Kapitel 4

Die Eröffnungsszene in „Savitri“

„Es war die Stunde, bevor die Götter erwachen.“ Nur wenn die Götter erwachen, beginnt das Licht auf der Erde zu erscheinen. Sonst ist hier alles Nacht, schwarz, undurchdringlich und unauslotbar. Die Schöpfung an sich beginnt tatsächlich mit dem Erwachen der Götter. Wenn die Götter schlafen, ist es Nicht-Existenz – tama āsīt tamasā gūḍhamagre – „Am Anfang war die Dunkelheit von Dunkelheit verschlungen.“ Das ist asat, Nichtsein, das ist acit, das Unbewusste, die schwärzeste Nacht. Die Bibel spricht von einer ähnlichen Dunkelheit in Hiobs schrecklicher Vision: „Ein Land der Dunkelheit, wie die Dunkelheit selbst, aus dem Schatten des Todes, ohne Ordnung, wo Licht wie Dunkelheit ist.“ Die Lampe des Bewusstseins ist noch nicht entzündet. Die dunkle Leere erstreckt sich über den Pfad der zukünftigen Schöpfung, des Lichts, das kommen wird. Dieser Schatten ist die Verneinung des Lichts dahinter, er ist das Original der Schöpfung. Er wird als das bloß materielle Universum präsentiert, tot und vertrocknet, die äußerste Unbewusstheit, ohne irgendwo ein Zeichen von Bewusstsein. Und die Erde schien dort Teil von ihm zu sein, ein Schatten im Schatten, ein dunkler Punkt, der sich in einer dunklen Masse dreht.

Es ist die Vorschöpfung, könnte man sagen, die Schöpfung vor der Schöpfung, die Schattenschöpfung. Wir wissen, dass kommende Ereignisse ihren Schatten voraus werfen, als eine Art Vorwarnung, als Vorahnung: Dies ist der dunkle Bote, der helle Bote wird folgen. Denn letztlich ist es Sein Schatten – „Und in die Mitternacht wird sein Schatten geworfen.“

Die ursprüngliche Unbewusstheit ist eine Nicht-Existenz, ein Nichts, in dem alle Existenz eingerollt und aufgelöst ist, ein unendliches Nicht-Wesen oder Null. Das ist die Null hier unten auf der Rückseite der Wirklichkeit. Aber es gibt eine andere Null, oben darüber und jenseits, jenseits des Überbewusstseins, das Sunya, jenseits von Satchitananda. Dazwischen liegt die Welt der Nacht, die Welt der Reifung, in der die Götter schlafen. Als das Göttliche, die Eine unteilbare Existenz, die erste Regung spürte und dazu bewegt wurde zu erschaffen, teilte es sich selbst und warf sich gewissermaßen aus sich selbst heraus. Und das Licht und das Bewusstsein seines Wesens sprangen unverzüglich in die Dunkelheit und Unbewusstheit. Das ist die Involution des Höchsten in die materielle Existenz.

Diese ursprüngliche Dunkelheit ist der Schoß der Schöpfung. Sie ist dem Hiranyagarbha der indischen Tradition ähnlich. Das Fiat ging vom Höchsten aus, um diese Dunkelheit, sein Alter-Ego, wieder aufleben zu lassen, und er schickte sein Botenlicht herab. Die Götter sind also dabei aufzuwachen, in ihrem Schlummer ist eine Regung. Die Schöpfung als Manifestation beginnt, wenn der erste Lichtstrahl die Dunkelheit trifft. Dann öffnen die Götter ihre Augen. Aber der Bann der Dunkelheit kehrt zurück und verschluckt das Licht.

Auch die Erde, die mit der sie umgebenden Masse an Dunkelheit eins ist, schläft und ist empfindungslos. Sie muss aufwachen und ihre Reise beginnen, indem sie sich vorwärts bewegt und ihre geheimen Mysterien zur höchsten Offenbarung hin enthüllt, der Göttlichen Inkarnation in der Materie. Die Götter sind erwacht, um die Erde zu erwecken. Ein erster Strahl wurde herabgesandt und berührt die schlafende Mutter gewissermaßen. Der Göttliche Strahl ist wie der Finger eines Kindes, der seine Mutter berührt und so versucht, sie dazu zu bringen, ihre Augen zu öffnen und ihr Kind anzuschauen. Der erste Strahl kommt jedoch nicht als Liebkosung zu dem inneren Wesen der Dunkelheit, es ist ein scharfer Stich, sogar ein harter Schlag. Solcherart ist die erste Wirkung des Lichts auf tote Materie, und das Licht wird als unwillkommener Eindringling dahin zurückgeworfen, wo es herkam, und Dunkelheit kriecht in ihrer alten Spur. Das zweite Stadium kommt, wenn der Aufprall nicht als Schmerz oder etwas vollkommen Fremdes empfunden wird. Die Berührung wird als etwas Wohltuendes erlebt, als etwas, das eine ewige Wunde heilt. Aber auch dies wurde nicht lange ausgehalten, und das Licht musste wieder zurückgehen.

Dies sind die aufeinander folgenden Dämmerungen, von denen die Vedischen Rishis sprechen, durch die Licht und Bewusstsein in der dunklen Unbewusstheit langsam anwachsen und an Umfang und Stärke zunehmen. Der anhaltende Abstieg des Lichts auf die Erde bringt den Wandel auf die Erde und das wird Evolution genannt, das heißt die Transformation der dunklen Unbewusstheit hier unten in das ursprüngliche Über-Licht, dessen Schattenwurf sie aufgrund der ursprünglichen Trennung von der Quelle war.

Savitri repräsentiert eine solche göttliche Dämmerung in einem entscheidenden Moment des Erdenlebens. Sie verkörpert die gesamte Vergangenheit der Schöpfung und zeigt in ihrem Leben, wie diese Vergangenheit durch die Alchemie der Göttlichen Gnade in eine glorreiche Zukunft verwandelt wird – das unausweichliche Schicksal, das Mensch und Erde erwartet.