Kapitel 5

Das Aufsteigen des Opfers – 1

Die Werke des Wissens — Das seelische Wesen

Das ist also in seinen Grundlagen das integrale Wissen vom Höchsten und Unendlichen, dem wir unser Opfer darbringen, und das ist die Natur des Opfers selbst in seinem dreifachen Charakter: ein Opfer der Werke, ein Opfer der Liebe und Herzenshingabe, sowie ein Opfer des Wissens. Selbst wenn wir vom Opfer der Werke als solchem sprechen, verstehen wir ja darunter nicht nur die Darbringung unserer äußeren Betätigungen sondern alles dessen, was in uns dynamisch und aktiv ist. Wir sollen Gott unsere inneren Regungen nicht weniger als unsere äußeren Handlungen auf dem einen Altar weihen. Der innere Kern alles Wirkens, das als ein Opfer dargebracht wird, ist eine Arbeit der Selbstdisziplin und der Selbstvervollkommnung, durch die wir uns eines Lichtes von oben bewusst und von ihm erleuchtet zu werden hoffen, das sich in alle Regungen unseres Mentals, des Herzens, Willens, Empfindens, Lebens und Körpers ergießt. Ein wachsendes Licht göttlichen Bewusstseins wird uns dem Meister des Weltopfers in der Seele nahebringen und uns in unserem innersten Wesen und unserer spirituellen Substanz durch Identität mit ihm eins machen. Das ist das erhabenste Ziel des Daseins, wie es durch das alte Vedanta herausgestellt wurde. Es wird uns auch immer mehr in unserem Werden mit dem Göttlichen einen, indem wir ihm in unserer Natur ähnlich werden. Das ist die mystische Bedeutung des Symbols des Opfers in der versiegelten Sprache der Seher des Veda.

Wenn das aber der Charakter unserer raschen Evolution von einem mentalen Wesen zu einem spirituellen ist, die der Integrale Yoga im Auge hat, erhebt sich eine äußerst verwickelte Frage, die jedoch von großer dynamischer Bedeutung ist: Wie sollen wir uns einem Leben und Wirken gegenüber verhalten, wie es jetzt noch in den Prozessen unserer unverwandelten menschlichen Natur vorherrscht? Wir haben als das vordringlichste Ziel des Yoga angenommen, dass wir in ein umfassendes höheres Bewusstsein aufsteigen müssen und dass dieses mit seinen Mächten unser Mental, unser Leben und unseren Körper einnimmt. Jedoch existiert ja noch das Leben hier, nicht ein Leben irgendwo anders, das uns als das unmittelbare Feld für das Wirksamwerden des Geistes gegeben ist. Es soll hier zu einer Transformation unseres instrumentalen Wesens und unserer Natur kommen, nicht zu deren Vernichtung. Was soll also aus den gegenwärtigen Betätigungen unseres Wesens werden: aus dem Wirken des Mentals, das sich der Erkenntnis und dem Ausdruck des Wissens zuwendet, aus den Wirkensweisen unserer Gefühle und Empfindungen, aus der Aktivität unserer äußeren Lebensführung, unseres Schaffens, Produzierens und Wollens, die auf die Herrschaft über die Menschen, die Dinge, das Leben, die Welt und die Kräfte der Natur gerichtet ist? Sollen wir das alles aufgeben und durch eine andere Art zu leben ersetzen, durch die ein spiritualisiertes Bewusstsein seinen wahren Ausdruck und seine Gestalt finden kann? Sollen wir es etwa in seiner äußeren Erscheinungsform, so wie es ist, bewahren, es jedoch durch einen inneren Geist im Handeln umgestalten, in seinem Horizont ausweiten und durch eine Umkehrung des Bewusstseins in neue, freie Formen verwandeln? So etwas hat man damals auf der Erde erlebt, als der Mensch die vitalen Wirkensweisen des Tiers übernahm und sie dadurch mentalisierte, ausweitete und umgestaltete, dass er die Vernunft, den denkenden Willen, die verfeinerte Empfindung und eine organisierte Intelligenz in sie ergoss. Oder sollen diese Betätigungen etwa teilweise aufgegeben und nur jene übrig behalten werden, die eine spirituelle Umwandlung aushalten können? Müsste für den Rest ein neues Leben geschaffen werden, das ebenso in seiner Form wie in seiner Inspiration und Motivkraft die Einheit, die Weite, den Frieden, die Freude und Harmonie des befreiten Geistes zum Ausdruck bringen kann? Dieses Problem hat mehr als alle anderen das Denken derer auf dem langen Weg des Yoga bedrängt, die versuchten, jene Pfade abzustecken, die vom menschlichen zum Göttlichen hinführen.

Jede Art Lösung ist angeboten worden: von dem einen Extrem, dass man das Wirken und Leben, soweit das physisch möglich ist, völlig aufgibt, bis hin zu dem anderen, dass man das Leben, wie es ist, akzeptiert, es jedoch mit einem neuen Geist belebt. Man will seine Regungen so weit emporheben, dass sie in ihrer äußeren Erscheinung zwar noch dieselben sind, die sie vorher waren, dass sie jedoch in dem hinter ihnen stehenden Geist und darum auch in ihrer inneren Bedeutung verwandelt werden. Die radikale Lösung, auf welche der die Welt verachtende Asket, der nach innen gekehrte Ekstatiker oder der selbstvergessene Mystiker drängen, ist offensichtlich den Absichten eines integralen Yoga fremd. Wenn wir das Göttliche in der Welt realisieren wollen, kann das nicht dadurch geschehen, dass wir das Handeln in der Welt und jede Aktivität überhaupt beiseite lassen. Auf ein niedrigeres Ziel wurde das religiöse Mental in alten Zelten festgelegt, indem der Fromme nur solche Betätigungen beibehalten sollte, die ihrer Natur nach Teil des Suchens nach dem Göttlichen, des Dienstes an Gott und des Kultus sind. Außerdem wurden noch solche anderen Werke zugelassen, die hiermit eng verbunden sind, oder auch solche, die man im gewöhnlichen Lebensablauf nicht entbehren kann. Nur sollten diese in religiösem Geist und im Einklang mit den Vorschriften der traditionellen Religion und der Schrift geleistet werden. Das ist aber eine zu formalistische Regel, als dass sie einem freien Geist für sein Wirken genügen könnte. Außerdem ist ja, wie man dort behauptet, das Leben auf Erden nur etwas Vorläufiges, eine Brücke vom Leben in der Welt zu einem Leben im Jenseits, das doch immer der einzige, letzte Zweck des Daseins bleibt. Im Gegensatz dazu muss sich ein integraler Yoga eher an die allumfassende Lehre der Gita halten, dass gerade die befreite Seele, die in der Wahrheit lebt, alle Werke des Lebens in der Weise weiter tun soll, dass der Plan der universalen Entwicklung unter einer verborgenen göttlichen Lenkung nicht durch sie verdorben wird oder notleidet. Wenn aber alle Handlungen mit denselben Formen und nach denselben Regeln getan werden sollen wie jetzt in der Unwissenheit, ist unser Gewinn nur ein innerlicher. Dann gerät unser Leben in Gefahr, die zweifelhafte und doppeldeutige Formel dafür zu werden, dass ein inneres Licht die Werke eines äußeren Zwielichtes tut und dass sich der vollkommene Geist in einer Gestaltung der Unvollkommenheit zum Ausdruck bringt, die seiner eigenen göttlichen Art fremd ist. Kann eine Zeitlang nichts Besseres geleistet werden (und während einer langen Übergangsperiode wird das unvermeidlich geschehen), dann muss dieser Zustand so lange dauern, bis alles vorbereitet und der Geist im Inneren machtvoll genug ist, dem Leben des Körpers und der Außenwelt seine eigenen Formen aufzuprägen. Die jetzige Stufe kann nur als ein Übergang akzeptiert werden; sie ist nicht das Ideal unserer Seele, nicht das höchste Ziel ihres Entwicklungsganges.

Aus demselben Grunde ist auch die ethische Lösung unzureichend. Ein moralisches Gesetz legt den wilden Pferden der Natur nur eine Kandare an und übt über sie nur mühevoll und unvollständig Herrschaft aus. Die Moral besitzt nicht die Macht, die Natur so zu transformieren, dass ihr Gang fortan in einer gesicherten Freiheit verläuft und sie die Intuitionen, die aus einem göttlichen Selbst-Wissen hervorgehen, zur Erfüllung bringt. Bestenfalls errichtet ihre Methode Beschränkungen, um auf den Teufel einen Zwang auszuüben und die Mauern einer relativen und sehr zweifelhaften Sicherheit rings um uns herum zu bauen. Diese oder eine ähnliche Maßnahme des Selbstschutzes mag eine Zeitlang im gewöhnlichen Leben wie im Yoga notwendig sein. Im Yoga kann das aber nur einen Übergang bezeichnen. Das uns vorschwebende Ziel ist fundamentale Umwandlung und geläuterte Weite spirituellen Lebens. Wenn wir das erreichen wollen, müssen wir eine tiefere Lösung und ein besser gesichertes supra-ethisches dynamisches Prinzip entdecken. Im inneren Leben spirituell, im äußeren moralisch zu sein, ist dieselbe Lösung wie die gewöhnliche religiöse. Das ist nur ein Kompromiss. Wir suchen den Weg zu dem Ziel, dass sowohl das innere Wesen wie das äußere Leben spiritualisiert wird; wir wollen keinen Kompromiss zwischen dem Leben und dem Geist. Ebensowenig kann für uns jene Vermischung der Werte brauchbar sein, die den Unterschied zwischen dem Spirituellen und dem Moralischen verwischt und behauptet, das Sittliche sei das allein wahre spirituelle Element in unserer Natur. In der Ethik üben wir eine mentale Kontrolle aus. Das beschränkte irrende Mental ist aber nicht und kann nie der freie, immer erleuchtende Geist sein. Ebenso ist es unmöglich, jenes „Evangelium“ anzunehmen, welches das Leben zum einzigen Zweck des Daseins macht, seine Elemente grundsätzlich so akzeptiert, wie sie sind, und nur ein halbspirituelles oder pseudospirituelles Licht zuhilfe nimmt, um sie mit ihm zu überfluten und zu verschönern. Ebenso unzureichend ist auch der häufige Versuch, zwischen dem Vitalen und dem Spirituellen eine Missheirat einzugehen: man verbindet da eine mystische Erfahrung im Inneren mit einem ästhetisierenden, intellektualistischen sinnlichen Heidentum (Paganismus) oder einer übertriebenen äußerlichen Daseinsfreude (Hedonismus), deren höchstes Ziel die höchste Lust ist; so will man nach außen hin das Leben ausleben, es aber mit einem Glanz spiritueller Sanktion rechtfertigen. Auch dieser Kompromiss bleibt fragwürdig und gelingt nie völlig; er ist von der göttlichen Wahrheit und ihrem integralen Charakter ebenso weit entfernt wie das puritanische Gegenstück. Das alles sind schwankende Lösungen des fehlbaren menschlichen Mentals, das zwischen den hohen spirituellen Werten und dem niedrigeren Niveau der gewöhnlichen Motive des Mentals und des Lebens einen Handel abzuschließen sucht. Auch hinter diesen Motiven ist eine Teilwahrheit verborgen; ihre Wahrheit ist aber nur dann annehmbar, wenn sie, bis zur spirituellen Höhe emporgehoben, im höchsten Wahrheitsbewusstsein geprüft und aus dem Boden und Irrtum der Unwissenheit herausgerissen worden ist.

Zusammenfassend kann mit Sicherheit behauptet werden, dass keine der angebotenen Lösungen mehr sein kann als etwas Provisorisches, bis ein Supramentales Wahrheitsbewusstsein erlangt ist. Erst durch dieses werden die Dinge, wie sie uns erscheinen, an ihren richtigen Platz gestellt. Ihr wahres Wesen wird dann geoffenbart, zusammen mit dem in ihnen, was direkt im spirituellen wesenhaften Sein seinen Ursprung hat. Inzwischen beruht unsere einzige Sicherheit darin, dass wir ein leitendes Gesetz der spirituellen Erfahrung entdecken oder dass wir ein Licht in unserem Inneren freisetzen, das uns so lange auf unserem Wege führen kann, bis jenes höhere unmittelbare Wahrheitsbewusstsein über uns gewonnen oder in unserem Inneren geboren ist. Denn alles Übrige in uns, das nur etwas Äußerliches und nicht ein spirituelles Empfinden oder Schauen ist – die Konstruktionen, Darstellungen oder Schlussfolgerungen des Intellekts, die Suggestionen und Anreize der Kraft des Lebens und die positiven Bedürfnisse der Körperlichkeit –, sind manchmal Halb-Lichter, manchmal falsche Lichter. Sie können uns bestenfalls nur kurze Zeit ein wenig weiterhelfen und dienen; im übrigen halten sie uns entweder auf unserem Wege zurück, oder sie verwirren uns. Das lenkende Gesetz spiritueller Erfahrung kann dem Menschen erst dann zuteil werden, wenn sich sein Bewusstsein für das Göttliche Bewusstsein öffnet. Wir sollen die Macht besitzen, in uns das Wirken, das Gebot und die dynamische Gegenwärtigkeit der Göttlichen Shakti zu empfangen und uns ihrer Lenkung zu unterwerfen. Eine solche völlige Hingabe an sie und an ihre Herrschaft über uns bewirkt, dass sie unser ganzes Dasein lenkt. Diese Unterwerfung ist so lange nicht gesichert und wir haben noch keine absolute Gewissheit ihrer Führung, als wir noch von dem Ansturm der Gestaltungen des Mentals, der Impulse des Lebens und der Anreize des Egos überwältigt werden, die uns leicht zu einer falschen Erfahrung verführen. Diese Gefahr kann man nur dadurch abwehren, dass man die jetzt zu neun Zehntel verborgene innerste Seele, das seelische Wesen, öffnet, das zwar tatsächlich immer in uns existiert, aber gewöhnlich nicht aktiv ist. Das ist jenes innere Licht, das wir frei ausstrahlen lassen sollen. Denn das Licht der innersten Seele ist unsere einzige sichere Erleuchtung, solange wir noch mitten im Ansturm der Unwissenheit wandern und das Wahrheitsbewusstsein noch nicht die völlige Herrschaft über unser gottwärts gerichtetes Mühen übernommen hat. Wenn die Göttliche Kraft unter den Übergangsverhältnissen so in uns wirkt und uns das Licht des seelischen Wesens immer mehr zu einem bewussten und schauenden Gehorsam gegenüber jenen höheren Antriebskräften hinführt und uns von den Forderungen und Verführungen der Kräfte der Unwissenheit abkehrt, erschaffen diese beiden Bewegungen miteinander ein immer weiter fortschreitendes inneres Gesetz für unser Handeln. Dieser Prozess dauert so lange, bis das spirituelle und supramentale Gesetz die feste Grundlage unserer Natur bildet. Beim Übergang mag es wohl eine Periode geben, in der wir Leben und Wirken emporheben und dem Göttlichen zur Läuterung, Umwandlung und zur Entbindung der in ihnen enthaltenen Wahrheit darbieten. In einem anderen Abschnitt unserer Entwicklung ziehen wir uns vielleicht in uns zurück und errichten eine spirituelle Mauer um uns, durch deren Tore wir nur solche Betätigungen zulassen, die sich bereitwillig dem Gesetz der spirituellen Transformation unterziehen. In einer dritten Periode kann dann ein freies und allumfassendes Handeln möglich werden, wobei sich jedoch neue Formen herausbilden, die zum Ausdruck der höchsten Wahrheit des Geistes geeignet sind. Jedoch wird das alles nicht mehr durch mentale Regeln entschieden, sondern im Lichte unserer inneren Seele und durch die verfügende Kraft und fortschreitende Lenkung der Göttlichen Macht, die uns zuerst den Yoga insgeheim oder offen aufzwingt, ihn dann immer sichtbarer lenkt und ordnet. Schließlich nimmt die Göttliche Macht selbst die ganze Bürde unseres Yoga auf sich.

In Übereinstimmung mit dem dreifachen Charakter des Opfers können wir auch die Werke in eine dreifache Ordnung einteilen: die Werke des Wissens, die Werke der Liebe und die Werke des Willens-im-Leben. Wir sehen, wie sich das plastische spirituelle Gesetz auf jedes Gebiet anwenden lässt und den Übergang von der niederen zur höheren Natur bewirkt.

Nach Auffassung des Yoga können die Betätigungen des menschlichen Mentals, das nach dem Wissen strebt, auf natürliche Art in zwei Kategorien eingeteilt werden. Es gibt das höchste supra-intellektuelle Wissen, das sich auf die Entdeckung des Einen und Unendlichen in seiner Transzendenz konzentriert und durch Intuition, Kontemplation und direkten inneren Kontakt in die letzten Wahrheiten hinter den Erscheinungen der Natur einzudringen sucht. Dann haben wir das niedere Wissen in der Wissenschaft, die sich durch eine in der Außenwelt erworbene Erkenntnis der Phänomene ausweitet. Sie erforscht die Dinge, in die sich der Eine und Unendliche verkleidet, das uns in den äußerlichen Formen der Weltmanifestation unserer Umgebung und durch diese wahrnehmbar wird. Diese beiden Hemisphären, eine obere und eine untere, sind in ihrer Form von den Menschen innerhalb der unwissenden Begrenzungen des Mentals konstruiert oder ersonnen. Sie haben sich gerade dort im Laufe der Entwicklung mit einer gewissen Schärfe von dem Einen abgesondert…. Die Philosophie hat immer den Anspruch erhoben, ihr Gebiet sei die Feststellung der letzten Wahrheit. Ihr Charakter war manchmal spirituell oder mindestens intuitiv, manchmal abstrakt und intellektuell. Manchmal intellektualisierte sie eine spirituelle Erfahrung oder unterstützte sie mit einem logischen Apparat die Entdeckungen des Geistes. Aber selbst dann, wenn sich die intellektuelle Philosophie nicht von dem Wissen, das zur praktischen Welt und zur Beschäftigung mit den vergänglichen Dingen gehört, auf ferne metaphysische Höhen zurückzog, war sie so sehr an die Abstraktion gewöhnt, dass sie selten eine Macht für das Leben wurde. Manchmal entwickelte sie eine große Kraft zu hochfliegender Spekulation, zum Streben nach mentaler Wahrheit um ihrer selbst willen ohne einen höheren Zweck und Nutzen. Manchmal lag ihre Stärke in einer subtilen Gymnastik des Mentals, in einem nebelhaft glänzenden Wolkenland der Worte und Ideen. Sie ging jedoch ihren Gang oder machte ihre akrobatischen Kunststücke fern von den greifbaren Wirklichkeiten des Daseins. In Europa war die alte Philosophie dynamischer; sie kam aber nur wenigen zugute. In Indien beeinflusste sie in ihren spiritualisierten Formen das Leben der Menschen in starker Weise, wandelte sie aber nicht um…. Die Religion versuchte nicht, wie die Philosophie, für sich allein auf den Höhen zu leben. Ihr Ziel war eher, auf das menschliche Leben in allen seinen Seiten, also mehr als nur auf das Mental, einzuwirken und diese hin zu Gott zu ziehen. Sie bekannte sich dazu, eine Brücke zwischen der spirituellen Wahrheit und dem vitalen und materiellen Dasein zu bauen. Sie strebte danach, das Niedere dem Höheren unterzuordnen, beides miteinander zu versöhnen, das Leben Gott dienstbar und die Erde dem Himmel Untertan zu machen. Man muss zugeben, dass dieses notwendige Bemühen allzu oft zum entgegengesetzten Ergebnis führte, indem es den Himmel zwingen wollte, die Begehrlichkeiten der Erde zu sanktionieren. Ständig wurde die religiöse Idee zu einer Entschuldigung dafür verwendet, das menschliche Ego anzubeten und Ihm zu dienen. Indem die Religion immer wieder von ihrem kleinen leuchtenden Mittelpunkt spiritueller Erfahrung abkam, hat sie sich in der dunklen Masse ihrer immer umfangreicheren zweideutigen Kompromisse mit dem Leben verloren. Bei ihrem Versuch, das denkende Mental zufriedenzustellen, brachte sie es öfters fertig, es zu unterdrücken oder mit einer Menge theologischer Dogmen zu fesseln. Während sie das menschliche Herz zu gewinnen suchte, fiel sie selbst in die Tiefen einer pietistischen Gefühlsseligkeit und Sinnlichkeit. Indem sie die vitale Natur des Menschen in Besitz nehmen wollte, um sie zu beherrschen, wurde sie selbst verderbt und eine Beute aller Arten von Fanatismus, mörderischen Wütens, grausamer, harter Unterdrückung, bösartiger Falschheit und eines hartnäckigen Festhaltens an der Unwissenheit, zu der die vitale Natur immer neigt. Ihr Streben, das Körperliche im Menschlichen zu Gott hinzuziehen, verführte sie dazu, sich selbst an einen gottesdienstlichen Mechanismus, an hohle Zeremonien und an ein unlebendiges Ritual zu ketten. Die Korruption der Besten bewirkte das Schlimmste durch jene seltsame Chemie der Lebensmacht, die ebenso das Böse aus dem Guten wie das Gute aus dem Bösen hervorbringen kann. Zugleich wurde aber die Religion bei ihrem vergeblichen Bemühen, sich gegen diese Schwerkraft ihres Absinkens nach unten zu verteidigen, dazu getrieben, das Dasein zu zerschneiden, indem sie Wissen, Werke, Kunst und das Leben selbst in zwei entgegengesetzte Kategorien zertrennte: die spirituelle und die irdische, die religiöse und die weltliche, die heilige und die profane. Diese Unterscheidung der Selbstverteidigung wurde wiederum zu etwas Konventionellem und Künstlichem; sie verschlimmerte nur die Krankheit, statt sie zu heilen…. Schließlich haben sich die Wissenschaften, die Künste und die Erkenntnis des Lebens, die doch anfänglich der Religion dienten und unter Ihrem Schatten lebten, selbst emanzipiert. Sie alle entfremdeten ihr oder stellten sich sogar feindlich gegen sie. Sie wandten sich mit Gleichgültigkeit, Verachtung oder Skepsis von dem ab, was ihnen als die kalten, öden und fernen oder als die substanzlosen und illusorischen Höhen einer Unwirklichkeit erschien, nach denen die metaphysische Philosophie und die Religion trachteten. Eine Zeitlang war diese Trennung so vollständig, wie das eben nur die einseitige Intoleranz des menschlichen Mentals fertigbringen kann. Schließlich drohte sogar ein völliges Erlöschen jeglichen Trachtens nach einem höheren oder spirituellen Wissen. Und doch ist selbst im irdischen Leben ein höheres Wissen das, was allein not tut. Ohne dieses werden die niederen Wissenschaften und Bestrebungen trotz ihrer vielen Früchte und obwohl sie so reich, frei und durch die Fülle ihrer Ergebnisse so wunderbar sind, leicht zu einem Opfer, das ohne die gebührende Ordnung falschen Göttern dargebracht wird. Alle diese Errungenschaften verderben und verhärten am Ende das Herz des Menschen. Sie begrenzen die Horizonte seines Mentals. Sie sperren den Menschen in ein steinernes materielles Gefängnis ein und lassen ihn zuletzt hilflos, unsicher und desillusioniert zurück. Über diesem brillanten Geflimmer eines Halbwissens, das immer noch zur Unwissenheit gehört, wartet ein unfruchtbarer Agnostizismus.

Ein Yoga, der auf eine all-umfassende Realisation des Höchsten eingestellt ist, wird die Werke oder selbst die Träume (falls sie Träume sind) des Kosmischen Geistes nicht verachten. Er wird nicht vor der herrlichen Arbeit und Mühe und vor dem vielseitigen Sieg zurückschrecken, den sich der Geist selbst in seiner menschlichen Kreatur errungen hat. Die erste Voraussetzung für diese Geistesfreiheit ist aber, dass auch unser Wirken in der Welt ein Teil des Opfers sein muss, das ausschließlich dem Höchsten und der Göttlichen Shakti (und keiner anderen Macht) dargebracht wird: im richtigen Geist, mit dem richtigen Wissen, von der freien Seele und nicht vom hypnotisierten Fronknecht der materiellen Natur. Wenn man überhaupt eine Trennung zwischen den Werken machen darf, dann nur zwischen denen, die dem Kern der heiligen Flamme am nächsten sind, und denen, die von ihr wegen ihrer weiteren Distanz am wenigsten berührt oder erleuchtet werden. Man könnte auch den Unterschied machen zwischen jenem Brennholz des Opferfeuers, das stark und hell auflodert, und den Holzscheiten, die, zu dicht auf dem Altar aufgeschichtet, durch ihre feuchte schwere Masse die Kraft des Feuers behindern. Im Übrigen sind jedoch, von einer solchen Einteilung abgesehen, alle Betätigungen einer Erkenntnis, die nach der Wahrheit sucht oder sie ausdrückt, an sich das richtige Material für ein vollgültiges Opfer. Aus dem weiten Bereich eines Göttlichen Lebens, eines Lebens aus göttlichem Wesen, darf nichts prinzipiell ausgeschlossen sein: die mentalen und physischen Wissenschaften, die die Gesetze, Formen und Abläufe der Dinge erforschen, die anderen, die sich mit dem Leben der Menschen und Tiere befassen, die sozialen, politischen, sprachlichen und historischen Wissenschaften, jene der Erkenntnis und Beherrschung der Arbeiten und Tätigkeiten, durch die sich der Mensch seine Welt und Umgebung Untertan und nutzbringend macht, die edlen und schönen Künste, die zugleich Werk und Wissen sind; denn jedes wohlgeformte und bedeutungsvolle Gedicht, Gemälde, jede Statue und jedes Bauwerk ist ein Akt schöpferischer Erkenntnis, eine lebendige Entdeckung des Bewusstseins, Gestalt der Wahrheit, dynamische Form, sich selbst oder die Welt mental oder vital ausdrückend. Alles, was man erforscht, entdeckt, in Klängen und Figuren gestaltet, ist eine Realisation des Spiels des Unendlichen. Darum kann es auch zu einem Mittel gemacht werden, Gott zu realisieren oder eine göttliche Gestalt zu erschaffen. Der Yogin soll aber darauf achten, dass das nicht weiter als Teil eines unwissenden, nur mentalen Lebens getan wird. Er darf nur das akzeptieren, was durch inniges Gefühl, das Eingedenksein und die innere Darbringung zu einer Bewegung des spirituellen Bewusstseins umgewandelt und zu einem Teil des umfassenden erleuchtenden Wissens wird, das ihn immer stärker erfasst.

All das soll ja als ein Opfer getan werden. Alle Betätigungen sollen in dem Einen Göttlichen ihr Ziel und ihre innerste Bedeutung haben. Bei jenen Wissenschaften, die auf die Erkenntnis gerichtet sind, sollte der Yogin die Göttliche Bewusstseinsmacht erforschen und immer besser verstehen, wie sie im Menschen, in den Kreaturen, in den Dingen und Kräften wirkt, wie sie schöpferisch tätig ist und durch die Ausführung ihrer Mysterien und Symbole ihre Manifestation ordnet. In den praktischen mentalen und physischen oder in den okkulten und psychischen Wissenschaften soll der Yogin bestrebt sein, den Zugang zu den Wegen Gottes und zu seinen Wirkensweisen zu finden. Er soll die Materialien und Mittel für das Werk kennen, die uns gegeben sind, damit wir in diesem Wissen die Herrschaft, die Freude und die Selbsterfüllung des Geistes bewusst und fehlerlos zum Ausdruck bringen. In den Künsten soll der Yogin nicht nur sein ästhetisches Empfinden, sein Mental und Vital befriedigen. Vielmehr soll er das Göttliche überall schauen und es dadurch verehren, dass er die Bedeutung der göttlichen Werke offenbart und jenes Eine Göttliche zum Ausdruck bringt, das Eine Göttliche in und über den Göttern, Menschen, Kreaturen und Dingen. Die Auffassung, die zwischen der religiösen Aspiration und der wahren, höchsten Kunst eine innige Verbindung sieht, ist im wesentlichen richtig. Wir müssen aber das vermischte, zweifelhafte religiöse Motiv durch eine spirituelle Aspiration, Schau und interpretierende Erfahrung ersetzen. Je weiter und umfassender das Schauen ist, je mehr es in sich das Gefühl für das in der Menschheit und in allen Dingen verborgene Göttliche enthält, je höher es sich über eine oberflächliche Religiosität in das spirituelle Leben erhebt, desto erleuchteter, vielseitiger, tiefer und machtvoller wird auch die Kunst sein, die aus diesem hohen Motiv entspringt. Der Yogin soll sich darin von den anderen Menschen unterscheiden, dass er in einem höheren, umfassenderen spirituellen Bewusstsein lebt. Sein ganzes Wirken für Erkenntnis und schöpferisches Tun soll hieraus hervorgehen. Darum darf es nicht im Mental getan werden, er soll eine größere Wahrheit und Schau als die des mentalen Menschen zum Ausdruck bringen. Diese höhere Wahrheit drängt selbst danach, sich durch den Menschen auszudrücken und seine Werke so zu gestalten, dass sie nicht seiner persönlichen Befriedigung sondern einer göttlichen Absicht dienen.

Der Yogin, der den Höchsten erkennt, steht also bei diesen Betätigungen keineswegs unter der Notwendigkeit seines Bedürfnisses oder unter einem Zwang. Sie sind ihm weder eine Pflicht noch eine notwendige Beschäftigung für sein Mental. Sie dienen auch seinem Vital nicht zu einem hohen Genießen und sind nicht durch die edelste Absicht erzwungen. In keiner Weise ist er an sie gefesselt, durch sie gebunden oder beschränkt. Auch hat er bei seinem Wirken keine persönlichen Beweggründe des Ruhms, der Größe oder der eigenen Befriedigung. Er kann sie unterlassen oder vollziehen, wie das Göttliche in ihm es gebietet. Andererseits braucht er sie aber auch nicht aufzugeben, wenn er nach einer höheren integralen Erkenntnis trachtet. Er wird das alles genau so tun, wie die höchste Macht handelt und erschafft: aus einer gewissen spirituellen Freude am Schaffen und Gestalten oder auch, um mitzuhelfen, dass diese Welt von Gottes Wirken zusammengehalten, richtig geordnet oder gelenkt wird. Die Gita lehrt, dass der Mensch des Wissens durch seine Art zu leben denen, die das spirituelle Bewusstsein noch nicht haben, die Liebe zu jeglichem Wirken überhaupt und die Gewöhnung daran übermitteln soll, also nicht nur die Vorliebe für die Handlungen, die ihrem Charakter nach als fromm, religiös und asketisch gelten. Er sollte durch sein Beispiel die Menschen nicht vom Handeln in der Welt wegziehen. Denn die Welt muss in ihrem großen Streben nach oben immer weiter fortfahren. Man darf die Völker und Menschen nicht dazu verführen, von einer unwissenden Betätigung in eine noch schlimmere Unwissenheit der Untätigkeit hinabzusinken oder in jener elenden Tendenz zur Auflösung und zum Verfall unterzugehen, die dann über die Gemeinschaften und über die Menschen kommt, wenn das Prinzip des Tamas, der finsteren Verwirrung, des Irrtums oder der Lebensmüdigkeit und Trägheit vorherrscht. Der Herr sagt in der Gita: „Auch Ich tue trotzdem die Werke in der Welt, obwohl Ich es nicht nötig hätte, Werke zu tun, da es ja nichts gibt, das Ich nicht habe oder noch für Mich erwerben müsste. Würde Ich die Werke nicht tun, dann würden alle Gesetze in Verwirrung fallen, die Welten würden ins Chaos versinken, und Ich wäre selbst der Zerstörer dieser Völker.“ Das spirituelle Leben darf nicht um seiner eigenen Reinheit willen das Interesse an allem anderen zerstören, was nicht jenes Unausdrückbare ist. Es darf nicht die Wurzeln der Wissenschaften, der Künste und des Lebens abschneiden. Vielmehr sollte es sehr wohl eine der Auswirkungen eines integralen spirituellen Wissens und einer solchen Aktivität sein, alle diese Bereiche aus ihren Begrenzungen emporzuheben und das unwissende, beschränkte, halbherzige und verzagte Interesse, das unser Mental an ihnen hat, durch den freien, intensiven und aufwärts führenden Drang tiefer Freude zu ersetzen. So erschließt es eine neue Quelle schöpferischer spiritueller Macht und Erleuchtung, durch welche diese Gebiete des Wissens rascher und gründlicher zu ihrem absoluten Licht der Erkenntnis, zu ihren noch ungeahnten, ungeträumten Möglichkeiten und zu ihrer dynamischen Energie an Inhalt, Form und Wirkung emporgehoben werden können. Was allein notwendig ist, muss man zuerst und immer im Auge haben. Alle anderen Dinge fallen uns dann als dessen Ergebnis zu. Sie brauchen aber unserem Wissen nicht eigentlich neu hinzugefügt zu werden, sondern wir gewinnen sie wieder zurück und gestalten sie in seinem Selbst-Licht und als Teile seiner das Selbst ausdrückenden Kraft.

Das ist also die wahre Beziehung zwischen dem göttlichen und menschlichen Wissen. Der Kern des Unterschieds liegt nicht darin, dass man verschiedene Gebiete, ein heiliges und ein profanes, voneinander trennt, sondern in der Art des Bewusstseins, das hinter dem Wirken steht. Menschliches Wissen ist alles, was aus dem gewöhnlichen mentalen Bewusstsein hervorgeht, das an den äußeren und oberen Schichten der Dinge, an ihren Vorgängen und Phänomenen, um ihrer selbst willen oder wegen irgendeiner oberflächlichen Nützlichkeit, zu einer mentalen oder vitalen Befriedigung des Begehrens oder der Intelligenz interessiert ist. Dieselbe Betätigung des Wissens und Erkennens kann aber auch zu einem Teil des Yoga werden, wenn sie aus dem spirituellen oder spiritualisierenden Bewusstsein hervorgeht, das in allem, was es erforscht und wohin es eindringt, die Gegenwart des zeitlosen Ewigen und die Wege der Manifestation des Ewigen in der Zeit sucht und findet. Offensichtlich erfordert es die Notwendigkeit einer unerlässlichen Konzentration, dass der Suchende, um aus der Unwissenheit herauszukommen, seine Energien sammelt und allein in dem zusammenfasst, was diesem Übergang dient. Dabei muss er vorerst alles beiseite lassen oder unterordnen, was nicht direkt auf dieses eine Ziel gerichtet ist. Vielleicht findet er, dass ihn diese oder jene Betätigung des menschlichen Wissens, mit der er umzugehen pflegt, durch die Tendenz oder Gewohnheit der oberflächlichen Macht des Mentals immer noch von den Tiefen, denen er sich nahte, oder den Höhen, die er erklommen hatte, in die Niederungen der Oberflächlichkeit hinabzieht. Dann müssen diese Betätigungen vielleicht unterbrochen oder so lange stillgelegt werden, bis er in einem höheren Bewusstsein sicher geworden und fähig ist, dessen Mächte auf alle mentalen Bereiche einwirken zu lassen. Wenn sie dann unter dieses Licht gestellt oder in es hineingenommen worden sind, werden sie durch die Transformation seines Bewusstseins in eine Provinz des Spirituellen und Göttlichen verwandelt. Alles, was so nicht verwandelt werden kann oder sich weigert, zu einem Teil göttlichen Bewusstseins zu werden, wird er ohne Zögern aufgeben. Er tut das aber nicht aus Vorurteil, als tauge das zu nichts, auch nicht dazu, ein Element des neuen inneren Lebens zu werden. Für diese Dinge kann es keinen feststehenden mentalen Test, kein starres Prinzip geben. Er wird darum auch keiner unveränderlichen Regel folgen. Vielmehr wird er eine Betätigung des Mentals nur im Einklang mit seinem Fühlen, seiner Einsicht oder Erfahrung annehmen oder so lange zurückweisen, bis die höhere Macht und das größere Licht in ihm ihre irrtumsfreie Prüfung auf alles richten, was für sie hier unten bereitliegt. Sie werden ihr Material aus dem auswählen oder verwerfen, was die menschliche Evolution für die göttliche Arbeit vorbereitet hat.

Wie dieser Fortschritt und diese Umwandlung im einzelnen stattfindet und welche Stufen sie durchläuft, muss von der Art, dem Bedürfnis und den Mächten der individuellen Natur abhängen. Im spirituellen Bereich ist das Wesentliche immer ein und dasselbe; es kann jedoch eine unendliche Verschiedenartigkeit geben. Im Integralen Yoga ist jedenfalls die Starrheit einer strikten, präzisen mentalen Regel selten anwendbar. Keine zwei Naturen gehen, auch wenn sie auf ihrem Yoga-Pfad in derselben Richtung wandern, nach genau denselben Grundlinien, in derselben Aufeinanderfolge ihrer Schritte oder auf voll identischen Stufen vorwärts. Man kann aber sagen, dass sehr wohl innerhalb dieser Ordnung eine logische Aufeinanderfolge der Zustände des Fortschritts besteht. Zunächst kommt es zu einer großen Wendung, in der alle natürlichen mentalen Betätigungen, die der individuellen Natur eigentümlich sind, auf eine höhere Ebene emporgehoben oder auf diese bezogen werden. Dort werden sie von unserer Seele, dem seelischen Wesen, vom Priester des Opfers, dem göttlichen Dienst geweiht. Danach unternimmt es das Wesen, sich emporzuschwingen, um das Licht und die Macht, die einer gewissen neuen, durch sein Emporstreben gewonnenen Höhe des Bewusstseins entsprechen, in die gesamte Betätigung des Wissens herniederzubringen. Hier kann es dann zu einer so starken Konzentration des Bewusstseins auf die innerliche zentrale Umwandlung kommen, dass ein großer Teil des nach außen gerichteten mentalen Lebens aufgegeben oder auf einen kleinen untergeordneten Platz verwiesen wird. Auf verschiedenen Stufen mag dieses, oder Teile von ihm, wieder von Zeit zu Zeit daraufhin untersucht werden, wie weit das neue innere seelische und spirituelle Bewusstsein in seine Abläufe hineingebracht werden kann. Doch wird sich jener Zwang des Temperaments oder der Natur, der in den menschlichen Wesen die eine oder andere Art Aktivität erfordert und als einen fast unentbehrlichen Teil des Daseins erscheinen lässt, immer mehr verringern. Schließlich wird überhaupt keine Bindung mehr übrig bleiben; man wird keinen Zwang und keine Kraft der Triebe mehr spüren. Wichtig wird nur noch das Göttliche sein. Denn nun ist das Verlangen des ganzen Wesens auf Gott allein gerichtet. Sollte es dann noch irgendeinen Zwang zur Aktivität geben, rührt dieser nicht aus dem uns eingewurzelten Begehren oder aus der Kraft der Natur her. Vielmehr ist das dann allein der lichte Antrieb einer höheren Bewusstseinskraft, die immer mehr zur einzigen Motivmacht des Daseins wird. Andererseits ist es in jeder Periode des inneren spirituellen Fortschritts möglich, dass man viel eher eine Ausweitung als eine Einschränkung der Wirkensweisen erfährt. Neue Fähigkeiten zu mentaler Schöpfung und neue Bereiche des Wissens können sich durch die wundersame Einwirkung der Yoga-Shakti erschließen. Ästhetisches Fühlen, die Macht zu künstlerischem Schaffen auf einem oder auf vielen Gebieten, Talent oder Genie zu literarischem Ausdruck, eine Befähigung zu metaphysischem Denken, irgendeine Kraft des Auges, des Ohrs, der Hand oder einer anderen Mentalmacht kann erwachen, wo vorher nichts dergleichen existierte. Das Göttliche im Inneren kann diese geheimen Reichtümer aus den Tiefen hervorholen, wo sie verborgen gewesen waren. Eine Kraft von oben her mag ihre Energien herniederströmen lassen, um die instrumentale Natur für die schöpferische Arbeit auszurüsten, zu deren Kanal oder Baumeister sie bestimmt ist. Welche Methode oder welchen Gang der Entwicklung der verborgene Meister des Yoga auch wählen mag, das allen gemeinsame Hochziel auf dieser Stufe liegt darin, dass das Bewusstsein wächst von jenem, der von seiner Höhe her alle Bewegungen des Mentals und alle Aktivitäten des Wissens anregt, über sie entscheidet und sie gestaltet.

Es gibt zwei Kennzeichen für die Transformation des Mentals des Wissens und der Werke des Wissens bei dem Suchenden, der aus dem Zustand der Unwissenheit in den eines befreiten Bewusstseins übergeht, das zuerst nur teilweise, dann völlig im Lichte des Geistes wirkt. Zunächst kommt es zu einer zentralen Umwandlung des Bewusstseins und einer wachsenden direkten Erfahrung, Schau und Empfindung des Höchsten und der kosmischen Existenz, also des Göttlichen an sich und des Göttlichen in allen Dingen. Das Mental wird überhöht, so dass es sich in erster Linie hiermit befasst. Es fühlt, wie es selbst immer höher und weiter wird und immer lichtere Mittel erlangt, um das eine fundamentale Wissen zum Ausdruck zu bringen. Das zentrale Bewusstsein wird seinerseits die äußeren mentalen Betätigungen des Wissens immer mehr übernehmen und sie zu einem Teil seiner selbst oder zu einer ihm angegliederten Provinz machen. Es wird seine authentische Bewegung in sie einströmen lassen und ein immer mehr spiritualisiertes und erleuchtetes Mental als sein Instrument in diesen Bereichen der äußeren Welt und in seinen neuen Eroberungen ebenso wie in seinem tieferen spirituellen Reich verwenden. Das zweite Kennzeichen für eine gewisse Vollständigkeit und Vollkommenheit wird sein, dass Gott selbst zum Wissenden geworden ist. Alle inneren Vorgänge einschließlich jener Betätigungen, die einst eine rein menschliche mentale Aktion waren, sind zu seinem Feld des Wissens geworden. Von nun an gibt es immer weniger eine individuelle Wahl, Meinung und Bevorzugung, ein immer geringeres Maß der Intellektualisierung, des mentalen Gedankengewebes und der Galeerensklaverei des Gehirns. Ein Licht im Inneren wird all das, was geschaut werden soll, sehen. Es wird alles, was gewusst werden soll, wissen, entwickeln, erschaffen und organisieren. Dieser Innere Wissende wird im befreiten und universalisierten Mental des Individuums die Werke eines allverstehenden Wissens ausführen.

Diese beiden Veränderungen sind die Kennzeichen für eine erste effektive Umwandlung, in der die Betätigungen der mentalen Natur emporgehoben, spiritualisiert, ausgeweitet, universalisiert, befreit und hingeführt werden zum Bewusstsein ihres wahren Zwecks, Instrumentation Gottes zu sein, der durch sie seine Manifestation im zeitlichen Universum erschafft und entfaltet. Das kann aber nicht das ganze Ausmaß der Transformation sein. Wer integral sucht, darf nicht innerhalb dieser Begrenzungen seinen Aufstieg abbrechen oder die Ausweitung seiner Natur einschränken. Wenn das so wäre, bliebe sein Wissen immer noch das Werk des Mentals, das zwar befreit, universal und spiritualisiert ist, das aber wie alles Mentale verhältnismäßig beschränkt, relativ und im wahren Wesen seiner Kraftentfaltung unvollkommen bleibt. Es würde wohl in erleuchteter Weise große Konstruktionen der Wahrheit reflektieren. Es könnte sich aber nicht in jener Domäne bewegen, wo die Wahrheit authentisch, direkt, souverän und ursprünglich ist. Von der jetzt erreichten Höhe muss noch ein weiterer Anstieg gemacht werden, durch den das spiritualisierte Mental über sich selbst hinauskommen und sich in eine supramentale Macht des Wissens umwandeln will. Es ist im Prozess seiner Spiritualisierung bereits immer mehr aus der brillanten Armut des menschlichen Intellekts herausgekommen. Nun wird es nacheinander in die weiten reinen Bereiche eines höheren Mentals und danach in die leuchtenden Zonen einer noch größeren, freieren Intelligenz eintreten, die von einem Licht von oben her erleuchtet sind. Dort wird das Mental freier die strahlenden Anfänge einer Intuition fühlen und sie mit einer weniger vermischten Reaktion in sich aufnehmen. Diese Intuition ist nicht erleuchtet, sondern sie leuchtet an sich; sie ist in sich selbst wahr. Sie ist nicht mehr dem Irrtum ausgeliefert und darum gegen sein Eindringen gefeit. Aber auch hier ist noch nicht das Ende des Weges. Darüber hinaus muss das Mental in den Bereich jener uneingeschränkten Intuition emporkommen, in jenes erste direkte Licht aus dem wesenhaften Sein, das seines eigenen Selbst inne ist. Darüber hinaus gelangt es dann dorthin, wo der Ursprung dieses Lichtes ist. Denn hinter dem Mental ist ein Obermental (overmind), eine ursprünglichere und dynamischere Macht, die das Mental trägt und erhält, weil sie in ihm eine verminderte Ausstrahlung von sich selbst sieht und es als eine vermittelnde Zone beim Übergang nach unten oder als ein Instrument für die Schöpfungen der Unwissenheit verwendet. Der letzte Schritt des Aufstiegs wäre dann, dass das Mental auch noch über das Obermental hinauskommt und in seinen eigenen noch höheren Ursprung zurückkehrt. Dann verwandelt es sich in das supramentale Licht der Göttlichen Gnosis. Dort, in dem supramentalen Licht, ist der Sitz des göttlichen Wahrheitsbewusstseins, das als seinen ursprünglichen Besitz (so stark, wie es kein anderes Bewusstsein unterhalb von ihm haben kann) in sich die Macht trägt, die Werke einer Wahrheit zu organisieren, die nun nicht mehr durch den Schatten der kosmischen Nichtbewusstheit und Unwissenheit getrübt ist. Das ist zwar noch ein fernes höchstes Ziel des Integralen Yoga. Aber es ist zwingende Notwendigkeit, dass wir dorthin gelangen und von dorther eine supramentale Dynamik herniederbringen, welche die Unwissenheit umzuwandeln vermag.

Wenn nun das Licht all dieser höheren Mächte auf die menschlichen Betätigungen des Wissens ausgestrahlt wird, schwindet jede Unterscheidung zwischen dem Heiligen und dem Profanen, dem Menschlichen und dem Göttlichen immer mehr dahin, bis sie schließlich als müßig und sinnlos aufgegeben wird. Alles was von der Göttlichen Gnosis berührt und von ihrem Wissen völlig durchdrungen wurde, ist ja zu etwas Neuem umgestaltet worden und wird nun zu einer Auswirkung ihres eigenen Lichtes und ihrer Macht, frei von der Trübung und den Beschränktheiten der niederen Intelligenz. Die eigentliche Befreiung besteht also nicht in einer Aussonderung einzelner Aktivitäten, sondern in einer Transformation ihrer aller durch die Umwandlung des Bewusstseins, das sie gestaltet. So steigt das Opfer des Wissens zu einem immer größeren Licht und einer immer stärkeren Kraft empor. Alle Aktivitäten des Mentals und des Intellekts müssen zuerst erhöht und ausgeweitet, dann erleuchtet und in den Bereich einer höheren Intelligenz emporgehoben werden. Danach werden sie in die Wirkensweisen einer höheren, nicht-mentalen Intuition übersetzt und darauf noch weiter in die dynamischen Ausstrahlungen des Obermentals und seiner Lichtkraft verwandelt. Schließlich werden sie in das volle Licht und die Souveränität der supramentalen Gnosis verklärt. Die Evolution des Bewusstseins in der Welt bringt dann dieses alles, was in seiner Saat im voraus gestaltet, jedoch verborgen ist, in der mühevollen Absicht ihres Prozesses zur Entfaltung. Darum kann der Ablauf dieser Evolution nicht eher aufhören, als bis die Instrumente für eine vollkommene Offenbarung des Geistes entwickelt sind, die die jetzt noch unvollkommenen ersetzen werden.

Wenn das Wissen die umfassendste Macht des Bewusstseins und wenn es seine Funktion ist, zu befreien und zu erleuchten, so ist doch die Liebe die tiefste und intensivste Macht. Ihr Vorrecht ist es, der Schlüssel zu sein zu den abgründigen geheimen Tiefen des Göttlichen Mysteriums. Da der Mensch ein mentales Wesen ist, misst er gerne die höchste Bedeutung dem denkenden Mental bei, seiner Vernunft, seinem Willen und seiner Art, wie es die Wahrheit zu erfassen und zu verwirklichen sucht. Er neigt sogar zu der Auffassung, es gebe keine andere Wahrheit. Sein Intellekt betrachtet das Herz mit seinen Gefühlen und unberechenbaren Regungen als eine dunkle, ungewisse und oft auch gefährliche und irreleitende Macht, die man durch die Vernunft, den mentalen Willen und die Intelligenz unter Kontrolle halten muss. Es leuchtet aber im Herzen oder hinter ihm ein tieferes mystisches Licht. Das ist zwar nicht das, was wir die Intuition nennen – denn diese gehört nicht dem Mental an, wenn sie auch durch das Mental herniederkommt –, es hat aber eine direkte Berührung mit der Wahrheit und steht dem Göttlichen näher als der menschliche Intellekt mit seinem Wissensstolz. Nach der alten Lehre ist im mystischen Herzen der Sitz der immanenten Divinität, des verborgenen Purusha; er wohnt in der „geheimen Herzensgrotte“, hrdaye guhāyām, wie es die Upanishaden bezeichnen. Nach der Erfahrung vieler Yogins kommt aus ihren Tiefen die Stimme oder der Hauch des inneren Orakels.

Diese Doppelsinnigkeit, diese entgegengesetzten Erscheinungen von Tiefe und Blindheit, werden durch den doppelten Charakter des emotionalen Wesens des Menschen hervorgerufen. Nach außen hin tritt beim Menschen ein Herz des vitalen Gefühls hervor, das dem des Tieres ähnelt, wenn es auch vielfältiger entwickelt ist. Seine Emotionen werden durch die egoistische Leidenschaft, die blinden instinktiven Zuneigungen und das ganze Spiel der Lebensimpulse regiert. Diese sind unvollkommen, verkehrt und oft in böser Weise erniedrigt. Das Herz wird dann von den Lüsten und Begierden, vom Zorn, vom intensiven oder wilden Verlangen oder von den kleinen Wünschen und gemeinen Armseligkeiten einer dunklen, gefallenen Lebenskraft bestürmt und erobert. So wird es durch seine Versklavung an jeglichen Reiz und Drang erniedrigt. Diese Vermischung, dass das Herz sowohl das Organ der Gefühle als auch des sinnlich-hungrigen Vitals ist, erschafft im Menschen eine falsche Begehrensseele. Sie ist das rohe und gefährliche Element, dem die Vernunft mit Recht misstraut und das sie der Beherrschung für dringend bedürftig hält, obwohl die tatsächliche Kontrolle oder eigentlich der Zwang, den die Vernunft über unsere ungebändigte, widersetzliche vitale Natur auszuüben vermag, immer sehr unsicher und dem Irrtum ausgesetzt bleibt. Die wirkliche Seele des Menschen befindet sich gar nicht hier. Sie ist in dem wahren unsichtbaren Herzen, in einer „erleuchteten Grotte“ in der menschlichen Natur verborgen. Dort lebt in dem einsickernden göttlichen Licht unsere Seele, ein schweigendes innerstes Wesen, dessen nur wenige gewahr sind. Wenn auch alle Menschen eine Seele besitzen, so sind doch nur wenige ihrer wahren Seele bewusst oder fühlen deren direkten Impuls. Hier befindet sich der kleine Funke des Göttlichen, der diese dunkle Masse unserer Natur in ihrem Dasein erhält. Um ihn herum wächst in unserem Inneren das seelische Wesen, die gestaltete Seele oder der wirkliche Mensch. Ein Mensch wird erst dann immer mehr seiner Seele inne, wenn dieses seelische Wesen in ihm wächst und wenn die Regungen des Herzens seine göttlichen Eingebungen und Impulse reflektieren. Dann hört er auf, nur ein höheres Tierwesen zu sein. Er erwacht zu Einblicken in die Gottheit in seinem Inneren und gibt den Ahnungen eines tieferen Lebens und Bewusstseins sowie dem Drang nach den göttlichen Dingen immer mehr Raum. Es ist einer der entscheidenden Augenblicke im Integralen Yoga, wenn dieses seelische Wesen befreit ist und aus seiner Verhüllung hervortritt. Dann kann es die ganze Flut seiner göttlichen Eingebungen, Schauungen und Anregungen über das Mental, das Leben und den Leib des Menschen ausgießen und immer besser den Aufbau der Gottheit in der irdischen Natur vorbereiten.

Wie bei den Werken des Wissens müssen wir auch bei den Wirkensweisen des Herzens vorläufig unterscheiden zwischen zwei Kategorien von Vorgängen in uns. Die einen Vorgänge werden durch die wahre Seele bestimmt oder helfen dazu, dass sie befreit wird und in der Natur regiert. Die anderen sind auf die Befriedigung der ungeläuterten vitalen Natur gerichtet. Jedoch haben die Unterscheidungen, die man gewöhnlich in diesem Sinne trifft, für den tiefen spirituellen Zweck des Yoga wenig Wert. Man könnte etwa zwischen dem religiösen Fühlen und den weltlichen Empfindungen unterscheiden. Man könnte auch das Gebot für das spirituelle Leben aufstellen, wir dürften nur die religiösen Emotionen pflegen, müssten aber alle weltlichen Gefühle und Leidenschaften zurückweisen, bis diese ganz aus unserem Dasein wegfallen. Das würde dann in der Praxis das religiöse Leben des Heiligen oder des ganz der Gottheit Geweihten bedeuten, der mit dem Göttlichen allein lebt oder in einer gemeinsamen Gottesliebe nur mit gleichgesinnten Menschen vereint ist und höchstens noch die Ströme einer geheiligten religiösen oder pietistischen Liebe auf die Welt draußen ausgießt. In das religiöse Fühlen selbst dringt jedoch allzu häufig die Verwirrung und Verfinsterung durch die vitalen Regungen ein. Darum ist es oft primitiv, eng, fanatisch oder mit Regungen vermischt, die nicht von der Vollkommenheit des Geistes gekennzeichnet sind. Außerdem ist klar, dass selbst im besten Fall eine intensive Form der Heiligkeit, die durch strenge heiligmäßige Vorschriften gebunden ist, in völligem Gegensatz zu dem weiten Ideal eines integralen Yoga steht. In ihm wird eine viel umfassendere seelische und emotionale Beziehung zu Gott und der Welt gefordert, die in ihrem eigentlichen Wesen tiefer und plastischer, in ihren Abläufen weiter und einschließlicher, darum auch befähigter ist, das ganze Leben in ihren Aufschwung mit hineinzunehmen.

Vom verweltlichten Mental des Menschen wurde eine Formel von größerer Weite geschaffen, deren Grundlage das ethische Empfinden ist. Diese unterscheidet zwischen den Gefühlen, die durch den ethischen Sinn sanktioniert, und jenen, die egoistisch und in ichsüchtiger Weise niedrig und weltlich sind. Die Werke der Nächstenliebe und der allgemeinen Menschenliebe, des Mitleidens, der Wohltätigkeit, der humanitären Unternehmungen, des Dienens und der Arbeit für die Wohlfahrt der Menschen und aller Kreaturen sollen demgemäß unser Ideal sein. Nach dieser Lehre besteht der Weg der inneren Evolution des Menschen darin, dass er alle Fesseln des Egoismus abschüttelt und zu einer Seele der Ego-Entsagung emporwächst, die nur oder hauptsächlich für die anderen Menschen oder für die Menschheit als Ganzes lebt. Sollte das aber doch zu weltlich und mental sein, als dass es unser ganzes Wesen befriedigen könnte (da durch die nur humanitäre Formel eine tiefere religiöse und spirituelle Anlage in uns unberücksichtigt geblieben ist), kann man ihr eine religiös-sittliche Grundlage geben; das war auch ihre ursprüngliche Basis. So kann man zu der inneren religiösen Verehrung des Göttlichen oder des Höchsten, zur Hingabe des Herzens oder zum Trachten nach dem Unausdrückbaren durch Streben nach höchstem Wissen noch den Gottesdienst durch selbstlose Werke hinzufügen: einen Weg zur Vollkommenheit durch Taten der Liebe, der Wohltätigkeit, des Dienens an der Menschheit oder an unserer Umgebung. Gerade durch dieses religiös-sittliche Empfinden wurde das Gesetz des universalen Guten Willens, des universalen Mitleidens, der Liebe zum Nächsten und des Dienstes an ihm, also das Ideal des Vedanta, des Buddhismus und des Christentums geschaffen. Dieses konnte sich erst durch eine Art verweltlichter Unterkühlung, die seine Glut des religiösen Elements auslöschte, als das rein humanitäre Ideal verselbständigen und zur höchsten Ebene des weltlichen Systems einer mentalen und moralischen Sittlichkeit werden. Im religiösen System ist dieses Gesetz der Werke ja nur ein Mittel, das seine Gültigkeit verliert, wenn sein Zweck erfüllt ist; jedenfalls ist es nur eine Seitenlinie des religiösen Lebens. Es ist ein Teil des Gottesdienstes, durch den man das Göttliche verehrt und sucht, oder es ist ein vorletzter Schritt, um das Ego auf dem Gang hin zum Nirvana auszulöschen. Im weltlichen Ideal wird es zu einem Zweck und Ziel an sich erhoben. Es wird zum Kennzeichen für die moralische Vollkommenheit des menschlichen Wesens, oder es wird zu einer Voraussetzung für einen glücklicheren Zustand der Menschheit auf Erden, für eine bessere Gesellschaft, für ein stärker geeintes Leben der Menschen untereinander. Nichts von alledem kann aber jenem Verlangen der Seele Genüge tun, das durch den Integralen Yoga in uns wachgerufen wird.

Altruismus, Philanthropie und humanitärer Dienst sind Blüten des mentalen Bewusstseins. Im besten Falle sind sie des Mentals kühle, blasse Nachahmung der spirituellen Flamme einer universalen Göttlichen Liebe. Diese Betätigungen befreien in Wirklichkeit nicht vom Ego-Sinn, sondern sie weiten ihn höchstens aus und geben ihm eine höhere und vielfältigere Befriedigung. In der Praxis haben sie nicht die Kraft, das vitale Leben und die vitale Natur des Menschen umzuwandeln. Sie mäßigen nur die Art ihres Wirkens und bemänteln sie; sie übertünchen ihr unverändert egoistisches Wesen. Wenn man diesem Ideal intensiv mit der völligen Aufrichtigkeit des Willens nachfolgt, wird nur eine einzige Seite unserer Natur in einer übertriebenen Weise verstärkt. In einer solchen Übertreibung kann weder ein Hinweis noch eine Hilfe für die vollständige und vollkommene göttliche Entfaltung der vielen Seiten unseres individualisierten menschlichen Wesens hin zum universalen und transzendenten Ewigen liegen. Das religiös-sittliche Ideal kann auch deshalb kein ausreichender Führer sein, weil es eigentlich ein Kompromiss ist, ein Pakt der Zugeständnisse zur gegenseitigen Hilfe zwischen dem religiösen Drang, unmittelbaren Einfluss auf die Erde zu erlangen durch Aufnahme der höheren Neigungen der menschlichen Natur und den ethischen Drang, aus mentaler Verhärtung und Dürre durch zusätzliche religiöse Glut herauszukommen. Durch diesen Pakt erniedrigt sich aber die Religion auf die Ebene des Mentals und erbt dadurch alle dem Mental innewohnenden Unvollkommenheiten und seine Unfähigkeit, das Leben umzuwandeln und neu zu gestalten. Das Mental ist die Sphäre der Gegensätzlichkeit. Wie es keine absolute Wahrheit erreichen kann sondern nur relative und mit Irrtum vermischte, ist es auch nicht imstande, etwas absolut Gutes zustande zu bringen. Das sittlich Gute existiert in ihm nur als das Gegenstück und Korrektiv zum Bösen. Es hat immer das Böse als seinen Schatten, als seine Entsprechung, ja fast als die Rechtfertigung für seine Existenz. Das spirituelle Bewusstsein dagegen gehört zu einer höheren als der mentalen Ebene. Dort hören die Dualitäten auf. Dort müssen einerseits aus Mangel an Unterstützung durch den Gegensatz Lüge und Irrtum zugrunde gehen, wenn sie mit der Wahrheit konfrontiert werden, deren sie sich bemächtigt hatten, um aus ihrer Verfälschung zu profitieren; andererseits wird das Böse aufgehoben, wenn es dem Guten, dessen Verkehrung und finsterer Ersatz es war, Auge in Auge gegenübersteht. Der Integrale Yoga lehnt es ab, sich auf das zerbrechliche Material mentaler und moralischer Ideale zu verlassen. Vielmehr legt er in diesem ganzen Bereich allen Nachdruck auf drei zentrale dynamische Prozesse: die Entfaltung der wahren Seele oder des seelischen Wesens, das die Stelle der falschen Begehrensseele einnehmen soll, auf die Sublimierung der menschlichen Liebe in die göttliche Liebe und auf den Anstieg des Bewusstseins von seiner mentalen empor in seine spirituelle und supramentale Ebene. Nur durch deren Macht können die Seele und die Lebenskraft letztlich von den Umhüllungen und Entstellungen der Unwissenheit befreit werden.

Die Seele oder das seelische Wesen wendet sich seiner Natur entsprechend hin zur göttlichen Wahrheit, wie sich die Sonnenblume der Sonne zukehrt. Sie nimmt alles an und hält es kraftvoll fest, was göttlich ist oder sich zur Divinität hin bewegt. Darum zieht sie sich auch von allem zurück, was dieses göttliche Wesen entstellt und bestreitet, falsch und ungöttlich ist. Jedoch ist die Seele am Anfang nur ein Funke, und später ist sie nur eine kleine Flamme der Gottheit, die inmitten einer großen Finsternis brennt. Meistens ist sie in ihrem inneren Heiligtum verhüllt und muss, wenn sie sich enthüllen will, das Mental, die Leidenschaft und das körperliche Bewusstsein zuhilfe rufen und sie dazu überreden, dass diese sie, so gut sie es vermögen, zum Ausdruck bringen. Gewöhnlich gelingt ihr höchstens, dass sie deren äußere Seiten mit ihrem inneren Licht durchdringt und deren Dunkelheit oder grobe Vermischtheit durch ihre läuternde Feinheit mildert. Selbst wenn ein schon geformtes seelisches Wesen hervorgetreten ist, das sich mit einer gewissen Direktheit im Leben ausdrücken kann, geschieht das doch nur in einigen wenigen unbedeutenderen Seiten des Wesens. Diese Seele ist nach einem von den Sehern des Altertums verwendeten Bild „an Körpermasse nicht größer als eines Menschen Daumen“. Sie ist nicht immer stark genug, dass sie sich durchsetzen könnte gegen die Dunkelheit und unwissende Kleinlichkeit des physischen Bewusstseins, gegen die eingebildete Selbstgewissheit des Mentals oder gegen die Anmaßung und Heftigkeit der vitalen Natur. Diese Seele muss zwangsläufig das menschliche mentale, emotionale und sinnliche Leben so annehmen, wie es ist, mit allen seinen Beziehungen, Betätigungen, bevorzugten Formen und Gestaltungen. Sie muss sich abmühen, das göttliche Element überall herauszulösen und zu verstärken: aus dieser ganzen relativen Wahrheit, die mit einem sie ständig verfälschenden Irrtum vermischt ist, – aus dieser Liebe, die gerne den tierhaften Leib dazu verwenden möchte, um das vitale Ego zu befriedigen, – aus diesem Leben eines gewöhnlichen Menschseins, das von den seltenen blassen Ahnungen seiner Göttlichkeit ebenso durchblitzt wird wie von den dunkleren Bösartigkeiten des Dämons und Rohlings. Wenn die Seele auch im Wesen ihres Willens ohne Irrtum ist, muss sie sich doch oft unter dem Druck ihrer eigenen Instrumente einem fehlerhaften Handeln unterwerfen: so, wenn sie ihre Gefühle an das falsche Objekt hängt, eine falsche Wahl der Person trifft, sich in der genauen Form ihres Willens irrt, wenn sie die Umstände falsch einschätzt, in denen sie das unfehlbare innere Ideal zur Verwirklichung bringen soll. Trotzdem besitzt sie in ihrem Inneren eine Ahnung des Göttlichen, die sie zu einem zuverlässigeren Führer macht, als es die Vernunft oder selbst das höchste Streben ist. Trotz aller hervortretenden Irrtümer und alles Strauchelns kann ihre Stimme besser leiten als der präzise Intellekt und das abwägende mentale Urteil. Die Stimme der Seele ist nicht das, was wir das Gewissen nennen. Denn dieses ist nur ein mentaler und oft durch die Konvention irrender Ersatz für sie. Die Stimme der Seele ist ein tiefer, selten gehörter Anruf. Dennoch ist es am weisesten, ihm zu folgen, wenn man ihn hört. Es ist sogar besser, dem Ruf der eigenen Seele folgend irgendwie seinen Weg zu gehen, als mit der Vernunft und dem moralischen Berater scheinbar geradeaus zu wandern. Die Seele kann jedoch nur dann in Wahrheit hervortreten und ihre Macht über unsere äußeren Wesensseiten ausüben, wenn sich unser Leben völlig zu Gott hinwendet. Da sie selbst ein Funke aus dem Göttlichen ist, besteht ihr wahres Leben und ihr wahrer Daseinsgrund darin, dass sie als eine immer stärkere Flamme zum Göttlichen emporlodert.

Auf einer gewissen Stufe im Yoga kann das innerste Wesen, das tief verborgen ist und nur bei seinen seltenen Einwirkungen gefühlt wird, hervortreten, alles Übrige erleuchten und die Führung des Sadhana übernehmen. Voraussetzung dazu ist aber: das Mental soll ausreichend stille geworden sein und sich nicht mehr bei jedem Schritt auf seine vermeintlich ausreichenden mentalen Gewissheiten stützen; das Vital soll beruhigt und gebändigt worden sein und nicht mehr ständig darauf drängen, dass sein unbesonnener Wille, sein Fordern und Begehren erfüllt wird; das Körperliche soll so sehr umgewandelt sein, dass es die innere Flamme nicht mehr unter der Masse seiner Äußerlichkeit, Verfinsterung und Trägheit begräbt. Dieses innerste Wesen ist eindeutig orientiert auf das Göttliche oder das Höchste, unbeirrt auf dieses eine Ziel ausgerichtet, das im Handeln Form annimmt. Das bewirkt keine Starrheit wie der einseitige Intellekt, der Fanatismus einer dominierenden Idee oder das Drängen zielbewusster Vitalkraft. Die Seele weist in jedem Augenblick mit feiner Sicherheit den Weg zur Wahrheit. Sie unterscheidet automatisch den richtigen Schritt von dem falschen. Sie löst die göttliche oder auf Gott gerichtete Regung aus der sie umstrickenden Beimischung des Ungöttlichen heraus. Ihre Wirkensweise ist die eines Scheinwerfers, mit dem sie alles aufzeigt, was in der Natur verändert werden muss. Sie trägt die Flamme eines Willens in sich, der beharrlich nach der Vollkommenheit und nach einer alchemistischen Umwandlung der ganzen inneren und äußeren Existenz strebt. Die Seele schaut überall die göttliche Wesenhaftigkeit. Sie weist darum jede bloße Maskierung und Vermummung zurück. Sie besteht auf der Wahrheit, auf Willen, Kraft und Meisterschaft, auf Freude, Liebe und Schönheit. Sie will jedoch die Wahrheit eines bleibenden Wissens, das über die rein praktische augenblickliche Wahrheit der Unwissenheit hinausgeht. Sie sucht eine innerliche Freude und nicht nur ein bloßes vitales Vergnügen. Sie bevorzugt darum eher ein läuterndes Leiden und den Kummer als die sie herabwürdigenden Befriedigungen. Sie trachtet nach einer Liebe, die ihre Schwingen in die Höhe erhebt und nicht an den Pfahl egoistischer Begierde gebunden ist oder mit ihren Füßen tief im Sumpf steckt. Sie sehnt sich nach einer Schönheit, deren priesterliche Würde wiederhergestellt ist, so dass sie den Ewigen interpretieren kann. Sie drängt auf Stärke, auf Willen und auf Meisterschaft als ihre Instrumente, die nicht mehr dem Ego, sondern allein dem Geist dienen sollen. Der Wille der Seele ist auf die Vergöttlichung des Lebens gerichtet: eine höhere Wahrheit soll durch es zum Ausdruck kommen, und es soll dem Göttlichen und dem Ewigen geweiht sein.

Die intimste Art des seelischen Wesens zeigt sich in seinem Drängen hin zum Göttlichen durch eine geheiligte Liebe, Freude und Geeintseins. Es sucht vor allem anderen die göttliche Liebe. Diese Liebe zu Gott ist sein Sporn, sein Ziel, sein Stern der Wahrheit, der über der lichterfüllten Grotte des neugeborenen göttlichen Kindes in uns und über seiner noch verborgenen Wiege steht. Während des ersten langen Verlaufs seines Wachsens und seiner noch unausgereiften Existenz hat sich das seelische Wesen auf die irdische Liebe, Zuneigung, Zärtlichkeit, auf den Guten Willen, das Mitleiden und Wohlwollen und auf alles gestützt, was schön, edel und fein ist, auf das Licht, die Kraft, den Mut und auf alles, was dazu helfen kann, die Grobheit und Gewöhnlichkeit der menschlichen Natur zu verfeinern und zu läutern. Die Seele weiß aber, wie vermischt diese menschlichen Regungen selbst in ihren besten Formen und wie gebrochen sie in ihrem schlimmsten Zustand sind, gebrandmarkt durch den Stempel des Egos, die Selbsttäuschung in sentimentaler Unwahrhaftigkeit, von der das niedere Ego dadurch profitiert, dass es eine Regung der Seele nachahmt. Wenn die Seele nun hervortritt, ist sie fertig und bereit; sie gibt mit kühnem Mut alle alten Bindungen und unvollkommenen emotionalen Wirkensweisen auf. Entschlossen ersetzt sie diese durch eine größere spirituelle Wahrheit der Liebe und des Geeintseins. Zwar mag sie die menschlichen Formen und Regungen noch zulassen; sie stellt ihnen jedoch die Bedingung, dass sie sich dem Einen allein zuwenden. Sie akzeptiert nur solche Bindungen, die hilfreich sind: die herzliche Verehrung für den Guru, – die Vereinigung der Gottsucher untereinander, – ein spirituelles Mitleiden mit dieser unwissenden Menschen- und Tierwelt und mit allem, was sie bevölkert, – die Freude, das Glück und die Befriedigung durch Schönheit, die man findet, wenn man das Göttliche überall wahrnimmt. Sie taucht in die Natur der inneren Welt hinab, bis sie sich mit dem immanenten Göttlichen im geheimen Herzzentrum trifft. Unter der Macht dieses Rufes lebend, kann sie nun kein Vorwurf der Ichsucht, keine rein äußere Aufforderung zum Altruismus, zur Pflicht, zur Philanthropie und zum Dienen mehr täuschen oder von ihrer heiligen Sehnsucht und ihrem Gehorsam gegen das Göttliche im Inneren, das sie so stark zu sich hinzieht, fernhalten. Sie hebt das Wesen in transzendenter Verzückung empor und ist bereit, bei ihrem Flug aufwärts zu dem Einen Höchsten jenen Zug der Welt nach unten von ihren Schwingen abzuschütteln. Die Seele ruft aber auch diese transzendente Liebe und Glückseligkeit hernieder, damit sie diese Welt des Hasses, des Kampfes, der Zertrennung, der Finsternis und des Widerstreites von ihrer Unwissenheit befreien und umwandeln möge. Sie tut sich weit auf für eine universale Göttliche Liebe, ein großes Mitleiden und einen intensiven ungeheuren Willen zum Wohl aller Menschen. Sie umarmt die Weltmutter, die Göttliche Shakti und versammelt liebevoll ihre Kinder um sie. Sie glüht von der göttlichen Passion, die sich in die Nacht hernieder senkte, um die Welt von ihrer universalen Nichtbewusstheit zu erlösen. Die Seele wird nicht mehr von den mentalen Nachahmungen oder irgendeinem vitalen Missbrauch dieser großen, tief gegründeten Wahrheiten des Daseins angezogen oder irregeführt. Sie bringt diese in das Licht ihres alles entdeckenden Scheinwerfers und ruft die volle Wahrheit der göttlichen Liebe herab, dass sie diese Missgestaltungen heile, die mentale, vitale und physische Liebe von allem, was an ihr ungenügend oder verkehrt ist, befreie und ihr ihren überreichen Anteil an der Innigkeit und dem Geeintsein, an der immer höher steigenden Entzückung und an der herniederkommenden Wonne offenbare.

Alle wirklichen Wahrheiten der Liebe und der Werke der Liebe akzeptiert das seelische Wesen an ihrem richtigen Ort. Seine Flamme steigt aber immer höher empor und fördert kraftvoll den Übergang von den niederen zu den höheren Graden der Wahrheit, da es weiß, dass nur dann, wenn es selbst zu einer höchsten Wahrheit hinaufgekommen ist und jene höchste Wahrheit sich herabsenkte, die Liebe vom Kreuz erlöst und auf ihren Thron erhoben werden kann. Das Kreuz ist das Zeichen dafür, wie die Göttlichen Herabkunft durch die Querlinie einer kosmischen Deformation versperrt und entstellt wird, die das Leben in einen Zustand des Leidens und Elends verkehrt. Nur durch das Emporsteigen bis zur ursprünglichen Wahrheit kann diese Entstellung geheilt werden. Nur dadurch können alle Werke der Liebe ebenso wie alle Werke des Wissens und des Lebens in ihrer göttlichen Bedeutung wiederhergestellt und zu einem Teil integralen spirituellen Daseins werden.

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