Kapitel 4

Die Wahrheit sprechen

Wahrheit im Sprechen und Wahrheit im Denken sind sehr wichtig. Je mehr du Falschheit als nicht zu dir gehörig empfindest, sondern als etwas, das von außen auf dich zukommt, umso leichter wird es sein, sie abzulehnen und zurückzuweisen.

Diese innere Kontrolle, die du dich erhellen und leiten spürst, und der Entschluss, die Wahrheit zu sprechen, zu dem sie dich veranlasste, zeigen sehr deutlich, dass in dir dein seelisches Wesen wach ist.

Der Charakterfehler, von dem du sprichst, ist verbreitet und in der menschlichen Natur fast durchgängig vorhanden. Der Impuls, die Unwahrheit zu sagen oder wenigstens zu über- oder zu untertreiben oder die Wahrheit zu verdrehen, um der eigenen Eitelkeit, den Vorlieben und Wünschen zu schmeicheln oder sich etwas Begehrtes zu sichern, ist sehr verbreitet. Aber man muss lernen nur die Wahrheit zu sprechen, wenn es einem gelingen soll, die Natur zu verändern.

Sich bewusst zu werden, was in der Natur geändert werden muss, ist der erste Schritt zu ihrer Wandlung.

Ja, natürlich ist für den Sadhak vollkommene Wahrheit im Sprechen sehr wichtig und eine große Hilfe, um die Wahrheit in das Bewusstsein zu bringen.

Sinnlos oder nicht, Unwahrheit sollte vermieden werden.

Wenn du das englische Original1 von X erhältst, wirst du sehen, dass es von der höchsten Warte aus geschrieben ist. Wenn du ein Instrument der Wahrheit sein willst, musst du immer die Wahrheit und nichts Unwahres sprechen. Aber das bedeutet nicht, dass du jedem alles erzählen musst. Es ist erlaubt, durch Stillbleiben oder die Weigerung zu sprechen die Wahrheit zu verbergen, weil die Wahrheit von denen, die nicht darauf vorbereitet sind oder ihr widersprechen, missverstanden oder missbraucht wird. – Sie mag sogar zum Ausgangspunkt einer Verdrehung oder schieren Falschheit gemacht werden. Aber die Unwahrheit zu sprechen ist eine andere Sache. Das sollte sogar im Scherz vermieden werden, weil es dazu tendiert, das Bewusstsein herunterzuziehen. Was den letzten Punkt betrifft, wieder von der höchsten Warte aus gesehen, – die Wahrheit, wie man sie im mentalen Geist kennt, ist nicht genug, denn die Idee des Mentals mag irrig oder unzureichend sein. – Es ist notwendig, das wahre Wissen im wahren Bewusstsein zu haben.

Warum sollte es Lüge sein [etwas ungesagt lassen]? Man muss nicht jedem alles erzählen, – es mag oft mehr verletzen als gut tun. Man soll nur das sagen, was notwendig ist. Natürlich muss das, was gesagt wird, wahr und nicht falsch sein, und nie darf dabei absichtlich betrogen werden.

Zuallererst gibt es einen großen Unterschied dabei, etwas als wahr darzustellen, von dem man glaubt oder weiß, dass es falsch ist, und etwas als wahr zu präsentieren, was man mit gutem Gewissen als wahr ansieht, was aber tatsächlich nicht der Fall ist. Das erste steht dem Geist der Wahrheit natürlich entgegen, das zweite huldigt ihm. Das erste ist eine bewusste Falschheit, das zweite nur schlimmstenfalls ein Fehler oder Unwissenheit.

Dies ist vom praktischen Standpunkt des Wahrheit-Sprechens aus gesehen. Unter dem Gesichtspunkt der höheren Wahrheit darf man nicht vergessen, dass jede Bewusstseinsstufe ihren eigenen Maßstab hat. – Was für den mentalen Geist Wahrheit ist, mag für das höhere Bewusstsein nur eine Teilwahrheit sein, aber um zur umfassenderen, vollkommeneren Wahrheit dahinter zu gelangen, muss der mentale Geist durch die Teilwahrheit gehen. Alles, was notwendig ist, ist flexibel zu sein, bereit, die höhere anzuerkennen, wenn sie kommt, und sich nicht an die niedere zu klammern, weil sie vertraut ist, nicht den Wünschen und Leidenschaften des Vitals zu erlauben, dem Licht gegenüber blind zu werden oder Dinge zu verdrehen, zu entstellen. Wenn das höhere Bewusstsein zu wirken beginnt, wird die Schwierigkeit kleiner, und es gibt eine sichtbare Entwicklung von Wahrheit zu höherer Wahrheit.

Verheimlichung und Falschheit beim Sprechen: Dies ist eine äußerst schädliche Angewohnheit der niederen Natur. Diejenigen, die nicht geradeheraus sind, können von Mutters Hilfe nicht profitieren, denn sie wenden sich selber davon ab. Solange sie sich nicht ändern, können sie nicht auf die Herabkunft des supramentalen Lichts und der Wahrheit in das niedere Vital und die physische Natur hoffen; sie bleiben im selbstgeschaffenen Schlamm stecken und können nicht vorankommen. Oft sind im Sadhak nicht bloß Übertreibung oder falscher Gebrauch der Vorstellungskraft ausgeprägt, welche die tatsächliche Wahrheit ausschmücken, sondern auch eine entschiedene Leugnung und Verdrehung, wie auch eine verfälschende Verheimlichung von Tatsachen. Er tut diese Dinge manchmal, um seinen Widerstand oder sein falsches oder zweifelhaftes Handeln zu überdecken, – manchmal auch, um seine Stellung zu erhalten, seinen eigenen Weg zu gehen oder in lieben Gewohnheiten und Begierden zu schwelgen. Sehr oft, wenn er diese vitale Gewohnheit hat, verdunkelt er sein eigenes Bewusstsein und realisiert die Falschheit seiner Aussage oder seines Handelns nicht gänzlich; aber auf vieles, was er sagt und tut, ist es ziemlich unmöglich sogar diese inadäquate Entschuldigung anzuwenden.

1 Sri Aurobindo bezieht sich auf die folgende Aussage der Mutter: „Wenn wir zulassen, dass eine Unwahrheit, wie klein auch immer, durch unseren Mund oder unsere Feder zum Ausdruck kommt, wie können wir dann hoffen, vollkommene Boten der Wahrheit zu werden? Ein vollkommener Diener der Wahrheit sollte sich selbst der kleinsten Ungenauigkeit, Übertreibung oder Entstellung enthalten.“