Kapitel 5

Die wahre Einheit

Worte Sri Aurobindos

Die formale Vereinigung der Menschheit wird irgendwie über uns kommen und als ein System erscheinen, das entsteht, wächst und seinen Höhepunkt erreicht. Aber jedes System neigt seiner Natur nach dazu, nach einer Blütezeit zu zerfallen und zu sterben. Um einen Organismus davor zu bewahren, dass er zerfällt und abstirbt, muss in ihm eine seelische Wirklichkeit wirken, die sich trotz aller Veränderungen ihrer Verkörperung behauptet und diese überlebt. Die Nationen besitzen sie in einer Art kollektivem nationalen Ego, das durch alle vitalen Veränderungen stets dasselbe bleibt. Aber dieses Ego existiert in keinster Weise aus sich selbst heraus noch ist es unsterblich. Es bezieht seine Daseinskraft aus bestimmten Dingen, mit denen es sich identifiziert hat. Das sind erstens der geographische Körper, das Land, zweitens die gemeinsamen Interessen aller, die dasselbe Land bewohnen: seine Verteidigung, sein wirtschaftlicher Wohlstand und Fortschritt und die politische Freiheit. Drittens ist das Ego identisch mit dem gemeinsamen Namen, dem gemeinsamen Fühlen und der gemeinsamen Kultur. Wir haben aber festzuhalten: Das nationale Ego verdankt sein Leben dem Umstand, dass sich der separative Instinkt und der Instinkt zur Vereinigung miteinander verschmolzen haben. Die Nation fühlt sich dadurch als Einheit, dass sie sich von anderen Nationen unterscheidet. Sie verdankt ihre eigene Vitalität dem Austausch und dem Kampf mit ihnen. Jedoch reicht das alles nicht aus. Es gibt noch einen tiefer liegenden Faktor. Es muss eine Art Religion des Landes lebendig sein. Diese besteht in einer konstanten, wenn auch nicht immer sichtbar ausgedrückten Anerkennung der Heiligkeit der physischen Mutter, des Landes. Dazu kommt oft in geheimnisvoller Weise die Verehrung der Nation als einer kollektiven Seele. Diese Seele lebendig zu erhalten, ist für jeden Menschen erste Pflicht und erstes Bedürfnis. Er muss sie gegen Unterdrückung oder tödliche Verletzung verteidigen. Wenn sie unter fremder Gewalt ist, muss er sie hüten, auf ihre Befreiung und Wiederherstellung harren und dafür kämpfen. Siecht diese Seele aber unter der Wirkung eines tödlichen spirituellen Leidens dahin, muss er sich darum bemühen, sie zu heilen, sie wieder zum Leben zu bringen und am Leben zu erhalten.

Der Welt-Staat wird seinen Bewohnern große Vorteile schenken: Frieden, wirtschaftlichen Wohlstand, allgemeine Sicherheit, die Kombination der Kräfte für das intellektuelle, kulturelle und soziale Zusammenwirken und für den Fortschritt. Aber keines dieser Güter reicht an sich aus, um das Eine zu schaffen, das nottut. Wir alle begehren heute den Frieden und die Sicherheit, weil wir sie nicht in ausreichendem Maße besitzen. Wir müssen aber auch bedenken, dass der Mensch in sich das Bedürfnis nach Kampf trägt, nach Abenteuer und Wettstreit. Er braucht dies geradezu für sein Wachsen und gesundes Leben. Durch universalen Frieden und flache Sicherheit würde dieser Instinkt weithin verdrängt werden, darum könnte er sich gegen sie mit Erfolg erheben. Wirtschaftlicher Wohlstand an sich kann nicht auf die Dauer zufriedenstellen. Der Preis, den man dafür zu bezahlen hat, kann auf die Dauer so hoch sein, dass er seine Anziehungskraft und seinen Wert stark herabsetzt. Der menschliche Instinkt für die individuelle und nationale Freiheit mag sich leicht zu einer ständigen Bedrohung des Welt-Staats auswachsen, wenn der Staat sein System nicht so geschickt organisiert, dass er ihm genügend Spielraum verschafft. Gemeinsame intellektuelle und kulturelle Betätigung und Fortschritt auf diesen Gebieten können viel zuwege bringen. Aber sie reichen am Ende nicht aus, um den zur vollen Kraft erwachten seelischen Faktor ins Dasein zu rufen, der hier benötigt wird. Das neu geborene kollektive Ego müsste sich ausschließlich auf den Instinkt für die Einung verlassen. Denn es würde im Widerstreit mit dem separativen Instinkt liegen, der dem nationalen Ego die Hälfte seiner Vitalität verschafft.

Es ist nicht unmöglich, dass der unentbehrliche innere Faktor für diese äußere Struktur zunehmend im Wachstumsprozess selbst geschaffen wird. Aber gewisse seelische Elemente müssen in großem Maße bereits vorhanden sein. Um der Umwandlung der Menschheit die nötige Dauer zu verschaffen, braucht man eine Religion der Humanität oder ein gleichwertiges Empfinden. Dieses müsste aber viel kraftvoller, ausgeprägter, selbstbewusster und in seinem Anspruch an das gesamte Wesen viel universaler sein als die Verehrung des Landes durch die Nationalisten. Ihr Wesen ist darin ausgedrückt, dass der Mensch in Denken und Leben eine einzige Seele der Menschheit empfindet und anerkennt, von der der Einzelne und jedes Volk nur Inkarnationen und Seelenformen sind. Vom Menschen wird gefordert, dass er sich über das Prinzip des Egos hinaus erhebt, das durch die Sonderung lebt. Trotzdem darf es nicht dazu kommen, dass die Individualität zerstört wird. Denn ohne sie muss der Mensch innerlich erlahmen. Grundlegendes Ordnungsprinzip des gemeinschaftlichen Lebens muss das freie Spiel der Kräfte sein: für die individuelle Variation, für den Austausch in der Verschiedenheit und für das Bedürfnis nach Abenteuer und Eroberung. Hierdurch lebt die Seele des Menschen und wächst sie zur wahren Größe heran. Er braucht ausreichende Mittel, um das daraus entspringende ganze komplexe Leben und Wachsen in geschmeidig anpassungsfähiger und fortschrittlicher Form der menschlichen Gesellschaft zum Ausdruck zu bringen.

Worte Sri Aurobindos

Volkstum, Sprache, lokale Beziehungen und wirtschaftliche Zweckmäßigkeit sind gewichtige Faktoren. Das Entscheidende aber ist ein vorherrschendes seelisches Element, das auf Einung hinwirkt. Sind alle anderen Kräfte auch noch so rebellisch, sie müssen doch dieser subtilen Kraft nachgeben. So sehr sie freien partikularistischen Ausdruck und die Erhaltung ihres Wesens innerhalb der größeren Vereinigung erstreben, müssen sie sich notgedrungen der Anziehungskraft dieser größeren Kraft unterordnen.

Worte Sri Aurobindos

Die nötige rettende Macht besteht in einem neuen seelischen Faktor, der gleichzeitig auf die Notwendigkeit eines geeinten Lebens für die Menschheit drängt, sie aber auch zwingt, die Prinzipien der Freiheit zu respektieren. Die Religion der Humanität scheint die einzige wachsende Kraft zu sein, die in diese Richtung strebt. Denn sie erweckt den Sinn für das Einssein der Menschen. Ihre Idee ist die der Einheit der Menschheit; sie achtet aber zugleich das menschliche Individuum und die natürliche menschliche Gruppierung. Ihre jetzige intellektuelle Gestalt scheint jedoch kaum zureichend zu sein. Obwohl schon sehr mächtig, ist diese Idee an sich und in ihren Auswirkungen noch nicht mächtig genug, um alles menschliche Leben nach ihrem Bild umzuprägen. Sie muss noch zu viele Konzessionen an die egoistische Seite der menschlichen Natur machen, die einst unser ganzes Wesen ausmachte und jetzt immer noch neun Zehntel davon beherrscht. Mit dieser egoistischen Seite steht die umfassendere Idee im Widerstreit. Andererseits neigt sie, da sie sich hauptsächlich auf die Vernunft stützt, viel zu sehr zu mechanischen Lösungen. Die rationale Idee wird am Ende immer zur Gefangenen ihres eigenen Mechanismus und zur Sklavin ihres allzu einschränkenden Prozesses. Dann revoltiert eine neue Idee mit anderer Richtung des logischen Mechanismus dagegen und zerbricht den Mechanismus, um ihn schließlich wieder nur durch ein anderes mechanisches System, ein anderes Credo, eine andere Formel und Praxis zu ersetzen.

Eine spirituelle Religion der Humanität ist die Hoffnung für die Zukunft. Damit ist aber nicht das gemeint, was man gemeinhin eine universale Religion nennt, ein System, eine Sache des Bekenntnisses, des intellektuellen Fürwahrhaltens, des Dogmas und äußeren Kultus. Die Menschheit hat ihre Vereinigung auch durch dieses Mittel versucht. Es hat versagt und sein Misslingen verdient. Denn es kann kein universales religiöses System geben, das im mentalen Glaubensbekenntnis und in der vitalen Gestalt eins wäre. Ganz gewiss ist der innere Geist ein einziger. Aber mehr als alles andere drängt das spirituelle Leben auf Freiheit und Variation zum Selbst-Ausdruck und bei den Mitteln zu seiner Entfaltung. Religion der Humanität bedeutet die immer umfassender werdende Verwirklichung dessen, dass es einen geheimen Geist, die eine göttliche Wirklichkeit gibt, in der wir alle geeint sind, dass ihr jetziger höchster Vermittler auf Erden die Menschheit ist, dass die menschliche Rasse und das Einzelwesen die Mittel sind, durch die sie sich hier fortschreitend selbst offenbart. Das verlangt aber, dass immer stärker der Versuch unternommen wird, das eigene Leben aus diesem Wissen zu führen und ein Reich des göttlichen Geistes auf der Erde zustande zu bringen. Durch sein Wachsen in unserem Inneren wird das Einssein mit den Mitmenschen zum leitenden Prinzip unseres Lebens, nicht nur Leitmotiv des Zusammenwirkens, sondern tiefere Bruderschaft, eines wirklich tief gegründeten Sinnes von Einigkeit, Gleichheit und gemeinsamem Leben. So muss es beim einzelnen Menschen zu der Einsicht in die Wahrheit kommen, dass sich sein eigenes Leben nur im Leben seiner Mitmenschen erfüllen kann. Gleichzeitig muss bei der Menschheit insgesamt die tiefe Überzeugung bestehen, dass ihre Vervollkommnung und ihr dauerndes Glück nur auf das freie und erfüllte Leben des Individuums gegründet ist. Es müssen auch eine Disziplin und ein Heilsweg ausgebildet werden, die mit dieser Religion in Einklang stehen, also eine Weise, durch die diese Religion von jedem Menschen innerlich entfaltet werden kann, damit sie sich durch ihn im Leben der ganzen Menschheit entfaltet. Hier ausführlich darzustellen, zu welchen Folgerungen das führt, ist unmöglich, da es ein viel zu weitläufiges Thema ist. Es soll genügen, darauf hinzuweisen, dass der Weg letztlich in dieser Richtung verlaufen muss. Kein Zweifel: Wenn das alles nur eine „Idee“ wäre wie alle übrigen „Ideen“, würde sie den Weg aller „Ideen“ gehen. Wenn sie aber eine Wahrheit unseres Seins ist, muss sie die einzige Wahrheit sein, auf die sich alles hin bewegt, und in ihr muss das Mittel zu finden sein zur fundamentalen, inneren, vollständigen und wahren Einung der Menschen, der einzigen sicheren Grundlage für eine Vereinigung des menschlichen Lebens. Spirituelles Einssein, das seelisches Einssein hervorbringt, welches von keiner intellektuellen oder äußeren Uniformität abhängig ist und zu einem Einssein des Lebens führt, das nicht an die mechanischen Mittel der Vereinigung gebunden, sondern immer bereit ist, seine gesicherte Einheit durch freie innere Variation und vielfältige Selbst-Darstellung nach außen zu bereichern – das ist die Grundlage für einen höheren Typus menschlicher Existenz.

Könnte sich in der Menschheit rasch eine solche Verwirklichung entfalten, könnten wir das Problem der Vereinigung auf tiefere und wahrhaftigere Weise von der inneren Wahrheit zu den äußeren Formen lösen. Bis es aber soweit ist, muss der Versuch, die Vereinigung durch mechanische Mittel zustande zu bringen, fortgesetzt werden. Die erhabenere Hoffnung der Menschheit liegt jedoch darin, dass die Zahl jener Menschen zunimmt, die diese Wahrheit verwirklichen und sich selbst entfalten wollen. Denn erst wenn die Mentalität des Menschen bereit ist, von ihrer Neigung loszukommen, weil sie vielleicht entdeckt, dass alle ihre mechanischen Lösungen nur vorübergehend und enttäuschend sind, kann die Wahrheit des Geistes eingreifen und die Menschheit zum Pfad ihres höchstmöglichen Glückes und ihrer Vollkommenheit führen.

Worte der Mutter

Alle Länder sind gleichberechtigt und essentiell „eins“.

Jedes von ihnen repräsentiert einen Aspekt des Einen Höchsten. In der irdischen Manifestation haben sie alle dasselbe Recht, sich frei auszudrücken.

Vom spirituellen Gesichtspunkt aus hängt die Bedeutung eines Landes nicht von seiner Größe ab oder von seiner Macht oder Autorität über ein anderes Land, sondern von seiner Antwort auf die Wahrheit und vom Wahrheitsgrad, den es zu offenbaren vermag.

Worte der Mutter

Einzig durch das Wachsen und die Einführung des Bewusstseins einer geeinten Menschheit kann wahrer und dauerhafter Friede auf Erden erreicht werden. Alle Mittel, die zu diesem Ziel führen, sind willkommen, obwohl äußere Mittel eine sehr begrenzte Wirkung haben. Das Wichtigste, Dringendste und Unerlässlichste jedoch ist die Umwandlung des menschlichen Bewusstseins als solches, die Erleuchtung und Umwandlung seines Wirkens.

Worte der Mutter

Einheit kommt nicht durch irgendeine äußere Verfügung, sondern durch die Bewusstwerdung des ewigen Einsseins.

Worte der Mutter

Hier meine Definition, die sowohl als Motto wie auch als Programm dienen kann:

Eine Welt-Union, gegründet auf der Tatsache einer geeinten Menschheit, die die Wahrheit des Geistes verwirklicht.

Worte der Mutter

Willst du Frieden auf Erden, erschaffe zuerst Frieden in deinem Herzen. Willst du Einheit in der Welt, vereine zuerst die verschiedenen Teile deines Wesens.

Worte der Mutter

Wie können Menschen mit unterschiedlichen Wertvorstellungen in Harmonie miteinander leben und arbeiten?

Die Lösung ist, tief nach innen zu gehen und jenen Ort zu finden, an dem alle Unterschiedlichkeiten miteinander vereint sind, um die essentielle und ewige Einheit zu konstituieren.

Worte der Mutter

Wenn Diplomatie das Instrument der Wahrheit und der Göttlichen Gnade werden könnte, anstatt auf Doppelzüngigkeit und Falschheit zu beruhen, wäre ein großer Schritt hin zu einer geeinten Menschheit und Harmonie getan.

Worte Sri Aurobindos

Die Menschheit wird jetzt durch die sich entwickelnde Natur vor die Frage gestellt, ob ihr bestehendes internationales System – wenn man die Art der vorläufigen Ordnung, die unter ständigen evolutionären und revolutionären Veränderungen aufrecht erhalten wird, ein System nennen kann – nicht ersetzbar ist durch eine gewollte und durchdachte feste Ordnung, ein wahres System, schließlich durch wirkliche Vereinigung, die den gemeinsamen Interessen der Völker dient. Am Anfang stand ein Durcheinander von Kräften, die dort, wo es möglich war, größere oder kleinere Gebilde von Zivilisation und Ordnung gestalteten, immer in Gefahr, wieder zusammenzubrechen oder durch Angriffe aus dem Chaos außerhalb ihrer Grenzen zerschmettert zu werden. Das war der erste erfolgreiche Versuch des Genius der Menschheit, einen Kosmos zu schaffen. Dieser Zustand wurde schließlich durch eine Art internationales System ersetzt mit Elementen dessen, was man ein internationales Gesetz oder festgelegte Normen für gegenseitigen Verkehr und Austausch nennen könnte. Es erlaubte den Nationen, trotz ihrer Gegensätze und Konflikte miteinander leben zu können. Es war eine Sicherheit, die mit Unsicherheit und Gefahr abwechselte und der viele hässliche, wenn auch örtlich begrenzte Züge von Unterdrückung, Blutvergießen und Chaos anhafteten, nicht zu sprechen von den Kriegen, die zeitweise weite Gebiete des Erdballs verwüsteten. Die innewohnende Gottheit, die über das Schicksal der Menschheit waltet, hat in der Vernunft und im Herzen des Menschen die Idee einer neuen Ordnung und die Hoffnung auf sie erstehen lassen, die die alte unbefriedigende ersetzen und an ihrer Stelle Verhältnisse schaffen wird, die schließlich begründete Aussicht auf dauerhaften Frieden und Wohlstand bieten. Dadurch würde erstmals jenes Ideal einer Einung der Menschen zur festen Tatsache, das – nur von wenigen gehegt – lange bloß ein edles Hirngespinst zu sein schien. So könnte ein festes Fundament von Frieden und Harmonie gelegt werden, das Raum genug bietet für die Verwirklichung der höchsten Träume des Menschen: Vervollkommnung der Menschheit, vollendete Gesellschaft und höher hinauf gerichtete Entfaltung der menschlichen Seele und menschlichen Natur. Es liegt an den Menschen unserer Tage, höchstens des morgigen Tages, hierauf Antwort zu geben. Denn zu langes Hinausschieben oder zu oft wiederholte Fehlschläge werden die Bahn frei machen für immer häufigere Katastrophen. Daraus könnten anhaftende Wirren und Verheerungen, ein Chaos entstehen, das schließlich eine Lösung zu schwierig oder gar unmöglich macht. Es könnte auch im unwiderruflichen Zusammenbruch nicht nur der gegenwärtigen Weltzivilisation, sondern aller Zivilisation überhaupt enden. Dann müsste ein neuer, schwieriger und ungewisser Anfang inmitten von Chaos und Ruin gemacht werden, vielleicht nach einer Menschenausrottung schlimmsten Ausmaßes. Eine erfolgreichere Neuschöpfung kann aber nur vorausgesagt werden für den Fall, dass man einen Weg findet, eine bessere Menschheit oder vielleicht eine höhere Rasse des Übermenschen zu entwickeln.