Kapitel 4

Arbeit

Worte Sri Aurobindos

Dein Brief zeigt, dass du dir eine falsche Vorstellung von der Arbeit gemacht hast. Die Arbeit im Ashram ist weder als ein Dienst an der Menschheit gedacht noch für den Teil von ihr, der aus den Sadhaks dieses Ashrams besteht. Sie ist auch nicht als Gelegenheit für ein frohes Gemeinschaftsleben gedacht oder für den Austausch von Gefühlen und Bindungen oder den Ausdruck vitaler Bewegungen unter den Sadhaks, gleichsam als ein freier, vitaler Verkehr mit einigen von ihnen oder allen. Die Arbeit war vielmehr als Dienst am Göttlichen gedacht, als ein Übungsfeld für das innere Sich-Öffnen gegenüber dem Göttlichen, für die Hingabe allein an das Göttliche, für die Zurückweisung des Ego und all der gewöhnlichen vitalen Bewegungen und um sich in einer seelischen Erhebung zu schulen sowie in Selbstlosigkeit, Gehorsam, in der Zurückweisung aller Selbstanmaßung der begrenzten Persönlichkeit, sei sie mental, vital oder sonstwie. Selbstbestätigung ist hier nicht das Ziel, ebensowenig die Formung eines kollektiven vitalen Ego. Das Ziel des Karma-Yoga ist das Aufgehen des kleinen Ego in der Einung mit dem Göttlichen, die Läuterung, die Hingabe, die Ersetzung der eigenen unwissenden Selbstführung, die sich auf persönliche Gefühle und Ideen stützt, durch die Führung des Göttlichen sowie die Unterordnung des eigenen Willens unter den Göttlichen Willen.

Wenn man sich menschlichen Wesen nahe fühlt und dem Göttlichen fern, wenn man das Göttliche durch den Dienst an den Menschen und durch ihre Liebe sucht und nicht durch den unmittelbaren Dienst am Göttlichen und die unmittelbare Liebe zum Göttlichen, folgt man einem falschen Prinzip – denn das ist das Prinzip des mentalen, vitalen und moralischen, nicht aber des spirituellen Lebens.

Worte Sri Aurobindos

In der „Synthese des Yoga“ schreibst du, von der Liebe des Göttlichen in allen Wesen und dem immerwährenden Wahrnehmen und Annehmen seines Wirkens in allen Dingen. Wenn das ein Weg der Verwirklichung des Göttlichen ist, warum sollen wir dann unseren Kontakt mit den Menschen einschränken?

Das ist soweit in Ordnung für den gewöhnlichen Karma-Yoga, der auf die Einung mit dem kosmischen Geist hinzielt und beim Obermental haltmacht; hier dagegen hat eine bestimmte Arbeit zu geschehen, muss eine neue Verwirklichung für die Erde und nicht nur für uns erlangt werden. Es ist notwendig, von der übrigen Welt Abstand zu halten, um sich vom gewöhnlichen Bewusstsein abzusondern und damit ein neues Bewusstsein herabzubringen.

Nicht dass die Liebe zu allen kein Teil der Sadhana wäre, doch darf sie nicht derart ausarten, dass jeder mit jedem Umgang pflegt, sie sollte sich vielmehr in einem allgemeinen und, wenn nötig, dynamischen universalen Wohlwollen ausdrücken. Im Übrigen aber muss sie sich Luft schaffen in dieser Arbeit des Herabbringens des höheren Bewusstseins mit seiner ganzen Auswirkung für die Erde. Was das Annehmen des Wirkens des Göttlichen in allen Dingen anbelangt, so ist das auch hier [in diesem Yoga] notwendig, und zwar in dem Sinn, dass man selbst hinter unseren Kämpfen und Schwierigkeiten das Göttliche erkennt, die Natur des Menschen aber und die Welt, wie sie ist, nicht hinnimmt – unser Ziel ist vielmehr, sich auf ein göttlicheres Wirken hinzubewegen, das alles Gegenwärtige durch eine größere und glücklichere Manifestation ersetzen wird. Auch das ist ein Werk göttlicher Liebe.

Worte Sri Aurobindos

Wenn wir nach unserer Auffassung das gewöhnliche Leben als Maya bezeichnen, dann nicht in dem Sinne, dass es eine Illusion sei, denn es existiert und ist durchaus real, sondern dass es aus Unwissenheit besteht, etwas ist, das vom spirituellen Standpunkt aus gesehen auf Falschheit gründet1. Daher ist es logisch, es zu meiden, oder besser gesagt, wir sind gezwungen, eine gewisse Verbindung damit aufrechtzuerhalten, müssen aber diese weitgehend verringern, es sei denn, dass sie für unser Ziel nützlich ist. Wir müssen das Leben von der Falschheit in die spirituelle Wahrheit, von einem Leben der Unwissenheit in ein Leben spirituellen Wissens wenden. Solange wir aber hierin für uns selbst noch nicht erfolgreich waren, ist es besser, sich vom Leben der Unwissenheit in der Welt fernzuhalten – andernfalls würde unser kleines, langsam wachsendes Licht wahrscheinlich in den Meeren der Finsternis, die es umgeben, verlöschen. Die Bemühung, so wie sie ist, ist schwierig genug – sie wäre zehnmal so schwer, wenn wir uns nicht isolieren würden.

Worte Sri Aurobindos

Die Arbeit hier ist natürlich nicht das Gleiche wie die Arbeit in der Welt. Die Arbeit dort ist in keiner Weise eine göttliche Arbeit – es ist die gewöhnliche Arbeit der Welt. Und dennoch muss man sie als ein Training betrachten und im Geist des Karma-Yoga verrichten – was dabei zählt, ist nicht so sehr die Natur der Arbeit an sich, sondern die Einstellung, in der sie verrichtet wird. Sie hat im Geist der Gita zu geschehen, ohne Begehren, losgelöst, ohne Widerwillen, doch in größtmöglicher Vollkommenheit, nicht der Familie, der Beförderung oder des Vorgesetzten wegen, sondern einfach weil sie einem zur Verrichtung übergeben ist. Sie ist ein Bereich inneren Trainings, nichts anderes. In ihm hat man all die Dinge wie Gleichmut, Wunschlosigkeit und Weihung zu lernen. Was dem Göttlichen geweiht werden muss, ist nicht die Arbeit als eine Sache um ihrer selbst willen, sondern ihre Verrichtung und die Art ihrer Verrichtung. Bei dieser Einstellung spielt es keine Rolle, welche Art von Arbeit es ist. Wenn man sich auf diese Weise spirituell schult, wird man fähig werden, jede spezielle Arbeit, die einem jeden Tag gegeben werden kann (wie die Ashram-Arbeit), auf die wahre Weise und unmittelbar für das Göttliche zu tun.

Worte Sri Aurobindos

Es ist ganz und gar nicht eine Frage der Nützlichkeit – obwohl deine Arbeit, wenn du dich ihr widmest, durchaus nützlich ist. Arbeit ist ein Teil der Sadhana, und in der Sadhana erhebt sich die Frage der Nützlichkeit nicht – das ist ein äußeres, praktisches Maß der Dinge, doch selbst im äußeren, gewöhnlichen Leben ist Nützlichkeit nicht das einzige Maß. Die Frage ist, ob das Streben nach dem Göttlichen dein zentrales Lebensziel, dein inneres Bedürfnis ist oder nicht. Die Sadhana für einen selbst ist etwas anderes – man kann sie aufnehmen oder nicht. Die wahre Sadhana ist für das Göttliche – sie ist ein Erfordernis der Seele und kann nicht aufgegeben werden, auch wenn man in Augenblicken der Verzagtheit denkt, man könne es tun.

Worte Sri Aurobindos

Die Arbeit hier soll nicht dazu dienen, die eigenen Fähigkeiten sichtbar zu machen oder eine Position zu erlangen oder der Mutter physisch nahe sein zu können, sondern als Wirkungsbereich und Gelegenheit für den Karma-Yoga, der Teil des Integralen Yoga ist; ihr Zweck ist zu lernen, sie im wahren yogischen Bewusstsein zu verrichten und sich durch Dienen zu weihen, Selbstlosigkeit, Gehorsam, Genauigkeit und Disziplin zu üben, das Göttliche und die Arbeit des Göttlichen voran- und sich selbst hintanzustellen und Harmonie, Geduld und Ausdauer walten zu lassen. Wenn die Arbeitenden diese Dinge einmal erfasst und aufgehört haben, egozentrisch zu sein, wie es die meisten von euch sind, dann wird auch die Zeit für eine Arbeit kommen, in der Fähigkeiten tatsächlich sichtbar gemacht werden können, obwohl selbst dann dieses Sichtbarmachen von Fähigkeiten nur ein Nebenumstand sein wird und niemals die hauptsächliche Überlegung für die göttliche Arbeit oder ihr Ziel sein kann.

Worte Sri Aurobindos

Besteht nicht die Wahrscheinlichkeit, dass wir irgendeine politische Arbeit aufnehmen könnten?

Das, was man Politik nennt, ist zu rajasisch, verdorben und mit allen Arten von egoistischen Motiven vermengt. Unser Weg besteht in dem Druck des Geistes auf das Erdbewusstsein, damit es sich ändere.

Was die Propaganda anbelangt, so habe ich erkannt, dass sie ohne jeden Wert für uns ist – wenn überhaupt eine Wirkung erzielt wird, ist sie von nur sehr oberflächlicher und dürftiger Art und lohnt die Mühe nicht. Wenn die Wahrheit sich ausbreiten soll, wird sie es aus eigener Kraft tun; diese Dinge sind unnötig.

1 Die Unwissenheit und aus ihr hervorgehend die Falschheit sind die beiden Begriffe, die von Sri Aurobindo als kennzeichnend für das Weltbewusstsein verwendet werden. Er beschreibt die Unwissenheit als einen Schleier, der Mental, Körper und Leben von ihrem Ursprung und der Realität, dem Sachchidananda-Bewusstsein oder Wahrheits-Bewusstsein, trennt. Die Falschheit wird als eine asurische Macht beschrieben, die sich in ständigem Aufruhr gegen die Wahrheit befindet, welche sie zu ergreifen und zu entstellen sucht (Anmerkung des Übersetzers).

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