Kapitel 4

Das Opfer, der Dreieinige Pfad und der Herr des Opfers

Das Gesetz des Opfers ist die alles einende Aktion des Göttlichen Wesens, das als ein Symbol für die Solidarität des Universums der Welt an ihrem Anfang auferlegt wurde. Durch die Anziehungskraft dieses Gesetzes kommt eine vergöttlichende rettende Macht hernieder, um die Irrtümer einer egoistischen, in sich selbst zerteilten Schöpfung zu beschränken, zu berichtigen und allmählich zu überwinden. Dieses Herniederkommen, dieses Opfer des Purusha, der Göttlichen Seele, die sich der Kraft und der Materie unterwirft, um diese von innen her zu formen und zu erleuchten, ist die Saat der Erlösung dieser Welt aus Nichtbewusstheit und Unwissenheit. Die Gita sagt: „Mit dem Opfer als ihrem Begleiter hat der All-Vater diese Völker erschaffen.“ Indem das Ego das Gesetz des Opfers akzeptiert, erkennt es praktisch an, dass es weder allein in der Welt, noch dass es ihr Herrscher ist. Dadurch gesteht es ein, dass gerade in diesem so sehr gebrochenen Dasein, jenseits von ihm und hinter ihm, jenes existiert, das nicht seine eigene egoistische Person ist, etwas Größeres und Vollkommeneres, ein göttliches All, das von ihm Unterordnung und Dienst verlangt. In Wirklichkeit wird das Opfer seitens der universalen Weltkraft auferlegt und, wenn nötig, erzwungen. Sie verlangt es selbst von denen, die dieses Gesetz nicht bewusst anerkennen. Das ist zwangsläufig so, weil das die wahre Natur der Dinge ist. Unsere Unwissenheit oder unsere falsche egoistische Lebensanschauung können diese ewige grundlegende Wahrheit der Natur nicht ändern. Das ist die Wahrheit in der Natur, dass dieses Ego, das sich für ein abgesondertes unabhängiges Wesen hält und den Anspruch erhebt, es könne für sich selbst leben, gar nicht unabhängig oder abgesondert ist oder sein kann. Es kann auch gar nicht für sich allein leben, selbst wenn es wollte. Vielmehr sind alle Wesen durch ein geheimes Einssein miteinander verbunden. Jedes Wesen gibt ständig notwendigerweise etwas aus seinem Vorrat her. Dauernd fließt ein Strom von ihm zu seiner Umwelt aus dem, was sein Mental aus der Natur bekommt oder aus ihren vitalen oder physischen Beständen, Erwerbungen und Vorräten entnimmt. Immer bekommt es dann aus seiner Umwelt wieder eine Gegengabe für seinen freiwilligen oder unfreiwilligen Tribut. Nur durch dieses Geben und Nehmen können wir unser eigenes Wachstum bewirken. Das vermehrt zugleich die Summe der Kräfte im All. Schließlich lernen wir, wenn zunächst auch nur langsam und unvollständig, das bewusste Opfer darzubringen. Wir empfinden sogar Freude daran, uns selbst und das, was wir als unser Eigentum ansehen, in einem Geist der Liebe und Verehrung an jenes Wesen hinzugeben, das uns im Augenblick noch als der Andere, als unser Gegenüber, erscheint und sicherlich etwas anderes ist als unsere beschränkte Persönlichkeit. So wird das Opfer und die göttliche Gegengabe für unser Opfer zu einem mit Freude angewandten Mittel zu unserer höchsten Vervollkommnung. Wir erkennen nun in ihm den Weg, wie wir in uns den ewigen Sinn und Zweck erfüllen.

Zumeist leistet man das Opfer aber unbewusst, egoistisch, ohne Kenntnis oder Anerkennung der wahren Bedeutung dieses großen Welt-Ritus. Auf diese Weise vollzieht es die große Mehrheit der irdischen Geschöpfe. Solange es so dargebracht wird, zieht der einzelne aus ihm nur ein mechanisches Minimum des natürlichen, unvermeidlichen Nutzens. Er erzielt dadurch nur langsamen Fortschritt, der durch die Enge und das Leiden seines Egos begrenzt und qualvoll wird. Erst wenn das Herz, der Wille und das Mental mit diesem Gesetz völlig einswerden und es froh befolgen, kann das zu tiefer Freude am göttlichen Opfer führen und das Opfer gute Früchte tragen lassen. Die mentale Kenntnis dieses Gesetzes und die Freude des Herzens an ihm steigern sich am höchsten, wenn wir erkennen, dass wir damit unserem eigenen Selbst und Geist und dem einen Selbst und Geist aller opfern. Das ist sogar dann wahr, wenn unsere Selbst-Darbringung noch an unsere Mitgeschöpfe oder an die niedrigeren Mächte und Prinzipien geschieht und noch nicht an den Erhabenen. Yajnavalkya sagt in der Upanishad: „Die Gattin ist uns nicht als die Gattin um ihretwillen lieb, sondern wegen des Selbstes in ihr.“ Das ist schon in dem niederen Empfinden des individuellen Egos die feststehende Tatsache hinter den farbigen, leidenschaftlichen Beteuerungen einer egoistischen Liebe. In einem höheren Sinne hat auch diese Liebe eine innere Bedeutung, die nicht egoistisch sondern göttlich ist. Alle wahre Liebe und alles Opfern sind ihrem Wesen nach ein Widerspruch der Natur gegen den Ur-Egoismus und seinen sich absondernden Irrtum. Sie versucht dadurch, uns von einer am Anfang notwendigen Abgesondertheit im Einzelwesen zu einem wiedergewonnenen Einssein hinzuführen. Seinem Wesen nach ist alles Einssein zwischen den Geschöpfen ein Finden des Selbst, eine Verschmelzung mit dem, wovon wir uns abgesondert haben, und eine Entdeckung des eigenen Selbst in den anderen.

Jedoch kann göttliche Liebe und Einheit nur im Licht besitzen, was die menschlichen Formen dieser Dinge in der Finsternis suchen. Denn wahre Einheit ist nicht nur Vereinigung und Anhäufung wie bei physischen Zellen, die durch gemeinsame Lebensinteressen miteinander verbunden sind. Sie ist auch nicht ein gegenseitiges gefühlsmäßiges Verstehen, eine Sympathie, eine Solidarität oder ein enger Zusammenschluss. Wir sind nur dann wirklich mit denen geeint, die von uns durch die Zerteilungen der Natur abgesondert sind, wenn wir die Trennung aufheben und uns in Jenem zusammenfinden, das uns bisher als unser Nicht-Ich erschienen ist. Der Zusammenschluss in einer Assoziation ist eine vitale und physische Vereinigung. Ihr Opfer besteht in gegenseitigen Hilfen und Zugeständnissen. Das Gefühl des Naheseins, Sympathie und Solidarität erzeugen eine mentale, moralische und empfindungsmäßige Einung. Bei ihnen handelt es sich um ein Opfer in Form von gegenseitiger Förderung und Beschenkung. Wahres Einssein ist dagegen etwas Spirituelles. Sein Opfer ist eine gegenseitige Selbsthingabe, eine Verschmelzung unserer inneren Substanz. Das Gesetz des Opfers bewegt sich in der Natur hin zu seinem Höhepunkt in dieser vollkommenen und rückhaltlosen Selbsthingabe. Es erweckt das Bewusstsein, dass es sich beim Darbringer und beim Empfänger des Opfers um ein einziges gemeinsames Selbst handelt. Diese höchste Form des Opfers ist ebenso die höchste Vollkommenheit der menschlichen Liebe und Hingabe, wenn sie göttlich zu werden trachtet. Denn auch hier ragt der höchste Gipfel der Liebe in einen Himmel vollendeter gegenseitiger Selbstdarbringung. Ihre absolute Höhe ist es, wenn zwei Seelen entzückt in eine einzige verschmelzen.

Die tiefere Auffassung dieses weltweiten Gesetzes liegt der Lehre der Gita über das richtige Wirken zugrunde. Das Herzstück ihrer Lehre ist die spirituelle Vereinigung mit dem Höchsten durch Opfer, rückhaltlose Selbsthingabe an den Ewigen. Nach der vulgären Auffassung ist das Opfer eine peinvolle Selbst-Aufopferung, eine strenge Selbst- Abtötung, ein schwieriges Auslöschen des eigenen Egos. Diese Art Opfer kann sogar bis zu Selbstverstümmelung und Selbstquälerei führen. Im harten Bemühen des Menschen, über sein natürliches Ego hinauszukommen, mag das zeitweilig notwendig sein. Wenn der Egoismus in unserer Natur noch heftig und hartnäckig ist, müssen wir ihm manchmal mit der Reaktion einer strengen Unterdrückung im Inneren und dem Gegengewicht der Gewalt begegnen. Die Gita widerrät aber, gegen sich selbst ein Übermaß von Gewalt anzuwenden. Denn das Selbst in unserem Inneren ist in Wirklichkeit die Gottheit, die sich in uns entfaltet, das ist Krishna, das Göttliche. Man darf es nicht in Verwirrung bringen und quälen, wie die Titanen der Welt ihm Leiden und Qualen zufügen. Vielmehr soll es immer mehr gepflegt, freundlich behandelt und in erleuchteter Weise für das Licht, die Kraft, Freude und Weite des Göttlichen Wesens geöffnet werden. Wir haben nicht unser eigenes Selbst, vielmehr die Schar der inneren Feinde unseres Geistes zu unterdrücken. Diese sollen wir austreiben und auf dem Altar unseres wachsenden Geistes opfern. Man kann jene Feinde erbarmungslos ausmerzen. Ihre Namen sind: Begehren, Zorn, unausgeglichenes Wesen, Gier, Gebundenheit an äußere Vergnügungen und Leiden — diese ganze Horde anmaßender Dämonen, die unserer Seele Irrungen und Leiden verursachen. Man darf diese Mächte nicht als einen Teil des eigenen Wesens ansehen, sondern als Eindringlinge und Verfälscher der wahren göttlichen Natur unseres Selbst. Man muss sie im strengeren Sinne des Wortes hinopfern, auch wenn sie bei ihrem Austritt aus dem Bewusstsein des Suchenden eine noch so schmerzvolle Rückwirkung auf ihn ausüben mögen.

Das wahre Wesen des Opfers ist aber nicht diese vernichtende Selbst- Hinopferung, sondern die Selbst-Hingabe. Sein Ziel ist nicht die Austilgung des eigenen Selbstes, sondern dessen Erfüllung. Seine Methode ist nicht die Selbst-Abtötung, sondern ein größeres Leben, nicht die Selbst-Verstümmlung, sondern eine Transformation unserer natürlichen menschlichen Seiten in solche göttlichen Wesens. Wir sollen uns nicht selbst quälen, wir sollen aus einer niederen Selbst-Genügsamkeit zu einem höheren Ananda weitergehen. Am Anfang bereitet dem noch rohen oder verworrenen Teil unserer Oberflächennatur ein einziges Opfer besondere Schmerzen. Das ist die unentbehrliche Disziplin, die verlangt wird, und die notwendige Entsagung, damit das unvollkommene Ego untergeht. Dafür kann es aber einen raschen, großartigen Ausgleich geben, in dem wir eine wirklich höhere oder letzte Vollkommenheit entdecken: in den anderen, in allen Dingen, in der kosmischen Einheit, in der Freiheit des transzendentalen Selbstes und Geistes, im Entzücken bei der Berührung mit dem Göttlichen. Unser Opfern ist kein Weggeben ohne Gegengabe oder ohne fruchtbringende Annahme von der anderen Seite. Es ist ein Austausch zwischen der verkörperten Seele und der bewussten Natur in uns einerseits und dem ewigen Geist andererseits. Denn selbst wenn wir von uns aus keine Belohnung fordern, so wissen wir doch tief in unserem Inneren, dass uns ein wunderbarer Lohn ganz sicher zufallen wird. Die Seele weiß, dass sie sich nicht vergebens an Gott hingibt. Wenn sie auch nichts beansprucht, so empfängt sie doch die unendlichen Güter der göttlichen Macht und Gegenwart.

Zuletzt wollen wir ihn betrachten, der das Opfer empfängt, und sehen, von welcher Art das Opfer ist. Wir können unser Opfer anderen Menschen darbringen; es mag auch den göttlichen Mächten gespendet werden. Wir können es dem kosmischen All anbieten oder dem transzendenten Höchsten. Diese Verehrung kann jede Form annehmen: von der Darbringung eines Blütenblattes, eines Bechers Wasser, einer Handvoll Reis oder eines Brotes bis hin zur Aufopferung all dessen, was wir besitzen, und zur Unterwerfung all dessen, was wir sind. Wen auch immer wir als den Empfänger ansehen und was immer die Gabe sei: es ist der Erhabene, der Ewige in den Dingen, der die Opfergabe empfängt und annimmt, selbst wenn sie vom unmittelbaren Empfänger abgewiesen oder gering geachtet würde. Denn der Erhabene, der größer ist als das Universum, weilt, wenn auch verhüllt, hier in uns, in der Welt und in ihren Geschehnissen. Er ist hier als der allwissende Beobachter und Empfänger aller Dinge, die wir tun. Er ist insgeheim ihr Meister. Alle unsere Handlungen und Bemühungen, selbst unsere Sünden, Irrungen, Leiden und Kämpfe werden – für uns verborgen oder bewusst, erkennbar und sichtbar oder auch unerkennbar und verhüllt – letztlich von dem Einen regiert. Alles ist eine Darbringung an ihn in seinen zahllosen Gestalten und wird durch diese der einzigen Allgegenwart geopfert. In welcher Form und in welchem Geist wir ihm nahen, in derselben Form und im gleichen Geist nimmt er auch unser Opfer an.

Die Frucht des Opfers der Werke wechselt je nach dem Werk, nach der Intention des Werkes und nach dem Geist, der hinter der Absicht steht. Alle anderen Opfer sind nur partiell, egoistisch, vermischt, zeitlich und unvollständig. Sie behalten diesen Charakter, selbst wenn sie den höchsten Mächten und Prinzipien dargebracht werden. Darum ist das Ergebnis eines solchen Opfers partiell, begrenzt, zeitlich, in seinen Reaktionen vermischt und nur für einen geringeren oder vorläufigen Zweck wirkungsvoll. Das einzige Gott wirklich willkommene Opfer ist eine letzte, höchste, äußerste Selbsthingabe, jene Unterwerfung von Angesicht zu Angesicht, in tiefer Verehrung und Erkenntnis, frei und ohne jeden Vorbehalt, an den Einen, der zugleich unser innewohnendes Selbst, das uns umgebende und konstituierende All und die Höchste Wirklichkeit jenseits von dieser oder jener Manifestation ist. Zugleich ist er insgeheim dieses alles zusammen, überall verborgen, die immanente Transzendenz. Denn Gott beschenkt eine Seele, die sich ihm ganz hingibt, mit sich selbst in seiner Allheit. Nur wer seine ganze Wesensart opfert, findet das Selbst. Wer alles hingeben kann, gewinnt überall die Freude am Göttlichen All. Wer sich im Höchsten selbst aufgeben kann, gelangt zum Höchsten. Wenn wir durch das Opfer alles, was wir sind, sublimieren, können wir das Höchste verkörpern und hier in dem immanenten Bewusstsein des transzendenten Geistes leben.

Dies, zusammengefasst, wird also von uns gefordert: wir sollen unser ganzes Leben in ein bewusstes Opfer umwandeln. Jeder Augenblick und jede Regung unseres Wesens sollen entschieden zu einer ständigen und aufrichtigen Selbsthingabe an den Ewigen gemacht werden. All unsere Handlungen sollen als Werke opfernder Darbringung getan werden: die kleinsten, gewöhnlichsten und unbedeutendsten nicht weniger als die größten, außergewöhnlichen und edelsten. Unsere individualisierte Natur soll in dem alleinigen Bewusstsein leben, dass jede innere und äußere Regung an Etwas jenseits von unserem Ego geweiht ist. Welche Gabe es auch sei und wem immer wir sie darbringen mögen, es soll uns beim Tun bewusst werden, dass wir sie dem einen göttlichen Sein in allen Wesen weihen. Unsere gewöhnlichsten und gröbsten materiellen Handlungen müssen diesen verfeinerten Charakter annehmen. Wenn wir essen, sollten wir dessen eingedenk sein, dass wir unsere Nahrung jener Präsenz in uns darbringen. Das soll wie ein heiliges Opfer in einem Tempel sein. Das Empfinden, dass wir dabei nur unser körperliches Bedürfnis sättigen oder uns durch einen Genuss befriedigen, soll von uns abfallen. Bei jeder großen Arbeit, in jeder hohen Disziplin und in jedem schwierigen oder edlen Unternehmen dürfen wir, auch wenn wir es um unsretwillen, für andere oder für die Menschheit leisten, nicht bei der Vorstellung „wir selbst“, „die Menschheit“, „die anderen“ stehen bleiben. Was wir da tun, soll bewusst als ein Opfer des Wirkens nicht an diese, sondern entweder durch sie oder unmittelbar der Einen Gottheit dargebracht werden. Das innewohnende Göttliche Wesen, das durch diese Gestaltungen verhüllt war, soll nicht länger verborgen bleiben, sondern unserer Seele, unserem Mental und unseren Sinnen gegenwärtig sein. So sollen unsere Taten und ihre Ergebnisse in die Hand dieses Einen gelegt werden, weil wir fühlen, dass der Unendliche und Erhabene jene Präsenz ist, durch die allein unser Arbeiten und Streben möglich ist. Denn in seinem Wesen findet alles statt. Für ihn nimmt die Natur all unser Wirken und Streben entgegen und bringt es auf seinem Altar dar. Auch dort, wo die Natur allein ganz deutlich die Wirkende ist und wo wir ihr Wirken nur beobachten und dessen Gefäß und Träger sind, sollten wir ständig an den göttlichen Meister denken und uns ihn als den Wirkenden nachdrücklich bewusst machen. Sogar unser Einatmen und Ausatmen, ja unser Herzschlag kann und soll als der lebendige Rhythmus des universalen Opfers in uns bewusst gemacht werden.

Es ist klar, dass eine solche Auffassung und deren praktische Verwirklichung drei Ergebnisse enthalten müssen, die für unser spirituelles Ideal von zentraler Bedeutung sind. Zunächst ist offensichtlich, dass eine solche Disziplin selbst dann, wenn sie ohne innige Hingabe begonnen wurde, doch direkt und unvermeidlich zur höchstmöglichen Verehrung des Göttlichen führt. Denn sie muss sich ganz natürlich in die denkbar vollkommenste Anbetung und innigste Gottesliebe vertiefen. Verbunden damit ist ein wachsendes Empfinden für das Göttliche in allen Dingen, eine immer tiefer werdende Kommunion mit dem Göttlichen in all unserem Denken, Wollen und Handeln. Ferner kommt es in jedem Augenblick unseres Lebens zu einer immer tiefer motivierten Darbringung der Gesamtheit unseres Wesens an Gott. Nun sind aber diese Begleiterscheinungen des Yoga der Werke auch das Wesen einer integralen und absoluten Bhakti. Der Sucher, der sie praktiziert, handelt dadurch stetig, aktiv und effektiv im Geiste der Hingabe des eigenen Selbstes. So ist es unvermeidlich, dass daraus die innigste Verehrung des Höchsten hervorgeht, dem dieser Dienst dargebracht wird, in dem Gott geweihten Wirkenden wächst eine immer mehr verzehrende Liebe zur Göttlichen Gegenwart, der er sich immer inniger verbunden fühlt. Zugleich mit dieser Liebe, oder in ihr enthalten, entsteht auch eine universale Liebe zu allen jenen Wesen, lebendigen Formen und Geschöpfen, welche die Wohnstatt des Göttlichen sind. Das sind nicht die kurzen, unruhigen, begehrenden Gefühle des abgesonderten Daseins, sondern die fest gegründete selbstlose Liebe, die tiefere Schwingung des Geeintseins. In allem begegnet der Suchende immer mehr dem einen Gegenstand seiner Anbetung und seines Dienstes. Der Weg des Wirkens führt durch den Weg des Opfers dorthin, wo er sich mit dem Weg der Hingabe trifft. Er selbst kann eine Hingabe sein, die so vollständig, alles in sich verzehrend und integral ist, wie das Verlangen des Herzens sie nur wünschen oder die Leidenschaft des Mentals sie sich nur vorstellen kann.

Weiterhin verlangt die Praxis dieses Yoga, dass wir uns ständig an das eine zentrale Wissen erinnern. Wenn wir dieses Wissen dann stetig nach außen hin im Wirken aktivieren, wird unsere Erinnerung daran immer mehr intensiviert: In allem ist das eine Selbst; das eine Göttliche ist alles. Alle Wesen sind im Göttlichen; alle sind das Göttliche. Im Universum gibt es nichts anderes. Dieser Gedanke oder dieser Glaube ist so lange unser tragender Grund, bis er vollends zur Substanz im Bewusstsein des Wirkenden wird. Das Eingedenksein und eine das Selbst dynamisierende Meditation dieser Art führen am Ende mit Notwendigkeit zu einer tiefen ununterbrochenen Schau und einem lebendigen allumfassenden Bewusstsein dessen, woran wir uns mit einer solchen Macht erinnern oder worüber wir so beständig meditieren. Denn wir werden gezwungen, jeden Augenblick mit dem Ursprung allen Seins, Wollens und Handelns in enger Beziehung zu stehen. Zugleich umfassen wir in Jenem, das ihre Ursache und ihr Erhalter ist, alle besonderen Formen und Erscheinungen und kommen doch über sie hinaus. Dieser Weg kann nicht zu seinem Ende gelangen, ohne dass wir das Wirken des universalen Geistes überall so lebendig und vital, auf seine Weise so konkret schauen wie beim physischen Sehen. Auf seiner höchsten Höhe erhebt sich dieser Yoga dazu, dass wir ständig in der Gegenwart des Supramentals und des Transzendenten leben, denken, wollen und handeln. Wir sollen dann alles, was wir sehen und hören, berühren und empfinden oder dessen wir bewusst werden, als Jenes wissen und fühlen, das wir innig verehren und dem wir dienen. So wandelt sich alles in ein Ebenbild der Göttlichkeit um, es wird als eine Wohnstatt der Gottheit wahrgenommen und ist in die ewige Allgegenwart eingehüllt. Dieser Pfad des Wirkens verwandelt sich an seinem Ende, wenn nicht schon lange vorher, durch die Kommunion mit der Göttlichen Gegenwart, dem Göttlichen Willen und der Göttlichen Kraft in einen Pfad des Wissens, das vollständiger und integraler ist, als natürliche Intelligenz es konstruieren oder der forschende Intellekt es entdecken könnte.

Letztlich zwingt uns die Praxis dieses Yoga des Opfers dazu, allem zu entsagen, was den Egoismus fördert. Wir wollen ihn aus unserem Mental, Wollen und Handeln ausmerzen und seine Saat, seine Gegenwart, seinen Einfluss aus unserer Natur ausschalten. Alles soll für das Göttliche allein getan werden. Alles soll auf das Göttliche gerichtet sein. Wir dürfen nichts für uns selbst als für eine abgesonderte Existenz unternehmen. Wir sollen nicht nur deshalb für andere, für unsere Nachbarn, Freunde, Familie, für unser Land, die Menschheit oder andere Geschöpfe etwas tun, weil sie mit unserem persönlichen Leben, Denken und Empfinden verbunden sind oder weil unser Ego Interesse an ihrem Wohlergehen hat. Wenn wir so handeln und denken, wird alles Wirken und Leben zur täglichen dynamischen Verehrung und zum Dienst am Göttlichen im grenzenlosen Tempel seiner kosmischen Existenz. Das Leben wird immer mehr zu einem Opfer, das der Ewige im Individuum ständig der ewigen Transzendenz darbringt. Das Opfer geschieht auf dem weiten Opferplatz des ewigen kosmischen Geistes. Die Kraft, die das Opfer darbringt, ist die ewige Kraft, die allgegenwärtige Mutter. Darum ist dieser Yoga ein Weg des Einswerdens und der Kommunion mit Gott durch das Wirken. Durch den Geist und das Wissen im Wirken ist er so vollständig und integral wie irgendein Weg, den unser auf Gott gerichteter Wille als gangbar erhoffen oder als die Kraft unserer Seele leisten kann.

Er enthält in sich, integral und absolut, alle Macht des Yoga der Werke. Da ihm aber das Gesetz des Opfers und der Hingabe an das Göttliche Selbst und an den Göttlichen Meister zugrundeliegt, begleitet ihn auf der einen Seite die volle Macht des Yoga der Liebe und auf der anderen Seite die volle Macht des Yoga des Wissens. Am Ende wirken alle drei göttlichen Mächte zusammen; sie sind ineinander verschmolzen und geeint; sie vervollkommnen und ergänzen sich gegenseitig.

Das Göttliche, der Ewige, ist der Herr des Opfers unserer Werke. Der einzige Zweck dieses Opfers ist, dass wir in unserem ganzen Wesen und Bewusstsein und in den es zum Ausdruck bringenden Instrumenten mit ihm geeint werden. Darum müssen die Stufen des Opfers zunächst danach bemessen werden, ob in unserer Natur etwas wächst, das uns der göttlichen Natur näherbringt. Die weiteren Stufen sind dann, dass wir das Göttliche, seine Gegenwart, seine Manifestation uns gegenüber und die wachsende Nähe und Einung mit jener Gegenwart erfahren. Gott ist jedoch in seinem Sein unendlich; darum ist auch seine Manifestation in vielfältiger Weise unendlich. Wenn das aber so ist, kann unsere wahre integrale Vollkommenheit in Wesen und Natur offensichtlich nicht nur durch eine einzige Art der Realisation von ihm Zustandekommen. Sie muss viele verschiedene Seiten der Erfahrung des Göttlichen miteinander kombinieren. Sie kann nicht dadurch erreicht werden, dass wir nur eine einzige Art der Identität mit ihm ausschließlich bis zu dem Punkt verfolgen, wo sie in ihr Absolutes emporgehoben wird. Unsere Gott-Realisation muss viele Aspekte des Unendlichen miteinander in Einklang bringen. Ein integrales Bewusstsein mit einer vielfältigen dynamischen Erfahrung ist für eine völlige Transformation unserer Natur notwendig.

Es gibt die eine grundlegende Wahrnehmung, die für jedes integrale Wissen oder für die vielseitige Erfahrung dieses Unendlichen unentbehrlich ist. In ihr realisieren wir das Göttliche in seinem wesenhaften Selbst und in seiner Wahrheit, noch bevor diese durch Gestaltungen und Erscheinungsformen verändert ist. Wäre das nicht möglich, dann blieben wir wahrscheinlich in dem Netz der Erscheinungen gefangen oder irrten verwirrt in einer chaotischen Vielzahl kosmischer oder spezieller Aspekte herum. Selbst wenn wir diese Verwirrung vermeiden würden, könnte das nur um den Preis geschehen, dass wir an irgendeine mentale Formel gebunden oder in eine begrenzte personale Erfahrung eingeschlossen blieben. Die einzig gesicherte und alles in Einklang miteinander bringende Wahrheit, die eigentliche Grundlage des Universums, heißt: Das Leben ist die Manifestation eines unerschaffenen Selbstes und Geistes. Der Schlüssel zum Geheimnis des Lebens ist die wahre Beziehung dieses Geistes zu seinen selbst erschaffenen Daseinsformen. Aus dem Hintergrund dieses gesamten Lebens blickt ein ewiges Sein auf seine vielfältigen Werdeformen herab. Rings um es und überall in ihm ist ein unmanifestiertes zeitloses Ewiges, das eingehüllt mit seiner Manifestation die Zeit durchdringt. Das zu wissen wäre für den Yoga wertlos, wenn das nur ein intellektueller und metaphysischer Begriff wäre, des Lebens entleert und unfruchtbar an Auswirkungen. Eine rein mentale Realisation kann dem Suchenden nicht genügen. Der Yoga forscht nicht nach einer Wahrheit allein des Denkens oder des Mentals, sondern nach der dynamischen Wahrheit einer lebendigen und offenbaren spirituellen Erfahrung. In uns soll ein beständiges, in unserem Inneren wohnendes und uns umhüllendes Nahesein erwachen, eine lebendige Wahrnehmung, ein nahes Fühlen und eine Kommunion, ein konkretes Empfinden und die direkte Berührung einer immer und überall uns bestimmenden wahren, unendlichen Präsenz. Diese Präsenz muss als die lebendige, durchdringende Wirklichkeit bei uns bleiben, in der wir und alle Dinge existieren, uns bewegen und handeln. Wir sollen sie immer und überall konkret, sichtbar und allen Dingen innewohnend fühlen. Sie soll uns als deren wahres Selbst deutlich und als ihre unzerstörbare Wesenhaftigkeit greifbar sein. Ihr sollen wir ganz nahe als dem innersten Geist des Alls begegnen. Dieses Selbst und diesen Geist hier in allen Existenzen zu sehen, zu fühlen, zu empfinden, in jeder Art zu berühren – ihn also nicht allein begrifflich zu erfassen – und mit derselben Lebhaftigkeit alle Existenzen in diesem Selbst und Geist zu fühlen, ist die fundamentale Erfahrung, die alles andere Wissen umfassen muss.

Dieses unendliche ewige Selbst der Dinge ist eine allgegenwärtige Wirklichkeit, es ist überall ein einziges Dasein. Es ist eine einzige alles vereinende Gegenwart, die in verschiedenen Geschöpfen nicht verschiedenartig ist. Man kann ihm in seiner Vollständigkeit in jeder Seele oder Gestaltung im Universum begegnen, es sehen oder fühlen. Denn seine Unendlichkeit ist spirituell und wesenhaft; sie ist nicht nur eine Grenzenlosigkeit im Raum oder eine Endlosigkeit in der Zeit. Man kann den Unendlichen im unendlich kleinen Atom oder in einer Zeitsekunde ebenso überzeugend fühlen wie in der Ausdehnung der Äonen oder der erschreckenden Unermesslichkeit der Räume zwischen den Gestirnen. Das Wissen oder die Erfahrung dieses unendlichen ewigen Selbstes kann an einem beliebigen Punkt beginnen und sich durch irgendetwas zum Ausdruck bringen. Denn das Göttliche ist in allem, und alles ist das Göttliche.

Der Anfang dieser fundamentalen Erfahrung wird jedoch für verschiedene Naturen verschieden sein. Es wird lange Zeit dauern, bis sich die ganze Wahrheit entfaltet, die sich hinter ihren tausend Aspekten verbirgt. Vielleicht sehe oder fühle ich zuerst die ewige Präsenz in mir selbst und als mich selbst. Erst nachträglich kann ich die Schau und das Empfinden dieses meines größeren Selbst auf alle Geschöpfe ausdehnen. Dann schaue ich die Welt in mir oder als geeint mit mir. Ich nehme das Universum wahr als eine Szene in meinem eigenen Wesen. Das Spiel aller seiner Vorgänge und Abläufe erscheint mir als eine Bewegung von Gestalten, Seelen und Kräften in meinem kosmischen Geist. So begegne ich überall mir selbst und niemand anderem. Das geschieht aber wohlgemerkt nicht mit dem Irrtum des Asura, des Titanen, der in seiner eigenen, jeder Ordnung feindlichen, maßlos übertriebenen Schattengestalt lebt und sein Ego mit dem Selbst und Geist verwechselt. Er versucht, seine Personalität, die doch nur etwas Bruchstückhaftes ist, seiner ganzen Umwelt als die einzige dominierende Existenz aufzuzwingen. Wenn ich das wahre Wissen besitze, habe ich bereits als Realität erfasst, dass mein wahres Selbst das Nicht-Ego ist. Darum empfinde ich stets mein größeres Selbst entweder als eine apersonale ungeheure Weite oder als eine wesenhafte Person, die jedoch, über sich selbst hinausreichend, alle Personalitäten umfasst. Oder ich erlebe mich als beides zugleich. Auf alle Fälle handelt es sich hier um ein Unendliches, das über das Ego weit hinausragt, gleichviel, ob es etwas Apersonales oder ein unbegrenzbares Personales oder beides zusammen ist. Wenn ich es zuerst nur in der Gestalt, die ich mein Ich nenne, gesucht und gefunden habe, und nicht in den anderen, so deshalb, weil es infolge der Subjektivität meines Bewusstseins für mich am leichtesten ist, es hier zu finden, sofort zu erkennen und zu realisieren. Wenn sich aber das enge instrumentale Ego nicht, sobald es dieses Selbst schaut, ganz mit diesem eint, sondern wenn dieses kleinere, äußerliche, vom Mental konstruierte Ego sich weigert, in jenes größere, dauernde, unerschaffene spirituelle Selbst aufzugehen, dann ist meine Realisation entweder nicht echt oder noch radikal unvollkommen. Irgendwo in mir befindet sich dann ein egobedingtes Hindernis. Ein Teil meiner Natur hat jene alles verzehrende Wahrheit des Geistes zurückgewiesen, weil das Ego nur auf sich Rücksicht nahm und sich selbst zu erhalten suchte.

Andererseits kann es sein – und für manche ist das ein leichterer Weg –, dass ich das Göttliche zuerst draußen in der Welt, also nicht in mir selbst sondern in den anderen schaue. Ich begegne ihm dort von Anfang an als einem innewohnenden und alles in sich enthaltenden Unendlichen, das nicht durch alle diese Gestaltungen, Geschöpfe und Kräfte gebunden ist, die es an seiner Außenseite trägt. Ich mag es aber auch als ein reines Selbst und einen Geist, ganz allein für sich, sehen und fühlen, der alle diese Mächte und Existenzen in sich enthält. Dann verliere ich in der schweigenden Allgegenwart rings um mich das Empfinden meines Egos. Diese Gegenwart durchdringt später mein instrumentales Wesen immer mehr und nimmt es in ihren Besitz. Aus diesem Geist scheint jeder Antrieb zu meinem Handeln, alles Licht meines Denkens und Redens, jede Gestaltung meines Bewusstseins und jede seiner Beziehungen und Einwirkungen auf andere Seelengestaltungen in diesem einzigen weltweiten Dasein hervorzugehen. So bin ich nun nicht mehr dieses kleine personale Ego, sondern ich bin Jenes, das eine Gestaltung aus sich selbst herausgestellt hat und diese als eine für sein Wirken im Universum erwählte Form trägt.

Es gibt eine andere, die extremste, grundlegende Realisation, die jedoch manchmal als das erste entscheidende Sich-öffnen oder als eine frühe Erscheinung im Yoga eintritt. Ich erwache dabei zur Erfahrung eines unaussprechlich hohen transzendenten Unkennbaren über mir und über dieser Welt, in der ich mich zu bewegen scheine. Das ist ein zeitloser und raumloser Zustand oder eine Seinsweise, die zugleich irgendwie für eine wesentliche Seite meines Bewusstseins als das einzige zwingend und überzeugend wirkt, was für es überwältigend wirklich ist. Mit dieser Erfahrung geht gewöhnlich ein anderes, in gleicher Weise zwingendes Empfinden einher, dass alle Dinge hier nur traumartig oder schattenhaft illusionär seien oder dass sie sonstwie einen nur vorübergehenden, abgeleiteten und nur halbrealen Charakter besitzen. Eine Zeitlang mindestens mag alles um mich herum als eine Bewegung von kinoartigen Schattengestalten oder von Figuren an der Außenseite erscheinen, und ich kann mein eigenes Wirken als eine verfließende Ausdrucksform aus einem Ursprung empfinden, den ich noch nicht begriffen habe und der vielleicht unbegreiflich oberhalb oder außerhalb von mir ist. Würde ich in diesem Bewusstsein verbleiben, diese Initiation annehmen oder dieser ersten Suggestion über den Charakter der Dinge erliegen, dann würde das bedeuten, dass ich zum Ziel der Auflösung meiner selbst und der Welt in das Unkennbare hingehe, zu Moksha, Nirvana. Das ist aber nicht das letzte und einzige Ziel, wohin unser Weg führen muss. Ich kann, im Gegenteil, auch darauf warten, bis ich durch das Schweigen dieser zeitlosen inhaltsleeren Befreiung hindurchkomme und mit jenem noch unbegriffenen Ursprung meines Selbstes und meines Wirkens in Beziehung trete. Dann füllt sich das Leere immer mehr, bis die ganze vielfältige Wahrheit des Göttlichen, alle Aspekte, Manifestationen und die vielen Ebenen eines dynamischen Unendlichen aus ihm hervortauchen oder sich in es ergießen. Diese Erfahrung legt zunächst auf unser Mental und dann auf unser ganzes Wesen einen absoluten, unbegreiflichen, fast abgrundtiefen Frieden und ein Schweigen. Davon wird das Mental überwältigt, ihm unterworfen, gestillt und von sich selbst befreit; es nimmt das Schweigen so an, als sei dieses selbst der Erhabene. Danach entdeckt aber der Suchende, dass für ihn alles in jenem Schweigen enthalten ist, dort neu erschaffen wird, oder dass es aus einem höheren, verborgenen, transzendenten Dasein auf ihn herniederkommt. Dieses Transzendente, dieses Absolute ist kein reiner Friede einer Leere, die ohne bedeutungsvolle Zeichen wäre. Er hat seinen eigenen unendlichen Inhalt und seine reichen Schätze, von denen die unsrigen nur die verfälschten und herabgeminderten Werte sind. Gäbe es nicht jenen Ursprung aller Dinge, dann könnte auch kein Universum existieren. Dann wären alle Mächte, jegliches Wirken und alle Aktivitäten eine Illusion; alle Schöpfung und Manifestation würde unmöglich sein.

Das sind die drei fundamentalen Realisationen. Sie sind so grundlegend, dass sie dem Yogin auf dem Pfad des Wissens als das Letzte, an sich Ausreichende erscheinen, dazu bestimmt, über alle anderen Erfahrungen hinauszugehen und sie zu ersetzen. Der integral Suchende muss jedoch zu der Erkenntnis kommen – ob ihm diese auf einer frühen Stufe und durch eine wunderbare Gnade gewährt wird oder ob er sie erst mit Schwierigkeit nach langem Vorwärtsdrängen und Ringen erlangte –, dass diese drei Realisationen nicht die einzige Wahrheit und auch nicht die ganzen und einzigen Hinweise auf die integrale Wahrheit des Ewigen sind. Vielmehr sind sie der noch nicht an sein Ziel gelangte Anfang und die ungeheuer weite Grundlegung für ein noch größeres göttliches Wissen. Es gibt noch andere Verwirklichungen, die dringend notwendig sind und bis zur äußersten Grenze ihrer Möglichkeiten erforscht werden müssen. Wenn manche von ihnen auf den ersten Blick nur jene Aspekte des Göttlichen zu beinhalten scheinen, welche die instrumentalen Mittel für unsere Tätigkeit im Dasein sind, jedoch nicht als das grundsätzlich Wesenhafte in ihm erscheinen, so findet man, wenn man ihnen bis zum Ende, durch jenes Wirken hindurch bis zu ihrem ewigen Ursprung folgt, dass sie zu einer Enthüllung des Göttlichen führen, ohne die unser Wissen der Wahrheit, die hinter den Dingen steht, leer und unvollständig bleiben würde. Gerade das, was als das Instrument erscheint, ist der Schlüssel zu einem Geheimnis, ohne das sich das Mysterium des Fundamentalen nicht enthüllen würde. Mit dem weiten Netz des Integralen Yoga müssen wir alle es offenbarenden Aspekte des Göttlichen einfangen.

Wäre es das einzige Ziel für den Suchenden, aus dieser Welt mit ihrem aktiven Wirken in eine erhabene Befreiung und Stille einzugehen, dann wären die drei großen fundamentalen Realisationen für die Vollendung seines spirituellen Lebens ausreichend. In ihnen allein konzentriert könnte er alles andere göttliche und weltliche Wissen von sich abfallen lassen und nun, durch nichts mehr behindert, in das ewige Schweigen hinscheiden. Er muss aber auf die Welt und die Aktivitäten in ihr Rücksicht nehmen. Er muss erfahren, was für eine göttliche Wahrheit hinter ihnen existiert. Er soll den scheinbaren Gegensatz zwischen Göttlicher Wahrheit und manifestierter Schöpfung, der meist der Ausgangspunkt für das Ringen nach spiritueller Erfahrung ist, zu versöhnen suchen. Hier in diesem Dasein ist er auf jeder Linie, auf der er sich diesem Problem nähern kann, einer konstanten Dualität konfrontiert, mit einer Trennung zwischen zwei Begriffen des Daseins, die scheinbar im Gegensatz zueinander stehen und deren Gegensätzlichkeit als die wirkliche Wurzel des Rätsels des Universums erscheint. Später mag er dann – und er tut das auch wirklich – entdecken, dass sie Pol und Gegenpol des Einen Seins sind, die miteinander durch zwei gleichzeitige Energieströme verbunden sind, die sich negativ und positiv zueinander verhalten. Ihre gegenseitige Einwirkung aufeinander ist die eigentliche Voraussetzung dafür, dass sich das, was im Sein enthalten ist, manifestieren kann. Diese Polaritäten miteinander zu vereinigen, ist das verordnete Mittel, um die Disharmonien des Lebens auszugleichen und die integrale Wahrheit zu entdecken, nach der er sucht.

Einerseits gewahrt der Suchende wohl überall dieses Selbst, diese ewige Geistsubstanz, — Brahman, den Ewigen, – der hier, in der Zeit, hinter jeglicher Erscheinung, die man sieht oder empfindet, das gleiche Selbst-Sein ist, das zeitlos jenseits des Universums waltet. Er macht diese starke überwältigende Erfahrung eines Selbstes, das weder unser begrenztes Ego noch unser Mental, Vital und Körper ist. Es ist zwar weltweit, tritt jedoch nicht erkennbar nach außen hin in Erscheinung. Das ist aber für ein gewisses Geistempfinden in ihm etwas Konkreteres als irgendeine Form oder Erscheinung. Es ist universal, hängt jedoch für sein Dasein von nichts im Universum oder von der Totalität des Universums ab. Wenn das alles verschwinden würde, würde dieses Auslöschen doch diesen Ewigen seiner konstanten innersten Erfahrung nicht berühren. Er ist einer unausdrückbaren Selbst-Existenz gewiss, die das Wesenhafte seiner selbst und aller Dinge ist. Er nimmt ganz unmittelbar ein wesenhaftes Bewusstsein wahr, von dem das denkende Mental, der Lebenssinn und der Körpersinn nur bruchstückhafte, verminderte Gebilde sind. Das ist ein Bewusstsein, das in sich selbst eine unbegrenzbare Kraft enthält, aus der alle Energien hervorgehen. Doch kann es durch die Summe, Macht oder Natur aller dieser Energien zusammen nicht erklärt oder berechnet werden. Der Suchende fühlt eine unveränderliche, aus dem Selbst existierende Seligkeit und lebt in ihr. Sie ist nicht diese niedere vorübergehende Freude, dieses gewöhnliche Glücksempfinden oder dieses Vergnügen. Der vierfache Charakter dieser bestimmten, stetigen Erfahrung ist: unwandelbare, unvergängliche Unendlichkeit, zeitlose Ewigkeit, Selbst-Innewerdung – die nicht empfangendes, reagierendes oder mit den Sinnesfühlern aufnehmendes mentales Bewusstsein ist; sie steht vielmehr dahinter und darüber und ist auch darunter, selbst in dem, was wir das Nichtbewusste nennen, gegenwärtig – und ferner ein Einssein, in dem es keine Möglichkeit für andere Existenz gibt. Dieses ewige Selbstsein schaut der Suchende jedoch auch als einen bewussten Zeitgeist, der den Strom der Ereignisse trägt, als einen aus dem Selbst ausgedehnten spirituellen Raum, der alle Dinge und Wesen in sich enthält, und als eine Geistsubstanz, welche die eigentliche Form und das Material von allem ist, was nicht-spirituell, vorübergehend und endlich zu sein scheint. Denn er fühlt dennoch bei allem, was vorübergehend, zeitlich, räumlich und eingegrenzt ist, dass es in seiner Substanz, Energie und Macht nichts anderes ist als der Eine, Ewige, Unendliche.

Dennoch hat der Suchende nicht nur in sich und vor sich dieses ewige, seines Selbst bewusste Dasein, dieses spirituelle Bewusstsein, diese Unendlichkeit einer aus dem Selbst erleuchteten Kraft und diese zeitlose und endlose Seligkeit. Vielmehr existiert da auch als etwas für seine Erfahrung Beständiges dieses Universum in einem messbaren Raum und in der endlichen Zeit, vielleicht etwas wie ein grenzenloses Endliches, in dem alles vorübergehend, begrenzt, bruchstückhaft, vielfältig und unwissend, der Disharmonie und dem Leiden ausgesetzt ist. Es sucht in unbestimmter Weise nach einer noch unrealisierten, aber ihm eingeborenen Harmonie eines Geeintseins. Es ist unbewusst, halbbewusst oder selbst in seinem wachen Bewusstsein noch an die ursprüngliche Unwissenheit und Nichtbewusstheit gefesselt. Der Suchende befindet sich nicht immer in einer Entrücktheit von Frieden und Seligkeit. Selbst wenn er das wäre, würde es keine Lösung sein. Er weiß ja, dass das außerhalb von ihm und auch in seinem Inneren, in einem eigenen größeren Selbst, immer noch weitergeht, als sei das auf ewig so. Zu gewissen Zeiten scheinen, je nach seinem Bewusstseinszustand, diese beiden Zustände seines Geistes abwechselnd miteinander bei ihm zu bestehen. Zu anderen Zeiten sind sie da wie zwei Teile seines Wesens, die einander entgegengesetzt sind und miteinander versöhnt werden müssen. Sie sind wie zwei Hälften seiner Existenz, eine obere und eine untere, oder eine innere und eine äußere. Doch entdeckt er bald, dass diese Absonderung beider Teile in seinem Bewusstsein eine ungeheure befreiende Macht ausübt. Denn durch diese Trennung ist er nicht länger an die Unwissenheit und Nichtbewusstheit gebunden. Sie erscheint ihm nicht länger als die wahre Natur seiner selbst und der Dinge, sondern als eine Illusion, die man überwinden kann, oder mindestens als eine vorübergehende falsche Selbst-Erfahrung, als Maya. Die Versuchung liegt nahe, darin nur einen Widerspruch gegen das Göttliche zu sehen, ein unverständliches Mysterienspiel, eine Maske des Unendlichen oder seine Karikatur. Eine solche Erfahrung macht ihn zu gewissen Zeiten wehrlos gegen den Anschein, als stehe auf der einen Seite die lichtvolle Wahrheit des Brahman, auf der anderen eine finstere Illusion der Maya. Jedoch lebt im Suchenden etwas, was ihm nicht erlaubt, das Dasein immer in zwei Teile zu trennen. Denn wenn er genauer hinschaut, entdeckt er, dass auch im Dämmerlicht oder in der Finsternis der Ewige lebt: Brahman ist auch hier gegenwärtig, nur trägt er das Angesicht der Maya.

Das ist der Anfang einer wachsenden spirituellen Erfahrung, die dem Suchenden immer deutlicher offenbart, dass das, was ihm die dunkle unbegreifbare Maya zu sein schien, allezeit nichts anderes gewesen ist als die Bewusstseins-Machtentfaltung des Ewigen, der jenseits des Universums zeitlos und unbegrenzbar existiert, sich aber hier unter der Verhüllung der hellen und dunklen Gegensätze ausbreitet, um das Wunder der langsamen Manifestation des Göttlichen im Mental, im Leben und in der Materie zu bewirken. Alles Zeitlose drängt hin zum Spiel in der Zeit. Alles in der Zeit dreht sich auf der Basis des zeitlosen Geistes und um ihn. Wenn die absondernde Erfahrung etwas Befreiendes war, so ist diese alles zur Einheit zusammenschließende Erfahrung dynamisch und effektiv. Denn jetzt fühlt der Suchende, dass er nicht nur in seiner Seelensubstanz ein Teil des Ewigen und in seinem wesenhaften Selbst und Geist völlig mit dem Ewigen geeint ist, sondern auch in seiner aktiven Natur eine Instrumentation seiner allwissenden und allmächtigen Bewusstseins-Machtentfaltung ist. Wie eng begrenzt und relativ auch deren gegenwärtiges Spiel in ihm sein mag, so kann er sich doch für ein immer umfassenderes Bewusstsein und eine größere Macht von ihr öffnen; es scheint, als gäbe es für diese Ausweitung keine bestimmbare Grenze mehr. Oberhalb von ihm offenbart sich sogar die Erscheinung einer spirituellen und supramentalen Ebene jener Bewusstseins-Machtentfaltung und neigt sich hernieder, um den Kontakt herzustellen. Dort gibt es diese Fesseln und Begrenzungen überhaupt nicht mehr. Die Kräfte dieser Bewusstseins-Macht üben auf das Spiel in der Zeit ihren Druck aus und stellen ein noch größeres Herniederkommen und eine weniger verschleierte oder überhaupt nicht mehr verhüllte Manifestation des Ewigen in Aussicht. Brahman-Maya, die einst in innerem Konflikt stehende, jetzt aber zwei-einige Dualität, steht nun vor dem Suchenden offenbar da als der erste große dynamische Aspekt des Selbstes aller Selbste, des Meisters des Daseins, des Herrn des Weltopfers und seines eigenen Opfers.

Wenn sich der Suchende dem Göttlichen auf einer anderen Linie naht, tritt ihm eine andere Dualität entgegen. Einerseits gewahrt er einen Beobachter, ein Bewusstsein, das empfängt, beobachtet und Erfahrungen macht, selbst aber nicht zu handeln scheint. Vielmehr werden offenbar alle diese Aktivitäten in unserem Inneren und außerhalb von uns nur für diesen Beobachter unternommen und weiter geleistet. Andererseits wird er zugleich einer ausführenden Kraft und einer Energie des Wirkungsablaufs inne, die vor unseren Augen alle denkbaren Aktivitäten unternimmt, vorwärtstreibt und lenkt, die eine Unmenge uns sichtbarer und unsichtbarer Formen erschafft, die sie als Stützen für den unablässigen Strom ihres Wirkens und Schaffens verwendet. Wenn der Suchende ausschließlich in das Bewusstsein des Zeugen eingeht, wird er schweigend, unbeeinflusst und unbeweglich. Dann erkennt er, dass er bisher die Abläufe der Natur passiv widerspiegelte und sich so zu eigen machte. Durch die Widerspiegelung empfingen sie von der beobachtenden Seele in seinem Inneren das, was er als ihren spirituellen Wert und ihre spirituelle Bedeutung wahrnahm. Nun zieht er aber die Identifikation, die ihnen diese Bedeutung beilegte und sie widerspiegelte, zurück. Er wird jetzt nur seines schweigenden Selbst inne und steht hoch über allem, was um ihn herum in Bewegung ist. Alle Aktivitäten sind nun außerhalb von ihm und hören sofort auf, im eigentlich innerlichen Sinne real zu sein. Sie erscheinen jetzt als etwas Mechanisches, von dem man sich loslösen und das man zuende bringen kann. Wenn er aber dann ausschließlich in die betriebsame (kinetische) Bewegung eingeht, wird er seiner selbst auf die entgegengesetzte Weise inne. In seiner eigenen Wahrnehmung erscheint er sich jetzt als eine Masse von Aktivitäten und als ein Gebilde und Resultat von Kräften. Es existiert dann zwar inmitten von alledem ein aktives Bewusstsein und sogar ein recht betriebsames Wesen. In ihm gibt es aber nirgends mehr eine freie Seele. Diese beiden verschiedenen, einander entgegengesetzten Seinszustände wechseln in ihm miteinander ab, oder sie stehen sich gleichzeitig einander gegenüber. In dem einen Zustand verharrt er schweigend in seinem inneren Wesen und beobachtet; er bleibt selbst unberührt und nimmt nicht daran teil. Im anderen ist er mit seinem äußeren Selbst der Oberfläche irgendwie aktiv und setzt seine gewohnten Betätigungen fort. So steht er in einer intensiven, voneinander getrennten Wahrnehmung der großen Dualität: Seele-Natur, Purusha-Prakriti.

Je mehr sich aber sein Bewusstsein vertieft, desto mehr wird der Suchende dessen gewahr, dass das nur ein erster Eindruck von außen her ist. Denn er entdeckt, dass die ausführende Natur nur durch die schweigende Förderung, Erlaubnis oder Sanktionierung der beobachtenden Seele in ihm ganz innerlich oder nachhaltig auf sein Wesen einwirken kann. Wenn die Seele ihre Sanktion zurückzieht, werden die Einwirkungen der Natur auf ihn und in ihm zu einer völlig mechanischen Wiederholung. Sie sind zuerst sehr heftig, als ob sie immer noch ihre Macht über ihn erzwingen wollten. Später werden sie aber immer weniger dynamisch und wirklich. Je kraftvoller nun der Suchende diese Macht der Billigung oder Ablehnung verwendet, desto mehr sieht er, wie er, zunächst langsam und unsicher, danach aber immer entschiedener, die Abläufe der Natur verändern kann. Schließlich offenbart sich ihm in dieser Beobachter-Seele oder hinter ihr die Gegenwart eines Wissenden, eines meisterlichen Willens in der Natur. Nun erscheinen ihm alle ihre Wirkensweisen immer mehr als ein Ausdruck dessen, was jener Herr ihres Daseins weiß und entweder aktiv will oder passiv gestattet. Prakriti selbst scheint nun noch in der sorgfältig geregelten äußeren Erscheinung ihrer Wirkensweisen mechanisch zu sein. Tatsächlich ist sie eine bewusste Kraft mit einer Seele in ihrem Inneren. Diese ist sich der Bedeutung in ihren Abläufen bewusst und offenbart in ihren Stufen und Gestaltungen einen geheimen Willen und ein verborgenes Wissen. Diese Dualität ist nur dem äußeren Aspekt nach gegensätzlich; eigentlich ist sie nicht trennbar. Überall wo Prakriti ist, da ist auch Purusha. Wo Purusha ist, da ist auch Prakriti. Selbst in seiner Inaktivität hält er all ihre Kraft und Energien in seinem Besitz, bereit, sie auszustrahlen. Selbst wenn Prakriti in ihrer Aktion umgetrieben wird, trägt sie in ihrem Inneren sein ganzes sie beobachtendes und beauftragendes Bewusstsein in sich, das sie intensiv fördert und ihr den Sinn ihres schöpferischen Zweckes offenbart. Wiederum entdeckt der Suchende in seiner Erfahrung die beiden Pole des Einen Seins und die beiden Linien oder Strömungen ihrer Energie. Diese sind in ihrer gegenseitigen Beziehung zueinander negativ und positiv und bewirken durch ihre Gleichzeitigkeit die Manifestation von allem, was in diesem Sein ist. Auch hier findet er, dass der sie trennende Aspekt befreiend wirkt. Denn er löst ihn von seiner Identifikation mit den unzureichenden Wirkensweisen der Natur in der Unwissenheit. Der Aspekt, der beide vereint, ist dynamisch und effektiv. Er befähigt ihn zu Meisterschaft und Vollkommenheit. Während er zugleich das, was in der Natur weniger göttlich oder offensichtlich ungöttlich ist, zurückweist, kann er nun in sich selbst ihre Formen und Prozesse im Einklang mit einem edleren Vorbild und dem Gesetz und Rhythmus einer höheren Existenz neu gestalten. Auf einer gewissen spirituellen und supramentalen Ebene wird aus der Dualität eine noch vollkommenere Einheit der Beiden, der Meister-Seele mit der Bewusstseinskraft. Die ganze Machtfülle in ihr ist frei von allen Schranken und bricht durch jede Begrenzung hindurch. So offenbart sich in ihm diese ursprünglich gesonderte, jetzt aber zwei-einige Dualität von Purusha-Prakriti in ihrer vollen Wahrheit als der zweite große instrumentale, effektive Aspekt der Seele aller Seelen, des Meisters unserer Existenz, des Herrn des Opfers.

Der Suchende kann sich dem Einen noch auf einer anderen Linie nahen und findet dort noch eine andere entsprechende, aber im Aspekt unterschiedliche Dualität, worin der zwei-einige Charakter noch unmittelbarer in Erscheinung tritt: die dynamische Dualität Ishwara-Shakti. Einerseits gewahrt er eine unendliche, im Selbst existente Gottheit in ihrem Sein, das alle Dinge in einer unaussprechlichen Machtfülle des Daseins in sich trägt, ein Selbst aller Selbste, eine Seele aller Seelen, eine spirituelle Substanz aller Substanzen, ein apersonales unausdrückbares Dasein. Dieses ist aber zugleich auch eine unbegrenzbare Person, die sich hier in der zahllosen Personalität selbst zum Ausdruck bringt: ein Meister des Wissens, ein Meister der Kräfte, ein Herr der Liebe, Seligkeit und Schönheit, – ein einziger Ursprung der Welten, der sich aus seinem Selbst manifestiert und selbst erschafft, – ein Kosmischer Geist, ein universales Mental, ein universales Leben, – die bewusste lebendige Wirklichkeit, die alle Erscheinungen, die wir als eine unbewusste, unbelebte Materie empfinden, trägt und fördert. Andererseits gewahrt er dieselbe Gottheit, wie sie Bewusstheit und Macht bewirkt, die als eine ihrer selbst bewusste Kraft herausgestellt wird, die in sich selbst alles umschließt, trägt und beauftragt ist, diese Kraft in der universalen Zeit und im Raum zu offenbaren. Dem Sucher wird deutlich, dass er hier nur ein einziges höchstes unendliches Sein gibt, das sich unserem Mental aber als zwei verschiedene Seiten seines Selbst darstellt, die sich im Verhältnis zueinander wie Vorderseite und Rückseite verhalten. In der Gottheit ist alles im Sein entweder vorbereitet oder präexistent, es tritt aus ihr hervor und wird durch ihren Willen und ihre Gegenwart erhalten und gefördert. Alles wird von der Gottheit in Vollmacht hervorgebracht und im Prozess seines Ablaufs getragen. Durch sie wird alles; jedes Geschöpf wirkt und entfaltet durch sie und in ihr seinen individuellen oder kosmischen Zweck. Auch das ist eine Dualität, die für die Manifestation notwendig ist, da sie jenen Doppelstrom der Energie erschafft und möglich macht, der immer für die Wirkensabläufe in der Welt als notwendig erscheint. Auch hier sind es zwei Pole desselben Seins; doch sind sie hier näher beieinander, und jede Macht trägt in einer sehr deutlichen Weise die Mächte der anderen in ihrer eigenen Wesenhaftigkeit und dynamischen Natur. Zugleich fühlt der nach der integralen Wahrheit Suchende angesichts der Tatsache, dass hier die beiden großen Elemente des göttlichen Mysteriums, das Personale und das Apersonale, in der Dualität von Ishwara und Shakti miteinander verschmolzen sind, dass er hier nahe vor einem noch tieferen, letzten Geheimnis der göttlichen Transzendenz und Manifestation steht, als ihm bisher durch andere Erfahrung enthüllt wurde.

Die Ishwara-Shakti, die göttliche Bewusstseins-Kraft und Welt-Mutter, wird nun für ihn zur Vermittlerin zwischen dem ewigen Einen und den manifestierten Vielen. Einerseits offenbart sie durch das Spiel der Energien, die sie aus dem Einen hervorbringt, das vielfältige Göttliche im Universum, das seine endlosen Erscheinungsformen durch ihre offenbarende Substanz in die Schöpfung einhüllt und wieder aus ihr enthüllt (involviert und evolviert). Andererseits führt sie durch die wieder emporsteigende Strömung derselben Energien alle zurück zu Jenem, aus dem sie hervorgingen, damit die Seele in ihrer evolutionären Manifestation immer mehr dorthin, zur Divinität, zurückkehren oder hier unten ihren göttlichen Charakter anlegen kann. In ihr ist nicht der Charakter einer nichtbewussten, mechanischen, nur Ausführenden Macht (obwohl sie einen kosmischen Mechanismus durchführt), wie wir ihn in der ersten Erscheinungsform, in Prakriti, in der Naturkraft finden. Auch ruft sie nicht jenes Empfinden der Unwirklichkeit hervor, als sei sie die Schöpferin der Illusionen oder Halbillusionen, wie das unserer ersten Auffassung von Maya anhaftet. Der erfahrenden Seele wird sofort klar, dass hier eine bewusste Macht ist, von derselben Einen Substanz und Natur wie die des Erhabenen, aus dem sie herrührt. Wenn sie uns auch in der Ausführung eines Planes, den wir noch nicht erklären können, scheinbar in die Unwissenheit und Nichtbewusstheit hinabgestürzt hat und wenn sich ihre Kräfte als diese doppelsinnigen Energien des Universums darstellen, so erkennen wir doch bald, dass sie in uns auf die Entfaltung des Göttlichen Bewusstseins hinarbeitet und über uns steht, um uns in ihre eigene höhere Wesenheit emporzuziehen und uns immer mehr das wahre Sein des Göttlichen Wissens, Willens und des Ananda zu offenbaren. Selbst in den Regungen und Abläufen der Unwissenheit nimmt die Seele des Suchenden ihre bewusste Lenkung wahr, die seine Schritte behütet und langsam oder rasch, geradewegs oder durch viele Umwege, aus der Finsternis in das Licht eines höheren Bewusstseins, aus der Sterblichkeit in die Unsterblichkeit, aus dem Bösen und dem Leiden hinlenkt zum höchsten Guten und zu einer Glückseligkeit, von der sich sein menschliches Mental bis jetzt nur ein blasses Bild machen kann. So ist ihre Macht zugleich befreiend und dynamisch, schöpferisch und wirksam, da sie nicht nur die Dinge so erschafft, wie sie sind, sondern auch so, wie sie sein sollen. Denn da sie aus dem niederen Bewusstsein des Menschen die verzerrten und verworrenen Regungen ausscheidet, die aus dem Stoff der Unwissenheit gebildet sind, erbaut und gestaltet sie seine Seele und Natur neu in die Substanz und Kräfte einer höheren göttlichen Natur hinein.

Auch in dieser Dualität ist eine die beiden Pole trennende Erfahrung möglich. Der Suchende mag sich an ihrem einen Pol nur des Meisters des Daseins bewusst werden, der auf Ihn seine Energien des Wissens, der Macht und Seligkeit entsendet, um ihn zu befreien und zu vergöttlichen. Die Shakti mag ihm nur als eine apersonale Kraft erscheinen, die diese Dinge zum Ausdruck bringt, oder als Attribut des Ishwara. An dem anderen Pol mag er der Weltmutter begegnen, der Schöpferin des Universums, wie sie die Götter und Welten, alle Dinge und Existenzen aus ihrer Geistsubstanz bildet. Selbst wenn er die beiden Aspekte sieht, mag das mit einer ungleichen, trennenden Schau geschehen, indem er den einen Aspekt dem anderen unterordnet. Dann betrachtet er die Shakti nur als ein Mittel, um durch sie dem Ishwara zu nahen. So kommt es dann zu einer einseitigen Tendenz, zu einem Mangel an Ausgeglichenheit: entweder zu einer ungenügend gestützten und geförderten Macht der Verwirklichung oder zu einem nicht vollkommen dynamischen Licht der Offenbarung. Erst wenn die beiden Seiten der Dualität zur völligen Einung gebracht wurden und wenn diese Einheit beider sein Bewusstsein regiert, öffnet sich der Mensch immer mehr für eine vollkommenere Macht, die ihn ganz aus dem verworrenen Zusammenprall der Ideen und Kräfte hier unten herausholen, ihn in eine höhere Wahrheit versetzen und das Herniederkommen jener Wahrheit möglich machen will, die ihn erleuchtet, befreit und ihre souveräne Wirkung auf die Welt der Unwissenheit ausübt. Der Suchende hat nun begonnen, seine Hand an das integrale Geheimnis zu legen, das er in seiner Fülle erst dann begreifen kann, wenn er über den doppeldeutigen, hier herrschenden Begriff eines Wissens hinausgekommen ist, das unentwirrbar mit einer ursprünglichen Unwissenheit verflochten ist, und wenn er die Grenzlinie überschreitet in einen Bereich, in dem das spirituelle Mental in der supramentalen Gnosis untergeht. Durch diesen dritten dynamischen dualen Aspekt des Einen dringt der Suchende auf integrale und vollständige Weise immer mehr in das tiefste Geheimnis vom Wesen des Herrn des Opfers ein.

Hinter dem Mysterium der Gegenwart von Personalität in einem scheinbar apersonalen Universum – ebenso wie in dem Geheimnis, dass sich das Bewusstsein aus dem Nichtbewussten, das Leben aus dem Leblosen, die Seele aus der groben Materie manifestieren – ist die Lösung des Rätsels des Daseins verborgen. Hier gibt es noch eine andere dynamische Dualität, die alles viel mehr durchdringt, als es auf den ersten Blick erscheint, und die für das Spiel der langsam sich selbstenthüllenden Macht notwendig ist. Wenn der Suchende bei dem einen Pol der Dualität steht, kann er in seiner spirituellen Erfahrung dem Mental folgen und überall eine fundamentale Apersonalität schauen. Die sich in der materiellen Welt entfaltende Seele nimmt ihren Ausgang aus apersonaler Nichtbewusstheit, in der unser inneres Schauen jedoch die Gegenwart eines verhüllten unendlichen Geistes wahrnimmt. Sie entfaltet sich dann immer weiter mit dem Auftauchen eines noch sehr unsicheren Bewusstseins und einer Personalität, die, selbst wenn sie völlig entfaltet ist, doch nur als eine Episode erscheint, allerdings als eine Episode, die sich in einer konstanten Reihenfolge wiederholt. Durch die Erfahrung des Lebens erhebt sich die Seele aus dem Mental weiter empor in eine unendliche, apersonale, absolute Überbewusstheit, in der die Personalität, das Mentalbewusstsein und das Lebensbewusstsein durch eine befreiende Vernichtung, Nirvana, völlig zu verschwinden scheinen. Auf einer niedrigeren Höhe seines Bewusstseins erfährt der Mensch diese fundamentale Apersonalität überall als eine ungeheuer befreiende Kraft. Sie befreit sein Wissen von der Enge eines personalen Mentals, seinen Willen aus dem Würgegriff des personalen Begehrens, sein Herz aus der Gebundenheit durch kleinliche veränderliche Gefühle, sein Leben von seinen armseligen personalen Gelüsten, seine Seele vom Ego. Sie erlaubt ihnen, dass sie die Stille, die harmonische Ausgeglichenheit, die Weite, Universalität und Unendlichkeit umfangen. Ein Yoga des Wirkens verlangt aber doch offensichtlich die Personalität als seine Hauptstütze, fast als seine Quelle. Jedoch erkennt man auch hier das Apersonale als die unmittelbare, befreiende Kraft. Allein durch eine weite egolose Apersonalität kann man zu einem frei wirkenden und göttlich schöpferischen Menschen werden. Es ist nicht überraschend, dass die überwältigende Macht dieser Erfahrung des apersonalen Pols der Dualität die Weisen dazu bewogen hat, diese Erfahrung als den einzigen Weg und eine apersonale Überbewusstheit als die einzige Wahrheit des Ewigen zu erklären.

Wenn der Suchende aber am entgegengesetzten Pol der Dualität steht, erlebt er eine andere Linie der Erfahrung, die eine tief hinter dem Herzen und im Innersten unserer Lebenskraft verborgene Intuition rechtfertigt, dass die Personalität ebenso wie die Bewusstheit, das Leben und die Seele kein kurzlebiger Fremdling in einer apersonalen Ewigkeit ist, sondern dass sie den wirklichen Sinn des Daseins in sich enthält. Diese Wunderblume der kosmischen Energie trägt in sich eine Verheißung des Ziels und eine Andeutung des wirklichen Motivs für die universalen Geburtswehen. Wenn sich im Suchenden ein Schauen in die verborgenen Geheimnisse auftut, nimmt er dahinterliegende Welten wahr, in denen Bewusstsein und Personalität einen überragenden Platz innehaben, einen Wert ersten Ranges besitzen. Selbst hier in der materiellen Welt ist für dieses Schauen des Verborgenen die Nichtbewusstheit der Materie mit einem geheimen, sie durchdringenden Bewusstsein erfüllt. Ihre Leblosigkeit beherbergt ein vibrierendes Leben. Ihr Mechanismus ist die Erfindung einer innewohnenden Intelligenz: Gott und Seele sind überall. Über allem thront ein unendliches bewusstes Wesen, das sich in verschiedener Weise in allen diesen Welten zum Ausdruck bringt. Die Apersonalität ist nur sein erstes Mittel, sich geltend zu machen. Sie ist ein Feld von Prinzipien und Kräften, eine in sich ausgeglichene Grundlage der Manifestation. Aber diese Kräfte treten durch Wesen in Erscheinung. Sie haben bewusste Geister über sich und sind die Ausstrahlung Eines Bewussten Wesens, das ihr Ursprung ist. Eine vielfältige zahllose Personalität, die den Einen zum Ausdruck bringt, ist der eigentliche Sinn und das zentrale Ziel der Manifestation. Wenn die Personalität im jetzigen Zustand als etwas Enges, Bruchstückhaftes und Einschränkendes erscheint, so kommt das daher, dass sie sich nicht zu ihrem Ursprung hin geöffnet hat. Sie ist nicht zu ihrer eigenen göttlichen Wahrheit und Fülle aufgeblüht und hat sich nicht mit dem ganzen Reichtum des Universalen und Unendlichen aufgeladen. Darum ist die Weltschöpfung nicht mehr eine Illusion, ein zufälliger Mechanismus, ein Spiel, das eigentlich nicht hätte stattzufinden brauchen; sie ist kein Dahinfließen ohne Zweck und Ziel. Vielmehr ist die Weltschöpfung ein innerster Dynamismus des bewussten, lebendigen Ewigen.

Diese extrem gegensätzliche Betrachtung von den beiden Polen des einen Daseins her bereitet dem Suchenden des Integralen Yoga keine fundamentale Schwierigkeit. Denn seine ganze Erfahrung hat ihm gezeigt, dass diese Doppelbegriffe mit ihren im Verhältnis zueinander positiven und negativen Energie-Strömungen notwendig sind für die Manifestation dessen, was im Innersten des einen Daseins existiert. Für ihn selbst sind Personalität und Apersonalität die beiden Schwingen gewesen, mit denen sein Geist emporfliegen konnte, und er kann voraussehen, dass er eine Höhe erreichen wird, wo ihr hilfreiches Zusammenwirken in eine Verschmelzung ihrer Mächte übergehen wird, die dann die integrale Wirklichkeit offenbaren und die ursprüngliche Kraft des Göttlichen zu ihrer effektiven Entfaltung entbinden wird. Er hat nicht nur in den fundamentalen Aspekten, sondern in der ganzen Wirkensart seiner Sadhana ihre doppelte Wahrheit und ihr einander ergänzendes Wirken gefühlt. Von oben her hat eine apersonale Gegenwart seine Natur beherrscht, durchdrungen und in ihren Besitz genommen. Ein Licht kam hernieder und hat sein Mental, seine Lebensmacht, sogar die Zellen seines Körpers durchflutet. Es hat sie mit Wissen erleuchtet und sich selbst ihm bis hinab zu seinen meist verhüllten und unvermuteten Regungen offenbar gemacht, indem es sie belichtete, läuterte und alles, was zur Unwissenheit gehörte, entweder vernichtet oder strahlend umgewandelt hat. In ihn hat sich eine Kraft wie ein Strom ins Meer ergossen. Sie hat in seinem Wesen und in allen seinen Organen gewirkt, hat überall das Alte aufgelöst, Neues geschaffen, umgestaltet und verwandelt. Eine Seligkeit ist in ihn eingedrungen und hat ihm gezeigt, dass sie Leiden und Kummer unmöglich zu machen und den Schmerz in göttliche Freude umzuwandeln vermag. Eine Liebe ohne Grenzen hat ihn mit allen Geschöpfen verbunden und ihm eine Welt inniger, untrennbarer Gemeinschaft gezeigt. Sie hat ihm eine unaussprechliche Holdseligkeit und Schönheit offenbart und ihm ihr Gesetz der Vollkommenheit und ihre Wonne selbst mitten in der Disharmonie des irdischen Lebens immer stärker aufgeprägt. Spirituelle Wahrheit und spirituelles Recht haben über Gut und Böse in dieser Welt der Unvollkommenheit und Falschheit Gericht gehalten und ein erhabenes Gutes mit seinem Grundton einer subtilen Harmonie sowie seiner Verfeinerung des Handelns, Fühlens und Wissens enthüllt. Aber hinter und in all dem hat der Suchende ein Göttliches Wesen gefühlt, das alle diese Dinge ist: ein Bringer des Lichtes, ein Lenker und Allwissender, ein Meister der Kraft, ein Spender der Seligkeit, ein Freund und Helfer, ein Vater und eine Mutter, ein Spielgefährte im Weltspiel, ein absoluter Herr seines Wesens, der Geliebte und Liebende seiner Seele. Hier im Umgang der Seele mit dem Göttlichen finden sich alle Beziehungen, die der menschlichen Personalität bekannt sind. Sie erheben sich aber zu übermenschlichen Höhen und drängen den Suchenden hin zur Verwirklichung einer göttlichen Natur.

In diesem Yoga sucht man ein integrales Wissen, eine integrale Kraft, eine totale Erfüllung des Einswerdens mit dem All und mit dem Unendlichen hinter diesem Dasein. Für den Suchenden des Integralen Yoga kann keine vereinzelte Erfahrung, kein einzelner Göttlicher Aspekt – und sei er für das menschliche Mental auch noch so überwältigend, für sein Fassungsvermögen noch so ausreichend und noch so leicht annehmbar – als die ausschließliche Wahrheit des Ewigen gelten. Für ihn wird die bis zu ihrem Äußersten gesteigerte Erfahrung des Göttlichen Einsseins viel tiefer erfasst und viel reicher ausgewertet, wenn er der Erfahrung der Göttlichen Vielfalt bis zum letzten nachgeht. Alles, was hinter dem Polytheismus wie hinter dem Monotheismus, hinter der Verehrung der vielen Götter wie des einen Gottes, wahr ist, fällt in den Bereich seines Suchens. Aber er geht über ihre oberflächliche Bedeutung für das menschliche Mental hinaus und sucht ihre mystische Wahrheit im Göttlichen zu erfassen. Er schaut, wonach die miteinander streitenden Sekten und Weltanschauungen streben. Er akzeptiert jede dort ausgeprägte Seite der Wirklichkeit an ihrer eigenen richtigen Stelle. Er weist jedoch jede Engherzigkeit sowie alle Irrtümer zurück und dringt immer weiter vor, bis er die Einzige Wahrheit entdeckt hat, die sie alle verbindet. Ihn kann der Vorwurf der Vermenschlichung Gottes und der Menschenanbetung nicht abschrecken, da er in ihnen Vorurteile der ignoranten und arroganten vernünftelnden Intelligenz sieht, das abstrahierende Mental, das sich in seinem eigenen engen Kreislauf immer wieder zu sich selbst hinwendet. Wenn auch die mitmenschlichen Beziehungen, wie sie jetzt von den Menschen praktiziert werden, noch so sehr voller Kleinlichkeit, Verkehrtheit und Unwissenheit sind, so sind sie eben doch die entstellten Schattenbilder irgendeiner Seite des Göttlichen. Wenn der Mensch sie Gott zukehrt, findet er das, wovon sie jetzt ein Schattenbild sind, und bringt das Göttliche zur Manifestation im Leben. Dadurch, dass das Menschliche über sich selbst hinauswächst und sich für eine erhabene Fülle öffnet, muss sich das Göttliche hier manifestieren. Dieses kommt unvermeidlich im Lauf der spirituellen Evolution und ihres Fortschreitens hernieder. Darum wird der Suchende die Gottheit nicht verachten oder seine Augen vor ihr verschließen, weil sie einem menschlichen Körper innewohnt, mānusim tanum āśritam. Er wird über jede begrenzte menschliche Auffassung von Gott hinausgehen und zu dem einen göttlichen Ewigen weiterstreben. Er wird ihm im Angesicht der Götter und in seinen kosmischen Personalitäten begegnen, die das Weltspiel fördern und tragen. Er wird es hinter der Maske der Vibhuti entdecken, der verkörperten Weltkräfte oder menschlichen Lenker. Er wird es im Guru verehren, ihm gehorchen und es im Avatar anbeten. Sein höchstes Glück wird für ihn sein, wenn er einen Menschen treffen kann, der Jenes realisiert hat oder zu Jenem geworden ist, das er selbst sucht, und wenn er es dadurch realisieren kann, dass er sich dafür in diesem Gefäß seiner Manifestation öffnet. Denn das eindrucksvollste Zeichen dafür, dass das Versprechen des großen Mysteriums immer mehr erfüllt wird, ist das fortschreitende Herniederkommen des Göttlichen in die Materie; das ist der geheime Sinn der materiellen Schöpfung und die Rechtfertigung des irdischen Daseins.

So offenbart sich dem Suchenden bei seinem Fortschritt im Opfer der Herr des Opfers. Diese Offenbarung kann an jedem Punkte anfangen. In irgendeinem seiner Aspekte kann der Meister des Werks das Werk im Suchenden beginnen und auf ihn und auf es einen immer stärkeren Druck ausüben, um seine Gegenwart zu entfalten. Mit der Zeit enthüllen sich alle Aspekte: sie trennen sich, kombinieren sich, verschmelzen ineinander und werden miteinander geeint. Am Ende leuchtet durch das alles die erhabene integrale Wirklichkeit, für das Mental unerkennbar, weil dieses ein Teil der Unwissenheit ist. Sie kann aber erkannt werden, weil sie im Selbst, im Lichte eines spirituellen Bewusstseins und eines supramentalen Wissens erfahren wird.

Das höchste Ziel und zugleich die Vorbedingung dafür, dass wir den äußersten Höhepunkt des Opfers erreichen, ist diese Offenbarung einer höchsten Wahrheit oder eines höchsten Seins und Bewusstseins, einer Macht, Seligkeit und Liebe, die zugleich personal und apersonal sind und darum die beiden Seiten unseres Wesens zu sich empornehmen. Es findet sich in uns das zweifache Zusammentreffen einer Person mit einer Masse von apersonalen Prinzipien und Kräften vor. Diese höchste Errungenschaft nimmt selbst die Gestalt einer Einung unserer eigenen Existenz mit Jenem an, das sich auf diese Weise unserem Schauen und unserer Erfahrung offenbart. Die Einung hat dreifachen Charakter. Sie ist Einheit durch Identität im spirituellen Wesen. Sie ist Einheit unserer Seele im höchsten Sein und Bewusstsein. Und sie ist die dynamische Einung oder Gleichwerdung in der Natur zwischen Jenem und unserem instrumentalen Wesen. Das erste Geeintsein ist die Befreiung von der Unwissenheit und die Identifikation mit dem Wirklichen und Ewigen, moksa, sāyujya, das charakteristische Ziel des Yoga des Wissens. Das zweite Einssein, da die Seele beim Göttlichen oder in ihm wohnt, sāmīpya, sālokya, ist die intensive Hoffnung des Yoga der Liebe und Seligkeit. Die dritte Einung, die Identität in der Natur, will die Wesensgleichheit mit dem Göttlichen, um so vollkommen zu werden, wie Jenes vollkommen ist, sadharmya; das ist die hochstrebende Absicht jedes Yoga der Macht, der Vervollkommnung oder des göttlichen Wirkens und Dienens. Die miteinander kombinierte Vollständigkeit aller drei zusammen – hier unten gegründet auf ein vielfältiges Einssein des sich selbst manifestierenden Göttlichen –, ist das vollständige Ergebnis des Integralen Yoga, das Ziel seines dreifachen Pfades und die Frucht seines dreifachen Opfers.

Wir können zur Einheit durch Identität gelangen, zu einer Befreiung und Umwandlung der Substanz unseres Wesens in jene erhabene Geistsubstanz, – unseres Bewusstseins in jenes göttliche Bewusstsein, – unseres Seelenzustandes in jene Wonne der spirituellen Seligkeit oder in jene stille ewige Freude des Daseins. Wir können ein lichtvolles Innewohnen im Göttlichen erreichen, das gegen jeden Rückfall oder jedes Verbanntwerden in dieses niedere Bewusstsein der Finsternis und Unwissenheit gesichert ist. Dort bewegt sich unsere Seele frei und stark in der ihr natürlichen eigenen Welt des Lichtes, der Freude, der Freiheit und Einheit. Da das aber nicht nur in irgendeiner anderen Existenz im Jenseits erlangt, sondern gerade hier erstrebt und entdeckt werden soll, kann das nur dadurch geschehen, dass die Göttliche Wahrheit herniederkommt oder herniedergebracht wird und hier unten die ursprüngliche Welt der Seele, ihr Licht, ihre Freude, Freiheit und Einheit begründet. Ein Einswerden unseres instrumentalen Wesens in gleicherweise wie unserer Seele und unseres Geistes mit dem göttlichen Wesen soll unsere unvollkommene Natur so umwandeln, dass sie ein wirkliches Ebenbild und Abbild der Göttlichen Natur wird. Sie soll die blinden, verzerrten, verstümmelten, disharmonischen Regungen der Unwissenheit ablegen und ihr angeborenes Erbe annehmen: Licht, Frieden, Seligkeit, Harmonie, Universalität, Meisterschaft, Lauterkeit und Vollkommenheit. Die Seele soll sich in ein Gefäß für die Aufnahme des göttlichen Wissens, in ein Instrument für die göttliche Willensmacht und für die Kraft des göttlichen Seins, sowie in einen Kanal für die göttliche Liebe, Freude und Schönheit umwandeln. Diese Transformation soll Zustandekommen als eine integrale Umwandlung alles dessen, was wir jetzt sind oder zu sein scheinen, indem sich das endliche Wesen in der Zeit eint („anjocht“ = Yoga) mit dem Ewigen und Unendlichen.

Dieses so schwer zu erringende Ergebnis kann nur Zustandekommen, wenn eine ungeheure Umwandlung, eine totale Umkehrung unseres Bewusstseins, eine über alles Normale hinausgehende völlige Umgestaltung der Natur eintritt. Das ganze Wesen soll emporsteigen. Der Geist, der hier durch seine Instrumente und seine Umwelt gekettet und gefesselt ist, soll sich emporschwingen zu dem reinen Geist, der frei dort oben waltet. Die Seele soll sich erhöhen in eine wonnevolle Überseele, das Mental sich höher entwickeln in ein lichtvolles Supramental. Das Leben soll sich immer mehr zu einem unbegrenzt weiten Supraleben entfalten. Auch unsere eigentliche Körperlichkeit soll sich mit ihrem Ursprung in einer reinen plastischen Geist-Substanz vereinen. Ein solcher Höhenflug kann aber nicht in einem einzigen raschen Aufschwung vollbracht werden. Vielmehr ist es hier, wie das beim Emporsteigen des Opfers im Veda beschrieben wird, ein Emporklimmen von Gipfel zu Gipfel, wobei man von jeder Höhe weiter zu einer anderen, höheren empor schaut, die noch erstiegen werden muss. Zugleich muss ein Herniederkommen stattfinden, um hier unten das zu sichern, was dort oben gewonnen wurde. Bei jeder Höhe, die wir erobern, sollen wir uns umwenden, um ihre Macht und Erleuchtung in die niedrigeren sterblichen Abläufe herniederzubringen. Der Entdeckung des dort oben ewig strahlenden Lichtes soll die Freisetzung desselben Lichtes entsprechen, das hier unten überall bis in die tiefsten Höhlen der unterbewussten Natur existiert. Dieser Pilgerzug des Emporsteigens und dieses Herniederkommen zur schöpferischen Arbeit der Transformation muss unausbleiblich ein Kampf sein, ein langes Ringen mit uns selbst und gegen den Widerstand der Kräfte aus unserer Welt. Solange dieser Kampf dauert, mag er uns wohl als ein unendlicher erscheinen. Denn unsere alte düstere und unwissende Natur wird immer wieder und hartnäckig gegen den sie transformierenden Einfluss ankämpfen. Dabei wird sie in ihrer verschleppenden Unwilligkeit oder in ihrer heftigen Opposition von den meisten Kräften unterstützt werden, die fest in der uns umgebenden universalen Natur verwurzelt sind. Die Mächte, Gewalten und dominierenden Wesen der Unwissenheit werden ihren Machtbereich nicht leicht aufgeben.

Anfänglich mag eine sich lange hinziehende, oft mühevolle und schmerzensreiche Zeit der Vorbereitung und Läuterung unseres Wesens notwendig sein, bis es zubereitet und geeignet ist, sich für die größere Wahrheit und ein höheres Licht oder für den Einfluss und die Gegenwart des Göttlichen zu öffnen. Selbst wenn wir in unserem zentralen Wesen geeignet, zubereitet und bereits geöffnet sind, wird es noch lange dauern, bis alle Regungen des Mentals, des Lebens und Körpers, sowie die vielfältigen, miteinander in Widerstreit stehenden Seiten und Elemente unserer Personalität zustimmen oder, wenn sie wirklich zustimmen, auch fähig sind, die Schwierigkeit und den anstrengenden Prozess der Transformation auszuhalten. Am allerhärtesten ist aber, selbst wenn alles in uns guten Willens ist, das Ringen, das wir gegen die universalen Kräfte durchführen müssen, die sich an die gegenwärtige instabile Schöpfung klammern. Sie wehren sich, wenn wir die endgültige supramentale Umwandlung und Umkehr des Bewusstseins vollenden wollen, durch welche die Göttliche Wahrheit in ihrer Fülle in uns aufgebaut werden soll an Stelle dessen, was jene Mächte viel bereitwilliger gestatten würden: eine erleuchtete Unwissenheit.

Im Blick auf dieses Ziel ist es unausweichlich, dass wir uns Jenem unterwerfen und völlig überantworten, das jenseits von uns ist, damit wir ihm die volle und freie Auswirkung seiner Macht möglich machen. Je mehr diese Selbsthingabe fortschreitet, desto leichter und machtvoller wird das Werk des Opfers. Desto mehr verliert auch die Behinderung durch die opponierenden Kräfte an Antriebskraft und Substanz. Zwei innere Umwandlungen helfen am stärksten dazu, das in etwas möglicherweise oder sogar sicher Erreichbares umzuwandeln, was jetzt so schwierig oder undurchführbar erscheint. Eine verborgene, in unserem Innersten wohnende Seele tritt hervor, die bisher durch die ruhelose Aktivität unseres Mentals, durch die Turbulenz unserer vitalen Triebe und durch die Verdunkelung unseres körperlichen Bewusstseins verhüllt gewesen war. Diese drei Mächte in ihrer konfusen Kombination nennen wir jetzt unser „Ich“. Als Ergebnis dieses Hervortretens des seelischen Wesens wird die Göttliche Gegenwart in unserer Mitte mit ihrem befreienden Licht und in ihrer wirkensstarken Kraft immer weniger behindert. Sie wächst und durchstrahlt alle bewussten und unterbewussten Bereiche unserer Natur. Zwei Zeichen bestätigen das: eines kennzeichnet unsere völlige Umwandlung und unsere Selbst-Darbringung an das große erstrebte Ziel, das andere bestätigt uns, dass Gott unser Opfer endgültig angenommen hat.