Kapitel 3

Integraler Yoga: Drei herausragende Eigenschaften

Die Bewegung der Natur ist eine zweifache, eine höhere und eine niedere oder (wenn wir diesen Begriff vorziehen) eine göttliche und eine ungöttliche. Diese Unterscheidung existiert aber nur für praktische Zwecke. Denn es gibt ja nichts, was nicht göttlich wäre, und von einem umfassenderen Gesichtspunkt her ist diese Unterscheidung, wörtlich genommen, ebenso bedeutungslos wie die zwischen natürlich und übernatürlich; denn alles, was ist, ist natürlich. Alle Dinge sind in der Natur, und alle Dinge sind in Gott. Für unsere praktischen Zwecke gibt es jedoch einen wirklichen Unterschied. Die niedere Natur, die wir erkennen, die wir sind und bleiben müssen, solange der Glaube in uns nicht umgewandelt ist, wirkt durch die Begrenzung und Zerteilung. Sie trägt den Charakter der Unwissenheit an sich und findet ihren Höhepunkt im Leben des Egos. Die höhere Natur dagegen, nach der wir streben, wirkt durch die Einung der Gegensätze und die Überwindung der Begrenzung. Sie trägt das Gepräge des Wissens und gipfelt in dem göttlichen Leben. Das Ziel des Yoga ist, dass wir aus der niederen in die höhere Natur hinübergelangen. Dieser Übergang könnte dadurch bewirkt werden, dass man der niederen Natur entsagt und sich in die höhere flüchtet (das ist die gewöhnliche Auffassung vom Yoga), oder dadurch, dass die niedere Natur umgewandelt und in die höhere Natur emporgehoben wird. Gerade das muss das Ziel eines Integralen Yoga sein.

…Das normale Wirken der Natur in uns ist jedoch eine integrale Bewegung, in der der ganze Komplex unserer Elemente von unserer Umgebung beeinflusst wird und diese ihrerseits beeinflusst. Der Yoga der Natur ist die Gesamtheit des Lebens. Der Yoga, den wir suchen, muss also ein integrales Wirken der Natur sein. Der Unterschied zwischen dem Yogin und dem natürlichen Menschen besteht darin, dass der Yogin das niedere Wirken der Natur, die im Ego, durch das Ego und durch die Gegensätze wirkt, durch integrales Wirken der höheren Natur zu ersetzen sucht, die in und durch Gott und durch das Geeintsein wirkt. Wäre wirklich nur das unser Ziel, aus der Welt zu Gott zu fliehen, dann wäre eine Synthese unnötig und Zeitverschwendung. Dann müsste es unser einziges praktisches Ziel sein, einen unter den tausend Pfaden, die zu Gott führen, auszuwählen, von allen Abkürzungswegen den kürzest möglichen zu benutzen und keine Zeit damit zu verschwenden, die verschiedenen Methoden des Yoga zu erforschen, die alle in diesem gleichen Ziel enden. Wenn aber unsere Absicht eine Transformation unseres integralen Wesens in die Begriffe des Gottseins ist, wird eine Synthese notwendig.

Die Methode, die wir anzuwenden haben, besteht also darin, unser ganzes bewusstes Wesen in Beziehung und in Kontakt mit dem Göttlichen zu bringen und Gott anzurufen, dass Er unser ganzes Wesen in das Seinige umwandelt. So wird in einem gewissen Sinne Gott selbst, die wahre Person in uns, zum Sadhaka unserer Sadhana und bleibt doch auch der Meister des Yoga, der die niedere Personalität in uns als Mittelpunkt für eine göttliche Umgestaltung und als Instrument für unsere eigene Vervollkommnung verwendet. In Wirklichkeit bringt der Druck des Tapas in uns (nämlich die Kraft des Bewusstseins, das in der Idee der göttlichen Natur zentriert ist) auf das, was wir in unserer Gesamtheit sind, seine eigene Verwirklichung zustande. Das göttliche allwissende und allwirksame Wesen kommt in unser verdunkeltes und begrenztes Wesen hernieder. Es erleuchtet fortschreitend die ganze niedere Natur, es führt ihr immer neue Kraft zu und ersetzt schließlich alle Ausdrucksformen des niederen menschlichen Lichtes und des sterblichen Wirkens durch seine Aktivität.

In den psychologischen Bereich übertragen bedeutet diese Methode, dass sich das Ego mit seinem ganzen Funktionsgebiet und mit seinem ganzen Apparat dem Jenseits-vom-Ego mit dessen ungeheurem und unberechenbarem, aber immer unfehlbarem Wirken unterwirft. Das ist ganz gewiss kein Abkürzungsweg und keine leichte Sadhana. Sie verlangt einen kolossalen Glauben, einen absoluten Mut und darüber hinaus eine unerschütterliche Geduld. Sie verläuft nämlich auf drei Stufen, von denen nur die letzte wirklich beseligend oder rasch erfolgreich sein kann: das Ego versucht, in den Kontakt mit dem Göttlichen zu kommen; die ganze niedere Natur wird durch das göttliche Wirken tiefgreifend, völlig und darum auch mühevoll darauf vorbereitet, die höhere Natur zu empfangen und zu dieser zu werden; schließlich folgt die völlige Transformation. Tatsächlich ersetzt jedoch die göttliche Stärke, oft unbeachtet und hinter der Verhüllung, unsere Schwäche durch sich selber und unterstützt uns bei allem Versagen unseres Glaubens, unseres Mutes und unserer Geduld. Sie „lässt den Blinden sehen und den Lahmen über die Berge schreiten“. Der Intellekt wird eines Gesetzes gewahr, das dauernd freundlich auf ihn einwirkt, und einer Hilfe, die ihn stärkt. Das Herz spricht von dem Meister aller Dinge, vom Freund des Menschen oder von einer universalen Mutter, die uns bei all unserem Straucheln immer wieder aufrichtet. Darum ist dieser Pfad zugleich der denkbar schwerste und doch, wenn man ihn mit der Größe dessen vergleicht, worum er ringt und was er erstrebt, der leichteste und allersicherste.

Es gibt drei wichtige Züge des Handelns, wenn die höhere Natur integral auf die niedere einwirkt. Zunächst handelt sie nicht nach einem festgelegten System und in einer bestimmten Reihenfolge, wie das bei den spezialisierten Yoga-Methoden der Fall ist. Vielmehr wirkt sie frei, einmal hier und einmal dort, und doch stufenweise immer intensiver und zielvoller, so wie es durch das Temperament des einzelnen Menschen, in dem sie wirkt, bestimmt wird. Sie gebraucht die Läuterung und Vervollkommnung der verwendbaren Materialien, die seine Wesensart darbietet, und ebenso die Widerstände, mit denen sie opponiert. In gewissem Sinne hat darum im Integralen Yoga jeder Mensch seine eigene Yoga-Methode. Doch gibt es gewisse allgemeine Grundzüge des Wirkens, die für alle gelten und es uns möglich machen, zwar gewiss kein Routinesystem, wohl aber ein gewisses Shastra, eine wissenschaftliche Methode des synthetischen Yoga zu konstruieren.

Zweitens nimmt der Prozess dieses Yoga, da er ein integraler ist, unsere Natur so an, wie sie, durch unsere vergangene Evolution organisiert, dasteht. Er verwirft nichts Wesentliches; er nötigt aber alles, sich einer göttlichen Umwandlung zu unterziehen. Der mächtige Künstler nimmt jede Seite von uns in seine Hand und wandelt sie in ein klares Ebenbild von ihm um, den sie jetzt nur verzerrt darzustellen vermag. In dieser weiter fortschreitenden Erfahrung sehen wir immer deutlicher, wie diese niedere Manifestation konstituiert ist und dass doch alles in ihr, wie entstellt, minderwertig oder gemein es auch aussieht, die mehr oder minder verzerrte oder unvollkommene Gestaltung eines Elements oder einer Wirkensweise innerhalb der Harmonie der göttlichen Natur ist. Wir verstehen immer besser, was die vedischen Rishis meinten, wenn sie davon sprachen, dass die menschlichen Vorväter die Götter so gestalteten, wie der Schmied das Rohmaterial in seiner Schmiede zurecht hämmert.

Drittens verwendet die göttliche Macht in uns das gesamte Leben als Material für diesen Integralen Yoga. Sie benutzt jede Erfahrung und jeden äußeren Kontakt mit unserer Weltumgebung, wie unbedeutend und verhängnisvoll er auch ist, für das Werk. Jede innere Erfahrung, auch das abstoßendste Leiden und der demütigendste Fall, wird zu einem Schritt vorwärts auf dem Pfad zur Vollkommenheit. So erkennen wir dann in uns selbst mit offenen Augen die Methode Gottes, wie Er mit der Welt umgeht: Seine Absicht, Licht zu schaffen in dem, was verfinstert, Kraft in dem, was schwach und gefallen, und Seligkeit in dem, was leidvoll und elend ist. Wir erkennen, dass die göttliche Methode im niederen und im höheren Wirken dieselbe ist. Nur wird sie in dem ersteren vom Unterbewussten in der Natur zögernd und im Dunkel durchgeführt, während sie im letzteren rasch und zielbewusst wird, wenn das Instrument sich zur Hand des Meisters bekennt. Das ganze Leben ist ein Yoga der Natur, die Gott in ihrem eigenen Inneren zu offenbaren sucht. Der Yoga stellt die Stufe dar, auf der dieses Bemühen im Individuum seiner selbst innewird und darum richtig zur Erfüllung kommen kann. Alle Vorgänge und Abläufe, die in der niederen Evolution verstreut und nur lose miteinander kombiniert sind, werden in der höheren gesammelt und konzentriert.

Das ist eine integrale Methode und auch ein integrales Ergebnis. Zuerst gewährt sie eine integrale Realisation des Göttlichen Wesens. Das ist aber nicht nur eine Realisation des Einen in seinem Einssein ohne Unterschiedlichkeit. Vielmehr wird dieses auch in der Vielfalt seiner Aspekte wahrgenommen, die alle ebenso für seine vollständige Erkenntnis durch das relative Bewusstsein notwendig sind. Das ist also nicht nur die Realisation des Einsseins im Selbst, sondern ebenso des Geeintseins in der unendlichen Unterschiedlichkeit der Wirkensweisen, der Welten und der Geschöpfe.

Darum führt ein Integraler Yoga auch zu einer integralen Befreiung…

Durch diese integrale Realisation und Befreiung kommt es zur vollkommenen Harmonisierung der Ergebnisse des Wissens, der Liebe und der Werke…

Die göttliche Existenz ist ihrer Natur nach nicht nur Freiheit, sondern auch Reinheit, Seligkeit und Vollkommenheit…

Vollkommenheit hat die Vervollkommnung des Mentals und des Körpers zum Inhalt, so dass die höchsten Ergebnisse des Raja-Yoga und des Hatha-Yoga in dem umfassenden Begriff der Synthese enthalten sein sollen, die von der Menschheit schließlich zustande gebracht wird…

Die Ganzheit, nach der wir streben, wäre keine wirkliche, und sie wäre auch noch nicht möglich, wenn sie sich nur auf das Individuum beschränken würde. Da unsere Vollkommenheit erst dann göttlich ist, wenn wir uns im Sein, im Leben und in der Liebe sowohl durch andere Wesen wie durch uns selbst verwirklichen, muss unvermeidlich das Ergebnis und die breiteste Verwendung unserer Freiheit und Vollkommenheit darin bestehen, dass wir unsere Freiheit und ihre Früchte auch den anderen zugute kommen lassen. Der ständige unmittelbare Versuch einer solchen Ausweitung müsste darauf gerichtet sein, diese Freiheit und Vollkommenheit schließlich immer mehr in der Menschheit auszubreiten und sie zuletzt völlig allgemein zu machen.

So würde es also die Krönung unseres individuellen wie auch unseres kollektiven Bemühens sein, dass das normale materielle Leben des Menschen und sein großartiger säkularer Versuch einer eigenen mentalen und moralischen Selbstkultur im Individuum und in der ganzen Menschheit durch diese Integralisierung eines mehr und mehr vollkommenen spirituellen Daseins immer mehr vergöttlicht wird. Das wäre dann die wahre Erfüllung des großen Traumes, der in unterschiedlichen Begriffen von den Religionen der Welt gehegt wird: das Himmelreich in der inneren Welt, verwirklicht durch das Himmelreich in der äußeren Welt.

Die weiteste Synthese einer denkbaren Vollkommenheit ist das Bemühen, das derer würdig ist, die in ihrer gottinnigen Schau Ihn wahrnehmen, der verborgen in der Menschheit wohnt.

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