Kapitel 4
Die ideale Lösung
Worte Sri Aurobindos
Das letzte Ergebnis muss die Bildung eines Welt-Staates sein. Und seine wünschenswerteste Gestalt wäre eine Föderation freier Nationen, in der jegliche Unterdrückung, aufgezwungene Ungleichheit, Unterordnung der einen unter die andere verschwunden ist. Selbst wenn manche Nationen einen größeren natürlichen Einfluss ausüben würden, so hätten doch alle den gleichen Status.
Worte Sri Aurobindos
Andererseits würde ein föderatives System und mehr noch eine Konföderation bedeuten: Erhaltung der Nation als Grundlage und mehr oder minder große Freiheit des nationalen Lebens, aber Unterordnung des separatistischen nationalen Interesses unter die umfassenderen gemeinsamen Interessen und uneingeschränkter separater Freiheit unter die größeren internationalen Erfordernisse.
Worte Sri Aurobindos
Im Grunde wäre die ideale Art des Zusammenschlusses ein System, in dem als erstes Gesetz eines gemeinschaftlichen harmonischen Lebens gilt, dass es den Völkern gestattet ist, eigene Gruppierungen im Einklang mit ihrer natürlichen Einteilung nach Raum, Volkstum, Kultur und wirtschaftlicher Zweckmäßigkeit zu bilden. Ausgeschlossen wäre die Vereinigung mit Hilfe gewalttätiger Maßnahmen der Geschichte oder nach dem egoistischen Willen mächtiger Nationen, deren Politik es stets ist, die kleineren oder die zur Zeit noch nicht durchorganisierten Nationen zu zwingen, ihren Interessen zu dienen oder als Untertanen zu gehorchen. Die gegenwärtige Weltordnung ist durch wirtschaftliche Kräfte, Diplomatie, Verträge und Kauf sowie militärische Gewalt zustande gebracht worden, ohne dass man dabei auf ein moralisches Prinzip oder ein allgemeines Gesetz zum Wohl der Menschheit Rücksicht nahm. Sie hat der sich entwickelnden Weltkraft einigermaßen dazu gedient, bestimmte Ziele zu erreichen. Sie hat auch dazu beigetragen, die Menschheit näher zusammenzubringen, allerdings um den Preis von viel Blutvergießen, Leiden, Grausamkeit, Unterdrückung und Widerstand. Sie hatte so wie alles, was an sich nicht ideal, aber eben existent ist und sich mit Gewalt durchgesetzt hat, keine moralische, wohl aber ihre biologische Berechtigung, weil die Natur bei einer Menschheit, die noch halb animalisch ist, dieselben groben Methoden anwendet wie in der Tierwelt. Wenn aber einmal der große Schritt zur Vereinigung unternommen ist, dürften die künstlichen Maßnahmen, die zu diesem Resultat führten, keine weitere Daseinsberechtigung mehr haben, und zwar in erster Linie deshalb, weil nun das einzige Ziel, das man im Auge haben muss, in dem bestehen soll, was für die Welt im Großen zweckdienlich und gut ist, und nicht darin, was der Befriedigung des Egoismus, des Stolzes und der Machtgier einzelner Nationen dient. Und in zweiter Linie deshalb, weil in einer auf gesunder Grundlage organisierten Weltunion oder in einem Weltstaat jeder legitime Anspruch, den eine Nation anderen Nationen gegenüber erheben könnte – etwa Bedürfnisse des Gemeinwohls und Ausdehnung auf wirtschaftlichem Gebiet –, ohnedies zur Erfüllung kommen würde, jetzt aber nicht mehr nach dem Prinzip von Kampf und Konkurrenz, sondern nach dem Prinzip der Zusammenarbeit und gegenseitigen Anpassung der Interessen, zumindest in einem Wettbewerb, der durch Gesetz, Gleichberechtigung und gerechten Austausch gemeinsam geregelt ist. So würde für erzwungene und künstliche Gruppierungen kein Grund mehr vorhanden sein, nur deshalb weiterzubestehen, weil sie sich auf Tradition oder vollendete Tatsachen stützen. Bei der ungeheuren Umwandlung, die in der Welt vor sich geht, hätte das kaum noch Gewicht. Man kann sie unmöglich zustande bringen, wenn die Menschheit nicht dazu bereit ist, Hunderte von Traditionen zu brechen und die Mehrheit der „vollendeten Tatsachen“ umzustoßen.
Da Gruppierungen notwendig sind, sollte erstes Prinzip bei der Vereinigung der Menschheit ein System von freien und natürlichen Gruppierungen sein, das keinen Raum mehr lässt für inneren Zwist, Widersprüche, Unterdrückung und Revolte zwischen den Rassen oder Völkern.
Worte Sri Aurobindos
Die natürliche Einheit in einer solchen Gruppierung ist die Nation, denn sie ist das Fundament, das die natürliche Entwicklung erschaffen und im Blick auf die umfassende Vereinigung offensichtlich als Grundlage vorgesehen hat. So würde die freie und natürliche Nation-Einheit und vielleicht auch die Nationen-Gruppe die rechte und lebensstarke Stütze für ein gesundes und harmonisches Weltsystem sein, wenn man nicht den Zusammenschluss auf einen viel späteren Zeitpunkt der Geschichte verschieben will, so dass in der Zwischenzeit das nationale Prinzip seine Kraft und Vitalität verloren und sich in ein anderes Prinzip aufgelöst hat. Die Rasse spielt immer noch eine Rolle und würde als Element, wenn auch nur von untergeordneter Bedeutung, mitzählen. Sie würde bei gewissen Gruppierungen vorherrschen und entscheidend sein. Bei anderen würde sie beiseite geschoben werden, teils durch das historische oder nationale Empfinden, das über Unterschiede in Sprache und Rasse hinweggeht, teils durch wirtschaftliche und andere Beziehungen, die durch örtliche Kontakte oder Zusammengehörigkeit aus geographischen Gründen bedingt sind. Das Einssein auf kulturellem Gebiet würde wichtig bleiben, brauchte aber nicht in allen Fällen ein Übergewicht zu erhalten. Selbst die vereinte Kraft von Rasse und Kultur dürfte nicht stark genug sein, um entscheidend ins Gewicht zu fallen.
Worte Sri Aurobindos
Auch auf dieser Entwicklungslinie – und in der Tat auf jeder solchen Linie – muss das Prinzip einer freien und natürlichen Gruppierung der Völker der Weisheit letzter Schluss sein. Sie ist die endgültige und vollkommene Grundlage für jeden Zusammenschluss, denn auf keiner anderen wäre die Vereinigung der Menschheit gesichert und gesund. Aber auch aus einem anderen Grund: Sobald die Vereinigung zustande gekommen ist und der Krieg und der eifersüchtige nationale Konkurrenzkampf durch bessere Methoden des Verkehrs und der gegenseitigen Anpassung ersetzt worden sind, liegt kein Grund mehr vor, ein anderes künstlicheres System beizubehalten. Es würden also sowohl Vernunft wie Zweckmäßigkeit zu dieser Umwandlung zwingen. Die Institution des natürlichen Systems der Gruppenzusammenschlüsse würde genauso selbstverständlich wie die administrative Einteilung eines Landes aufgrund seiner natürlichen Provinzen. Es wäre eine Notwendigkeit der Vernunft oder zweckmäßigen Handelns wie der Rücksicht, die man in jedem System der Übertragung von politischen Freiheiten oder des freien Zusammenschlusses auf das rassische oder nationale Empfinden oder die schon lange bestehenden lokalen Vereinigungen zu nehmen hat. Es mögen noch andere Erwägungen die Anwendung des Prinzips modifizieren, aber keine von ihnen wäre stark genug, es aufzuheben.
Worte Sri Aurobindos
Denn das [eine Vereinigung freier Nationalitäten] würde als treibende Kraft eine Harmonie der beiden großen Prinzipien, die gegenwärtig wirksam sind, voraussetzen: des Nationalismus und des Internationalismus. Eine solche Motivkraft anzunehmen, würde aber bedeuten, dass die Lösung des Problems, die Einung der Menschheit, gleichzeitig auf der Grundlage der Vernunft und hoher Ethik in Angriff genommen wird. Weiter müsste man einerseits das Recht aller großen natürlichen Gruppierungen der Menschen anerkennen, ihrem Wesen entsprechend leben zu dürfen, und den Respekt vor der nationalen Freiheit als unumstößlichen Grundsatz menschlichen Verhaltens auf den Thron heben. Andererseits müsste ein entsprechender Sinn dafür vorhanden sein, dass es in einer geeinten und verbündeten Menschheit Ordnung, gegenseitige Hilfe und Anteilnahme, gemeinsames Dasein und Harmonie der Interessen geben muss. Diejenige Gesellschaft und derjenige Staat sind ideal, in denen die Hochachtung vor der individuellen Freiheit und der freien Entfaltung der Persönlichkeit bis zur vollkommenen Harmonie gediehen ist mit dem Respekt gegenüber den Bedürfnissen, der Leistungsfähigkeit, der Solidarität, der natürlichen Entfaltung und organischen Vervollkommnung des korporativen Wesens, der Gesellschaft oder der Nation. In einem idealen Zusammenschluss der gesamten Menschheit, der internationalen Gesellschaft oder dem internationalen Staat müsste in derselben Weise die nationale Freiheit, freie nationale Entfaltung und Selbstverwirklichung fortschreitend in Einklang gebracht werden mit Solidarität, vereintem Wachsen und Vervollkommnung der Gesamtmenschheit.
Wenn man dieses Grundprinzip voraussetzen könnte, gäbe es wohl noch Schwankungen, die damit zusammenhängen, dass es schwierig ist, eine solche Kombination zu vollkommenem Wirken zu bringen. Genauso wurde auch beim Wachsen des nationalen Zusammenschlusses der Nachdruck zeitweise mehr auf die Freiheit gelegt, zeitweise mehr auf Leistungsfähigkeit und Ordnung. Da man aber hier von Anfang an die richtigen Voraussetzungen für die Lösung des Problems berücksichtigen, diese nicht dem blinden Tauziehen der Kräfte überlassen würde, bestünde eine gewisse Chance, mit weniger Reibung und Gewalt im Ablauf der Dinge früher zu einer vernünftigen Lösung zu gelangen.