Kapitel 4
Falsche und richtige Demut
Worte der Mutter
„Es gibt welche, die beim Meditieren in einen Zustand treten, der ihnen sehr bedeutend und köstlich erscheint.“ (Questions and Answers 1929-1931, 21. April 1929)
Was ist das für ein Zustand?
Welcher auch immer – er erscheint ihnen köstlich und bedeutend. Sie haben eine sehr hohe Meinung von sich. Sie halten sich für beachtliche Leute, weil sie still und unbewegt sitzen können, und wenn sie dabei an nichts denken, ist das auch beachtenswert. Doch im Allgemeinen läuft in ihrem Kopf eine Art Kaleidoskop, und sie merken es nicht einmal. Jedenfalls haben jene, die eine Weile ohne zu reden oder zu denken sitzen können, eine hohe Meinung von sich. Nur eben, wenn sie da herausgeholt werden, wenn man an die Tür klopft und ihnen sagt: „Jemand erwartet Sie“, oder: „Madame, das Kind schreit“, dann werden sie wütend und schimpfen: „Meine Meditation ist hin! Alles ist verdorben!“ So etwas habe ich mit eigenen Augen gesehen. Leute, die ihre Meditation sehr wichtig nahmen, ließen sich nicht unterbrechen, ohne furchtbar wütend zu werden… Das zeugt natürlich nicht von großem spirituellen Fortschritt. Sie wetterten gegen alle Welt, weil man sie aus ihrer glückseligen Meditation gerissen hat…
Am meisten graut mir vor den Leuten, die sich für außerordentlich halten, weil sie sich hinsetzen und meditieren. Das ist das Allergefährlichste, denn sie werden so eingebildet und selbstzufrieden, dass sie sich alle Wege des Fortschritts versperren… Eines ist immer gesagt, aber nicht verstanden worden, nämlich wie notwendig Demut ist. Das wird falsch aufgenommen, missverstanden und falsch angewendet. Sei demütig, wenn du es auf die wahre Weise sein kannst, vor allem aber sei es nicht auf die falsche Weise, denn das führt zu gar nichts. Es gibt nur eine Sache: Wenn du den Samen jenes Unkrauts ausmerzen kannst, der Eitelkeit heißt, hast du etwas geleistet. Doch wenn du wüsstest, wie schwer das ist! Du kannst nichts wirklich gut machen, keine gute Idee, keine gute Regung haben, keinen Fortschritt machen, ohne dich innerlich selbstgefällig aufzublasen – dessen du dir selbst gar nicht bewusst bist. Du musst schon mit dem Hammer draufschlagen, damit das zerbricht, und dann bleiben immer noch Stücke übrig. Und diese Stücke fangen dann wieder an zu sprießen. Man hat das ganze Leben damit zu tun: Nie darf man vergessen, fleißig dies Unkraut zu jäten, das immer wieder nachwächst, und zwar derart tückisch, dass du schon glaubst, frei davon zu sein, und du ganz demütig sagst: „Nicht ich habe das getan, ich fühle, es war das Göttliche; ohne das Göttliche bin ich gar nichts.“ – Und gleich darauf bist du so selbstzufrieden, nur weil du das gedacht hast!
Was ist die wahre und was die falsche Weise, demütig zu sein?
Ganz einfach: Wenn man den Leuten sagt: „Seid demütig“, denken sie sofort daran, gegenüber anderen Menschen demütig zu sein, und diese Demut ist nichts wert. Die wahre Demut ist die Demut gegenüber dem Göttlichen, das heißt die präzise, die konkrete Wahrnehmung, dass man ohne das Göttliche nichts ist, nichts kann und nichts versteht, dass selbst außerordentlich intelligent und begabt zu sein nichts ist im Vergleich zum göttlichen Bewusstsein. Und diese Demut muss man immer beibehalten, denn so nimmt man die wahre Haltung der Empfänglichkeit ein, einer demütigen Empfänglichkeit, die dem Göttlichen keinerlei persönlichen Anspruch entgegenstellt.
Worte der Mutter
Manche mögen das Gebet nicht; wenn sie tief in ihr Herz eindringen würden, würden sie feststellen, dass es Hochmut ist, schlimmer noch, Eitelkeit. Und dann gibt es jene, die nicht streben, sie versuchen es und können nicht streben, weil sie nicht die Flamme des Willens haben, weil sie nicht die Flamme der Demut haben.