Kapitel 3

„Ich bin bei dir“

Worte der Mutter

Was genau bedeutet „Ich bin bei dir?“ Werden wir, wenn wir beten oder in unserem Innern mit einem Problem ringen, wirklich erhört, immer, trotz unserer Unbeholfenheit und unseren Unvollkommenheiten, ja selbst trotz unseres bösen Willens und unserer Irrtümer? Wer erhört? Du, die Du hier bei uns bist?

Bist Du es in Deinem höchsten Bewusstsein als eine unpersönliche göttliche Kraft? Ist es die Kraft des Yoga? Oder bist Du es, die Mutter, gegenwärtig im Körper, mit Deinem physischen Bewusstsein? Ist es eine persönliche Gegenwart, die wirklich jeden einzelnen Gedanken und jede einzelne Handlung von uns kennt? Oder ist es etwa nur irgendeine anonyme Kraft? Kannst Du uns sagen, wie und in welcher Weise Du bei uns bist?

Es heißt, Sri Aurobindo und Du bilden ein und dasselbe Bewusstsein. Gibt es nun aber eine persönliche Gegenwart Sri Aurobindos und Deine persönliche Gegenwart, zwei voneinander verschiedene Dinge, von denen jedes seine eigene Rolle spielt?

Ich bin bei dir, denn ich bin du oder du bist ich.

Ich bin bei dir, das bedeutet eine ganze Welt von Dingen, denn ich bin auf allen Ebenen bei dir, in allen Bereichen, vom höchsten Bewusstsein bis hinab zum allerphysischsten. Hier in Pondicherry kannst du nicht atmen, ohne dass du mein Bewusstsein einatmest. Es sättigt die Atmosphäre im Subtil-physischen in einer beinahe materiellen Weise, und es breitet sich aus bis zum „Lake“, zehn Kilometer von hier (ein landwirtschaftliches Gut des Ashrams an einem Stausee). Ferner kann mein Bewusstsein im stofflich-vitalen Bereich gefühlt werden und weiter überall auf der mentalen und auf anderen höheren Ebenen. Als ich zum ersten Male hierher kam, fühlte ich die Atmosphäre von Sri Aurobindo; ich fühlte sie ganz materiell in einer Entfernung von zehn Seemeilen, nicht Kilometern. Das war plötzlich da, sehr konkret, eine reine lichterfüllte leichte Atmosphäre – etwas Schwereloses, das dich emporträgt.

Es ist nun lange her, seit Sri Aurobindo überall im Ashram die Mahnung anbringen ließ, die ihr ja alle kennt: „Verhalte dich immer so, als schaue dir die Mutter zu; denn in der Tat ist sie immer gegenwärtig.“

Das ist keine leere Phrase. Das sind nicht nur Worte, das ist eine Tatsache. Ich bin in einer sehr konkreten Weise bei dir. Wer die Gabe der subtilen Schau hat, kann mich sehen.

In einer allgemeinen Weise ist es meine Kraft, die hier beständig am Werk ist und die dauernd die psychologischen Elemente deines Wesens hin und her schiebt, um sie in immer neue Beziehungen zueinander zu bringen und um dir die verschiedenen Seiten deiner Natur deutlich zu machen, so dass du erkennen kannst, was verändert, entfaltet oder zurückgewiesen werden muss.

Aber darüber hinaus gibt es ein ganz besonderes persönliches Band zwischen dir und mir, zwischen mir und allen denen, die sich Sri Aurobindos und meiner Lehre zugewandt haben. Wohlverstanden: Die Entfernungen zählen hier nicht mehr. Du magst in Frankreich, am anderen Ende der Erde oder in Pondicherry sein, diese Verbindung ist immer wirklich und lebendig. In jedem Augenblick, wo ein Ruf zu mir kommt, jedes Mal wenn ich etwas wissen muss, um eine Kraft, eine Inspiration, einen Schutz oder etwas anderes auszusenden, dann kommt ganz plötzlich eine Art von Botschaft zu mir und ich tue das Nötige. Offensichtlich kommen diese Mitteilungen zu mir in jedem beliebigen Augenblick. Du musst schon mehr als einmal beobachtet haben, dass ich plötzlich mitten in einem Satz oder in einer Arbeit innehielt. Das geschieht, weil etwas, eine Mitteilung, zu mir kommt, und ich konzentriere mich darauf.

Zu denen, die ich als Jünger angenommen und zu denen ich „Ja“ gesagt habe, besteht aber mehr als nur ein solches Band; dorthin geht eine „Emanation“ von mir aus. Diese Emanation gibt mir jedes Mal eine Warnung, dass etwas nötig ist, um mir zu sagen, was da vor sich geht. Tatsächlich erhalte ich ständig Meldungen. Aber alle diese Dinge werden nicht in meinem aktiven Gedächtnis aufgezeichnet; ich würde ja sonst davon überschwemmt werden. Mein physisches Bewusstsein wirkt da wie ein Filter. Die Dinge werden aber auf einer subtilen Ebene aufgezeichnet. Dort befinden sie sich dann in einem latenten Zustand – etwa wie eine Musik, die man aufgenommen hat, aber im Augenblick nicht abspielt. Wenn ich aber mit meinem physischen Bewusstsein den Inhalt wissen muss, dann stelle ich den Kontakt mit dieser subtil-physischen Ebene her, und die „Platte“ läuft ab. Ich sehe dann, wie die Dinge sind; ich sehe ihre Entwicklung im Ablauf der Zeit und das aktuelle Ergebnis.

Wenn du mir aus dem einen oder anderen Grunde schreibst und mich um Hilfe bittest, und wenn ich dann antworte: „Ich bin bei dir“ – dann bedeutet es, dass die Verbindung zwischen mir und dir aktiv wird. Du selbst bist für eine gewisse Zeit in meinem aktiven Bewusstsein, eben für die notwendige Zeit.

Dieses Band zwischen dir und mir wird nie abgeschnitten. Es gibt Leute, die schon lange den Ashram in einem Zustand der Auflehnung verlassen haben. Trotzdem bleibe ich über sie auf dem Laufenden. Ich beschäftige mich weiter mit ihnen. Du wirst niemals im Stich gelassen.

In Wahrheit fühle ich mich für alle Leute verantwortlich, sogar für die, die ich nur eine Sekunde lang in meinem Leben getroffen habe.

Eines musst du wissen: Sri Aurobindo und ich sind immer ein und dasselbe Bewusstsein, ein und dieselbe Person. Nur, wenn diese eine Kraft oder diese eine Gegenwart durch dein individuelles Bewusstsein geht, kleidet sie sich in einer verschiedenen Form, einem verschiedenen Aussehen, entsprechend deiner Veranlagung, deiner Aspiration, deinen Bedürfnissen und der besonderen Haltung deines Wesens. Dein individuelles Bewusstsein wirkt wie ein Filter, ein Selektor, wenn ich so sagen kann: es trifft eine Wahl und bestimmt eine Möglichkeit im Unendlichen der göttlichen Möglichkeiten. Im Grunde gibt das Göttliche jedem Individuum genau das, was es von Ihm erwartet. Wenn du glaubst, dass das Göttliche entfernt und grausam ist, wird Es entfernt und grausam sein, denn für dein höchstes Wohl wird es nötig sein, dass du Gottes Zorn fühlst. Es wird Kali sein für den Anbeter von Kali1 und die Glückseligkeit für den Bhakta2. Und es wird die Allwissenheit sein für jene, die das Wissen suchen, das Transzendente Unpersönliche für die Illusionisten. Es wird der Atheismus für den Atheisten sein und die Liebe für den, der liebt. Es wird brüderlich und nah sein, ein immer treuer, immer zuverlässiger Freund für jene, die es als inneren Wegweiser jeder Bewegung, jeder Minute fühlen. Und wenn du glaubst, dass es alles auslöschen kann, wird es alle deine Fehler, alle deine Irrtümer unermüdlich auslöschen, und du wirst in jedem Augenblick seine unendliche Gnade fühlen können. In Wahrheit ist das Göttliche das, was du in deiner tiefen Aspiration von Ihm erwartest.

Und wenn man dieses Bewusstsein betritt, wo man alles mit einem einzigen Blick sieht – die unendliche Vielfalt der Beziehungen des Göttlichen mit den Menschen –, dann sieht man, wie wunderbar das Ganze in allen Einzelheiten ist. Man kann die Geschichte der Menschen anschauen und sehen, wie sehr sich das Göttliche entwickelte gemäß dem, was die Menschen verstanden, wollten, hofften, träumten, und wie Es Materialist mit den Materialisten war und wie Es täglich größer wird und näher und leuchtender, in dem Maße, wie das menschliche Bewusstsein wächst. Jeder ist frei zu wählen. Die Vollkommenheit dieser unendlichen Vielfalt der Beziehungen von Mensch zu Gott durch die Geschichte der Welt hindurch ist ein unaussprechliches Wunder. Und all das zusammen macht nur eine Sekunde der ganzen Manifestation des Göttlichen aus.

Das Göttliche verhält sich zu dir gemäß deiner Aspiration. Das soll natürlich nicht heißen, dass Es sich den Launen deiner äußeren Natur beugt – ich spreche von der Wahrheit deines Wesens. Und doch formt Es sich manchmal auch nach deinen äußeren Aspirationen, und wenn du wie die Frömmler in diesem Wechsel von Entfernung und Umarmung, von Ekstase und Verzweiflung lebst, wird das Göttliche sich auch von dir entfernen oder nähern entsprechend dem, was du glaubst. Deshalb ist die Haltung sehr wichtig, selbst die äußere Haltung. Die Leute wissen nicht, wie wichtig der Glaube ist, wie sehr er ein Wunder ist und Wunder schafft. Und wenn du in jedem Augenblick erwartest, zum Göttlichen erhoben und gezogen zu werden, wird Es kommen und dich erheben und Es wird da sein, ganz nah und immer näher.

1 Kali: der kriegerische (oder zerstörerische) Aspekt des Göttlichen.

2 Bhakta: der, welcher dem Weg der Liebe folgt.