Kapitel 5

Indien wird ein Helfer und Führer aller Völker sein

Worte Sri Aurobindos

Liegt die Zukunft der Menschheit in einer Kultur, die sich allein auf Verstand und Wissenschaft gründet? Ist der Fortschritt des menschlichen Lebens die Bestrebung eines Mentals, eines kontinuierlichen Kollektivverstandes – zusammengesetzt aus einer sich ständig wandelnden Summe vergänglicher Einzelner –, der aus der Dunkelheit des nichtbewussten materiellen Universums hervortrat und in ihm herumstolpert auf der Suche nach klarem Licht und einem sicheren Halt inmitten seiner Schwierigkeiten und Probleme? Und besteht Zivilisation in der Bemühung des Menschen, jenes Licht und jenen Halt in einem rationalisierten Wissen und einer rationalisierten Lebensweise zu finden? Eine systematische Erkenntnis der Mächte, Kräfte, Möglichkeiten der physischen Natur und der Psychologie des Menschen als eines mentalen und physischen Wesens ist dann die einzige wahre Wissenschaft. Eine systematische Anwendung jenes Wissens zum Zwecke progressiv-gesellschaftlicher Effektivität und Wohlfahrt, was sein kurzes Dasein wirksamer, erträglicher, komfortabler, glücklicher, besser eingerichtet und reicher ausgestattet sein lässt mit den Freuden von Mental, Leben und Körper, ist dann die einzig wahre Lebenskunst. All unsere Philosophie, all unsere Religion – wenn wir davon ausgehen, dass Religion noch nicht überwunden und zurückgewiesen wurde – all unsere Wissenschaft, unser Denken, unsere Kunst, unsere gesellschaftliche Struktur, unsere Gesetze und Institutionen müssen sich auf dieses Daseinskonzept gründen und diesem einen Ziel und Streben dienen. Das ist die Formel, die die europäische Zivilisation akzeptiert hat und um deren Verwirklichung in der einen oder anderen Form sie noch ringt. Es ist die Formel einer klug mechanisierten Zivilisation als Grundlage einer rationalen und utilitaristischen Kultur.

Ist nicht die Wahrheit unseres Wesens vielmehr diejenige einer in der Natur verkörperten Seele, die sich selbst zu erkennen, sich selbst zu finden, ihr Bewusstsein zu erweitern, zu einer größeren Daseinsweise zu gelangen sucht, sich im Geiste weiter zu entwickeln und in das volle Licht der Selbsterkenntnis und eine göttliche innere Vollkommenheit hineinzuwachsen strebt? Sind nicht Religion, Philosophie, Wissenschaft, Denken, Kunst, Gesellschaft, ja alles Leben eben Mittel nur zu diesem Wachstum, Werkzeuge des Geistes, die zu seinem Dienst zu gebrauchen sind, versehen mit diesem spirituellen Ziel als ihrer hauptsächlichen oder zumindest letztlichen Tätigkeit? Dies ist die Vorstellung von Leben und Sein – das Wissen von ihm, wie geltend gemacht wird –, für die Indien bis gestern stand und noch weiter zu stehen strebt mit all jenem, was am beständigsten und kraftvollsten in seiner Natur ist. Es ist die Formel einer spiritualisierten Zivilisation, die durch Vervollkommnung, aber auch durch Überschreiten von Mental, Leben und Körper zu einer hohen Seelen-Kultur strebt.

Ob die zukünftige Hoffnung der Menschheit in einer rationalen und einer klug mechanisierten oder in einer spirituellen, intuitiven und religiösen Zivilisation und Kultur liegt –, das ist dann die entscheidende Frage.

Indien erhebt sich wieder, um die Aufgabe zu erfüllen, für die sein vergangenes nationales Leben und seine Entwicklung es vorbereitet zu haben scheinen: ein Führer des Denkens und des Glaubens, ein Verteidiger der spirituellen Wahrheit und Erfahrung, die dazu bestimmt ist, die Folgerungen der materialistischen Wissenschaft durch die höhere Wissenschaft zu korrigieren, deren Geheimnis Indien besitzt, und mit dieser Macht, die Zivilisation der Welt zu beeinflussen…

Wir glauben, dass diese Nation eine ist, die sich in der Vergangenheit auf spirituellen Wegen unter der Inspiration eines Schicksals entwickelt hat, das sich jetzt erfüllt. Die besondere Abgeschiedenheit, in der es sein individuelles Temperament, sein Wissen und seine Ideen entwickeln konnte; – die Art und Weise, in der die Ströme der Welt auf den ruhigen Ozean des indischen spirituellen Lebens einströmten und von ihm absorbiert wurden, was an das große Bild in der Gita erinnert, – so wie die Wasser in den großen ruhigen und unermesslichen Ozean fließen und der Ozean nicht beunruhigt wird; – die Beharrlichkeit, mit der besondere und ursprüngliche Formen der Gesellschaft, der Religion und des philosophischen Denkens bis zu dem bestimmten Zeitpunkt vor dem Zerfall geschützt wurden; – das Aufschieben dieses Zerfalls, bis die ganze Welt draußen an dem Punkt angekommen war, an dem das große indische Ideal, das diese Formen verkörperten, alles umfassen konnte, was es noch zu seinem vollkommenen Selbstausdruck brauchte, und selbst von einem Zeitalter umarmt werden konnte, das vom Materialismus ausgehungert war und sich nach einem höheren Wissen sehnte; – die plötzliche Umkehr Indiens auf sich selbst zu einer Zeit, als alles, was eigentümlich indisch war, auf diesem Land zu lasten schien, das unwiderrufliche Todesurteil, das über alle Dinge verhängt wurde, die in der menschlichen Evolution nicht mehr gebraucht werden; – die wundersame Erhebung und Verwandlung von Schwäche in Stärke, die durch diese Umkehr herbeigeführt wurde; – all dies scheint uns nicht willkürlich und zufällig zu sein, sondern unvermeidlich und vorherbestimmt in den Erlassen einer alles beherrschenden Vorsehung.

Nur einer Sache sind wir uns sicher, und eine Sache tragen wir wie einen Rettungsring, der uns auf den Wellen des Chaos, das auf das Land zukommt, aufrichten wird. Das ist der feste und unveränderliche Glaube an ein übergeordnetes Ziel, das Indien noch einmal von den Toten auferstehen lässt, die feste und unveränderliche Absicht, für die Erneuerung seines alten Lebens und Ruhms zu kämpfen. Swaraj ist der Rettungsring, Swaraj der Pilot, Swaraj der Stern der Führung. Wenn eine große soziale Revolution notwendig ist, dann deshalb, weil das Ideal von Swaraj nicht von einer Nation verwirklicht werden kann, die an Formen gebunden ist, die nicht mehr das alte und unveränderliche Selbst Indiens ausdrücken. Sie muss die Lumpen der Vergangenheit ablegen, damit ihre Schönheit wiederhergestellt werden kann. Sie muss ihre körperliche Erscheinung verändern, damit ihre Seele neu zum Ausdruck kommen kann. Wir brauchen nicht zu fürchten, dass jede Veränderung sie in ein Europa aus zweiter Hand verwandeln wird. Ihre Individualität ist zu mächtig für eine solche Degradierung, ihre Seele zu ruhig und selbstgenügsam für eine solche Kapitulation. Wenn wieder eine wirtschaftliche Revolution unvermeidlich ist, dann deshalb, weil das feine, aber enge Gebäude ihres alten industriellen Lebens keinen Swaraj in Handel und Industrie zulassen wird. Die industriellen Energien eines freien und vollkommenen nationalen Lebens verlangen nach einem mächtigeren Umfang und breiteren Kanälen. Wir brauchen auch nicht zu befürchten, dass die wirtschaftliche Revolution uns in denselben kranken und ungeordneten Zustand der Gesellschaft bringen wird, der jetzt die edleren Gefühle der Menschheit in Europa beleidigt. Indien kann die Lehre, die sein Leben und das Geheimnis seiner Unsterblichkeit ist, niemals so weit vergessen, dass es zu einer Kopie des organisierten Egoismus, der Grausamkeit und der Gier wird, die im Westen mit dem Namen „Industrie“ geadelt wird. Sie wird ihre eigenen Bedingungen schaffen, das Geheimnis der Ordnung herausfinden, um das der Sozialismus vergeblich ringt, und die Völker der Erde wieder lehren, wie man die Welt und den Geist harmonisiert…

Indien ist der Guru der Nationen, der Arzt der menschlichen Seele in ihren tiefsten Krankheiten; Indien ist dazu bestimmt, das Leben der Welt neu zu gestalten und den Frieden des menschlichen Geistes wiederherzustellen.

Das Ideal ist das der Menschheit in Gott, von Gott in der Menschheit, das uralte Ideal des Sanatana Dharma, aber angewandt, wie es noch nie zuvor auf das Problem der Politik und die Arbeit der nationalen Wiederbelebung angewandt wurde. Dieses Ideal zu verwirklichen, es der Welt zu vermitteln, ist die Mission Indiens. Es hat eine Religion entwickelt, die alles umfasst, was das Herz, das Gehirn und das praktische Vermögen des Menschen begehren können, aber es hat sie noch nicht auf die Probleme der modernen Politik angewandt. Dies ist also die Arbeit, die sie noch zu tun hat, bevor sie der Menschheit helfen kann…

Der Westen hat das Wachstum des intellektuellen, emotionalen, vitalen und materiellen Wesens des Menschen zu seinem Ideal gemacht, aber er hat die größeren Möglichkeiten seiner spirituellen Existenz beiseite gelassen. Seine höchsten Maßstäbe sind Ideale des Fortschritts, der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, der Vernunft und der Wissenschaft, der Effizienz aller Art, eines besseren politischen, sozialen und wirtschaftlichen Zustands, der Einheit und des irdischen Glücks der Menschheit. Dies sind große Bestrebungen, aber Experiment um Experiment hat gezeigt, dass sie in ihrer Wahrheit nicht allein durch die Kraft der Idee und des Gefühls verwirklicht werden können: ihre wirkliche Wahrheit und Praxis kann nur im Geist begründet sein. Der Westen hat sein Vertrauen in seine Wissenschaft und Maschinerie gesetzt, und er wird von seiner Wissenschaft zerstört und unter ihrer mechanischen Last erdrückt. Er hat nicht verstanden, dass eine spirituelle Veränderung notwendig ist, um seine Ideale zu verwirklichen. Der Osten hat das Geheimnis dieses spirituellen Wandels, aber er hat seine Augen zu lange von der Erde abgewendet. Die Zeit ist nun gekommen, die Spaltung zu heilen und das Leben und den Geist zu vereinen.

Auch dieses Geheimnis ist in Indien zwar bekannt, wird aber nicht ausreichend praktiziert. Es ist in der Regel der Gita, yogasthah kuru karmani, zusammengefasst. Ihr Prinzip ist es, alle Handlungen im Yoga zu tun, in Vereinigung mit Gott, auf der Grundlage des höchsten Selbstes und durch die Beherrschung aller unserer Wesensteile durch die Kraft des Geistes. Und dies halten wir für den Menschen nicht nur für möglich, sondern für die wahre Lösung all seiner Probleme und Schwierigkeiten. Dies ist also die Botschaft, die wir ständig verkünden werden, und dies ist das Ideal, das wir dem jungen und aufstrebenden Indien vor Augen führen werden, ein spirituelles Leben, das alle menschlichen Aktivitäten aufgreift und dazu dient, die Welt für das große Zeitalter, das kommt, zu verklären. Indien, das von alters her das Geheimnis in sich trägt, kann allein den Weg zu dieser großen Transformation weisen, deren Vorläufer das gegenwärtige Sandhya des alten Yuga ist. Dies muss Indiens Mission und Dienst an der Menschheit sein, – so wie es das innere spirituelle Leben für das Individuum entdeckte, so muss es jetzt für die Menschheit ihren integralen kollektiven Ausdruck entdecken und für die Menschheit ihre neue spirituelle und gemeinschaftliche Ordnung finden.

Unser erstes Ziel soll es sein, dieses Ideal zu verkünden, auf der spirituellen Wandlung als erster Notwendigkeit zu bestehen und alle zu gruppieren, die es annehmen und bereit sind, sich aufrichtig um seine Erfüllung zu bemühen: unser zweites Ziel soll es sein, nicht nur ein individuelles, sondern ein gemeinschaftliches Leben auf diesem Prinzip aufzubauen. Es ist sowohl eine äußere Tätigkeit als auch eine innere Veränderung erforderlich, und sie muss gleichzeitig eine spirituelle, kulturelle, erzieherische, soziale und wirtschaftliche Aktion sein. Auch ihr Umfang wird zugleich individuell und gemeinschaftlich, regional und national sein, und schließlich ein Werk nicht nur für die Nation, sondern für die gesamte Menschheit. Das unmittelbare Ziel dieser Aktion wird eine neue Schöpfung sein, eine spirituelle Erziehung und Kultur, ein erweiterter sozialer Geist, der nicht auf Teilung, sondern auf Einheit beruht, auf dem vollkommenen Wachstum und der Freiheit des Individuums, aber auch auf seiner Einheit mit anderen und seiner Hingabe an ein größeres Selbst im Volk und in der Menschheit, und der Beginn einer Bemühung um die Lösung des wirtschaftlichen Problems, die nicht auf irgendeinem westlichen Modell, sondern auf dem in Indien heimischen kommunalen Prinzip beruht.

Ein Ziel des Lebens, eine Praxis zur Vollkommenheit und ein rationales, aber verbindliches Gesetz des Verhaltens –, nach diesem sucht der Mensch ständig, aber in keiner dieser Forderungen ist die moderne Wissenschaft in der Lage, die Menschheit zu befriedigen… Was die Wissenschaft nicht bieten kann, bietet Indien: Brahman als das ewige Ziel, Yoga als das Mittel zur Vervollkommnung, Dharma (swabhavaniyatam karma) als das rationale und doch verbindliche Gesetz des Verhaltens. Da es also etwas besitzt, womit die Menschheit zufrieden sein kann und worauf sie sich gründen kann, ist der Sieg des indischen Geistes gesichert.

Du hast in einem deiner Briefe dein Gefühl für die gegenwärtige Dunkelheit in der Welt um uns herum ausgedrückt… Mich selbst entmutigen die dunklen Zustände nicht und überzeugen mich auch nicht von der Eitelkeit meines Willens, „der Welt zu helfen“, denn ich wusste, dass sie kommen mussten; sie waren in der Weltnatur da und mussten sich erheben, damit sie erschöpft oder vertrieben werden konnten, damit eine bessere, von ihnen befreite Welt da sein konnte. Immerhin ist im äußeren Feld etwas getan worden, und das kann helfen oder vorbereiten, dass auch im inneren Feld etwas getan wird. Zum Beispiel ist Indien frei, und seine Freiheit war notwendig, damit das göttliche Werk getan werden konnte. Die Schwierigkeiten, die Indien jetzt umgeben und die vielleicht noch eine Zeit lang zunehmen werden, besonders im Hinblick auf das Problem mit Pakistan, waren auch Dinge, die kommen mussten und die ausgeräumt werden mussten. Nehrus Bemühungen, den unvermeidlichen Zusammenstoß zu verhindern, werden wahrscheinlich nicht länger als eine kurze Zeit erfolgreich sein, und so ist es nicht notwendig, ihm die Ohrfeige zu geben, die man ihm in Delhi verabreichen wollte. Auch hier wird es sicher eine vollständige Klärung geben, auch wenn dabei leider ein erhebliches Maß an menschlichem Leid unvermeidlich ist. Danach wird die Arbeit für das Göttliche möglicher werden und es kann gut sein, dass der Traum, wenn es denn ein Traum ist, die Welt zum spirituellen Licht zu führen, sogar Wirklichkeit wird.

Worte der Mutter

Vom spirituellen Standpunkt aus gesehen ist Indien das führende Land der Welt. Indiens Mission ist es, ein Vorbild für Spiritualität zu sein. Sri Aurobindo kam auf die Erde, um dies der Welt zu lehren.

Diese Tatsache ist so offensichtlich, dass ein einfacher und unwissender Bauer hier in seinem Herzen dem Göttlichen näher ist als die Intellektuellen in Europa.

Die Zukunft Indiens ist ganz klar. Indien ist der Guru der Welt. Die zukünftige Struktur der Welt hängt von Indien ab. Indien ist die lebendige Seele. Indien ist die Inkarnation des spirituellen Wissens in der Welt. Die indische Regierung sollte die Bedeutung ihres Landes in dieser Hinsicht erkennen und ihr Handeln entsprechend planen.

Indien ist zum Symbol für alle Schwierigkeiten der modernen Menschheit geworden.

Indien wird das Land seiner Auferstehung sein – der Auferstehung zu einem höheren und wahrhaftigeren Leben.

O unsere Mutter, O Seele Indiens… Führe uns, damit der Horizont der Freiheit, der sich vor uns auftut, auch ein Horizont wahrer Größe und deines wahren Lebens in der Gemeinschaft der Völker sein kann. Führe uns, damit wir immer auf der Seite der großen Ideale stehen und den Menschen dein wahres Antlitz zeigen, als Führer auf den Wegen des Geistes und als Freund und Helfer aller Völker.

O Indien, Land des Lichts und des spirituellen Wissens! Erwache zu deiner wahren Mission in der Welt, zeige den Weg zu Einheit und Harmonie.

Die Materie wird transformiert werden. Das wird eine solide Basis sein. Das Leben wird vergöttlicht werden. Lasst Indien die Führung übernehmen.

Was ist Indiens wahrer Genius und was ist Indiens Bestimmung?

Der Welt zu lehren, dass Materie trügerisch und machtlos ist, wenn sie nicht die Manifestation des Geistes wird.