal und Leiden annimmt, die einer beschränkenden Abtötung, die einer Lehre von der Eitelkeit aller Dinge. Übersteigert führt sie dann zu einem solchen Albdruck der Seele, wie ihn Dunkelheit und Hoffnungslosigkeit des Mittelalters in ihren schlimmsten Augenblicken geschaffen haben, als die einzige Hoffnung der Menschheit im ersehnten Nahen des Weltendes lag, im unvermeidlichen und wünschenswerten pralaya. Aber auch in weniger ausgesprochenen und unduldsamen Formen dieser pessimistischen Weltsicht kann die Religion eine Entmutigung für das Leben bedeuten und deshalb nicht sein wahres Gesetz und sein Führer sein. Aller Pessimismus ist in dieser Hinsicht ein Leugnen des Geistes, seiner Fülle und Macht, ihre Ungeduld mit den Wegen Gottes in der Welt, ungenügendes Vertrauen auf göttliche Weisheit und göttlichen Willen, die die Welt erschufen und für immer lenken. Die Religion gibt damit ungenügendes Verständnis der höchsten Weisheit und Macht zu und kann deshalb nicht mehr selbst die höchste Weisheit und Macht des Geistes sein, auf den die Welt zu blicken vermag als Führer und Wegbereiter ihres Lebens zum Göttlichen hin.

Die Entfremdung des Westens von Religion, die Minderung ihres Bereiches und ihrer Bedeutung, die der Fortschritt Europas aus der mittelalterlichen Haltung über Renaissance und Reformation zur modernen rationalistischen Haltung gebracht hat, die Verbesserung des natürlichen, irdischen Lebens als zentrale Aufgabe, das Bemühen, die eigene Erfüllung durch das Gesetz der niederen Glieder zu suchen, abseits aller spirituellen Sehnsucht, stellte einen Irrtum nach der anderen Seite dar, das andere Extrem der Unwissenheit, das willkürliche Schwingen des Pendels von einer falschen Bejahung zu einer falschen Verneinung. Das ist ein Irrtum, weil Vollkommenheit nicht in solcher Beschränkung und Begrenzung gefunden werden kann, die das ganzheitliche Gesetz des menschlichen Lebens, seinen tiefsten Drang, seinen geheimsten Impuls leugnet. Nur durch das Licht und die Kraft des Höchsten kann das Niedere richtig gelenkt, erhoben und vollendet werden. Das niedere menschliche Leben ist seiner Form nach ungöttlich, wenn auch in ihm das Geheimnis des Göttlichen wohnt, und es kann nur vergöttlicht werden, wenn man das höhere Gesetz und die spirituelle Erleuchtung findet. Andererseits bedeutet auch die Ungeduld, die das Leben verdammt, die an ihm verzweifelt oder sein Wachstum entmutigt, weil es im Augenblick ungöttlich ist und mit dem spirituellen Leben nicht in Harmonie steht, eine Unwissenheit, andham tamah. Der der Welt ausweichende Mönch, der reine Asket, mag wohl durch sie sein eigenes und besonderes Heil finden, die spirituelle Belohnung für seine Entsagung, Tapasya, wie der Materialist durch eine ihm eigene Methode entsprechende Belohnung für Energie und konzentriertes Mühen zu erlangen vermag. Beide aber können nicht der wahre Führer der Menschheit und ihr Gesetzgeber sein. Die mönchische Haltung schließt Angst, Abneigung, Misstrauen gegen das Leben und seine Zielsetzungen ein. Man kann aber nicht ein weiser Führer dessen sein, was man missachtet und was man auf das geringste Maß beschränken und entmutigen möchte. Würde die rein asketische Haltung Leben und menschliche Gesellschaft bestimmen, könnte sie diese nur dazu anleiten, sich selbst zu leugnen und von den eigenen Antrieben zu befreien. Eine asketische Führung wird vielleicht zunächst die niederen Tätigkeiten dulden, doch nur um sie zu überreden, sich immer mehr zu beschränken und sich am Ende selbst aufzuheben. Eine Spiritualität allerdings, die sich aus dem Leben zurückzieht, um es zu umschließen, ohne von ihm beherrscht zu werden, funktioniert unter dieser Einschränkung nicht. Den spirituellen Menschen, der das menschliche Leben zur Vollendung zu führen vermag, finden wir im Typus des Rishi im alten Indien, der voll und ganz als Mensch lebte und als solcher das Wort der supraintellektuellen, supramentalen, spirituellen Wahrheit fand. Er hat sich über die niederen Begrenzungen erhoben und alle Dinge von oben zu betrachten vermocht. Er versteht aber auch die Bestrebungen der Welt und vermag sie von innen her zu betrachten. So hat er die vollkommene innere Erkenntnis und die höhere jenseitige Weisheit erlangt und kann die Welt menschlich führen, wie Gott sie göttlich lenkt. Wie das Göttliche lebt er in der Welt und steht dennoch über ihr.

In so verstandener Spiritualität können wir nach dem führenden Licht und dem ausgleichenden Gesetz suchen. In der Religion ist dies nur möglich, soweit diese sich mit Spiritualität identifiziert. Solange sie dies nicht tut, stellt sie eine menschliche Tätigkeit und Kraft dar wie andere auch. Selbst wenn sie als bedeutsam und wesentlich angesehen werden muss, vermag sie nicht vollkommen zu führen. Solange sie versucht, die Menschen in die Grenzen einer Glaubensform, eines unveränderlichen Gesetzes, eines besonderen Systems einzuengen, muss sie gewärtig sein, dass diese sich gegen ihre Herrschaft empören. Mögen sie einige Zeit auch einen solchen Druck aushalten und sogar Nutzen aus ihm ziehen, werden sie sich doch letzten Endes, dem Gesetz ihres Wesens entsprechend, hin zu freier Aktivität und ungehinderter Bewegung entwickeln. Spiritualität achtet die Freiheit der menschlichen Seele, weil sie selbst von Freiheit erfüllt ist. Die letzte Bedeutung der Freiheit liegt in der Kraft, sich zu entwickeln und, dem Gesetz der eigenen Natur entsprechend, zur Vollendung zu wachsen – dem Dharma. Spiritualität wird diese Freiheit allen wesentlichen Teilen unseres Seins geben. Sie wird diese Freiheit der Philosophie und Wissenschaft zugestehen, wie es die alte indische Religion tat – selbst die Freiheit, den Geist zu leugnen, wenn sie es wollen. Als Ergebnis solcher Freiheit empfanden Philosophie und Wissenschaft des alten Indiens niemals die Notwendigkeit, sich von Religion zu scheiden, vielmehr wuchsen sie in sie hinein und stellten sich unter ihr Licht. Dieselbe Freiheit kann Spiritualität dem Streben des Menschen nach politischer und sozialer Vollkommenheit und allen seinen sonstigen Kräften und Zielsetzungen geben. Nur wird der Geist diese Kräfte mit Bedacht so erleuchten, dass sie in sein Licht und sein Gesetz hineinwachsen. Nicht durch Unterdrückung und Beschränkung wird dies geschehen, sondern durch eigenes Streben, durch selbstbeherrschte Ausweitung des Selbsts und durch vielseitiges Entfalten seiner weitesten, höchsten und tiefsten Möglichkeiten. Denn dieses alles vermag der Geist.

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