Kapitel 6

Die Geschichte von zwei Geistlichen auf einem Schiff

Liebe Mutter, in der heutigen Welt gehören die meisten Menschen irgendeiner Religion an. Wird ihnen geholfen?

Nicht sehr.

Vielleicht fangen sie jetzt wieder an, aber sehr lange Zeit hindurch, zu Beginn dieses Jahrhunderts, haben sie die Religion als etwas dem Wissen Entgegengesetztes von sich gewiesen, jedenfalls die intellektuellen Menschen. Und erst jetzt beginnt eine entgegengesetzte Bewegung – eine Bewegung zu etwas anderem hin als zu einem verbohrten Positivismus.

Die Menschen gehören aus gesellschaftlicher Gewohnheit zu einer Religion, um vor den anderen nicht schlecht dazustehen. Es ist zum Beispiel schwierig, in einem Dorf nicht in die Kirche zu gehen, weil alle Nachbarn mit dem Finger auf einen zeigen. Aber das hat absolut nichts mit dem spirituellen Leben zu tun, überhaupt nichts.

Als ich das erste Mal nach Indien kam, fuhr ich auf einem japanischen Schiff. Und auf diesem japanischen Schiff waren zwei protestantische Geistliche aus verschiedenen Sekten. Ich weiß nicht mehr genau, welche Sekten es waren. Beide waren Engländer. Ich glaube, der eine war Anglikaner, der andere Presbyterianer. Dann kam der Sonntag. Es musste schon ein Gottesdienst auf dem Schiff abgehalten werden, sonst hätte es nach Heidentum ausgesehen wie bei den Japanern! Es musste ein Gottesdienst gehalten werden, aber wer sollte ihn halten? Der Anglikaner oder der Presbyterianer? Beinahe hätte es Streit gegeben. Schließlich trat der eine würdevoll den Rückzug an – ich meine der Anglikaner –, und der Presbyterianer hielt seinen Gottesdienst.

Das spielte sich im Schiffssalon ab. Man stieg einige Stufen hinunter, um in diesen Salon zu gelangen. Und an diesem Tag hatten alle Männer ihre Jacke an – es war sehr heiß, ich glaube, wir waren im Roten Meer –, sie hatten ihre Jacken an, steife Kragen, Lederschuhe, festgebundene Krawatten, einen Hut auf dem Kopf, und sie gingen, ein Buch unter dem Arm, fast wie in einer Prozession, von der Brücke zum Salon. Die Damen trugen einen Hut, es gab welche mit Sonnenschirmchen, und sie hatten auch ein Buch unter dem Arm, ein Gebetbuch.

Und dann stürzten sich alle in diesen Salon, und der Presbyterianer hielt eine Rede, das heißt er hielt seine Predigt, der alle sehr andächtig zuhörten. Und dann, als das vorbei war, stiegen sie alle wieder hinauf, mit zufriedener Miene wie jemand, der seine Pflicht erfüllt hat. Und natürlich waren sie fünf Minuten später in der Bar beim Trinken und Kartenspielen, und ihr Gottesdienst war vergessen. Sie hatten ihre Pflicht getan, es war vorbei, man sprach nicht mehr darüber.

Und der Geistliche kam und fragte mich, mehr oder weniger höflich, warum ich nicht teilgenommen hätte. Ich sagte ihm: „Ich bedaure, Monsieur, aber ich glaube nicht an die Religion.“

„Oh! Oh! Sie sind eine Materialistin!“

„Nein, überhaupt nicht.“

„Ach! Warum dann?“

„Oh“, sagte ich, „wenn ich es Ihnen erklärte, wären Sie gar nicht erfreut, es ist vielleicht besser, ich erkläre es Ihnen nicht!“

Er bestand so sehr darauf, dass ich schließlich zu ihm sagte: „Versuchen Sie zu verstehen, doch ich finde nicht, dass Sie aufrichtig sind, weder Sie noch Ihre Schäfchen. Sie sind dorthin gegangen, um eine gesellschaftliche Pflicht zu erfüllen, eine gesellschaftliche Gewohnheit zu absolvieren, doch ganz und gar nicht, weil sie wirklich die Neigung hatten, mit Gott in Verbindung zu treten.“

„Mit Gott in Verbindung zu treten! Aber das können wir nicht! Alles, was wir sagen können, sind gute Worte, aber wir sind nicht in der Lage, mit Gott in Verbindung zu treten.“

Da sagte ich: „Gerade deshalb bin ich nicht hingegangen, weil mich das nicht interessiert.“

Danach stellte er mir Fragen und gestand mir, dass er nach China gehe, um die „Heiden“ zu bekehren. Da wurde ich ernst, und ich sagte ihm: „Schauen Sie, bevor Ihre Religion überhaupt entstanden ist – es sind noch nicht 2.000 Jahre her –, hatten die Chinesen eine sehr hohe Philosophie, und sie hatten einen Weg, der sie zum Göttlichen führte, und wenn sie an die westlichen Völker dachten, waren das Barbaren für sie. Und da gehen Sie nun hin, um Menschen zu bekehren, die mehr wissen als Sie? Was wollen Sie ihnen beibringen? Unaufrichtig zu werden, hohle Gottesdienste abzuhalten, anstatt einer tiefen Philosophie und einer Loslösung vom Leben zu folgen, die sie zu einem spirituelleren Bewusstsein führen? … Ich glaube nicht, dass das etwas sehr Gutes ist, was Sie da tun wollen.“

Da war er derart sprachlos, der Arme! Er sagte zu mir: „Ach, Ihre Worte können mich leider nicht überzeugen!“

„Oh“, sagte ich, „ich versuche nicht, Sie zu überzeugen, ich habe Ihnen nur die Situation geschildert und dass ich nicht recht einsehe, warum Barbaren hingehen wollen, um zivilisierte Menschen das zu lehren, was sie schon länger wissen als Sie, weiter nichts.“

Und damit war das zu Ende.

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