Kapitel 4

Gott ist schon nahe, die Wahrheit steht vor der Tür

Worte der Mutter

Man hat gesagt, Naturkatastrophen wie Erdbeben, Überschwemmungen und das Versinken von Kontinenten seien die Folge einer uneinigen, sündigen Menschheit, und mit dem Fortschritt und der Entwicklung des Menschengeschlechts würde auch eine entsprechende Wandlung in der physischen Natur stattfinden. Wie weit kann man dem Glauben schenken?

Richtiger würde man wohl sagen, dass es ein und dieselbe Bewusstseinsbewegung ist, die sich durch eine von Katastrophen heimgesuchte Natur und durch eine unharmonische Menschheit bekundet. Es handelt sich bei den beiden nicht um Ursache und Wirkung, da sie sich auf der gleichen Stufe befinden. Ein Bewusstsein über ihnen sucht sich zu offenbaren, sich auf Erden einzukörpern, und beim Herabsteigen zur Materie trifft es überall auf denselben Widerstand, im Menschen wie in der physischen Natur. Alle Unordnung, aller Missklang auf der Erde ist Ergebnis dieses Widerstands. Unglücke, Katastrophen, Zusammenstöße und Gewalttaten, Dunkelheit und Unwissen, alle Übel stammen aus derselben Quelle. Der Mensch verursacht die äußere Natur ebenso wenig, wie die äußere Natur den Menschen; beide aber hängen von einem einzigen ab, das hinter ihnen ist und größer als sie; und beide sind Teil einer dauernd fortschreitenden Bewegung, die Das auszudrücken strebt.

Gibt es nun irgendwo auf Erden eine Öffnung und Empfänglichkeit, die genügend erwacht ist, um etwas vom Göttlichen Bewusstsein rein herabsteigen zu lassen, so kann diese Herabkunft, diese Offenbarung nicht nur das innere Leben, sondern auch die stofflichen Bedingungen, den physischen Ausdruck in Mensch und Natur verändern. Diese Herabkunft hängt nicht vom Zustand der Menschheit insgesamt ab. Hätten wir zu warten, bis die stofflichen Bedingungen und die Bewegungen der Natur sich ändern können und bis die Masse der Menschen einen Zustand der Harmonie, Einheit und Sehnsucht erreicht hat, stark genug, das Licht herabzubringen, dann bestünde recht wenig Hoffnung. Doch ist es für einen Einzelnen oder eine kleine Gruppe möglich, diese Herabkunft zu bewirken. Nicht auf die Menge und den Umfang kommt es an. Ein Tropfen des Göttlichen Bewusstseins, der in ursprünglicher Reinheit das Erdbewusstsein durchdringt, wird ausreichen, um alles zu verändern.

Das Mysterium des Kontaktes und der Verbindung zwischen höheren und tieferen Bewusstseinsebenen ist das große Geheimnis, der verborgene Schlüssel. Dieser Kontakt und diese Verbindung haben immer eine umwandelnde Kraft; in dem Fall, von dem wir sprechen, wäre das Ergebnis allerdings von größerem Umfang und höherer Reichweite. Ist jemand auf der Erde imstande, bewusst mit einer hier unten noch nicht offenbarten Ebene in Fühlung zu treten, und kann er sie mit der stofflichen Welt in Verbindung und Übereinstimmung bringen, indem er sich bei vollem Bewusstsein bis zu ihr erhebt, dann wird sich die hier bisher unverwirklichte große und entscheidende Bewegung der Umwandlung der Natur ereignen. Ein neues Vermögen wird herabsteigen und die Bedingungen des irdischen Lebens ändern.

Doch auch beim bisherigen Stand der Dinge haben sich jedes Mal, wenn eine große Seele kam und ein Licht, eine Wahrheit enthüllte oder eine neue Kraft herabbrachte, die Bedingungen auf der Erde verändert, wenn auch nicht genau in der erhofften Weise. Zum Beispiel kam jemand, der eine gewisse Stufe des Bewusstseins und der spirituellen Erfahrung erreicht hatte, und sagte: „Ich bringe euch den Frieden.“ Nun glaubten vielleicht jene, die um den einen oder den anderen geschart waren, die Verheißung sei materiell zu verstehen; als sie entdeckten, dass dem nicht so war, begriffen sie nicht, was er eigentlich getan hatte. Bewirkt worden war eine Veränderung im Bewusstsein, die Möglichkeit eines bisher nicht gekannten Friedens, das Vermögen zu einer nie dagewesenen Befreiung. Doch gehörte dies dem inneren Leben an und brachte keine greifbare äußere Veränderung in der Welt. Vielleicht bestand gar nicht die Absicht, die Welt äußerlich zu verändern, vielleicht fehlte das nötige Wissen; immerhin haben diese Pioniere etwas verwirklicht.

Trotz allen gegenteiligen Anscheins kann es sein, dass die Erde sich allmählich auf eine bestimmte Verwirklichung vorbereitet hat, Schritt für Schritt. In den Zivilisationen und in der Natur hat sich etwas verändert. Wenn uns das nicht offenkundig ist, so daher, weil wir die Dinge von einem äußeren Standpunkt aus betrachten, und auch — vom Gesichtspunkt des göttlichen Lebens aus — weil die Materie mit ihren Schwierigkeiten bis jetzt noch nie richtig in Angriff genommen worden ist. Dennoch gab es innere Fortschritte; im inneren Bewusstsein hat es Herabkünfte von Licht gegeben. Was aber irgendeine Verwirklichung in der Materie betrifft, so ist es schwer, dazu etwas zu sagen, denn wir wissen nicht genau, was da hätte geschehen können.

In einer fernen Vergangenheit hat es schöne und große Zivilisationen gegeben, materiell vielleicht ebenso fortgeschritten wie unsere. Von einem gewissen Standpunkt aus scheint die moderne Kultur nur eine Wiederholung der alten Kulturen zu sein, und dennoch kann man nicht sagen, es habe nirgends einen Fortschritt gegeben. Wenigstens ein innerer Fortschritt ist gemacht worden, und eine größere Befähigung, dem höheren Bewusstsein zu antworten, ist in den stofflichen Bereichen entstanden. Es war nötig, die gleichen Dinge immer wieder zu tun, weil das Angestrebte nicht gut genug getan worden war; aber mit jedem Versuch ist man dem zu Erreichenden näher gekommen. Wiederholen wir beim Lernen eine Übung öfters, so beginnen wir scheinbar stets dasselbe von neuem, und doch zeigt das Gesamtergebnis eine tatsächliche Veränderung.

Der Irrtum besteht darin, diese Dinge aus dem Blickwinkel des menschlichen Bewusstseins zu betrachten; denn so gesehen, scheinen diese weiten und tiefen Bewegungen unerklärlich. Es ist gefährlich, sie mit dem begrenzten Geist verstehen und auslegen zu wollen. Darum ist auch die Philosophie nie imstande gewesen, hinter das Geheimnis der Dinge zu kommen; stattdessen hat sie versucht, das Weltall auf das Maß des mentalen Geistes des Menschen zuzuschneiden.

Worte Sri Aurobindos

Wenn in der sinnlosen Leere Schöpfung erstand,

Wenn von einer körperlosen Kraft Materie geboren ward,

Wenn Leben im unbewussten Baum aufsteigen konnte,

Seine grüne Wonne in smaragdgrünen Blätter sprießt

Und sein Lachen der Schönheit in der Blume blüht,

Wenn in Gewebe, Nerv und Zelle der Sinn erwachen konnte

Und Denken die graue Substanz des Gehirns ergriff,

Und Seele aus ihrer Verborgenheit durch das Fleisch lugte,

Wie soll nicht das namenlose Licht auf Menschen überspringen

Und unbekannte Mächte aus dem Schlafe der Natur erstehen?

Schon jetzt steigen Anzeichen einer leuchtenden Wahrheit wie Sterne

In der mentalbemondeten Pracht der Unwissenheit auf;

Schon jetzt verspüren wir des todlosen Liebhabers Hauch:

Wenn die Kammertür auch nur ein wenig offensteht,

Was kann dann Gott daran hindern, sich hereinzustehlen,

Oder wer kann ihm verbieten, die schlafende Seele zu küssen?

Gott ist schon in der Nähe, die Wahrheit ist nah:

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