Kapitel 4

Grundvoraussetzung – Selbst-Darbringung

Worte Sri Aurobindos

Wie sollen wir uns auf das konzentrieren, was wir noch nicht wissen? Wir können jedoch das Göttliche nicht erkennen, wenn uns nicht die Konzentration unseres Wesens auf das Göttliche gelingt. Unter Wissen und dem Ringen nach Wissen verstehen wir im Yoga eine Konzentration, die in einer lebendigen Verwirklichung des Einen in unserem Innern und in allem, dessen wir gewahr werden, und In dem ständigen Empfinden seiner Gegenwart gipfelt. Es genügt nicht, dass wir uns durch das Lesen Heiliger Schriften oder durch eine anstrengende philosophische Beweisführung nur einem intellektuellen Verstehen des Göttlichen hingeben. Sonst könnten wir vielleicht am Ende unseres langen mentalen Mühens alles wissen, was über den Ewigen ausgesagt wurde, und alles innehaben, was über den Unendlichen gedacht werden kann, – aber ihn selbst würden wir ganz und gar nicht kennen. Diese intellektuelle Vorbereitung kann in einem machtvollen Yoga die erste Stufe sein; sie ist aber keineswegs unerlässlich. Das ist kein Schritt, den alle zu machen brauchen oder zu dem sie aufgefordert werden sollen. Wäre die intellektuelle Form des Wissens, zu der man durch die spekulative oder meditative Vernunft gelangt, die unentbehrliche Voraussetzung oder bindende Vorstufe für den Yoga, dann wäre er für alle außer ein paar wenigen eine Unmöglichkeit. Alles, was das Licht aus der Höhe von uns verlangt, damit es sein Werk beginnen kann, ist, dass wir mit unserer Seele nach ihm verlangen und ihm in unserem Mental eine ausreichende Empfangsstelle für sein eigenes Wirken gewähren. Dieser Einwirkungspunkt kann ihm dadurch gewährt werden, dass wir im Denken unablässig auf der Idee des Göttlichen beharren und dass diesem in den dynamischen Teilen ein Wille, ein Streben, ein Glaube und ein Verlangen des Herzens entspricht. Jede einzelne dieser Kräfte mag die Führung übernehmen oder vorherrschen, wenn uns nicht alle zusammen im Einklang miteinander oder in einem gleichmäßigen Rhythmus vorwärtstreiben können. Diese Vorstellung von Gott mag anfänglich noch unzulänglich sein, ja sie muss es. Das Trachten nach ihm kann eng und unvollkommen, der Glaube nur schwach erleuchtet oder sogar schwankend und ungewiss sein und leicht dahinschwinden, wenn er nicht sicher auf dem Felsen des Wissens gegründet ist. Er mag noch oft erlöschen und muss dann wieder mit Mühe, wie eine Fackel in zugiger Durchfahrt, neu angezündet werden. Wenn es aber einmal zu einer entschlossenen Selbst-Darbringung aus der Tiefe des Inneren gekommen ist und man wach wurde für den Ruf der Seele, können diese noch unzulänglichen Dinge doch zu einem für den göttlichen Zweck ausreichenden Instrument werden. Darum sind die Weisen immer abgeneigt gewesen, die Zugänge des Menschen zu Gott zu beschränken. Sie wollen den Weg zu ihm selbst durch das engste Pförtchen, den niedersten dunklen Seiteneingang und die bescheidenste Nebentüre nicht verschließen. Man war überzeugt, dass jeder Name, jede Gestalt, jedes Symbol, jede Darbringung ausreichend ist, wenn sie von der eigenen Selbst-Darbringung begleitet sind. Denn das Göttliche weiß um sich selbst im Herzen des Suchenden und nimmt das Opfer an.

Worte der Mutter

Je mehr du dich gibst, desto mehr hast du die Erfahrung – es ist nicht nur ein Gefühl oder ein Eindruck oder eine Sinneswahrnehmung, es ist eine totale Erfahrung: Je mehr du dem Göttlichen gibst, desto mehr ist das Göttliche bei dir, völlig, ständig, in jeder Minute, in all deinen Gedanken, in all deinen Bedürfnissen, und es gibt keine Aspiration, die nicht sofort ihre Antwort erhielte, und du hast das Gefühl einer vollständigen, einer beständigen Intimität, einer vollkommenen Nähe. Es ist, als wäre Gott die ganze Zeit bei dir. Du wanderst, und Er wandert mit dir, du schläfst, und Er schläft mit dir, du isst, und Er isst mit dir, du denkst, und Er denkt mit dir, du liebst, und Er ist die Liebe, die du hast. Aber dazu muss man sich ganz, total, ausschließlich geben, nichts zurückbehalten, nichts für sich selbst behalten und keinen Vorbehalt haben, auch nichts vergeuden. Die kleinste Sache in deinem Wesen, die dem Göttlichen nicht gegeben wurde, ist Verschwendung. Es ist die Vergeudung deiner Freude, es ist etwas, das ebenso dein Glück verringert, und alles, was du dem Göttlichen nicht gibst, ist, als hieltest du es von der Möglichkeit des Göttlichen zurück, sich dir zu geben. Du fühlst Gott dir nicht nah, nicht ständig bei dir, weil du Ihm nicht gehörst, weil du hunderterlei Sachen und anderen Personen gehörst. In deinem Denken, in deinem Handeln, in deinen Gefühlen, deinen Impulsen …, da sind Millionen Sachen, die du Ihm nicht gibst, und deshalb fühlst du Ihn nicht immer bei dir, weil all diese Dinge ebenso viele Trennungen und Wände zwischen Ihm und dir sind. Aber wenn du Ihm alles gibst, wenn du nichts zurückbehältst, wird Er ständig und völlig bei dir sein in allem, was du tust, in allem, was du denkst, in allem, was du fühlst, immer, in jedem Augenblick. Doch dazu muss man sich uneingeschränkt geben, ohne jeden Vorbehalt. Jede Kleinigkeit, die du dir vorbehältst, ist ein Stein, den du zum Bau einer Mauer zwischen Gott und dir legst. Und später beklagst du dich: „Ach, ich fühle Ihn nicht!“ Erstaunlich wäre es, wenn du Ihn fühlen könntest.