Kapitel 4

Der Ursprung von Falschheit, Irrtum, Leid und Bösem

Worte Sri Aurobindo

Wenn Unwissenheit ihrer Art nach ein sich selbst begrenzendes Wissen ist, das die integrale Selbst-Bewusstheit vergessen hat und auf ausschließende Konzentration auf ein einziges Feld oder auf die sie verbergende Oberfläche kosmischer Bewegung beschränkt ist, – was sollen wir bei dieser Betrachtung mit dem Problem machen, das das Mental des Menschen am qualvollsten beschäftigt, wenn er sich dem Geheimnis seiner eigenen Existenz und der des kosmischen Daseins zuwendet: mit dem Problem des Bösen? Man mag als einen verständlichen Prozess des universalen Bewusstseins und der universalen Energie eine begrenzte Erkenntnis zulassen, die von einer geheimen All-Weisheit als Werkzeug benutzt wird, um innerhalb der notwendigen Begrenzungen eine beschränkte Weltordnung auszuarbeiten. Weniger leicht kann man aber die Notwendigkeit von Lüge und Irrtum, die Notwendigkeit von Unrecht und Bösem oder deren Nutzen im Wirken der allgegenwärtigen Göttlichen Wirklichkeit zugeben. Wenn aber jene Wirklichkeit das ist, was wir von ihrem Wesen vermuten, muss es auch eine gewisse Notwendigkeit für das Erscheinen dieser entgegengesetzten Phänomene, eine gewisse Bedeutung und Funktion geben, denen sie im Haushalt des Universums zu dienen hatten. Denn solche Phänomene können im vollständigen und unveränderlichen Selbst-Wissen des Brahman – das notwendigerweise All-Wissen ist, da all das, was ist, das Brahman ist, – nicht als Zufall, als ein beiläufiger Eingriff, ein unwillkürliches Vergessen oder eine Verwirrung der Bewusstseins-Kraft des All-Weisen im Kosmos oder als ein hässliches Missgeschick eingetreten sein, auf das der innewohnende Geist nicht vorbereitet war und deren Gefangener er ist, der in einem Labyrinth unter größter Schwierigkeit des Entkommens herumirrt. Es kann auch kein ursprüngliches und ewiges unerklärliches Geheimnis des Wesens sein, von dem der göttliche All-Lehrer sich oder uns keine Rechenschaft ablegen kann. Dahinter muss eine Bedeutung der All-Weisheit selbst liegen, eine Macht des All-Bewusstseins, die das zulässt und für eine in den gegenwärtigen Wirkensweisen unserer Selbst- und Welt-Erfahrung unentbehrliche Funktion verwendet. Dieser Aspekt des Seins muss jetzt unmittelbar und kraftvoll in seinen Ursprüngen und in den Begrenzungen seiner Wirklichkeit sowie in Bezug auf seinen Platz in der Natur untersucht werden.

Man kann dieses Problem von drei Gesichtspunkten her anfassen: von seiner Beziehung zum Absoluten, zur höchsten Wirklichkeit, von seinem Ursprung und Platz im kosmischen Wirken, von seinem Wirksamwerden im individuellen Wesen und seiner Bedeutung für dieses her. Offensichtlich haben diese entgegengesetzten Phänomene keine unmittelbare Wurzel in der höchsten Wirklichkeit selbst. Dort gibt es nichts, was dieses Gepräge hat. Sie sind ein Erzeugnis von Unwissenheit und Nichtbewusstheit, keine fundamentalen und primären Aspekte des Wesens, nicht ursprünglich zugehörig zur Transzendenz oder zur unendlichen Macht des Kosmischen Geistes. Manchmal hat man auch folgendermaßen argumentiert: Ebenso wie die Wahrheit und das Gute ihr Absolutes besitzen, müssen auch die Falschheit und das Böse ihre Absolutheit haben, oder beide müssten, wenn das nicht der Fall ist, zur Relativität gehören. Wissen und Unwissenheit, Wahrheit und Falschheit, Gut und Böse existierten nur in relativer Beziehung zueinander und besäßen jenseits der Dualität kein Dasein. Das ist aber nicht die fundamentale Wahrheit der Beziehung dieser Gegensätze zueinander. Denn erstens sind die Falschheit und das Böse, im Unterschied zur Wahrheit und zum Guten, ganz deutlich die Ergebnisse der Unwissenheit und können nicht existieren, wo es keine Unwissenheit gibt: Sie können im Göttlichen Wesen kein Selbst-Sein haben. Sie können keine ursprünglichen Elemente der Höchsten Natur sein. Wenn also das begrenzte Wissen, das die Natur der Unwissenheit ist, auf seine Begrenzungen verzichtet und die Unwissenheit in das Wissen verschwindet, können das Böse und die Falschheit nicht länger fortdauern: Denn beide sind die Ergebnisse von Nichtbewusstheit und falschem Bewusstsein. Sie haben, wenn wahres oder vollständiges Bewusstsein als Ersatz für die Unwissenheit herrscht, keine Basis mehr für ihr Dasein. Darum kann es kein Absolutes der Falschheit, kein Absolutes des Bösen geben. Diese Dinge sind das Nebenprodukt der Welt-Bewegung. Die Nachtschattengewächse von Falschheit, Leiden und Bösem haben ihre Wurzeln im schwarzen Boden des Nichtbewussten. Andererseits gibt es kein wirklich wesentliches Hindernis für die Absolutheit der Wahrheit und des Guten: Die Relativität von Wahrheit und Irrtum, von Gut und Böse ist zwar eine Tatsache unserer Erfahrung. Sie ist aber in ähnlicher Weise Neben-Produkt des Daseins und kein ihm ureigener dauernder Faktor. Denn sie trifft nur auf die vom menschlichen Bewusstsein getroffenen Bewertungen zu, und zwar nur für unser partielles Wissen und unsere partielle Unwissenheit.

Wahrheit ist deshalb für uns relativ, weil unser Wissen von Unwissenheit umgeben ist. Unser exaktes Sehen macht Halt bei den äußeren Erscheinungen, die nicht die vollständige Wahrheit der Dinge sind. Wenn wir tiefer eindringen, sind die Erleuchtungen, zu denen wir gelangen, Ergebnisse des Ratens oder indirekter Schlussfolgerungen, oder sie sind Ahnungen, nicht aber die Schau unbezweifelbarer Wirklichkeiten: Unsere Schlussfolgerungen sind partiell, spekulativ oder konstruiert. Ihre Darstellung, die der Ausdruck unseres indirekten Kontakts mit der Wirklichkeit ist, hat die Art von Repräsentationen, von Figuren, Wortbildern oder Gedankenbegriffen, die selbst wieder Bilder, aber nicht Verkörperungen der Wahrheit an sich, nicht unmittelbar wirklich und authentisch sind. Diese Gestaltungen und Wiedergaben sind unvollkommen und undeutlich. Sie tragen einen Schatten von Nichtwissen oder Irrtum an sich. Denn sie scheinen andere Wahrheiten zu bestreiten oder auszuschließen. Selbst die Wahrheit, die sie ausdrücken, bekommt nicht ihren vollen Wert. Nur ein Zipfel oder Rand von ihr wird in eine Form projiziert; alles übrige wird unsichtbar oder entstellt oder ungenau sichtbar im Schatten gelassen. Man kann beinahe sagen, dass keine mentale Behauptung über Dinge gänzlich wahr sein kann. Sie ist nicht die reine, bloße, verkörperte Wahrheit, sondern eine drapierte Figur – oft ist von ihr nur die Draperie sichtbar. Aber diese Charakterisierung trifft nicht für die Wahrheit zu, die durch unmittelbare Bewusstseins-Tätigkeit wahrgenommen wird, auch nicht für die Wahrheit des Wissens durch Identität. Unser Sehen mag dabei begrenzt sein. Soweit es aber reicht, ist es authentisch; und Authentizität ist ein erster Schritt zur Absolutheit. Ein Irrtum mag sich an eine unmittelbare oder identische Schau von Dingen durch mentale Beifügung, irrige oder nicht legitime Ausdehnung oder Fehlinterpretation des Mentals anhängen. Das dringt aber nicht in die Substanz ein. Diese authentische oder identische Schau oder Erfahrung der Dinge ist die wahre Natur des Wissens und im Wesen selbst-seiend, auch wenn es in unserem Mental durch sekundäre Gestaltung wiedergegeben wird, die nicht authentisch sondern abgeleitet ist. Die Unwissenheit hat in ihrem Ursprung nicht dieses Selbst-Sein oder diese Authentizität. Sie existiert durch Begrenzung des Wissens, durch sein Fehlen oder dadurch, dass es in einem Schwebezustand gehalten wird. Irrtum kommt durch Abweichen von der Wahrheit. Falschheit entsteht durch Verzerrung der Wahrheit oder durch Widerspruch gegen sie oder durch ihre Verleugnung. Man kann aber nicht ähnlich vom Wissen sagen, es existiere seiner eigentlichen Natur nach durch Begrenzung der Unwissenheit, durch ihr Fehlen oder dadurch, dass man sie im Schwebezustand hält. Es kann zwar im menschlichen Mental zum Teil durch den Prozess einer solchen Begrenzung oder durch einen Schwebezustand hervortreten, dadurch, dass die Finsternis aus einem partiellen Licht zurückweicht. Oder es kann wie Unwissenheit aussehen, die sich dem Wissen zuwendet. Tatsächlich tritt aber das Wissen durch unabhängige Geburt aus unseren Tiefen hervor, wo es sein ursprüngliches Sein hat.

Auch vom Guten und vom Bösen kann man sagen, das eine existiere durch wahres, das andere überlebe nur durch falsches Bewusstsein. Wenn das Bewusstsein unvermischt wahr ist, kann das Gute allein existieren, ist es nicht mehr mit dem Bösen vermischt oder in dessen Anwesenheit geformt. Die menschlichen Werte von Gut und Böse wie die von Wahrheit und Irrtum sind tatsächlich unsicher und relativ: Was man an einem Ort zu einer Zeit für Wahrheit hält, wird an einem anderen Ort oder zu einer anderen Zeit als Irrtum angesehen. Was für gut gehalten wird, betrachtet man anderswo oder zu anderen Zeiten als böse. Auch finden wir, dass das, was wir mit böse bezeichnen, zu guten Ergebnissen, und das, was wir gut nennen, zu bösen Resultaten führt. Dieses unglückliche Ergebnis aber, dass das Gute das Böse hervorbringt, rührt von der Verwirrung und Vermischung von Wissen mit Unwissenheit her. In das wahre Bewusstsein ist falsches Bewusstsein eingedrungen, so dass es zu einer unwissenden oder irrigen Verwendung unseres Guten kommt. Oder das Böse kommt daher, dass sich bösartige Kräfte einmischen. Im umgekehrten Fall, dass das Böse das Gute hervorbringt, kommt das glücklichere und widersprechende Ergebnis dadurch zustande, dass ein wahres Bewusstsein und eine gute Kraft, die im Hintergrund aktiv sind, trotz falschen Bewusstseins und falschen Willens einwirkten. Oder es rührt daher, dass sich Kräfte des Wiedergutmachens einschalteten. Diese Relativität, diese Vermischung, ist eine Begleiterscheinung der menschlichen Mentalität und des Wirkens der Kosmischen Kraft im menschlichen Leben, es ist nicht die fundamentale Wahrheit von Gut und Böse. Man könnte einwenden, das physisch Böse wie der Schmerz und die meisten körperlichen Leiden sei unabhängig von Wissen und Unwissenheit, von richtigem und falschem Bewusstsein; es sei der physischen Natur eingeboren. Grundsätzlich sind aber aller Schmerz und alles Leiden das Ergebnis einer unzureichenden Bewusstseins-Kraft im äußeren Wesen, die es diesem unmöglich macht, in rechter Weise mit dem Selbst und mit der Natur umzugehen, oder es nicht fertigbringen lassen, sich den Kontakten der universalen Energie zu assimilieren oder sie mit sich in Einklang zu bringen. Die Leiden würden nicht existieren, wenn es in uns eine integrale Gegenwart des erleuchteten Bewusstseins und die göttliche Kraft integralen Wesens gäbe. Darum ist die Beziehung zwischen Wahrheit und Falschheit, zwischen Gut und Böse nicht die gegenseitiger Abhängigkeit, vielmehr von der Art eines Widerspruchs wie zwischen Licht und Schatten. Der Schatten hängt vom Licht ab, was seine Existenz betrifft. Aber das Licht ist hinsichtlich seines Daseins nicht vom Schatten abhängig. Die Beziehung zwischen dem Absoluten und diesen Gegensätzen zu einigen seiner fundamentalen Aspekte ist nicht so, dass sie entgegengesetzte fundamentale Aspekte des Absoluten wären: Die Falschheit und das Böse besitzen keinen fundamentalen Charakter, keine Macht der Unendlichkeit oder ewigen Wesens, kein Selbst-Sein, auch nicht dadurch, dass sie im Selbst-Seienden latent vorhanden sind; sie besitzen nicht die Authentizität ursprünglichen Inne-seins im Absoluten.

Zweifellos ist es eine Tatsache, dass der Begriff von Falschheit und Bösem zu einer Möglichkeit wird, sobald sich die Wahrheit oder das Gute manifestieren. Denn wo immer es Bejahung gibt, ist auch Verneinung vorstellbar. Da die Manifestation von Sein, Bewusstsein und Seligkeit die Manifestation von Nicht-Sein, Nichtbewusstheit und Unempfindlichkeit denkbar macht und diese, als denkbar, auch unvermeidlich wurde – denn alle Möglichkeiten drängen so lange zur Aktivität, bis sie sie erlangen -, so geschah es auch bei diesen Gegensätzen zu den Aspekten des Göttlichen Seins. Man mag aufgrund dessen sagen, diese Gegensätze könnten, da sie dem sie manifestierenden Bewusstsein unmittelbar erkennbar gewesen sein müssen, als stillschweigend vorausgesetzte Absolute eingeordnet werden und seien vom ganzen kosmischen Sein unabtrennbar. Zuerst muss aber beachtet werden, dass sie allein in der kosmischen Manifestation möglich werden. Sie können nicht im zeitlosen Wesen präexistent sein, denn sie sind unvereinbar mit Einheit und Seligkeit als dessen Substanz. Auch im Kosmos könnten sie nur dann entstehen, wenn die Wahrheit und das Gute in partielle und relative Formen begrenzt werden, wenn die Einheit von Sein und Bewusstsein in ein separatives Bewusstsein und ein gesondertes Wesen zerbrochen wird. Denn wo Einheit und vollständige Gegenseitigkeit der Bewusstseins-Kraft sogar in der Vielfalt und Verschiedenheit vorhanden sind, dort ist die Wahrheit des Selbst-Erkennens und des gegenseitigen Erkennens automatisch vorhanden und der Irrtum des Nicht-Erkennens des Selbsts und des gegenseitigen Nicht-Erkennens unmöglich. Ebenso kann dort, wo die Wahrheit als ein Ganzes auf der Grundlage eines des Selbsts bewussten Einsseins besteht, keine Falschheit eindringen. Das Böse wird dadurch ferngehalten, dass ein falsches Bewusstsein und ein falscher Wille mit ihrer Dynamisierung von Falschheit und Irrtum ausgeschlossen sind. Sobald aber die Absonderung eindringt, können auch diese Dinge hereinkommen. Aber selbst eine solche Gleichzeitigkeit ist nicht unvermeidlich. Wenn die Gegenseitigkeit stark genug ist, können, auch wenn aktives Empfinden des Einsseins fehlt, Harmonie und Wahrheit noch souverän sein. Das Böse wird dann keine Pforte zum Eindringen finden, wenn die gesonderten Wesen ihre Normen eines begrenzten Wissens nicht überschreiten oder von ihnen abweichen. Es gibt deshalb ebensowenig ein authentisches unvermeidliches kosmisches Gesetz für die Falschheit und für das Böse, wie es eine Absolutheit für sie gibt. Sie sind Umstände oder Ergebnisse, die nur auf einer gewissen Stufe auftreten, wenn die Sonderung auf ihrem Höhepunkt umschlägt in Gegensätzlichkeit und ebenso die Unwissenheit in primitive Unbewusstheit des Wissens und in ein sich daraus ergebendes falsches Bewusstsein und Wissen zusammen mit deren Inhalt von falschem Willen, falschem Fühlen, falschem Handeln und falscher Reaktion. Die Frage ist nun, an welchem kritischen Punkt der kosmischen Manifestation die Gegensätze eindringen. Denn das kann entweder auf einer Stufe zunehmender Involution des Bewusstseins im gesonderten Mental und Leben geschehen oder erst nach dem Sturz in die Nichtbewusstheit. Das führt zu der Frage, ob Falschheit, Irrtum, Unrecht und Böses ursprünglich auf den mentalen und vitalen Ebenen existieren und also dem Mental und Leben eingeboren sind, oder ob sie wesentlich nur der materiellen Manifestation angehören und von dorther Mental und Leben durch die Verfinsterung zugefügt werden, die aus der Nichtbewusstheit entsteht. Man mag auch fragen, ob sie, wenn sie wirklich im supraphysischen Mental und Leben existieren, dort ursprünglich und unvermeidlich sind. Sie könnten ja auch aus der materiellen Manifestation als deren Folge oder als eine supraphysische Ausweitung dort eingedrungen sein. Oder, falls dies unhaltbar ist, könnten sie im universalen Mental und Leben als eine sie ermöglichende supraphysische Bejahung erschienen sein, als eine vorausgehende Notwendigkeit für ihr Hervortreten in dieser Manifestation, oder in natürlicherer Weise zu ihr gehören als unvermeidliches Ergebnis des schöpferischen Nichtbewusstseins.

…wir können den Ursprung von Falschheit, Irrtum, Unrecht und Bösem als Ergebnis des Nichtbewussten beobachten und verstehen, denn wir können sehen, wie sie bei Rückkehr des Nichtbewussten in die Bewusstheit ihre Formung annehmen und dort sogar normal und unvermeidlich zu sein scheinen.

Als erstes tritt die Materie aus dem Nichtbewussten hervor. Es hat den Anschein, dass die Falschheit und das Böse in der Materie nicht existieren können, da beide erst durch ein zerteiltes und unwissendes vordergründiges Bewusstsein und seine Reaktionen geschaffen werden. Dort gibt es keine solche aktive äußere Bewusstseins-Organisation, keine Reaktion in den materiellen Kräften oder Dingen: Was immer dort an verborgenem Bewusstsein innewohnen mag, scheint einheitlich, undifferenziert und stumm zu sein. Träge der Energie, die das Objekt konstituiert, innewohnend und ihr ursprünglich eigen, bewirkt es die Form und erhält sie durch die schweigende in ihr verborgene Idee. Aber sonst ist das Bewusstsein in die Form jener Kraft, die es erschaffen hat, selbst-versunken; es hat keine Verbindung nach außen und drückt sich nicht aus. Selbst wenn es sich, gemäß der Form der Materie, in eine entsprechende Form von Selbst-Seiendem differenziert, rupam rupam pratirupo babhuva (Katha Upanishad, V.9), gibt es dort keine psychische Organisation, kein System von bewussten Aktionen und Reaktionen. Materielle Gegenstände üben nur durch Kontakt mit bewussten Wesen Mächte und Einflüsse aus, die man gut oder böse nennen kann. Aber das Gute oder Böse wird je nachdem bestimmt, wie das von ihnen beeinflusste Wesen diesen Kontakt als Hilfe oder Schädigung, als Wohltat oder als Verletzung empfindet. Diese Werte gehören nicht dem materiellen Gegenstand an, sondern einer Kraft, die ihn verwendet; oder sie werden von dem Bewusstsein erschaffen, das mit ihm in Kontakt kommt. Das Feuer erwärmt einen Menschen, oder es verbrennt ihn. Das hängt davon ab, ob er unfreiwillig auf es stößt oder ob er es freiwillig gebraucht. Eine Heilpflanze hilft, eine giftige Pflanze tötet. Die Bewertung als gut oder böse wird von dem getroffen, der sie verwendet. Dabei ist zu beachten, dass ein Gift sowohl heilen wie töten, eine Medizin ebenso gut töten oder schaden wie heilen oder wohltun kann. Die Welt der reinen Materie ist neutral, unverantwortlich. Die Werturteile, auf die das menschliche Wesen drängt, existieren nicht in der materiellen Natur: Wie die höhere Natur jenseits von Gut und Böse, so liegt diese niedere Natur unterhalb davon. Die Frage mag einen anderen Aspekt annehmen, wenn wir hinter die physische Erkenntnis zurücktreten und die Ergebnisse okkulter Forschung akzeptieren, denn man sagt uns, es gebe hier bewusste Einflüsse, die sich an die Gegenstände haften, und diese könnten gut oder böse sein. Man kann aber immer noch der Auffassung sein, das beeinflusse nicht die Neutralität des Gegenstandes, der nicht aufgrund eines individuellen Bewusstseins handle, sondern so, wie er für gut oder böse oder für beides verendet wird: Der Dualismus von Gut und Böse ist dem materiellen Prinzip nicht ursprünglich eigen, er fehlt in der Welt der Materie.

Der Dualismus beginnt mit dem bewussten Leben und tritt mit der Entwicklung des Mentals im Leben voll hervor. Das vitale Mental, das Mental des Verlangens und der Sinnesempfindungen, ist der Schöpfer des Empfindens und der Tatsache des Bösen. Überdies ist im Tierleben die Tatsache des Bösen vorhanden: das übel des Leidens und die Empfindung von Leiden, das Böse von Gewalt, Grausamkeit, Kampf und Täuschung. Doch fehlt das Empfinden für das moralisch Böse. Im Tierleben gibt es keinen Dualismus von Sünde und Tugend. Alle Betätigung ist neutral und für die Erhaltung des Lebens, für seinen Unterhalt, für die Befriedigung der Lebens-Instinkte zulässig. Die Empfindungswerte von gut und böse sind Eigenheiten von Schmerz und Lust, von vitaler Befriedigung und vitaler Enttäuschung. Die mentale Idee jedoch, die moralische Reaktion des Mentals auf diese Werte, sind eine Schöpfung des menschlichen Wesens. Daraus ergibt sich nicht, wie man allzu rasch folgern könnte, diese Werte seien nicht wirklich, sondern nur mentale Konstruktionen. Die einzig wahre Art, die Aktualitäten der Natur zu empfangen, sei neutrale Gleichgültigkeit oder gelassenes Akzeptieren, oder man gebe intellektuell zu, alles, was die Natur tue, sei ein göttliches oder natürliches Gesetz, in dem alles unparteiisch annehmbar sei. Das ist in der Tat auch die eine Seite der Wahrheit. Es gibt eine infrarationale Wahrheit von Leben und Materie, die unparteiisch und neutral ist, die alle Dinge als Tatsachen der Natur und als dienlich für Schöpfung, Erhaltung und Zerstörung des Lebens anerkennt, als drei notwendige Vorgänge der universalen Energie, die im Zusammenhang unentbehrlich sind und jeder an seinem Ort von gleichem Wert ist. Es gibt auch eine Wahrheit der unabhängigen Vernunft, die alles, was so von der Natur zugelassen wird, als ihren Verfahrensweisen in Leben und Materie dienlich, und alles, was ist, mit unbewegter Neutralität und Annahmebereitschaft betrachtet. Das ist eine Philosophie und wissenschaftliche Vernunft, die nur als Zeuge beobachtet und zu verstehen sucht, es aber für zwecklos hält, sich als Richter über die Aktivitäten der kosmischen Energie aufzuspielen. Auch gibt es eine suprarationale Wahrheit, die sich in spiritueller Erfahrung ausdrückt, die das Spiel der universalen Möglichkeit beobachten, alles unparteiisch als wahre und natürliche Erscheinungen und Ergebnisse einer Welt der Unwissenheit und Nichtbewusstheit akzeptieren oder als Teil des göttlichen Wirkens ruhig und mitleidend annehmen kann. Diese Einstellung wartet auf das Erwachen eines höheren Bewusstseins und Wissens als den einzigen Ausweg aus dem, was als das Böse auftritt, ist aber zu Hilfe und Eingreifen bereit, wo das nützlich und möglich ist. Nichtsdestoweniger gibt es auch jene andere mittlere Wahrheit des Bewusstseins, die uns erweckt für die Werte von gut und böse und dafür, dass wir ihre Notwendigkeit und Bedeutung anerkennen. Dieses Erwachen ist einer der unentbehrlichen Schritte im Prozess der evolutionären Natur, was auch immer die Sanktion oder die Gültigkeit seiner speziellen Beurteilungen sein mag.

Woraus entsteht dieses Erwachen? Was verursacht im menschlichen Wesen den Sinn für gut und böse und gibt ihm seine Macht und seinen Ort? Wenn wir nur den Vorgang betrachten, könnten wir zugeben, es sei das vitale Mental, das diese Unterscheidung trifft. Seine erste Bewertung ist durch die Sinne bedingt und individuell: Alles, was für das Lebens-Ich erfreulich, hilfreich, wohltuend ist, gilt als gut; alles Unerfreuliche, Bösartige, Schädliche, Destruktive ist übel. Seine nächste Bewertung ist utilitaristisch und sozial: Alles, was für das gesellschaftliche Leben als hilfreich angesehen wird, alles, was dieses vom Individuum fordert, damit es in der Gemeinschaft bleibt, um für beste Erhaltung, Befriedigung, Entwicklung, rechte Ordnung des gesellschaftlichen Lebens und seiner Glieder zu sorgen, ist gut. Was in den Augen der Gesellschaft eine gegenteilige Wirkung oder Tendenz hat, gilt als böse. Nun kommt aber das denkende Mental mit einer eigenen Bewertung hinzu und ringt darum, eine intellektuelle Basis zu finden, die Idee eines rationalen oder kosmischen Gesetzes oder Prinzips, vielleicht ein karmisches Gesetz oder ein auf der Vernunft oder auf der Grundlage der Ästhetik, der Gefühle oder des Glücksstrebens errichtetes ethisches System. Die Religion bringt ihre Sanktionen hinzu. Es gibt ein Wort oder ein Gesetz Gottes, das Gerechtigkeit verlangt, auch wenn die Natur das Gegenteil zulässt oder dazu anregt, – oder vielleicht sind Wahrheit und Gerechtigkeit selbst Gott, und es gibt kein anderes Göttliches Wesen? Aber hinter dieser erzwungenen praktischen oder rationalen Durchsetzung des menschlichen ethischen Instinkts steht ein Gefühl, dass es etwas Tieferes gibt: Alle diese Maßstäbe sind entweder zu eng oder zu starr oder zu kompliziert und verworren, zu ungewiss, der Veränderung durch mentalen oder vitalen Wandel und durch Evolution unterworfen. Dennoch fühlt man, es gibt eine tiefere, bleibende Wahrheit und etwas in uns, das die Intuition dieser Wahrheit haben kann, – mit anderen Worten, die wirkliche Sanktion ist etwas Innerliches, Spirituelles, Seelisches. Die traditionelle Bezeichnung für diesen inneren Zeugen ist Gewissen, eine halb-mentale und halbintuitive Macht des Erkennens in unserem Innern. Aber das ist etwas Oberflächliches, Konstruiertes, Unzuverlässiges. Gewiss gibt es einen tieferen spirituellen Sinn in unserem Innern, das Unterscheidungsvermögen der Seele, ein unserer Natur eingeborenes Licht, das nicht so leicht aktiv wird und eher durch vordergründige Elemente verkleidet ist.

Was ist dieser spirituelle oder seelische Zeuge und was bedeutet für ihn der Wert des Empfindens von gut und böse? Man mag betonen, ein Vorteil dieses Empfindens von Sünde und Bösem sei, dass der Mensch, das verkörperte Wesen, des Charakters dieser Welt der Nichtbewusstheit und Unwissenheit bewusst werden könne und zu einer Erkenntnis des Bösen und des Leidens in ihr erwache, dass das Gute und das Glück in ihr nur relativer Art sei und dass er sich von der Welt abwenden soll hin zu dem, was absolut ist. Der spirituelle Wert des Gewissens mag auch darin liegen, dass es die Natur des Menschen reinigt, damit er dem Guten nachstrebt und das Böse verneint, bis er aufbereitet ist, das höchste Gute zu erkennen, sich von der Welt weg und ganz Gott zuzuwenden. Oder das Gewissen mag im Sinn des ethischen Drängens des Buddhismus dazu dienen, die Auflösung des unwissenden Ego-Komplexes und den Weg aus der Personalität und dem Leiden heraus vorzubereiten. Es mag aber auch sein, dass dieses Erwachen eine spirituelle Notwendigkeit der Evolution selbst ist, ein Schritt dorthin, dass das Individuum aus der Unwissenheit in die Wahrheit der göttlichen Einheit und in die Entwicklung göttlichen Bewusstseins und göttlichen Wesens wächst. Denn etwas viel Höheres als das Mental oder das Leben, die sich sowohl zum Guten wie zum Bösen hinwenden können, ist die Seelen-Personalität, das psychische Wesen, das nachdrücklich auf der Unterscheidung zwischen beiden besteht, wenn auch in einem umfassenderen Sinn als nur dem eines moralischen Unterschieds. Die Seele in unserem Inneren wendet sich immer zur Wahrheit, zum Guten und zur Schönheit, da sie allein durch diese Dinge an Größe gewinnt. Alles Übrige, alles dem Entgegengesetzte, ist notwendiger Teil der Erfahrung. Man muss durch die spirituelle Mehrung des Wesens über sie emporwachsen. Die fundamentale seelische Wesenheit in uns genießt die tiefe Freude am Leben und an aller Erfahrung als einen Teil der fortschreitenden Manifestation des Geistes. Das wahre Prinzip ihrer tiefen Lebensfreude ist aber, dass sie aus allen Kontakten und Ereignissen deren geheimen göttlichen Sinn und ihre Essenz, ihre göttliche Verwendung und Absicht sammelt, so dass unser Mental und unser Leben durch solche Erfahrung aus der Nichtbewusstsein zu einem höchsten Bewusstsein emporwachsen kann, aus den Zerteilungen der Unwissenheit zu einem integral-einenden Bewusstsein und Wissen. Dafür ist die menschliche Seele da. Von einem Lebensablauf zum anderen verfolgt sie ihre immer wachsende Tendenz und ihr Drängen nach oben: Das Wachsen der Seele ist ein Wachsen aus der Finsternis in das Licht, aus der Falschheit in die Wahrheit, aus dem Leiden in ihr eigenes höchstes und universales Ananda. Das Verständnis der Seele für das, was gut und böse ist, kann nicht mit den künstlichen Maßstäben des Mentals übereinstimmen. Sie hat ein tieferes Empfinden, eine sichere Unterscheidung dessen, was auf das höhere Licht hinweist. Es ist wahr, ebenso wie das niedere Licht unterhalb von gut und böse, so ist auch das höhere Licht jenseits von gut und böse. Das gilt aber nicht in dem Sinn, dass man alle Dinge unparteiisch billigt oder in gleicher Weise den Impulsen des Guten wie des Bösen gehorcht. Vielmehr bedeutet es, dass ein höheres Gesetz des Wesens eingreift, in dem es keinen Platz und keine Verwendung mehr für diese Werte gibt. Es existiert ein im Selbst gegründetes Gesetz erhabener Wahrheit, das über allen unseren Maßstäben steht. Es gibt ein höchstes und universales Gutes, das ursprünglich, innerlich wahr, selbst-seiend, selbst-bewusst ist, vom Selbst motiviert und bestimmt wird und das unendlich formbar ist durch die reine Formbarkeit des erleuchteten Bewusstseins des höchsten Unendlichen.

Wenn also das Böse und die Luge natürliche Produkte des Nichtbewussten und automatisches Ergebnis der Evolution von Leben und Mental aus ihm im Prozess der Unwissenheit sind, müssen wir sehen, wie sie entstehen, wovon sie für ihr Dasein abhängig sind und welches Mittel es gibt, sie zu überwinden oder ihnen zu entkommen. Der Vorgang, wie diese Phänomene ins Dasein eintreten, ist erkennbar beim Her vortreten des mentalen und vitalen Bewusstseins aus der Nichtbewusstheit in den Vordergrund. Hier gibt es zwei bestimmende Faktoren, und sie sind die bewirkende Ursache für das gleichzeitige Hervortreten von Falschheit und Bösem. Zunächst gibt es ein zugrunde liegendes, ein noch verborgenes Bewusstsein und die Macht eines ursprünglichen Wissens. Und es gibt auch die darüber liegende Schicht dessen, das man einen noch unbestimmten oder noch schlecht ausgeformten Stoff des vitalen oder physischen Bewusstseins nennen könnte. Durch dieses obskure, schwierige Medium muss sich die hervortretende Mentalität ihren Weg erzwingen und durch konstruiertes, nicht mehr innewohnendes Wissen seiner Herr werden, da dieser Stoff immer noch voll von Unwissenheit und schwer beladen mit dem Nichtbewussten der Materie und in dieses eingehüllt ist. Als nächstes findet das Emportauchen einer gesonderten Form von Leben statt, die sich gegen ein Prinzip der unbelebten materiellen Trägheit und gegen das ständige Herabziehen dieser materiellen Trägheit durchzusetzen hat, von ihr aufgelöst zu werden und wieder in die ursprüngliche unbelebte Nichtbewusstheit zurückzufallen. Diese gesonderte Lebens-Gestalt muss sich auch gegen eine Außenwelt behaupten und wird dabei durch ein begrenztes Prinzip von Zusammenschluss unterstützt. Diese Außenwelt ist, wenn nicht überhaupt gegen ihr Dasein feindlich, so doch voller Gefahren, über die sie Herr werden, sich einen Lebensraum erobern und dazu kommen muss, sich auszudrücken, sich auszubreiten, wenn sie überleben will. Das Ergebnis des Hervortretens von Bewusstsein unter diesen Bedingungen ist das Entstehen eines sich selbst behauptenden vitalen und physischen Individuums, eine Konstruktion der Natur von Leben und Materie, mit einem verborgenen seelischen oder spirituellen Individuum dahinter, für das die Natur dieses Mittel erschafft, damit es sich ausdrücken kann. In dem Maß, wie die Mentalität wächst, nimmt dieses vitale und materielle Individuum die entwickeltere Gestalt eines sich auf die Dauer behauptenden mentalen, vitalen und physischen Egos an. Unser vordergründiges Bewusstsein und der Typus unseres Daseins, unser natürliches Wesen, hat seinen gegenwärtigen Charakter unter dem Zwang dieser beiden anfänglichen und grundlegenden Tatsachen des evolutionären Hervortretens entwickelt.

Bei seinem ersten Erscheinen gleicht das Bewusstsein einem Wunder, einer Macht, die der Materie fremd ist und sich auf unerklärliche Weise in einer Welt nichtbewusster Natur manifestiert und langsam, unter Schwierigkeiten wächst. Wissen wird erworben, sozusagen aus dem Nichts erschaffen, es wird erlernt, vermehrt, von einem kurzlebigen unwissenden Geschöpf angesammelt, dem es bei der Geburt völlig fehlt oder nicht als Wissen, sondern in der Form ererbter Befähigung vorhanden ist, die der Entwicklungsstufe dieser langsam lernenden Unwissenheit entspricht. Man könnte vermuten, Bewusstsein ist nur die ursprüngliche Nichtbewusstheit, die mechanisch die Tatsachen des Daseins als Bericht in den Gehirnzellen speichert, wobei dann ein Reflex oder eine Reaktion in den Zellen automatisch den Bericht liest und die Antwort diktiert. Bericht, Reflex und Reaktion sollten also zusammen das konstituieren, was ein Bewusstsein zu sein scheint. Das ist aber offensichtlich nicht die ganze Wahrheit. Das mag wohl die Beobachtung und ein mechanisches Handeln erklären, – obwohl nicht klar ist, wie ein unbewusster Bericht und eine Antwort darauf sich in eine bewusste Beobachtung, in ein bewusstes Empfinden der Dinge und in ein Empfinden des Selbsts umwandeln können. Das ist keine glaubwürdige Erklärung für Ideenbildung, Fantasie, Spekulation, für das freie Spiel des Intellekts mit diesem beobachteten Material. Die Evolution von Bewusstsein und Wissen kann nicht erklärt werden, wenn es nicht schon ein verborgenes Bewusstsein in den Dingen gibt, das mit den ihm innewohnenden, angeborenen Mächten allmählich immer mehr hervortritt. Ferner zwingen uns die Tatsachen des Tierlebens und die Wirkensweise des im Leben hervortretenden Mentals zu dem Schluss, dass es in diesem verborgenen Bewusstsein ein zugrunde liegendes Wissen oder eine Macht von Wissen gibt, die durch den Zwang der Lebens-Kontakte mit der Umgebung an die Oberfläche kommt.

Das individuelle Tierwesen muss sich anfänglich bei seiner bewussten Selbst-Behauptung auf zwei Quellen von Erkennen stützen. Da es nichtwissend und hilflos ist, nur ein kleines Gebilde von unorientiertem oberflächlichen Bewusstsein in einer ihm unbekannten Welt, schickt die verborgene Bewusstseins-Kraft nur ein Minimum an Intuition an diese Oberfläche, das ihm zur Erhaltung seiner Existenz und zur Durchführung seiner Maßnahmen für Leben und überleben notwendig ist. Das Tier ist nicht Besitzer dieser Intuition, sondern diese besitzt und bewegt es. Sie ist etwas, das sich von selbst im Kern seiner vitalen und physischen Bewusstseins-Substanz unter dem Druck einer Not und für den notwendigen Anlass offenbart. Zugleich sammelt sich aber ein Ergebnis dieser Intuition im äußeren Wesen und nimmt die Form eines automatischen Instinkts an, der stets wirksam wird, wenn die Gelegenheit für ihn wiederkehrt. Dieser Instinkt gehört zur Rasse und wird ihren individuellen Gliedern bei der Geburt mitgegeben. Die Intuition ist, wenn immer sie kommt oder wiederkommt, ohne Irrtum. Der Instinkt ist normalerweise automatisch korrekt. Er kann sich aber irren, denn ihm unterlaufen dann Fehler oder Missgriffe, wenn sich das vordergründige Bewusstsein oder eine schlecht entwickelte Intelligenz einmischen oder wenn er mechanisch weiterwirkt, obwohl infolge veränderter Umstände das Bedürfnis oder die notwendigen Voraussetzungen nicht mehr vorhanden sind. Die zweite Quelle der Erkenntnis ist der vordergründige Kontakt mit der Welt außerhalb des natürlichen individuellen Wesens. Dieser Kontakt ist die Ursache, zuerst einer bewussten Empfindung und Sinneswahrnehmung, dann von Intelligenz. Gäbe es aber jenes grundlegende Bewusstsein nicht, würde der Kontakt keine Wahrnehmung und Reaktion hervorrufen. Dieser Kontakt stimuliert zum Fühlen und zu einer oberflächlichen Reaktion das Subliminal eines schon durch das unterbewusste Lebens-Prinzip vitalisierten Wesens, seine ersten Bedürfnisse und sein anfängliches Suchen, so dass sich äußere Bewusstheit bildet und entwickelt. Ursprünglich ist das Hervortreten eines oberflächlichen Bewusstseins durch die Kraft der Lebens-Kontakte der Tatsache zu verdanken, dass in beiden, im Subjekt und im Objekt des Kontakts, bereits eine Bewusstseins-Kraft in subliminaler Verborgenheit existiert. Sobald das Lebensprinzip bereit und im Subjekt reizempfindlich geworden ist, tritt der Empfänger des Kontakts, das subliminale Bewusstsein, mit einer Antwort auf den stimulierenden Kontakt hervor. Damit beginnt ein vitales oder Lebens-Mental, sich zu konstituieren, das Mental des Tieres, und dann, im Lauf der Evolution, eine denkende Intelligenz. Das verborgene Bewusstsein wird nun vordergründig wiedergegeben in äußerer Empfindung und Wahrnehmung, die geheime Kraft in einem äußeren Impuls.

Würde das zugrunde liegende subliminale Bewusstsein selbst nach außen hervortreten, käme es zu einem unmittelbaren zusammentreffen zwischen dem Bewusstsein des Subjekts und den Inhalten des Objekts. Das Ergebnis wäre unmittelbares Wissen. Das ist aber nicht möglich, erstens wegen des Vetos oder des Widerstandes der Nichtbewusstheit, und zweitens, weil es die evolutionäre Absicht ist, sich langsam, durch unvollkommene, aber wachsende vordergründige Bewusstheit hindurch, zu entwickeln. Darum muss sich die verborgene Bewusstseins-Kraft zu unvollkommenen Wiedergaben an der Oberfläche in vitaler und mentaler Vibration und Wirkensweise einschränken und ist durch das Fehlen, das Zurückhalten oder die Unzulänglichkeit der direkten Bewusstheit gezwungen, Organe und Instinkte für eine indirekte Erkenntnis zu entwickeln. Dieses Erschaffen einer äußeren Erkenntnis und Intelligenz findet in einer schon vorbereiteten unbestimmten bewussten Struktur statt; das ist die früheste Gestaltung an der Außenseite. Zuerst ist diese Struktur nur eine minimale Gestaltung von Bewusstsein mit einer vagen sinnenhaften Wahrnehmung und einem Reaktions-Impuls. Je mehr organisierte Formen von Leben erscheinen, desto mehr wächst dieses in ein Lebens-Mental und eine vitale Intelligenz, die am Anfang weithin mechanisch und automatisch und nur an der Befriedigung praktischer Bedürfnisse, Begehren und Impulse interessiert ist. Diese ganze Aktivität ist anfangs intuitiv und instinktiv. Das ihnen zugrundeliegende Bewusstsein wird im Oberflächen-Substrat in automatische Bewegungen des bewussten Stoffes von Leben und Körper umgewandelt. Sobald Mental-Bewegungen auftreten, werden sie in diese Automatismen involviert. Sie erscheinen als untergeordnete mentale Kenntnisnahme innerhalb einer vorherrschenden vitalen Sinnen-Erfahrung. Allmählich beginnt aber das Mental mit seiner Aufgabe, sich freizumachen. Es arbeitet noch für den Lebens-Instinkt, für die Lebens-Bedürfnisse und für das Lebens-Begehren. Aber seine eigenen besonderen Charakterzüge treten hervor: Beobachtung, Erfindung, Planung, Absicht, Zweckerfüllung, während die Sinnesempfindungen und Impulse sich durch das hinzugewonnene Gefühl zu ihrer rohen vitalen Reaktion eine subtilere, feinere, gefühlsbetonte Motivierung und Wertung erwerben. Das Mental ist noch stark in das Leben involviert. Seine höchsten, rein mentalen Wirkensweisen treten noch nicht in Erscheinung. Es akzeptiert den umfassenden Hintergrund von Instinkt und vitaler Intuition als seine Stütze. Die entwickelte Intelligenz ist ein hinzugefügter Überbau, sie wächst in dem Maße, wie die Lebens-Skala des Tieres emporsteigt.

Wenn sich die menschliche Intelligenz der Basis des Tieres hinzufügt, bleibt diese Grundlage immer noch gegenwärtig und weiter aktiv. Sie wird aber durch den bewussten Willen und die bewusste Absicht weithin verwandelt, verfeinert und emporgehoben. Das automatische Leben von Instinkt und vitaler Intuition nimmt ab und kann seine ursprünglich vorherrschende übermacht gegenüber der des Selbsts bewussten mentalen Intelligenz nicht wahren. Intuition wird weniger rein intuitiv. Selbst wenn noch eine starke vitale Intuition da ist, wird ihr vitaler Charakter durch Mentalisierung verborgen. Mentale Intuition ist sehr oft eine Mischung, nicht rein, denn es ist ein Zusatz beigefügt, um sie mental geläufig und verwendungsfähig zu machen. Auch im Tier kann das äußere Bewusstsein sich der Intuition widersetzen oder sie verändern. Da es aber schwächer ausgerüstet ist, wirkt es weniger störend auf die automatische, mechanische oder instinktive Aktion der Natur ein. Sobald im mentalen Menschen die Intuition in den Vordergrund drängt, wird sie, schon bevor sie ihn erreicht, abgefangen und in Begriffe der Mental-Intelligenz übertragen, denen noch eine Glosse oder mentale Interpretation beigefügt wird, die den Ursprung der Erkenntnis verbirgt. Auch der Instinkt wird seines intuitiven Charakters dadurch beraubt, dass er so manipuliert und mentalisiert wird. Durch diese Umwandlung wird er unsicherer, wenn er auch durch die formbare Macht der Intelligenz, die sich den Dingen und die Dinge sich selbst anzupassen versteht, mehr unterstützt, wenn nicht sogar ersetzt wird. Das Hervortreten des Mentals im Leben führt zu einer außerordentlichen Ausweitung des Bereiches und der Fähigkeit der sich entwickelnden Bewusstseins-Kraft. Das bringt aber auch eine außerordentliche Vermehrung des Bereiches des Irrtums und der Fähigkeit dazu mit sich. Denn das sich entwickelnde Mental zieht ständig den Irrtum als seinen Schatten hinter sich her, einen Schatten, der mit dem wachsenden Umfang von Bewusstsein und Wissen zunimmt.