Kapitel 3
Erste Bedingung für den Empfang der Gnade
Worte der Mutter
Wie akzeptiert man die Gnade mit Dankbarkeit?
Oh! Zunächst muss man das Bedürfnis dafür spüren.
Das ist der wichtigste Punkt. Eine gewisse innere Demut haben, die dir bewusst macht, wie schwach du ohne die Gnade bist, dass du ohne sie wahrhaftig unvollständig und machtlos bist. Das ist zunächst das Erste.
Es ist eine Erfahrung, die man sehr wohl haben kann. Wenn sogar Menschen, die nichts wissen, sich in ganz schwierigen Umständen befinden oder vor einem zu lösenden Problem stehen oder eben gerade vor einem zu überwindenden Trieb oder etwas, das sie durcheinandergebracht hat… und dann merken, dass sie verloren sind und nicht wissen, was sie tun sollen – weder mit ihrem Kopf noch mit ihrem Willen noch mit ihren Empfindungen –, sie wissen nicht, was zu tun ist. Also da geschieht dann etwas im Inneren wie eine Art Ruf, eine Anrufung von etwas, das kann, was man selbst nicht kann. Man sehnt sich nach etwas, das fähig ist zu tun, was man selbst nicht tun kann.
Das ist die erste Voraussetzung. Und wenn dann einem klar wird, dass es nur die Gnade ist, die das machen kann, dass aus dieser Situation, in der du dich befindest, dich nur die Gnade herausziehen kann, dass nur sie dir die Lösung und die Kraft geben kann, um da herauszukommen, da erwacht in dir natürlich eine starke Aspiration, ein Bewusstsein, das sich in einem Offen-Sein ausdrückt. Wenn du rufst, wenn du dich sehnst und auf eine Antwort hoffst, öffnest du dich der Gnade ganz selbstverständlich.
Und danach muss man gut auf Folgendes achten: Die Gnade wird dir antworten, die Gnade zieht dich aus der schwierigen Lage, die Gnade gibt dir eine Lösung zu deinem Problem oder führt dich aus deiner Schwierigkeit. Doch wenn du einmal von dem Problem befreit bist und aus der Schwierigkeit herausgefunden hast, dann vergiss nicht, dass es die Gnade war, die dich befreit hat, und denke nicht, du selbst warst es. Denn das ist tatsächlich der wichtigste Punkt. So wie die Schwierigkeit verschwunden ist, sagen die meisten Menschen: „Schließlich habe ich mich ganz gut aus der Schwierigkeit herausgeholt.“
So ist das. Du verschließt und verriegelst dann die Tür, nicht wahr, und du kannst nicht mehr empfangen. Du brauchst noch einmal eine heftige Angst, eine schreckliche Schwierigkeit, damit diese Art von innerer Dummheit weicht und dir noch einmal klar wird, dass du nichts ausrichten kannst. Denn nur wenn du erkennst, dass du machtlos bist, beginnst du ein klein wenig offen und formbar zu werden. Aber solange du glaubst, dass es bei dem, was du machst, auf deine eigene Geschicklichkeit und deine eigene Fähigkeit ankommt, schließt du wirklich nicht nur eine Tür, sondern du schließt eine Menge Türen, eine nach der anderen, und verriegelst sie. Du schließt dich in eine Festung ein, und nichts kann da eindringen. Das ist der große Nachteil: Man vergisst sehr schnell. Ganz natürlich ist man mit der eigenen Fähigkeit zufrieden.
Aber Mutter, auch wenn man versucht zu denken, dass man machtlos ist, gibt es etwas, das denkt, dass man mächtig ist. Und?
Ah, ja, ah, ja! Ah, es ist sehr schwer, aufrichtig zu sein… Darum häufen sich die Schläge und werden manchmal schrecklich, denn das ist das Einzige, was deine Dummheit bricht. Das ist die Rechtfertigung des Unglücks. Nur wenn man sich in einer akut schmerzhaften Situation befindet und wirklich vor etwas steht, das einen zutiefst berührt, dann schmilzt die Dummheit ein wenig dahin. Aber wie du sagst, selbst wenn etwas schmilzt, bleibt immer etwas im Inneren zurück. Und das ist der Grund, warum es so lange dauert….
Wie viele Schläge braucht es im Leben, bis man bis ins Innerste weiß, dass man nichts ist, dass man nichts tun kann, dass man nicht existiert, dass man nichts ist, dass es keine Wesenheit ohne das göttliche Bewusstsein und die göttliche Gnade gibt. In dem Moment, in dem man das weiß, ist es vorbei, sind alle Schwierigkeiten verschwunden. Wenn man es ganzheitlich weiß und es nichts gibt, was dem entgegensteht… aber bis zu diesem Moment… Und es dauert sehr lange.
Worte der Mutter
Liebe Mutter, Sri Aurobindo sagt uns: „Die Gnade Gottes ist schwerer zu empfangen oder zu bewahren als der Nektar der Unsterblichen.“ (Die Stunde Gottes und andere Schriften, SABCL, Bd. 17, S. 40) Was bedeutet das? Fließt die göttliche Gnade nicht immer auf uns herab, nur abhängig von unserer Aufnahmefähigkeit?
Die Gnade ist immer da, ewig gegenwärtig und aktiv, aber Sri Aurobindo sagt, dass es für uns äußerst schwierig ist, sie zu empfangen, sie zu bewahren und von dem, was sie uns gibt, Gebrauch zu machen.
Sri Aurobindo sagt sogar, dass es schwieriger ist, als aus dem Kelch der Götter zu trinken, die unsterblich sind.
Um die göttliche Gnade zu empfangen, bedarf es nicht nur großer Aspiration, sondern auch aufrichtiger Demut und absoluten Vertrauens.