Kapitel 6
Der Mensch wird sich zu einem höheren und größeren Bewusstsein erheben
Worte Sri Aurobindos
Der Mensch ist hier, um sich im Universum zu behaupten. Das ist seine erste Aufgabe. Er muss sich aber auch entwickeln und schließlich über sich selbst hinauskommen. Sein partielles soll er in das vollständige Wesen ausweiten. Sein partielles Bewusstsein soll er zum integralen Bewusstsein werden lassen. Er soll die Herrschaft über seine Umgebung erlangen, aber auch die Welt-Union und die Welt-Harmonie. Er soll seine Individualität verwirklichen. Er soll sie aber auch in das kosmische Selbst und in die universale und spirituelle Daseins-Freude ausweiten. Offensichtlich ist es Absicht seiner Natur, dass er sich umwandelt, dass er all das läutert und verbessert, was in seiner Mentalität finster, irrig und unwissend ist. Schließlich soll er zu einer freien und umfassenden Harmonie und Erleuchtung seines Wissens, Wollens, Fühlens, Handelns und Charakters gelangen. Die schöpferische Energie hat seiner Intelligenz dieses Ideal auferlegt. Einen Drang danach hat sie seiner mentalen und vitalen Substanz eingepflanzt. Das kann aber nur dadurch zur Vollendung gebracht werden, dass er in ein umfassenderes Wesen und in ein umfassenderes Bewusstsein hineinwächst. Der Zweck, um dessentwillen er geschaffen wurde, ist, dass er sein Selbst ausweitet, zur Erfüllung bringt und sich über das hinaus entwickelt, was er nur zum Teil und vorübergehend in seiner aktuellen und sichtbaren Natur darstellt, in das, was er in Vollkommenheit in seinem geheimen Selbst und Geist ist und gerade deshalb in seinem manifestierten Dasein werden kann. Diese Hoffnung ist die Rechtfertigung seines Lebens auf Erden inmitten der Erscheinungsformen des Kosmos. Der Mensch, so wie er äußerlich erscheint, ist ein vergängliches Wesen, den Beschränkungen durch seine materielle Verkörperung unterworfen und in eine begrenzte Mentalität eingesperrt. Er soll zu jenem inneren wirklichen Menschen werden, der Herr seiner selbst und seiner Umgebung, sowie in seinem Wesen universal ist. In einer lebendigeren und weniger metaphysischen Sprache ausgedrückt: Der natürliche Mensch soll sich zum göttlichen Menschen entwickeln. Die Kinder des Todes sollen sich als die Kinder der Unsterblichkeit erkennen.
Sogar in der materiellen Welt, die uns eine Welt der Unwissenheit zu sein scheint, eine Welt, in der eine blinde und nichtbewusste Kraft am Werke ist, die im Nichtbewussten ihren Ausgang nimmt, durch das Unwissen hindurch mit Mühe zu einem unvollkommenen Licht und Wissen kommt, gibt es doch eine geheime Wahrheit in den Dingen, die alles fügt, die die vielen entgegengesetzten Kräfte des Wesens zum Selbst führt und zu ihren eigenen Höhen aufsteigt, wo sie ihre eigene höchste Wahrheit offenbaren und den geheimen Zweck des Weltalls erfüllen kann. Sogar diese materielle Welt des Daseins ist auf eine Ordnung der Wahrheit in den Dingen aufgebaut, die wir das Naturgesetz nennen, eine Wahrheit, von der wir zu einer größeren Wahrheit aufsteigen, bis wir in das Licht des Höchsten tauchen. Diese Welt ist nicht wirklich von einer blinden Naturkraft erschaffen worden: Sogar im Nichtbewussten ist die Gegenwart der höchsten Wahrheit am Werke; hinter ihm steht eine sehende Macht, die unfehlbar wirkt und die Schritte der Unwissenheit selbst leitet, auch dann, wenn es zu straucheln scheint; denn das, was wir Unwissenheit nennen, ist ein verhülltes Wissen, ein Wissen, das in einem Körper wirkt, der nicht sein eigen ist, sich aber auf seine eigene höchste Selbstentdeckung zubewegt. Dieses Wissen ist das verborgene Supramental, das die Schöpfung trägt und das alles zu sich selbst lenkt und führt, und das hinter dieser Vielheit von mentalen Wesen, Geschöpfen und Gegenständen steht, von denen jedes seinem eigenen Naturgesetz zu folgen scheint; in dieser weiten und anscheinend konfusen Schöpfungsmasse des Daseins gibt es ein Gesetz, die eine Wahrheit des Seins, eine richtungsweisende und zu erfüllende Absicht der Weltexistenz. Das Supramental ist hier verschleiert und wirkt nicht seinem charakteristischen Wesensgesetz und Selbstwissen gemäß, aber ohne es könnte nichts sein Ziel erreichen. Eine Welt, die von einem unwissenden Mental regiert wäre, würde sehr schnell einem Chaos zutreiben; sie könnte überhaupt nicht ins Dasein gelangen oder darin bleiben, wenn sie nicht von dem geheimen Allwissen getragen würde, dessen Gewand sie ist; eine Welt, die von einer blinden nichtbewussten Kraft getrieben wäre, könnte vielleicht ständig dieselbe mechanische Tätigkeit wiederholen, hätte aber keinen Sinn und würde zu nichts führen. So etwas könnte unmöglich die Ursache einer Evolution sein, die Leben aus Materie erschafft und aus Leben ein denkendes Bewusstsein entwickelt und eine Aufeinanderfolge von Ebenen der Materie, des Lebens und des Mentals, die in der Offenbarung des Supramentals gipfelt. Die geheime Wahrheit, die im Supramental auftaucht, hat alle Zeit existiert, nur – sich selbst, die Wahrheit in den Dingen und den Sinn unseres Daseins offenbaren, das tut sie erst jetzt.
Wir sprechen von der Evolution des Lebens in der Materie, von der Evolution des Mentals in der Materie. Evolution ist aber ein Wort, das eigentlich nur das Phänomen feststellt, ohne es zu erklären. Denn es scheint keinen Grund zu geben, warum sich Leben aus materiellen Elementen oder Mental aus lebendigen Formen durch Evolution entfalten sollte, wenn wir nicht die vedantische Lösung annehmen, dass Leben schon in Materie und Mental schon in Leben involviert ist, weil ihrem Wesen nach Materie eine Form verhüllten Lebens und Leben eine Form verhüllten Bewusstseins ist. Dann dürfte nur wenig gegen einen weiteren Schritt in der Reihe und gegen die Zustimmung dazu eingewendet werden können, dass mentales Bewusstsein selbst nur eine Form und eine Verhüllung höherer Zustände ist, die jenseits des Mentals liegen. In diesem Fall erweist sich der unbesiegbare Drang des Menschen zu Gott, Licht, Seligkeit, Freiheit, Unsterblichkeit wohl an seinem richtigen Platz in der Kette einfach als der zwingende Impuls, durch den Natur die Evolution über das Mental hinaus sucht, und er erscheint ebenso natürlich, wahr und richtig zu sein wie der Impuls zum Leben, den sie in gewisse Formen der Materie einpflanzte, und wie der Impuls zum Mental, den sie gewissen Formen von Leben eingab. Wie dort, so existiert dieser Impuls hier mehr oder minder dunkel in ihren verschiedenen Gefäßen mit einer immer höher ansteigenden Reihe in der Macht seines Willens-zum-Sein. Wie dort, so entwickelt er sich hier in Stufen und muss die notwendigen Organe und Fähigkeiten voll zur Entfaltung bringen. So wie der Impuls zum Mental von den empfindsameren Reaktionen des Lebens in Metall und Pflanze bis zu seiner vollen Organisation im Menschen emporreicht, so gibt es auch im Menschen die gleiche emporsteigende Reihe, die Vorbereitung, wenn nicht noch mehr, eines höheren göttlichen Lebens. Das Tier ist ein lebendiges Laboratorium, in dem die Natur sozusagen den Menschen erarbeitet hat. Der Mensch mag sehr wohl ein denkendes, lebendiges Laboratorium sein, in dem sie mit seiner bewussten Mitwirkung den Über-Menschen, den Gott erarbeiten will. Oder sollten wir nicht besser sagen: Gott offenbaren will? Denn wenn die Evolution die fortschreitende Offenbarung seitens der Natur von dem ist, was in ihr schlief oder involviert in ihr wirkte, ist die Natur auch die offenbare Realisation von dem, was sie insgeheim ist. Wir dürfen sie also nicht auf einer gewissen Stufe ihrer Evolution bitten, innezuhalten, und wir haben auch nicht das Recht, mit den Vertretern der Religion als verkehrt und anmaßend oder, mit den Vertretern des Rationalismus, als Krankheit oder Halluzination ihre etwaige Absicht oder ihr Bemühen zu verurteilen, über die jetzige Stufe hinauszugehen. Wenn es wahr ist, dass Geist in Materie involviert und sichtbare Natur insgeheim Gott ist, dann ist es für den Menschen auf Erden das erhabenste und legitime Ziel, in sich selbst das Göttliche zu offenbaren und Gott im Innern und nach außen hin zu verwirklichen.
Eine Involution des Göttlichen Seins, der spirituellen Wirklichkeit, in die in Erscheinung getretene Nichtbewusstheit der Materie ist der Ausgangspunkt der Evolution. Aber diese Wirklichkeit ist ihrer Natur nach ewiges Sein, Bewusstsein, Seins-Seligkeit. Die Evolution muss also ein Hervortreten dieses Seins, dieses Bewusstseins, dieser Seins-Seligkeit sein. Zunächst ist sie das nicht in ihrer Essenz oder Totalität, sondern in evolutionären Formen, die sie ausdrücken oder verkleiden. Aus der Nichtbewusstheit erscheint das Sein in einer ersten evolutionären Form als Stofflichkeit der Materie, die von einer nichtbewussten Energie geschaffen ist. Bewusstsein, in die Materie involviert und nicht in Erscheinung tretend, taucht zuerst auf in der Verkleidung von vitalen Vibrationen, die lebhaft, aber unterbewusst sind. Danach ringt es in den unvollkommenen Formulierungen bewussten Lebens danach, sich durch aufeinanderfolgende Formen dieser materiellen Substanz selbst zu finden, durch Formen, die mehr und mehr angepasst sind, es immer vollständiger zum Ausdruck zu bringen. Bewusstsein müht sich im Leben, indem es die ursprüngliche Unempfindlichkeit der materiellen Unbelebtheit und Nichtbewusstheit abwirft, um sich selbst mehr oder minder vollständig in der Unwissenheit zu finden, die ihre erste unvermeidliche Formulierung ist. Sie erlangt aber zuerst nur eine primitive mentale Wahrnehmung und vitale Bewusstheit vom Selbst und von den Dingen, eine Lebens-Wahrnehmung, die in ihren ersten Formen von einem inneren Empfinden abhängt, das auf die Kontakte mit anderem Leben und mit der Materie reagiert. Bewusstsein arbeitet daran, sich, so gut es kann, durch die noch unangemessene Art der Empfindung seiner eigenen, ihm innewohnenden Freude des Wesens zu offenbaren. Es kann aber nur zum Teil den Schmerz oder die Lust formulieren. Im Menschen erscheint das seine Kraft entfaltende Bewusstsein als Mental, das deutlicher seiner selbst und der Dinge bewusst ist, eine partielle und begrenzte, noch nicht integrale Macht seines Selbstes, bei der aber eine erste begriffliche Potenz und das Versprechen auf ein vollständiges Hervortreten sichtbar ist. Dieses integrale Hervortreten ist das Ziel der sich entwickelnden Natur.
Dieser Aufstieg zum göttlichen Leben ist des Menschen Reise, sein Werk der Werke, sein willkommenes Opfer. Er allein ist des Menschen wirkliche Aufgabe und die Rechtfertigung für sein Dasein in der Welt. Ohne ihn wäre er nur ein Insekt, das zwischen anderen Eintagsfliegen auf einem Fleck aus Schlamm und Wasser herumkriecht, der es fertig brachte, sich inmitten der schauerlichen Unermesslichkeiten des physischen Universums zu gestalten.
Der Mensch ist ein Übergangswesen, er ist nicht endgültig; denn in ihm und weit über ihm erheben sich die leuchtenden Stufen, die zu einer göttlichen Übermenschheit führen.
Der Schritt vom Menschen zum Übermenschen ist der nächste auf uns zukommende Durchbruch in der terrestrischen Evolution. Darin liegt unser Schicksal und der Schlüssel zur Befreiung unserer emporstrebenden, aber heimgesuchten und begrenzten menschlichen Existenz. Er ist unumgänglich, da er sowohl der Absicht des inneren Geistes als auch der Logik des Vorgehens der Natur entspricht.
Das Erscheinen einer menschlichen Möglichkeit in einer materiellen und nur von Tieren bewohnten Welt war der erste Schimmer eines kommenden göttlichen Lichts, die erste ferne Andeutung einer Gottheit, die aus der Materie geboren werden sollte. Das Erscheinen des Übermenschen in der Welt der Menschen wird die Erfüllung dieses fernen, leuchtenden Versprechens sein.
Der Unterschied zwischen dem Menschen und dem Übermenschen wird der Unterschied zwischen dem Mental und einem Bewusstsein sein, das so weit über das denkende Mental hinausgeht wie dieses über das Bewusstsein der Pflanze und des Tiers. Der entscheidende Wesenszug des Menschen ist das Mental, der des Übermenschen wird das Supramental oder die göttliche Gnosis sein.
Der Mensch ist ein in einem prekären und unvollkommenen Leben und in einem bloß unvollkommen bewussten Körper eingekerkertes, verfinstertes und geknebeltes Mental. Der Übermensch wird ein supramentaler Geist sein, der einen bewussten und von spirituellen Kräften formbaren Körper einhüllen und frei verwenden wird. Dieser Körper wird als eine feste Grundlage und als ein geeignetes, leuchtendes Instrument für das göttliche Spiel und das göttliche Werk des Geistes in der Materie dienen.
Selbst frei und in seinem reinen, unbeeinträchtigten Element ist das Mental nicht die höchste Möglichkeit des Bewusstseins; denn das Mental ist nicht im Besitz der Wahrheit, es ist bloß ein unbedeutendes Gefäß oder Werkzeug und hier ein unwissender Sucher, der begierig eine Unmenge von Unwahrheiten und Halbwahrheiten pflückt, um mit dieser unbefriedigenden Nahrung seinen Hunger zu stillen. Jenseits des Mentals gibt es eine supramentale oder gnostische Bewusstseinsmacht, die im ewigen Besitz der Wahrheit ist; alle ihre Impulse, Gefühle, Wahrnehmungen und Resultate sind erfüllt und erleuchtet von der innersten Wirklichkeit aller Dinge und bringen nichts anderes zum Ausdruck.
Das Supramental oder die Gnosis ist von Natur aus zugleich und in ein und derselben Bewegung eine unendliche Weisheit und ein unendlicher Wille. In seinem Ursprung ist es das dynamische Bewusstsein des göttlichen Wissenden und Schöpfers.
Wenn im Verlauf der Entfaltung einer immer größeren Kraft des einen Seins so etwas wie eine Abordnung dieser Macht in unsere begrenzte menschliche Natur herabkommen wird, dann, und nur dann, kann der Mensch über sich selbst hinauswachsen und göttlich erkennen und göttlich handeln und schöpferisch tätig sein; dann endlich wird er zu einem bewussten Teil des Ewigen werden. Der Übermensch wird nicht als ein veredeltes mentales Wesen zur Welt kommen, sondern als eine supramentale Macht, die in das neue Leben eines transformierten irdischen Körpers hinabstieg. Ein gnostisches Übermenschentum ist der nächste, entscheidende und triumphale Sieg, den der in die irdische Natur hinabgestiegene Geist erringen wird.
Die Scheibe einer verborgenen Sonne der Macht, der Freude und der Erkenntnis taucht aus dem materiellen Bewusstsein auf, in dem unser Mental sich wie ein Galeerensklave oder wie ein verwirrter und machtloser Weltschöpfer abmüht. Das Supramental wird der geformte Leib dieses strahlenden Morgenglanzes sein.
Der Übermensch ist nicht der Mensch, der seinen eigenen natürlichen Höhepunkt erreicht hat, nicht ein höherer Grad menschlicher Größe, Erkenntnis, Macht oder Intelligenz, menschlichen Willens oder menschlichen Charakters, menschlicher Genialität, Dynamik, Heiligkeit, Liebe, Reinheit oder Vollkommenheit. Das Supramental ist etwas jenseits des mentalen Menschen und seiner Grenzen, ein größeres Bewusstsein als das höchste, das der menschlichen Natur eigen ist.
Der Mensch ist ein aus den mentalen Welten stammendes Wesen, dessen Mental hier involviert, verfinstert und erniedrigt in einem materiellen Gehirn tätig ist. Seine eigenen göttlichsten Kräfte sind ihm verschlossen, und es ist machtlos, das Leben über gewisse enge und unsichere Grenzen hinweg zu ändern. Selbst in den besten seiner Art ist es durch diese Abhängigkeit der glänzenden Möglichkeiten seiner größten Kraft und Freiheit beraubt. Sehr oft und in den meisten Menschen ist es nur ein Diener des Lebens und des Körpers, der für deren Unterhaltung und die Befriedigung ihrer Bedürfnisse und Interessen sorgt. Dahingegen wird der Übermensch ein gnostischer König der Natur sein; in ihm wird das Supramental bereits in seinen evolutionären Anfängen als ein Strahl des ewigen Allwissens und der ewigen Allmacht in Erscheinung treten. Souverän und unwiderstehlich wird es sich der mentalen und körperlichen Instrumente bemächtigen. Indem es über unseren niederen, bereits manifestierten Wesensteilen steht und sie von oben her durchdringt und in Besitz nimmt, wird es das Mental, das Leben und den Körper in seine eigene göttliche und leuchtende Natur umwandeln.
Für sich genommen ist der Mensch wenig mehr als ein ehrsüchtiges Nichts. Er ist eine Enge, die sich nach unbetretenen Weiten reckt, eine Belanglosigkeit, die sich um nie zu erreichender Herrlichkeiten willen abmüht, ein Zwerg, der in die Höhen verliebt ist. Sein individuelles Mental ist ein schwacher Strahl inmitten des hellen Glanzes des universalen Mentals. Sein Leben ist ein mühseliges, bald jubelndes, bald leiderfülltes Wogen, ein sich stumpf und schwerfällig abrackernder, bald von Leidenschaften geschüttelter, bald von Reue überwältigter nichtssagender Augenblick im universalen Leben. Sein Körper ist ein sich plackendes, vergängliches Stäubchen im Weltall. Eine unsterbliche Seele ist irgendwo in ihm verborgen und verrät von Zeit zu Zeit durch einige sprühende Funken ihre Gegenwart. Ein ewiger Geist weilt über ihm und beschirmt mit seinen Schwingen und wahrt mit seiner Macht die Kontinuität der Seele in der Natur. Doch wird dieser größere Geist durch die harte Schale unserer konstruierten Persönlichkeit an seiner Herabkunft gehindert, während diese innere leuchtende Seele in dichte äußere Hüllen eingewickelt ist, die sie niederdrücken und ersticken. Bis auf wenige Ausnahmen ist sie selten tätig, in den meisten Menschen kaum bemerkbar. Die Seele und der Geist scheinen mehr über und hinter der geformten Natur des Menschen zu existieren, als Teile seiner äußeren, sichtbaren Wirklichkeit zu sein. Obwohl subliminal in seinem inneren Wesen oder überbewusst auf einer noch nie erklommenen Höhe zugegen, sind sie in seinem äußeren Bewusstsein eher Möglichkeiten als aktuelle Gegebenheiten. Der Geist ist eher im Begriff, geboren zu werden, als bereits in die Materie geboren.
Dieses unvollkommene Wesen mit seinem konfusen, gehemmten und so gut wie wirkungslosen Bewusstsein kann nicht das Endergebnis oder der höchste Gipfel der geheimnisvollen Aufwärtsbewegung der Natur sein. Über ihm gibt es mehr, das noch herabgebracht werden muss, und wovon wir jetzt nur flüchtige und sporadische Eindrücke durch plötzliche Risse in der gewaltigen Wand unserer Begrenzungen erhaschen können. Es kann aber auch sein, dass es etwas gibt, das noch von unten her zur Entfaltung gebracht werden muss, etwas, das noch unter dem Schleier des menschlichen Bewusstseins ruht oder für Augenblicke halbwegs sichtbar wird, wie einst auch das Leben im Stein und im Metall, das Mental in der Pflanze und die Vernunft im Schoße des tierischen Gedächtnisses ruhte, welches ja dem unvollkommenen Gefühls-, Sinnes- und Triebapparat des Tiers als Grundlage dient. Auf jeden Fall gibt es etwas in uns, das noch nie Ausdruck fand, und das durch eine einhüllende Erleuchtung von oben her freigesetzt werden muss. Eine Gottheit weilt eingesperrt in unseren Tiefen. Sie ist wesenseins mit einer größeren Gottheit, die von ihren übermenschlichen Gipfeln herabzusteigen bereit ist. In dieser Herabkunft und der wachen Vereinigung der beiden liegt das Geheimnis unserer Zukunft.
Die Größe des Menschen besteht nicht in dem, was er ist, sondern in dem, was er möglich macht. Was ihm zum Ruhme gereicht ist, dass er die exklusive und geheime Werkstatt eines lebenden Wirkens ist, in der das Übermenschentum von einem göttlichen Handwerksmann vorbereitet wird.
Ihm wird sogar eine noch größere Größe zugestanden, nämlich die, im Gegensatz zur niederen Kreatur befugt zu sein, seine göttliche Umwandlung wenigstens zum Teil selbst bewusst auszuführen. Seine freie Zustimmung, seine willentliche Hingabe und Mitwirkung sind nötig, damit in seinen Körper die Herrlichkeit herabkommen kann, die ihn ersetzen wird. Sein aufwärtsgerichtetes Sehnen und Streben ist der Ruf der Erde nach dem supramentalen Schöpfer.
Wenn die Erde ruft und der Höchste antwortet, kann die Stunde für diese ungeheure und glorreiche Verwandlung schon jetzt gekommen sein.
Eine neue Menschheit bedeutet für uns, dass ein Typ oder eine Art mentaler Wesen auftaucht oder entwickelt wird, deren Mentalitätsprinzip nicht länger durch ein Mental charakterisiert wird, das in Unwissenheit nach Erkenntnis sucht, aber selbst im Erkennen noch an die Unwissenheit gefesselt ist, das nach Licht sucht, es aber nicht von Natur aus besitzt, das dem Licht geöffnet ist, aber nicht in ihm wohnt, und das noch kein vollkommenes wahrheitsbewusstes und von Unwissen befreites Werkzeug ist. Statt dessen würde die neue Menschheit bereits von etwas erfüllt sein, was man ein Mental des Lichtes nennen könnte, ein Mental, das in der Wahrheit leben, wahrheitsbewusst sein und in seinem Leben ein unmittelbares anstelle eines mittelbaren Wissens offenbaren könnte. Ihre Mentalität würde ein Instrument des Lichtes und nicht länger der Unwissenheit sein. Die Vollkommensten in ihr würden fähig sein, in das Supramental einzutreten; und aus der neuen Menschenart würde die Art der supramentalen Wesen hervorgehen, die als die Führer der Evolution in der Erdnatur auftreten würden.
Worte der Mutter
In der Natur gibt es eine aufsteigende Evolution vom Stein zur Pflanze, von der Pflanze zum Tier, vom Tier zum Menschen. Da der Mensch zur Zeit die letzte Sprosse am Gipfel der aufsteigenden Evolution ist, betrachtet er sich als die letzte Phase in diesem Anstieg und ist der Meinung, es kann auf Erden nichts geben, was über ihm stünde. Hierin hat er unrecht. In seiner physischen Natur ist er beinahe noch ein Tier, ein denkendes und sprechendes Tier zwar, doch in seinen körperlichen Gewohnheiten und Instinkten nichtsdestoweniger ein Tier. Zweifellos kann die Natur mit einem so unvollkommenen Ergebnis nicht zufrieden sein; sie strebt danach, ein Wesen hervorzubringen, welches für den Menschen das sein wird, was der Mensch für das Tier ist, ein Wesen, das seiner äußeren Form nach ein Mensch bleiben wird, dessen Bewusstsein sich jedoch weit über das Mental und seine Versklavung an die Unwissenheit erhebt.
Sri Aurobindo kam auf die Erde, um den Menschen diese Wahrheit zu lehren. Er sagte ihnen, der Mensch sei nur ein vergängliches Geschöpf, das in einem mentalen Bewusstsein lebe, jedoch die Möglichkeit besitze, ein neues Bewusstsein zu erlangen, das Wahrheits-Bewusstsein, und dass er ein Leben zu leben vermag, das vollkommen harmonisch sei, gut und schön, glücklich und voll bewusst…
Nun kommt alles auf euren Willen und eure Aufrichtigkeit an. Wollt ihr nicht länger zur gewöhnlichen Menschheit gehören, wollt ihr nicht länger bloß entwickelte Tiere sein, wollt ihr neue Menschen werden und Sri Aurobindos supramentales Ideal verwirklichen, wollt ihr auf einer erneuerten Erde ein neues Leben führen, dann findet ihr hier alle nötige Hilfe, um euer Ziel zu erreichen…
Alles in allem hat der menschliche Intellekt bei der Betrachtung der Welt, wie sie ist und wie sie unabänderlich zu sein scheint, beschlossen, dass diese Welt ein Fehler Gottes sein muss und dass die Manifestation oder Schöpfung sicherlich das Ergebnis von Verlangen ist, Verlangen, sich selbst zu manifestieren, Verlangen, sich selbst zu kennen, Verlangen, sich selbst zu genießen. Daher ist das Einzige, was zu tun ist, diesem Fehler so schnell wie möglich ein Ende zu setzen, indem man sich weigert, sich an das Verlangen und seine tödlichen Folgen zu klammern.
Aber der Höchste Herr antwortet, dass die Komödie noch nicht vollständig durchgespielt ist, und Er fügt hinzu: „Warte auf den letzten Akt; zweifellos wirst du deine Meinung ändern.“
Das ganze Universum ist die Manifestation des Göttlichen, aber eine Manifestation, die mit einem totalen Unbewusstsein ihres Ursprungs beginnt und sich nach und nach zu diesem Bewusstsein erhebt.
Vergiss nicht einmal für einen Moment, dass all dies von Ihm aus sich selbst heraus geschaffen wurde. Er ist nicht nur in allem präsent, sondern Er ist auch alles. Die Unterschiede liegen nur im Ausdruck und in der Manifestation.
Wenn du das vergisst, verlierst du alles.