Kapitel 6
Intellektuelle Vorbereitung im Yoga
Worte Sri Aurobindos
Es genügt nicht, dass wir uns durch das Lesen Heiliger Schriften oder durch eine anstrengende philosophische Beweisführung nur einem intellektuellen Verstehen des Göttlichen hingeben. Sonst könnten wir vielleicht am Ende unseres langen mentalen Mühens alles wissen, was über den Ewigen ausgesagt wurde, und alles innehaben, was über den Unendlichen gedacht werden kann, aber ihn selbst würden wir ganz und gar nicht kennen. Diese intellektuelle Vorbereitung kann in einem machtvollen Yoga die erste Stufe sein; sie ist aber keineswegs unerlässlich. Das ist kein Schritt, den alle zu machen brauchen oder zu dem sie aufgefordert werden sollen. Wäre die intellektuelle Form des Wissens, zu der man durch die spekulative oder meditative Vernunft gelangt, die unentbehrliche Voraussetzung oder bindende Vorstufe für den Yoga, dann wäre er für alle außer ein paar wenigen eine Unmöglichkeit. Alles, was das Licht aus der Höhe von uns verlangt, damit es sein Werk beginnen kann, ist, dass wir mit unserer Seele nach dem Göttlichen verlangen und ihm in unserem Mental eine ausreichende Empfangsstelle für sein eigenes Wirken gewähren. Dieser Einwirkungspunkt kann ihm dadurch gewährt werden, dass wir im Denken unablässig auf der Idee des Göttlichen beharren und dass diesem in den dynamischen Teilen ein Wille, eine Aspiration, ein Glaube und ein Verlangen des Herzens entspricht. Jede einzelne dieser Kräfte mag die Führung übernehmen oder vorherrschen, wenn uns nicht alle zusammen im Einklang miteinander oder in einem gleichmäßigen Rhythmus vorwärtstreiben können. Diese Vorstellung von Gott mag anfänglich noch unzulänglich sein, ja sie muss es. Das Trachten nach ihm kann eng und unvollkommen, der Glaube nur schwach erleuchtet oder sogar schwankend und ungewiss sein und leicht dahinschwinden, wenn er nicht sicher auf dem Felsen des Wissens gegründet ist. Er mag noch oft erlöschen und muss dann wieder mit Mühe, wie eine Fackel in zugiger Durchfahrt, neu angezündet werden. Wenn es aber einmal zu einer entschlossenen Selbstdarbringung aus der Tiefe des Inneren gekommen ist und man wach wurde für den Ruf der Seele, können diese noch unzulänglichen Dinge doch zu einem für den göttlichen Zweck ausreichenden Instrument werden.
Nicht durch den Verstand kann man im Yoga vorankommen, sondern durch die seelische und spirituelle Empfangsbereitschaft; was das Wissen und das wahre Verstehen anbelangt, so wachsen diese in der Sadhana durch das Anwachsen der Intuition und nicht des physischen Intellektes.
Ein wohl geübter Intellekt ist eine gute Vorbereitung des Mentals für größeres Wissen, vermag als solcher aber nicht, yogisches Wissen zu vermitteln oder das Göttliche zu erkennen – er kann vom Göttlichen nur Vorstellungen haben, doch bedeutet Vorstellungen zu haben nicht Wissen. Der Intellekt muss im Verlauf der Sadhana in das höhere Mental umgewandelt werden, das als solches ein Übergangsstadium auf dem Weg zum wahren Wissen ist.
Es wird von den Menschen erwartet, dass sie ihrem Intellekt folgen, dass sie ihre eigenen Ideen haben und, ob richtig oder falsch, sie ohne Überprüfung geltend machen; der Intellekt ist, wie es heißt, des Menschen höchstes Instrument und hat seinen Ideen gemäß zu denken und zu handeln. Das aber ist nicht wahr; der Intellekt bedarf ebenso sehr wie das Vital eines inneren Lichtes, das ihn führt, prüft und kontrolliert. Es gibt etwas, das über dem Intellekt steht, das man entdecken muss, und der Intellekt sollte lediglich ein Mittler für das Wirken jener Quelle des wahren Wissens sein.
Auch der Tumult der mentalen (intellektuellen) Aktivität muss zum Schweigen gebracht werden, genauso wie die vitale Aktivität des Begehrens, damit Ruhe und Frieden vollkommen werden. Wissen darf nur von oben kommen.
Weder Denken noch das Wort können die ewige Wahrheit erfassen.
Worte der Mutter
Intellektuelle Bildung ist unentbehrlich für die Vorbereitung eines guten mentalen Instruments, das weit, geschmeidig und reich ist, aber hier hört die Wirkung der Erziehung auf.
Beim Erheben über den Verstand ist sie eher ein Hindernis als eine Hilfe, denn im Allgemeinen findet ein raffinierter und gebildeter Verstand seine Befriedigung in sich selbst und sucht selten, sich selbst zum Schweigen zu bringen, um übertroffen zu werden.
Wenn ich vom Seelischen oder Spirituellen spreche, meine ich Dinge, die hinter der flachen Oberfläche der Worte sehr tief und wirklich und selbst in ihrer Verschiedenheit innig miteinander verbunden sind. Intellektuelle Definitionen und Unterscheidungen sind zu äußerlich und starr, um die eigentliche Wahrheit der Dinge zu erfassen.
Oft, wenn ich Sri Aurobindos Werke lese oder Seinen Worten zuhöre, bin ich erstaunt: Wie kann diese ewige Wahrheit, diese Schönheit des Ausdrucks den Menschen entgehen? Es ist wirklich seltsam, dass Er noch nicht erkannt wird, zumindest als höchster Schöpfer, als reiner Künstler, als Dichter par excellence! Also sage ich mir, dass meine Urteile, meine Wertschätzungen von meiner Hingabe für den Meister beeinflusst sind - und nicht jeder ist hingebungsvoll. Ich glaube nicht, dass dies wahr ist. Aber warum sind dann die Herzen noch nicht von Seinen Worten verzaubert?
Wer kann Sri Aurobindo verstehen? Er ist so groß wie das Universum und seine Lehre ist unendlich…
Der einzige Weg, ihm ein wenig näher zu kommen, ist, ihn aufrichtig zu lieben und sich vorbehaltlos seinem Werk hinzugeben. So tut jeder sein Bestes und trägt so viel wie möglich zu jener Transformation der Welt bei, die Sri Aurobindo vorausgesagt hat.
Ich habe bemerkt, dass ihr nicht mitkommt, wenn ich euch leider mal etwas mit philosophischen Ausdrücken vorlese oder zu euch aus einer philosophischen Sicht spreche. Und einfach deshalb, weil ihr keine philosophische Gymnastik praktiziert habt. Es ist nicht deshalb, weil ihr nicht intelligent wäret, nicht deshalb, weil ihr nicht die Fähigkeit hättet zu verstehen: Es ist deshalb, weil ihr nicht die geeignete Gymnastik praktiziert habt. Ich könnte es auch noch anders ausdrücken: Ihr habt die Sprache nicht gelernt. Doch man gebraucht dieselben Wörter, nur mit ein wenig anderen Wortbeziehungen, mit anderen Redewendungen, mit einer anderen mentalen Einstellung gegenüber den Dingen. Nun, diese Andersartigkeit in der Einstellung könnt ihr nur bekommen, wenn ihr die entsprechende Gymnastik praktiziert habt. Und das Beispiel ist für euch sehr leicht zu verstehen, weil ihr alle sehr gut wisst, dass ihr nie eure Leichtathletikübungen machen könntet, wenn ihr nicht trainiert hättet. Selbst wenn ihr spezielle Fähigkeiten habt, selbst wenn ihr begabt seid, wenn ihr keine Praxis habt und wenn ihr nicht trainiert, könnt ihr die Übungen nicht machen.
Meine geliebte Mutter, ich möchte einen systematischen Kurs über Metaphysik und Ethik belegen. Ich denke auch daran, „The Life Divine“ zu lesen.
Wenn du Metaphysik und Ethik liest, musst du es nur als mentale Gymnastik tun, um deinem Gehirn ein wenig Übung zu geben, aber verliere nie die Tatsache aus den Augen, dass dies keine Quelle der Erkenntnis ist und dass man sich auf diese Weise nicht der Erkenntnis nähern kann.