Kapitel 3
Voraussetzung für ein neues kollektives Leben
Worte Sri Aurobindos
Damit das neue Leben sichtbar hervortreten kann, ist ein völlig neues Bewusstsein in vielen Einzelnen nötig, das ihr ganzes Wesen transformiert und ihr mentales, vitales und physisches Natur-Selbst umwandelt; nur eine solche Umwandlung der allgemeinen Natur von Mental, Leben und Körper kann ein neues kollektives Dasein hervorbringen, das lebenswert ist. Die Tendenz der Entwicklung darf nicht nur darauf gerichtet sein, einen neuen Typus mentaler Wesen hervorzubringen, vielmehr soll es eine Art von Menschen sein, die ihr ganzes Dasein aus unserer gegenwärtigen mentalisierten Tierhaftigkeit auf eine umfassendere Ebene der Erd-Natur emporgehoben haben.
Jede solche vollständige Transformation des Erden-Lebens kann sich nicht auf einmal in einer nennenswerten Zahl von Menschen durchsetzen, selbst wenn der Wendepunkt erreicht und die entscheidende Linie überschritten ist, muss das neue Leben in seinen Anfängen noch durch eine Periode von Bedrängnis und mühevoller Entwicklung hindurchgehen. Der notwendige erste Schritt ist eine allgemeine Umwandlung aus dem alten Bewusstsein heraus. Durch diesen Schritt nehmen wir alles Leben in das spirituelle Prinzip empor; die Vorbereitung dazu mag lange dauern und die einmal begonnene Transformation selbst mag nur stufenweise vorwärtskommen. An einem gewissen Punkt mag sie im Einzelnen auch rasch erfolgen und sich sogar durch einen Sprung, einen Aufschwung der Entwicklung vollziehen; eine individuelle Transformation bedeutet aber noch nicht, dass ein neuer Menschen-Typus oder ein neues kollektives Leben erschaffen wurde. Man kann sich eine Anzahl einzelner Menschen vorstellen, die sich getrennt voneinander, inmitten des alten Lebens, entwickeln und später miteinander vereinigen, um den Kern des neuen Daseins zu bilden. Es ist aber nicht wahrscheinlich, dass die Natur auf diese Weise vorgeht, und es wäre auch für den einzelnen Menschen schwierig, eine vollständige Umwandlung zu erlangen, solange er noch in das Leben der niederen Natur eingeschlossen ist. Auf einer gewissen Stufe der Entwicklung mag es nötig sein, die uralte Methode zu befolgen und sich in einer gesonderten Gemeinschaft zusammenzuschließen in der doppelten Absicht: nur zuerst für sich eine gesicherte Atmosphäre zu schaffen, einen Ort und ein Leben, in dem sich das Bewusstsein des Einzelnen auf seine Entwicklung in einer Umgebung konzentrieren kann, in der alles auf dieses einzige Bemühen eingestellt und in ihm zentriert ist, und ferner, wenn diese Dinge dazu reif sind, um das neue Leben in dieser Umgebung und in dieser vorbereiteten spirituellen Atmosphäre auszudrücken und zu entfalten. Es mag sein, dass sich bei einer solchen Konzentration des Bemühens alle Schwierigkeiten der Umwandlung mit gesammelter Kraft einstellen; denn jeder Suchende trägt in sich die Möglichkeiten, aber auch die Unvollkommenheiten einer Welt, die transformiert werden soll, und somit bringt er nicht nur seine positiven Fähigkeiten mit, sondern auch seine Schwierigkeiten und die Widerstände seiner alten Natur. Vermischt in dem begrenzten Kreis eines kleinen engen Gemeinschaftslebens können diese an Zerstörungskraft beträchtlich zunehmen, was der gesteigerten Macht und Konzentration der Kräfte, die auf die Evolution hinwirken, entgegenarbeitet. Das ist eine Schwierigkeit, die in der Vergangenheit alle Bemühungen des mentalen Menschen vereitelt hat, etwas Besseres, Wahreres und Harmonischeres als das gewöhnliche mentale und vitale Leben zu entfalten. Wenn aber die Natur bereit ist, wenn sie die Entscheidung für die Evolution getroffen hat, wenn die aus den höheren Ebenen herniederkommende Macht des Geistes stark genug ist, wird diese Schwierigkeit überwunden und eine erste Gestaltung – oder Gestaltungen – dieser Evolution möglich.