Kapitel 3
Die Völker Asiens werden sich erheben
Worte Sri Aurobindos
Wir glauben, … dass eine Göttliche Macht hinter der Bewegung steht, dass der Zeitgeist am Werk ist, um eine mächtige Bewegung herbeizuführen, die die Welt gegenwärtig braucht. Diese Bewegung ist das Wiederaufleben Asiens…
Allen Menschen sagen wir: „Die Zeit ist gekommen, dass ihr einen großen Schritt tut und euch aus dem materiellen Dasein in das höhere, tiefere und weitere Leben, auf das sich die gesamte Menschheit zubewegt, erhebt. Die Probleme der Menschheit können nur gelöst werden, indem das Königreich im Inneren erobert wird, und nicht indem die Kräfte der Natur in den Dienst von Bequemlichkeit und Luxus gestellt werden, sondern indem die Kräfte des Intellekts und des Geistes beherrscht werden, indem die Freiheit des Menschen im Inneren wie im Äußeren begründet wird und indem die äußere Natur von innen her erobert wird. Für dieses Werk ist das Wiedererstehen Asiens notwendig. Deshalb erhebt sich Asien.“
Indiens Mission ist es, die Menschheit zur wahren Quelle menschlicher Freiheit, menschlicher Gleichheit und menschlicher Brüderlichkeit zurückzuführen. Wenn der Mensch im Geiste frei ist, steht ihm alle andere Freiheit offen; denn der Freie ist der Herr, der nicht gebunden werden kann. Wenn er von der Verblendung befreit ist, nimmt er die göttliche Gleichheit der Welt wahr, die sich durch Liebe und Gerechtigkeit erfüllt, und diese Wahrnehmung überträgt sich auf das Gesetz der Regierung und der Gesellschaft. Wenn er diese göttliche Gleichheit wahrgenommen hat, ist er Bruder für die ganze Welt, und welche Position er auch immer inne hat, er dient allen Menschen als seine Brüder durch das Gesetz der Liebe, durch das Gesetz der Gerechtigkeit. Wenn diese Wahrnehmung zur Grundlage der Religion, der Philosophie, der sozialen Spekulation und des politischen Strebens wird, dann werden Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit ihren Platz in der Struktur der Gesellschaft einnehmen und das Satya Yuga, das Zeitalter der Wahrheit, wird zurückkehren. Dies ist die asiatische Auffassung von Demokratie, die Indien für sich selbst wiederentdecken muss, bevor es sie der Welt geben kann. Es ist das Dharma (Gesetz, Gesetz des Wesens, Prinzip der Wahrheit, Regel oder Gesetz des Handelns, die indische Auffassung des religiösen, sozialen und moralischen Gesetzes und der Verhaltensweise) eines jeden Menschen, frei in der Seele zu sein, nicht durch Zwang, sondern durch Liebe zum Dienst verpflichtet; gleich im Geiste zu sein, seinen Platz in der Gesellschaft durch seine Fähigkeit, der Gesellschaft zu dienen, zugewiesen zu bekommen und nicht durch den Eigennutz anderer; in harmonischen Beziehungen mit seinen Mitmenschen zu stehen, mit ihnen verbunden durch gegenseitige Liebe und Dienst, nicht durch die Fesseln der Knechtschaft oder die Beziehungen des Ausbeuters und des Ausgebeuteten, des Essers und des Gefressenen. Man hat gesagt, die Demokratie beruhe auf den Rechten des Menschen; man hat erwidert, sie solle sich eher auf die Pflichten des Menschen stützen; aber sowohl Rechte als auch Pflichten sind europäische Ideen. Dharma ist die indische Vorstellung, in der Rechte und Pflichten den künstlichen Antagonismus verlieren, der durch eine Weltanschauung geschaffen wurde, die den Egoismus zur Wurzel des Handelns macht, und ihre tiefe und ewige Einheit wiedererlangen. Dharma ist die Grundlage der Demokratie, die Asien anerkennen muss, denn darin liegt der Unterschied zwischen der Seele Asiens und der Seele Europas. Durch Dharma erfüllt sich die asiatische Evolution; das ist Indiens Geheimnis.
Wir müssen zu dem alten Geheimnis zurückkehren, das der Mensch als irdisches Wesen nur dunkel ahnte, dem er nur zögerlich nachging, das er tatsächlich nur oberflächlich mit seinem Verstand erkannte, aber nicht in wissendem Herzen begriff – und doch bedeutet, ihm zu folgen, seine soziale wie individuelle Rettung: zu dem Ideal des Königreichs Gottes, zu dem Geheimnis der Herrschaft des Geistes über Mental, Leben und Körper. Die älteren Nationen Asiens haben so lange Zeit überlebt und können nun heute, Unsterblichen gleich, ihr Antlitz einem neuen Morgengrauen zuwenden, weil sie dieses Geheimnis niemals ganz verloren, es niemals um eines geringeren Sieges willen und ungeduldig aufgegeben haben. Sie versanken in Schlaf, aber gingen nicht zugrunde.
Es ist schwer zu glauben, dass Asien, sobald frei, für sich selbst zu denken, zu handeln und zu leben vermag und für lange Zeit damit zufrieden sein wird, nur die Vergangenheit oder die gegenwärtige Entwicklung Europas zu imitieren. Das Temperament seiner Völker ist durch einen zu tief sitzenden Unterschied gekennzeichnet; der Aufbau und die Bewegung ihres Gemüts ist von einem anderen Charakter. Gegenwärtig drückt sich die Bewegung des Aufbruchs in Asien jedoch eher durch ein Vorwort aus, durch den Versuch, ihr bloßes Recht, für sich selbst zu leben, zu rechtfertigen, als durch irgendeine trächtige Anstrengung eines unabhängigen schöpferischen Denkens oder Handelns. Die asiatischen Unruhen sind das zweite herausragende Merkmal der Situation. Die Aufbruchstimmung zeigt sich in verschiedenen Formen von Ägypten bis hin zu China. In der muslimischen Welt nimmt sie die Form einer Ablehnung von Protektoraten und Mandaten und der Bildung unabhängiger asiatischer Staaten an. Sie manifestiert sich in Indien in einer wachsenden Unzufriedenheit mit halben Maßnahmen und einer ständig akzentuierten Vehemenz der Forderung nach vollständiger und baldiger Selbstverwaltung. Sie schafft im Fernen Osten obskurere Bewegungen, deren Sinn sich erst noch herausbilden muss. Diese Unruhe blickt noch wenig über die Anfänge eines freien Handelns und Daseins hinaus. Sie appelliert an die Ideen der Freiheit, die längst voll und ganz bewusst sind, und an die Formulierungen, die in Europa systematisch angewandt werden: Selbstverwaltung, Selbstbestimmung, Demokratie, nationale Unabhängigkeit. Gleichzeitig gibt es ein anderes Thema, das in den großen asiatischen Massen noch unterbewusst ist, sich aber in wacheren Gemütern bereits abzeichnet, und das auf den ersten Blick im Widerspruch oder zumindest unvereinbar mit diesem nachahmenden Aufgreifen von Prinzipien, die mit den modernen Formen von Freiheit und Fortschritt verbunden sind, erscheinen mag, – ein Ideal spiritueller und moralischer Unabhängigkeit und die Verteidigung des subtilen Prinzips der asiatischen Kultur gegen die europäische Invasion. In Indien beginnt der Gedanke einer asiatischen, einer spiritualisierten Demokratie sich zu äußern, obwohl er noch vage und gestaltlos ist. Die Khilafat-Agitation hat sowohl ein religiöses und damit ein kulturelles als auch ein politisches Motiv und Temperament. Das Regime des Mandats wird abgelehnt, weil es die politische Kontrolle und wirtschaftliche Ausbeutung Asiens durch Europa bedeutet, aber es gibt noch eine andere, latentere Quelle der Abneigung. Die effektive Ausbeutung ist ohne das Brechen und Umformen des asiatischen Lebens in die harten Formen des europäischen Kapitalismus und Industrialismus unmöglich, und obwohl Asien lernen muss, nicht mehr in der großartigen, aber unzureichenden Vergangenheit, sondern in der Zukunft zu leben, muss es auch verlangen, diese Zukunft nach seinem eigenen Bild zu gestalten. Es ist dieser doppelte Anspruch, der die Notwendigkeit eines doppelten, eines inneren und eines äußeren Widerstands in sich trägt, der die gegenwärtige Bedeutung der asiatischen Unruhen und die vorgesehene Bestimmung des asiatischen Wiederaufstiegs ist.
Die beiden Kräfte, die entstehen, um die Zukunft zu beherrschen, repräsentieren zwei große Dinge: den intellektuellen Idealismus Europas und die Seele Asiens. Das Gemüt Europas, das durch den Hellenismus und das Christentum geprägt ist und seinen Horizont durch das freie Denken und die Wissenschaft erweitert, ist zu einer Idee der menschlichen Vervollkommnung oder des Fortschritts gelangt, die in den Begriffen einer intellektuellen, materiellen und vitalen Freiheit, der Gleichheit und der Einheit einer engen Verbindung, einer aktiven Brüderlichkeit oder Kameradschaft im Denken und Fühlen und in der Arbeit zum Ausdruck kommt. Die Schwierigkeit besteht darin, aus den Bestandteilen dieser Idee eine kombinierte und reale Wirklichkeit in der Praxis zu machen, und die Anstrengung des europäischen Fortschritts ist eine Arbeit gewesen, eine soziale Maschinerie zu entdecken und einzurichten, die automatisch diese Inszenierung hervorbringen soll. Die erste entdeckte Gleichung, eine individualistische Demokratie, ein System politischer Freiheit und Gleichheit vor dem Gesetz, hat nur zu einer Nivellierung zwischen den höheren Ordnungen verholfen, einer konkurrierenden Freiheit der Stärksten und Geschicktesten, einer unmenschlichen sozialen Gleichheit und wirtschaftlichen Ausbeutung, einem unaufhörlichen Klassenkrieg und einer monströsen und üppig schmutzigen Herrschaft des Reichtums und der Produktionsmaschinerie. Jetzt ist eine andere Gleichung an der Reihe, eine Gleichheit, die so absolut ist, wie sie inmitten der Ungleichheiten der Natur durch Vernunft und Sozialwissenschaft und Maschinerie fabriziert werden kann, – und vor allem eine gleichberechtigte Teilhabe an der Arbeit und den gemeinsamen Gewinnen eines kollektiven Lebens. Es ist nicht sicher, dass diese Formel sehr viel besser gelingen wird als ihre Vorgängerin. Diese Gleichheit kann gegenwärtig nur durch strenge Regulierung gesichert werden, und das bedeutet, dass die Freiheit zumindest für eine Zeit untergehen muss. Auf jeden Fall wird die Wurzel der ganzen Schwierigkeit übersehen, dass nichts im Leben wirklich sein kann, was nicht im Geiste verwirklicht ist. Nur wenn die Menschen frei, gleich und im Geiste geeint werden können, kann es eine sichere Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit in ihrem Leben geben. Die Idee und das Gefühl reichen nicht aus, denn sie sind unvollständig und werden von der tiefsitzenden Natur und dem Instinkt bekämpft, zudem sind sie unbeständig und schwankend. Es muss einen immensen Fortschritt geben, der Freiheit, Gleichheit und Einheit zu unserer notwendigen inneren und äußeren Grundstimmung macht. Dies kann nur durch eine spirituelle Veränderung kommen. Der Intellekt Europas beginnt zu verstehen, dass die spirituelle Veränderung zumindest eine Notwendigkeit ist; aber er ist noch zu sehr auf rationale Formeln und auf mechanische Anstrengungen bedacht, um viel Zeit für die Entdeckung und Verwirklichung der Dinge des Geistes zu erübrigen.
Asien hat keine so große Anstrengung, keine solche Mühsal an sozialer Anstrengung und Fortschritt gemacht. Ordnung, ein sicheres ethisches und religiöses Gerüst, ein geregeltes Wirtschaftssystem, eine natürliche Hierarchie, – fatalerweise zu einer konventionellen und künstlichen gewordenen Hierarchie –, waren Indiens allgemeine Arbeitsmethoden, und zwar überall dort, wo Indien eine hohe Entwicklung der Kultur erreichte. All dies wurde auf einen religiösen Sinn gegründet und durch ein starkes Gemeinschaftsgefühl, eine lebendige Humanität und Sympathie und durch gewisse Zugänge zu einer menschlichen Gleichheit und Nähe aufgelockert und erträglich gemacht. Das höchste Bestreben war es, nicht eine äußere, sondern eine spirituelle und innere Freiheit zu entdecken, und das brachte eine großartige Verwirklichung der spirituellen Gleichheit und spirituelles Einssein mit sich. Diese spirituelle Anstrengung wurde nicht verallgemeinert und es wurde auch nicht versucht, das gesamte menschliche Leben nach ihrem Bild zu formen. Die Folge war eine Zerrissenheit zwischen dem zutiefst innerlich lebenden Individuum und dem äußeren gesellschaftlichen Leben, die wachsende asketische Abwanderung der im Geiste lebenden aus den sicheren, aber zu engen Mauern der gewöhnlichen Existenz, die sterilisierende Vorstellung, dass die größte universelle Wahrheit des Geistes, entdeckt vom Leben, noch nicht der Geist dieses Lebens sein könne und nur außerhalb desselben zu verwirklichen sei. Aber jetzt ist Asien, das dem mächtigen Druck Europas standhält, gezwungen, sich dem Lebensproblem erneut zu stellen, unter der Notwendigkeit einer anderen und aktiveren Lösung. Assimilativ mag sie das abendländische Experiment des Industrialismus, seine erste Phase des Kapitalismus, seine zweite Phase des Sozialismus reproduzieren oder nachahmen; aber dann wird Indiens Wiederaufleben keinen neuen Sinn haben und keine neue Möglichkeit in das menschliche Streben bringen. Oder das engere Zusammentreffen dieser beiden Hälften des Gemüts der Menschheit kann eine stärkere Verbindung zwischen den beiden Polen unseres Wesens herstellen und eine hinreichende Gleichsetzung der höchsten Ideale eines jeden verwirklichen, der inneren und der äußeren Freiheit, der inneren und der äußeren Gleichheit, der inneren und der äußeren Einheit. Das ist die größte Hoffnung, die aus den gegenwärtigen Erkenntnissen und Gegebenheiten für die menschliche Zukunft gebildet werden kann.
Doch genauso, wie aus der Vermischung verschiedener Elemente eine unvorhergesehene Form entsteht, kann es ein größeres Unbekanntes geben, das verborgen und in Vorbereitung ist und im Versuchslabor der Zeit noch nicht ausgestaltet wurde, noch nicht offenbart im Entwurf der Natur. Und das dann als eine größere unerwartete Geburt aus dem Spannungsfeld der Evolution vielleicht das rechtfertigende Ergebnis ist, – von diesem unruhigen Zeitalter gigantischer Gärung, dem Chaos der Ideen und Erfindungen, dem Zusammenprall enormer Kräfte, Schöpfungen, Katastrophen und Zerstörungen –, dass tatsächlich inmitten der gewaltigen Agonie und Spannung dieses großen unvollkommenen Körpers und der Seele der Menschheit in schöpferischer Arbeit ist.