Kapitel 5
Das Problem des Irrtums
Worte Sri Aurobindos
Wäre das Bewusstsein unseres äußeren Menschen in der Evolution immer offen für das Wirken der Intuition, dann wäre es unmöglich, dass Irrtum sich einmischt. Denn die Intuition ist ein scharfer Lichtstrahl, der vom verborgenen Supramental ausgesandt wird. Ein hervortretendes Wahrheits-Bewusstsein würde die, wenn auch begrenzte, in ihrem Wirken dennoch sichere Folge sein. Hätte sich dann Instinkt zu formen, so würde er durch die Intuition leicht formbar sein und sich frei der evolutionären Umwandlung und der Wandlung der inneren und äußeren Umstände anpassen. Wenn eine Intelligenz sich zu bilden hätte, würde sie der Intuition dienstbar und ihr genauer mentaler Ausdruck sein. Ihre Brillanz würde vielleicht so gemildert werden, dass sie sich einem verminderten Wirken anpasst und einer verkleinerten Funktion und Bewegung dient – und nicht, wie jetzt, einer Vergrößerung von ihnen. Sie wäre aber nicht durch Abweichen von der Intuition exzentrisch und würde nicht durch ihre obskuren Seiten in das Falsche und Verfehlte hinabsinken. Das könnte aber nicht sein, denn die Macht der Nichtbewusstheit in der Materie, der vordergründigen Substanz, in der Mental und Leben sich auszudrücken haben, verdunkelt unser äußeres Bewusstsein und macht es unempfänglich für das Licht im Inneren. Überdies wird die Intelligenz dazu veranlasst, diesen Mangel zu lieben und immer mehr die unberechenbaren inneren Ahnungen durch ihre eigenen unvollständigen, aber besser verständlichen Klarheiten zu ersetzen. Denn es liegt nicht in der Absicht der Natur, das Wahrheits-Bewusstsein rasch zu entfalten. Die von ihr gewählte Methode ist eine langsame und schwierige Evolution der Nichtbewusstheit, die sich in die Unwissenheit entwickelt, und einer Unwissenheit, die sich in eine vermischte, modifizierte und partielle Erkenntnis entfaltet, bevor sie zur Transformation in ein höheres Wahrheits-Bewusstsein und Wahrheits-Wissen bereit sein kann. Unsere unvollkommene mentale Intelligenz ist eine notwendige Stufe des Übergangs, bevor diese höhere Transformation möglich werden kann.
Praktisch gibt es zwei Pole des bewussten Wesens, zwischen denen der evolutionäre Prozess wirksam ist. Der eine ist ein vordergründiges Nichtwissen, das sich allmählich in Wissen zu verwandeln hat. Der andere ist eine verborgene Bewusstseins-Kraft, in der alle Macht von Wissen enthalten ist und die sich allmählich im Nichtwissen manifestieren soll. Das Nichtwissen der Außenseite ist voll von Nicht-Begreifen und Verständnislosigkeit. Sie kann aber in Wissen umgewandelt werden, weil ihr Bewusstsein involviert ist. Würde das Bewusstsein ihr grundsätzlich fehlen, wäre Umwandlung unmöglich. Sie wirkt aber noch als ein Nichtbewusstes, das bewusst zu werden versucht. Zuerst ist es ein Nichtwissen, das durch Not und äußere Einwirkung zum Fühlen und zur Reaktion gezwungen ist, dann eine Unwissenheit, die zu wissen trachtet. Das dazu verwendete Mittel ist ein Kontakt mit der Welt, mit ihren Kräften und Objekten, der, wie wenn man Zunder verwendet, einen Funken von Bewusstheit hervorruft. Die Reaktion von innen her ist dieser Funken, der in die Manifestation hervorspringt. Das Nichtwissen an der Außenseite bemächtigt sich aber der Reaktion, die von einem zugrundeliegenden Ursprung des Wissens empfangen wird, und verwandelt sie in etwas Dunkles und Unvollständiges. Es kommt zu unvollständigem Begreifen oder einem Missverstehen der Intuition, das auf den Kontakt antwortet. Doch beginnt durch diesen Prozess ein reagierendes Bewusstsein, eine erste Ansammlung eines im inneren Kern vorhandenen oder gewohnheitsmäßigen instinktiven Wissens. Darauf folgt erst eine primitive, danach die entwickelte Fähigkeit zu empfänglichem Wahrnehmen, Verstehen, zur Antwort durch Handeln und zum vorausschauenden Einleiten von Handlung, – ein sich entwickelndes Wissen, das halb Wissen, halb Unwissenheit ist. Allem, was noch unbekannt ist, tritt man auf der Grundlage dessen gegenüber, was bekannt ist. Da diese Erkenntnis aber unvollkommen ist, empfängt sie die Kontakte der Dinge auch auf eine unvollkommene Weise und reagiert unvollkommen auf sie. Das kann zu einem falschen Verständnis der neuen Kontakte führen und ebenso zum Missverstehen oder zur Entstellung der intuitiven Reaktion: zur doppelten Quelle von Irrtum.
Unter diesen Umständen ist klar, dass Irrtum eine notwendige Begleiterscheinung, beinahe eine notwendige Voraussetzung und Instrumentation, ein unentbehrlicher Schritt oder eine Stufe in der langsamen Evolution hin zum Wissen in einem Bewusstsein ist, das bei Nichtwissen anfängt und im Stoff eines allgemeinen Nichtwissens wirkt. Das sich entwickelnde Bewusstsein muss Wissen durch ein indirektes Mittel erwerben, das ihm nicht einmal die Bruchstücke einer Gewissheit gibt. Denn hier wird durch den Kontakt mit dem Objekt zuerst nur eine Figur, ein Zeichen, ein Abbild oder eine dem Charakter nach physikalische Vibration und eine sich daraus ergebende vitale Empfindung geschaffen, die durch das Mental und die Sinne interpretiert und in eine entsprechende mentale Idee oder Gestaltung umgewandelt werden müssen. Die so erfahrenen und mental erkannten Dinge müssen miteinander in Beziehung gebracht werden. Unbekannte Dinge muss man beobachten, entdecken, in die schon erworbene Summe von Erfahrung und Erkenntnis einfügen. Bei jedem Schritt steifen sich verschiedene Möglichkeiten von Fakten, Bedeutung, Beurteilung, Interpretation und Beziehung dar. Manche muss man untersuchen und verwerfen, andere akzeptieren und bestätigen: Irrtum auszuschließen, ist unmöglich, ohne dass man dadurch die Chance einengt, Erkenntnis zu erwerben. Beobachtung ist das erste Instrument des Mentals. Beobachtung ist aber an sich ein komplexer Vorgang, in den bei jedem Schritt die Fehler des unwissenden beobachtenden Bewusstseins eindringen können. Verkehrtes Erfassen der beobachteten Tatsache durch die Sinne und das Sinnen-Mental, Weglassen, falsche Auswahl und Zusammensetzung, unbewusste Beifügungen durch persönlichen Eindruck oder persönliche Reaktion bewirken ein falsches oder unvollkommen zusammengesetztes Bild. Zu diesen kommen noch die Irrtümer durch indirekte Schlussfolgerung, Fehlurteil und unrichtige Deutung der Tatsachen vonseiten der Intelligenz. Wenn dann nicht einmal die gesammelten Daten gesichert oder vollkommen sind, müssen auch die daraus gezogenen Schlussfolgerungen unsicher und unvollkommen sein.
Bei seinem Erwerb von Wissen schreitet das Bewusstsein vom Erkannten zum Unbekannten fort. Es errichtet ein Gebäude erworbener Erfahrung, Erinnerungen, Eindrücke, Urteile, einen zusammengesetzten mentalen Plan der Dinge, der seiner Natur nach von veränderlicher und immer neu modifizierbarer Gültigkeit ist. Wird neue Erkenntnis aufgenommen, so wird alles, was zur Annahme hereinkommt, im Licht vergangener Erkenntnis beurteilt und in das Gebäude eingefügt. Kann es nicht richtig hineinpassen, so wird es dennoch irgendwie eingefügt oder verworfen. Das vorhandene Wissen und seine Strukturen oder Maßstäbe mögen aber auf den neuen Gegenstand oder das neue Erkenntnisgebiet nicht anwendbar sein. Das Einfügen mag ein verkehrtes Einpassen, ein Verwerfen, eine irrige Reaktion sein. Zum unrichtigen Erfassen und zur falschen Interpretation der Tatsachen kommen hinzu falsche Anwendung der Erkenntnis, unrichtige Kombination, fehlerhafte Konstruktion, irrige Darstellung – ein komplizierter Mechanismus mentalen Irrtums. In dieser ganzen erhellten Dunkelheit unserer mentalen Funktionen ist eine geheime Intuition am Werk, ein Drängen nach der Wahrheit, das korrigiert oder die Intelligenz veranlasst, zu korrigieren, was irrig ist, und sich um wahre Darstellung der Dinge und um wahres interpretierendes Wissen zu bemühen. Die Intuition selbst ist aber im menschlichen Mental durch das mentale Missverstehen ihrer Anregungen begrenzt und nicht fähig, auf ihrer eigenen Rechtsgrundlage zu wirken. Einerlei, ob es physische, vitale oder mentale Intuition ist, sie kann sich, um angenommen zu werden, nicht unverhüllt und rein darbieten, sondern nur mit mentalem Überzug versehen oder in ein reichlich mentales Gewand eingehüllt. Unter dieser Verkleidung kann ihre wahre Art nicht erkannt werden. Ihre Beziehung zum Mental und ihr Dienst werden nicht verstanden. Ihre Art zu wirken wird durch die voreilige und halbbewusste menschliche Intelligenz nicht beachtet. Es gibt Intuitionen von Aktualität, von Möglichkeit, von der bestimmenden Wahrheit hinter den Dingen. Sie alle werden aber vom Mental miteinander verwechselt. So ist die menschliche Erkenntnis geprägt von einer großen Verwirrung halb begriffenen Materials, von dem Versuch, damit ein Gebäude zu errichten, von einer Darstellung oder mentalen Struktur der Gestalt des Selbsts und der Dinge, die starr und doch chaotisch, halb geformt und geordnet und halb durcheinander gebracht, halb wahr und halb irrig, jedenfalls immer unvollkommen ist.
Irrtum an sich würde jedoch nicht zur Falschheit führen. Er wäre nur eine Unvollkommenheit an Wahrheit, ein Versuch im Erproben von Möglichkeiten. Denn sobald wir etwas nicht wissen, müssen ungeprüfte und ungesicherte Möglichkeiten zugelassen werden. Wenn als ihr Ergebnis eine unvollkommene oder unzutreffende Gedankenkonstruktion aufgebaut ist, kann diese sich dadurch rechtfertigen, dass sie den Zugang zu neuer Erkenntnis in unerwarteten Richtungen eröffnet. Dann mag entweder die Zerstörung und Neuerrichtung dieser Denk-Struktur oder die Entdeckung einer durch sie verborgenen Wahrheit unsere Wahrnehmung oder unsere Erfahrung vermehren. Trotz der hier geschaffenen Mischung könnten Bewusstsein, Intelligenz und Vernunft durch diese vermischte Wahrheit zu einer klareren und wahreren Form von Selbst-und Welt-Erkenntnis heranwachsen. Dadurch würde sich der Widerstand der ursprünglichen umhüllenden Nichtbewusstheit vermindern und ein wachsendes mentales Bewusstsein Klarheit und Vollständigkeit erlangen, die es den verborgenen Mächten einer unmittelbaren Erkenntnis und eines intuitiven Verfahrens möglich machen würde, hervorzutreten, die vorbereiteten und erleuchteten Werkzeuge zu verwenden und die Mental-Intelligenz zu ihrem wirklichen Vollzieher und Wahrheits-Erbauer auf der evolutionären Außenseite zu machen.